Eine Sammlung von Liebeslyrik deutscher Dichter und Dichterinnen

Zeitraum: 16. bis 20. Jahrhundert



Marc Chagall - Die Liebenden
(c) VG Bild-Kunst, Bonn 2014



Gedicht der Woche:


Der Liebesorden

Meine Freiheit gab ich ganz verloren,
In den Liebesorden trat ich ein;
Schwer fürwahr ist unsre Ordensregel,
Doch mein Eid soll treu gehalten sein.

Habe das Bekenntniß abgeleget,
Ach, nach langem, langem Noviziate
Vor der Priorin mit blauen Augen
Und im schneeig schimmernden Ornate.

Statt der Kerzen leuchteten die Sterne,
Altardecke war der Blumenflor,
Feierliche Balsamdüfte strömten
Aus der Rosen Weihgefäß empor.

Hohe Linden bildeten die Kirche,
Von dem Bach her rauschten Orgelklänge,
Cantor war die Nachtigall des Haines,
Dem Jasmin entsendend Lobgesänge.

Rings als Zeugen des Gelübdes standen
Lilien und Narcissen aufgereiht
Und die andern Kinder Gottes: Veilchen,
Glöckchen, Blümlein der Dreifaltigkeit.

Unter einer Linde die Aebtissin
In dem oberpriesterlichen Kleide,
Mit dem himmelblauen Ordensbande,
Weißer Rosen zwei als Hauptgeschmeide.

Und sie hielt ein Buch in ihren Händen,
Niedlich klein, in reichem Purpurband:
Romeo's und Julia's Geschichte,
Aufgezeichnet von des Briten Hand.

Ich trat näher, legte niederknieend
Meine Hand aufs Buch und sprach: "Ich schwöre
Bei der Sonne, bei dem Licht des Mondes,
Bei der Sterne Zahl im Aethermeere!"

Doch wie Julia Capulet erwidert,
Also sie: "Beim Monde schwöre nicht;
Heute glänzt der Mond am Firmamente,
Morgen schon entflieht sein Silberlicht.

Noch auch bei der Sonne, bei den Sternen,
Die im Wechsel hin und wieder gehen;
Denn ich will aus deinem Blick die Liebe
Ohne Wechsel auf mich strahlen sehen.

Aber willst du mir Gewißheit geben,
Drängt es dich zu einem heil'gen Eid:
Schwöre bei der Reinheit deiner Seele,
Mich zu lieben jetzt und allezeit!"

Und ich schwor und hielt dem Liebesorden
Seit der Stunde makellose Treue;
Schwer fürwahr ist unsre Ordensregel,
Doch mein Eid erfüllt mich nicht mit Reue.

Ihrer denkt mein Herz in stillem Frieden,
Stets den ganzen Tag, die ganze Nacht,
Ihres wahren Werthes, ihrer Tugend,
Ihrer Anmuth, ihrer Augen Pracht.

Von dem Stolz, der Inbrunst meiner Liebe
Lass' ich Erd' und Himmel widerhallen;
Unter Blumen nenn' ich ihren Namen,
Lass' ihn aufwärts zu den Sternen schallen.

Theile meine Sehnsucht, meine Schmerzen,
Das Entzücken, das die Brust mir schwellt,
Gern mit jedem Vöglein in den Lüften,
Jedem Wölkchen unterm Himmelszelt.

Ihr, nur ihr gilt alle meine Rede,
Ihr mein erstes und mein letztes Denken;
Noch im Schlummer seh' ich ihre Züge
Sich herab auf meine Lider senken.

Leg' ich mich mit fromm gefaltnen Händen
Auf mein klösterliches Bett zur Ruh,
Dann schwebt sie gleich einem Engel Gottes,
Himmelblau gegürtet, auf mich zu -

Bald mit kummervoll gesenktem Haupte,
Ihre Hände ringend bang und zagend,
Bald in edelm Stolz emporgerichtet
Wie Cypressen, über Gräbern ragend;

Bald in hellem, heiterm Uebermuthe,
Also stieg einst Venus aus dem Meer,
Dann von neuem ernst, bereit zum Kampfe
Mit des Lebens grimmem Ungefähr.

Oft auch kommt die Zeit der harten Fasten
Mit der Peinigung, der bußevollen,
Wenn die Theure, sonst so zärtlich lächelnd,
Meine Nähe flieht in kaltem Schmollen,

Wenn sich Wolken um ihr Köpfchen thürmen,
Und Verderben aufsprießt um uns her:
Dann, o dann wird mir, dem Schmerzgebeugten,
Meine Ordensregel herb und schwer!

Joseph Szujski (1835-1883)

(Aus dem Polnischen von Heinrich Nitschmann 1826-1905)

(Geändert am 26. April 2015)

 

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