Rosa Maria Assing (1783-1840) - Liebesgedichte

 

Rosa Maria Assing
(1783-1840)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:


 

 

Wunsch

"Die Sterne, die begehrt man nicht,
Man freut sich ihrer Pracht."
Der Dichter sagt's, und manchesmal
Hab' ich's ihm nachgedacht.

Am reichen Himmel dieser Welt
Sah ich manch strahlend Licht
Umleuchten mich in hehrer Pracht,
Doch ich begehrt' es nicht.

Doch seit du, meiner Liebe Stern,
Mit deinem lichten Schein
In's trübe Leben mir gestrahlt,
Seufz' ich: ach wärst du mein!
(S. 41)
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Verlust

Du Arme hast verloren
Den Liebsten in blutiger Schlacht,
Der bis zum letzten Hauche
Treu liebend dein gedacht.

Er sandte dir zurücke
Die goldne Uhr, den Ring,
Die er in glücklicher Stunde
Von dir, seiner Liebsten, empfing.

Ich traure mit dir, du Arme,
Ich fühl' es, dein Schmerz ist groß,
Doch freue dich, nicht gefallen
Ist dir das härteste Loos.

Er blieb dir bis zum Tode
Unwandelbar und treu;
In ew'gem Liebesschimmer
Erscheint er dir stets neu.

Mit inniger Seelenfreude
Zeitlebens gedenkst du sein; -
Was man einst so besessen,
Kann nie verloren seyn.

Ihn rufst du in bangen Nächten,
Ein tröstliches Heiligenbild,
Vielleicht er hat dich vernommen,
Umwehet dich leise und mild.

Du Glückliche! ach wie neide
Den Schmerz dir, so selig, so groß;
Ich Arme! wie ist mir gefallen
Ein vielfach härteres Loos.

Auch ich hab' den Liebsten verloren,
Doch nicht auf blutiger Statt;
Er gehet gesund und fröhlich
Umher hier in der Stadt.
(S. 15-17)
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Lied

Du gingst dahin zu Lust und Spiel,
Dein Mädchen blieb allein,
Du denkst nicht mein dort im Gewühl,
Ich denke immer dein.

Du hörest dort im hellen Saal
Auf muntrer Damen Scherz,
Indeß in bittrer Liebesqual
Vergeht mein armes Herz.

Die Stunden rauschen froh dir hin
Bei Tanz wohl und Gesang;
Für mich ist Stille nur Gewinn,
Mir ist so weh und bang.

Du giebst dich hin der Fröhlichkeit,
Und Freude lacht um dich;
Zu denken dein mit Innigkeit
Ist einzig Lust für mich.

So freue dich am bunten Spiel,
Und treibe leichten Scherz,
Viel werde dir der Freude, viel!
Nur mir ein ruhig Herz.
(S. 22)
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Wiedersehen

Du warst meinen Blicken entschwunden,
Die Monde schnell kommen und gehn,
Viel flossen der Wellen zum Meere,
Seit ich dich nicht wiedergesehn.

Auf einmal stehest du wieder
Vor mir mit dem alten Blick,
Und rufest die Lieder und Träume
Der alten Zeit mir zurück!

Ich hab' viel von dir geträumet
So süß einst, und ach auch so schwer!
Und deine Lieder, sie tönten
Noch lange so süß um mich her.

Wie hab' ich um dich gelitten,
Geweinet, um dich geklagt,
Ich wähnte dem Gram zu erliegen,
Bin fast an mir selber verzagt.

Und auf mir lag es wie Winter
So nächtlich, so schwer und so kalt,
Ich meinte, es würde nie enden
Solch Wintersturmes Gewalt.

Doch Frühling ist's wieder geworden,
Es blühen die Blumen auf's neu',
Die Nachtigall singet und schöner
Denn jemals erblühet der Mai.

Und Rosen und Lilien und Myrten
Verspricht mir der Sommer zumal,
Es glänzen und schwellen die Knospen
Viel schöner und reicher an Zahl. -

O blicke nicht so mir in's Auge,
Ich hab' dir nichts Leides gethan,
Zurück schau' in's eigene Herze,
Denn da fing dein Unglück sich an.

Nun stehest vergebens du wieder
Vor mir mit dem alten Blick,
Du bringest die Lieder und Träume
Vergangener Zeit nicht zurück!


2.
Du blickst mich trüb und klagend an,
Und fragst: "Wie soll ich's fassen
Von dir dies kalte Wiedersehn,
Die liebend ich verlassen?"

"O laß mich nicht so vor dir stehn,
Schlag nicht den Blick so nieder,
Vergieb, und trau auf's neue mir,
Reich' Herz und Hand mir wieder."

"Vergieb die eigne Täuschung mir,
Den Wahn, den ich bereue. -
Du schweigst? Du schüttelst streng das Haupt,
Bezweifelnd meine Treue?"

"Ach, konnte Liebe und Vertraun
Dir denn so ganz entschwinden,
Daß unsre Herzen nicht wie sonst
Sich eins im andern finden?"

"Voll heißer Liebe, sehnsuchtsvoll
Hat's zu dir mich gezogen,
Mit sel'ger Hoffnung, daß du noch
Mir liebend seyst gewogen."

"O wehe solchem Wiedersehn,
Wo all dies muß zerstieben!"
Ja Wiedersehen ist nur schön,
Wenn Zwei sich treu geblieben!
(S. 38-41)
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Rückblick

Es waren schwere Zeiten,
Die Welt bedränget hart,
Kein Lichtblick wollt' erhellen
Die trübe Gegenwart.

Den Menschen, schwer bedrücket
Durch allgemeine Noth,
Schien Freud' und Glück erstorben
Und jede Hoffnung todt.

Da blühte unsre Liebe
So rein, so mächtig auf,
Da wurde hell und sonnig
Uns trüber Tage Lauf.

Recht wie auf dunkelm Grunde
Des Regenbogens Pracht
In schönerm Farbenspiele
Vom Himmel nieder lacht:

So trat in jenen Tagen
Die Liebe uns hervor, -
Sie hob uns über Leiden
Und jede Noth empor.

Und Muth und Hoffnung füllte
Das Herz mit Lebenslust;
Was Allen schien verloren,
Ging auf in unsrer Brust.

Die Zukunft uns erhellte
Ein Licht aus Himmelshöhn, -
O jene trüben Tage
Wie waren sie so schön!
(S. 46-47)
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An Assing
Den 12 December 1824

Frühmorgens mit goldenem Strahle
Begrüßet die Sonne ein Haus,
Da schauen zwei liebliche Köpfchen
Holdseliger Kinder heraus.
Die Mutter, die stehet dahinter
Mit seliger Wonne im Blick:
"Erhalte" – so fleht sie zum Himmel -
"Erhalte dem Hause das Glück!"

"Die Freude, die friedliche Stille,
Zufriedenheit, heiterer Sinn,
Das süße Vertraun und die Liebe,
Die wohnen ja mit uns darin!
Erhalte den trefflichen Gatten
Mir und den Kindern zum Heil,
Viel werde des Glückes und Segens
Dem innig Geliebten zu Theil!"

Du weißt es gewißlich zu finden
Dies glückliche Haus in der Stadt,
Die glückliche Frau mit den Kindern,
Die Glück für den Gatten erbat;
Du kennst ja die blühenden Köpfchen,
Die schauen zum Fenster hinaus,
Geliebter, du wohnst ja darinnen,
Es ist ja dein eigenes Haus!
(S. 50-51)
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Der Jüngling und die Nixe

Heim gehet im silbernen Mondenschein
Am Ufer vorbei der Landmann allein.

Da ruft es den Jüngling mit Namen so laut,
Doch Niemand am Ufer der Spähende schaut.

Da lachet die Nixe mit schelmischem Hohn,
Ist plätschernd zur Höhe des Wassers entflohn.

Sie war in dem Schilfe und Röhricht versteckt,
Voll Muthwillen hat sie den Wandrer geneckt.

Er schauet ihr nach mit Sehnsucht im Blick,
Gedankenvoll kehrt er zur Hütte zurück.

Drauf eilt er am Morgen in hastigem Lauf
Zum Ufer, und pflanzet drei Rosen dort auf;

Versteckt sich dann listig im Weidengebüsch,
Und hofft so zu fangen den lieblichen Fisch.

Der Himmel ist blau und die Luft so rein,
Die Nixe taucht auf aus dem glänzenden Rhein.

Sie horchet und spähet, steigt auf dann an's Land,
Schon hält sie die Rosen erfreut in der Hand.

Da springt er hervor aus versteckendem Grün,
Die Nixe schreit kläglich und strebt zu entfliehn.

Wie schnell sie auch flüchtigen Fußes entweicht,
Doch hat er sie dicht an der Fluth noch erreicht.

Wie's Wasser auch rauschet in fluthendem Lauf,
Er faßt sie, zieht wieder an's Land sie herauf.

"O laß mich, o Jüngling, so schön von Gestalt!
O laß mich, und thu' nicht der Nixe Gewalt!

O laß mich, o Jüngling, es wird dich gereun,
Du erzürnest den Herrscher, den mächtigen Rhein!"

""Du hast mich gehöhnet, du hast mich geneckt,
Dich schnell dann im Schilf und im Röhricht versteckt.

Du herrliche Jungfrau mit schwellender Brust,
Nein, dein begehr' ich in feuriger Lust!""

"Der Vater wird rächen sein weinendes Kind,
Der Rhein ist mein Vater, o laß mich geschwind!"

""Ich halte dich fest, nicht entgehest du mir,
Und süße Rache nun nehm' ich an dir!""

"Wohlan, ich entsage dem heimischen Grund,
O Jüngling, doch sey es um ehlichen Bund."

""Mein Weib du, o Jungfrau, das gehe ich ein,
Heut' Abend noch tanzen wir Hochzeitsreihn.

Dort oben am Berge mit Flieder bekränzt,
Wo helle das Fenster im Sonnenlicht glänzt,

Dort ist meine Hütte, dort führ' ich dich hin,
Komm folge, mein Lieb, mit vertrauendem Sinn.""

Am Nachmittag kamen die Seinen heran
Zur Hochzeit, und tanzten auf grünendem Plan;

Schallmeien und Geigen, die tönen so laut,
Doch stille sitzt unter den Gästen die Braut.

Ihr ist so beklommen auf bergiger Höh',
Es thut ihr die schneidende Bergluft so weh.

Wer ist dort der Mann in dem Rebblätterkranz,
Der zuschaut so ernsthaft dem lustigen Tanz?

Wie stolz und wie edel erscheint sein Gesicht, -
Ein Fremder wohl ist es, man kennt ihn nicht.

Ein starkes Ruder trägt er in der Hand,
Was will er damit auf dem festen Land?

Es scheint, ihm behaget das Hochzeitsfest,
Denn frohsinnig mischt er sich unter die Gäst',

Traktirt sie sogar mit dem köstlichsten Wein,
Und trinkt ihnen zu, und schenkt ihnen ein.

Wie mundet der Trank, wie erfreuet sie das!
Er füllet stets wieder sein dunkelgrün Glas.

Sie schlürfen noch manchen begierigen Zug,
Und haben doch immer des Weins nicht genug.

Sie taumeln und jubeln im Kreise herum,
Doch ernst ist der Fremde und nüchtern und stumm.

Es freut der berauschende Trank sie so sehr,
Sie taumeln und jubeln und fordern noch mehr.

Der Fremde erwiedert: "Es thuet mir leid,
Hab' keinen mehr bei mir, doch liegt er nicht weit.

Kommt mit mir zum Schiffe, da hab' ich genug."
Da folgt ihm zum Strome der lärmende Zug.

Der Fremde nimmt hastig die Braut bei der Hand,
Und führt sie hinunter zum heimischen Strand.

Da eilt er mit ihr die Wogen hinein,
Sein Kind holt er wieder, der mächtige Rhein!

Der Jüngling will halten und fassen die Braut,
Er ist ja schon mit der Geliebten getraut.

Er will sie nicht lassen, er faßt ihr Gewand,
Da reißt's ihn hinunter mit mächtiger Hand.

Drei Tage da unten im Strome er blieb;
Die Seinen, die suchen ihn bange und trüb.

Am dritten ging unter die Sonne so roth,
Da fand man im Schilf und im Röhricht ihn todt.

Die Nixe hat Keinen mehr seitdem geneckt,
Sich nicht mehr im Schilf und im Röhricht versteckt.
(S. 52-56)
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Andenken

Ich kann der süßen Hoffnung nicht entsagen,
Dich hier im Leben einmal noch zu sehen!
Wenn sich in Fernen Phantasie'n ergehen,
So wollen sie dich liebend zu mir tragen.

Und was in längst entflohnen Blüthentagen
So lange schon einst zwischen uns geschehen,
Bleibt mir wohl ewig im Gedächtniß stehen,
O nimmer möcht' ich dessen mich entschlagen!

Du ahntest nicht, daß ich in stillen Stunden
Mit der Erinnerung an dich mich labe,
Daß fest an dich mich knüpfet frommer Glaube.

Wo magst du weilen? Rauscht etwa, entschwunden
Der düstern Welt, auf deinem stillen Grabe
Der Herbstwind schon im abgefallnen Laube?
(S. 45-46)
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Amor und die Nymphen

In dem Haine Aphroditens
Lag der kleine Sohn der Göttin,
Amor, einst in tiefem Schlafe
(Denn auch Amor schläft zuweilen!)
Hingestreckt im jungen Grase.
Bunte Wiesenblümchen schmiegten
Sich an seine zarten Glieder,
Leichte Zefiretten kosten
Mit den kleinen goldnen Locken,
Die geringelt und ambrosisch
Um das zarte Antlitz wallten,
Und vor Phöbus Feuerstrahlen
Schützte ihn der Rosenbüsche
Einer, der im heil'gen Haine
Blühend, süße Düfte hauchte.
Von den Nymphen Hand gepfleget,
Blühten weiß die zarten Rosen,
Und noch keine böse Stacheln,
Die verletzen zarte Hände,
Waren ihnen beigesellet.
Doch da kam die Schaar der Nymphen,
Blumen in dem Hain zu pflücken,
Um den Altar Aphrodite's
Schön zu schmücken und zu kränzen,
Und so nahten sie dem Strauche,
Wo der kleine, lose Knabe
Lag in tiefem, festem Schlafe.
"Schwestern!" rief die eine Nymphe,
"Schwestern! hütet euch und pflücket
Ja nicht dort von jenen Rosen,
Denn es liegt der Knabe Amor
Schlafend dort in ihrem Schatten;
Leichtlich könntet ihr ihn wecken!
Und nicht ist ja sein Erwachen
Heilsam immer, wie mich dünket!"
Doch die Jüngste sagte leise:
"Wahrlich, Schwesterchen, ich möchte
Mich für manche lose Streiche
An dem bösen Knaben rächen!
Sieh, es liegt dort Pfeil und Bogen
Neben ihm im grünen Grase;
Sagt, wie wär' es, wenn die Pfeile
Wir dem Schalke schnell zerbrächen?"
Eines Sinns ward bald der Nymphen
Blüh'nde Schaar, die jüngste raubte
Leise seinen goldnen Köcher,
Und die zarten, weißen Händchen
Waren eifrig nun beschäftigt,
Von den wohlgeschärften Pfeilen
Schnell die Spitzen abzubrechen;
Dann sie alle schnell enteilten
Leisen Tritts, voll Schadenfreude.
Als nun Amor drauf erwachte,
Und des Frevels inne worden
An den Pfeilen, an den Spitzen,
Die zerstreut im Grase glänzten:
Rief er halb von Zorn entrüstet:
"Ha! gewiß wart ihr es, Nymphen,
Die mich Schlummernden beschlichen! -
Doch, fürwahr, ihr sollt der Strafe
Eures Muthwills nicht entgehen!"
Schnell nun sammelt' er die Spitzen,
Raffte sie behend vom Grase,
Und, zum Rosenstrauch gewendet,
Rief er: "Werde du mein Rächer!"
Fügt' dann an der Rosen Stiele
Heimlich seiner Pfeile Spitzen.

Bald nun kam die Schaar der Nymphen
Froh zurücke, lustig schäkernd;
Neugier trieb sie und Verlangen,
Ihrer That Erfolg zu schauen. -
Als sie fanden leer die Stelle,
Wo der kleine Gott geschlafen,
Eilten hin sie zu den Rosen,
Nicht die Rache Amors ahnend.
Aber weh! die zarten Finger
Ritzten wund sich an den Stacheln,
Daß das Blut hernieder rieselnd
Färbte roth die weißen Rosen.
Und als drauf in ihrem Kranze
Voll Verwundrung Aphrodite
Sah der Rosen rothen Schimmer,
Sah die Dornen noch und Wunden
An der Nymphen zarten Händchen,
Forschte sie, wie das geschehen! -
Ihr erzählten nun die Nymphen,
Bitter über Amor klagend,
Wie mit steten Neckereien
Unaufhörlich er sie plage,
Und wie nun sie zur Vergeltung
Einen Scherz mit ihm gewaget,
Den so tückisch er erwiedert. -
Doch es hörte Aphrodite
Ruhig von des Söhnchens Tücke,
Und erwiedert' ernst, doch gütig:
"Oft ja warnt' ich schon euch, Kinder!
Wer will mit der Liebe scherzen,
Erntet bittre Pein und Schmerzen!"
(S. 6-9)
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Abschied und Bündniß

Leise kam die Dämmerstunde,
Fand uns im Gespräch allein;
Still durch's Grüne sah verstohlen
Nur der Mond zu uns herein.

Dir entströmten ernste Worte,
Sprachest nicht in Minnescherz,
Ferne war uns Liebeständeln,
Tief bewegt war unser Herz.

Sprachst nicht von der Locken Wallen,
Rühmtest nicht der Augen Licht,
Nicht des Mundes freundlich Lächeln,
Nicht das blühn'de Angesicht.

Ernst, entscheidend war die Stunde,
Fern uns Scherz und Tändelei'n;
Tief, ach! drangen deine Worte
In die Seele mir hinein.

Mit des frohsten Muthes Hoffen
Sprachest du vom Vaterland,
Dem die Freiheit zu erringen,
Jeder Edle sich verband.

In dem heil'gen Tugendbunde
Nanntest du mit Stolz und Lust
Männer, die wie Himmelssterne
Hoffnung strahlten in die Brust,

Die im Druck der trüben Zeiten
Deutschen Sinn und Muth bewahrt,
Um die kühn und kampfbegierig
Deutsche Jugend sich geschaart.

Sprachst in heiligem Erglühen
Von dem Ernst der großen Zeit,
Ueber Kampf und Sieg und Sterben,
Ueber Gott und Ewigkeit.

Tief ergriffen, o verstand ich
Ganz dein edles, großes Herz,
Das gelitten und geblutet
Ueber Deutschlands Schmach und Schmerz.

Da erklang die Scheidestunde,
Und es stockt' der Rede Fluß;
Mich umschlingend, gabst du schweigend,
Mir den ersten Liebeskuß.

Meines Lebens schönste Stunde
War von tiefem Schmerz durchwebt;
Zitternd ruht' in deinem Arme
Ich von Glück und Angst durchbebt.

Nicht durch Scherz und Tändelein
Gab sich Lieb' um Liebe kund;
Ahnungsvoll in ernster Stunde
Schloß sich unsrer Liebe Bund!
(S. 42-43)
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Am Hochzeitsmorgen

Mich preisen Alle glücklich,
Begrüßen froh mich heut',
Die Tanten und Gespielen
Erscheinen hocherfreut.

Sie brachten Band und Spitzen
Und viel Geschmeide dar,
Den Kranz von grünen Myrten
Zu flechten mir in's Haar.

Sie loben und bewundern
Mein weißes Atlaskleid,
Und Eine gar, ich glaube,
Sieht mich mit stillem Neid.

Man wähnt mich hochbeglücket,
Ahnt meine Wehmuth nicht,
Bringt mir auf rother Seide
Gedruckt ein Festgedicht.

Drin lobet man und preiset
Den Bräutigam gar sehr, -
Die Eltern sind so glücklich,
Als wenn auch ich es wär'!

Sie sehen mich im Kranze,
Gerührt, mit feuchtem Blick,
Still hab' ich mich ergeben,
Still tragend mein Geschick.

Doch zweifl' ich manchmal leise,
Als würd' es jemals gut,
Denk' ich an Ihn, dem heute
Gewiß ist weh zu Muth!
(S. 87-88)
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Minnetrost

Nach so vielen trüben Hindernissen,
O Geliebter, werd' ich endlich dein!
Trüb von bangem Zweifelmuth zerrissen,
Zagt' ich oftmals: nimmer wird er mein!

Auf die schnell entschwundnen Mädchenjahre
Schau' ich tiefbewegt und froh zurück;
Mit dem Myrtenkranz am Traualtare
Fühl' ich nochmals jener Tage Glück.

Unsre Liebe, die so heiß erglühte,
Hart durch manchen Kampf und Schmerz versucht
Unsrer Jugend reiche, schöne Blüthe
Reift uns nun zur schönsten Lebensfrucht!

Alles bot ich dir aus meinem Leben,
Was das Schönste mir und Höchste war;
Was auch mochte meinen Busen heben,
Jede Regung ward dir offenbar.

In dein Herz hat meines sich ergossen
Mit der höchsten Innigkeit und Lust,
Fest von deinem treuen Arm umschlossen,
Schmieg' ich selig mich an deine Brust.

Blick' zu dir empor mit frohem Beben
In dein treues Auge voll Vertraun;
Wirst du liebend stets mich so umgeben,
Wird vor keinem Lebenssturm mir graun!

Drum sey, Liebe, dir der Schmerz vergeben,
Der die heitre Jugend mir getrübt;
Ist doch Liebe nur der Jugend Leben,
Schmerzenfrei kein Herz, das glühend liebt!
(S. 47-48)
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Sonett

O dürft' ich dir doch meine Sehnsucht sagen,
Mit welcher liebend ich mich zu dir wende!
Nein, sehnender schaut nicht die Sonnenwende
Nach Phöbus hin in glanzerfüllten Tagen.

Oft frage ich mich mit geheimem Zagen,
Ob ich dir wohl ein Liebeszeichen sende?
Dann quälen wieder Zweifel mich ohn' Ende,
Daß ich kaum Blick noch Händedruck mag wagen!

Sollt' auch mein Lieben deines nie gewinnen,
Vergebens seyn mein Thun, mein eifrig Streben,
Und blieb' dir auch stets unerkannt mein Trachten:

Doch werd' ich ewig dich nur einzig minnen,
In deinem Leben nur wird blühn mein Leben,
Und sollt' in Sehnsuchtsflammen ich verschmachten!
(S. 10-11)
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Frühlingslied

O Frühlingszeit!
Wie machst du das Herze so groß und weit!
Wie regt sich Alles munter da drinnen,
Wie werden so wach und lebendig die Sinnen!
Es haben die süßen Gefühle nicht Raum,
Es wogt in dem Herzen und schwebt wie ein Traum.
O Frühlingszeit!
O Wunderzeit!

O Frühlingszeit!
Wie schmückst du die Erde weit und breit!
Den weißen Mantel schon weggehangen,
Kommt sie im grünen Kleide gegangen,
Und was sie hielt in dem Winterhaus,
Die Blumen, die spendet sie freundlich aus.
O Frühlingszeit!
O Blüthezeit!

O Frühlingszeit!
Wie mahnst du an die vergangne Zeit!
Es hatte mit dir in tausend Wonnen
Mein süßes Liebeleben begonnen;
Und still, in Erinnrung und Liebe versenkt,
Mein Herze des vorigen Frühlings gedenkt.
O Frühlingszeit!
O Liebeszeit!

O Frühlingszeit!
Wie schöner warst du damals, denn heut'.
Es können nicht Worte kund euch geben
Das zarte Frühlings- und Liebeleben.
Ich kann nicht beschreiben, wie in der Brust
Mir wogte damals ein Meer von Lust.
O Frühlingszeit!
O Wonnezeit!

O Frühlingszeit!
Ich grüße mit stiller Hoffnung dich heut'.
Denn was im Winter die Erde verloren,
Das sieht sie mit dir sich wiedergeboren,
So bringst du vielleicht mir auch Alles zurück:
Die Liebe, den Liebsten und Liebesglück!
O Frühlingszeit!
O Hoffnungszeit!
(S. 23-24)
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Das seltene Blümchen

O Mädchen, sprich, was suchest du
Wohl auf der duft'gen Au?
Ich sah der Blumen mancherlei,
Die glänzen schön im Thau.

Doch gehest du die Blümelein
Ja allesammt vorbei;
So laß mich wissen liebes Kind,
Was denn dein Suchen sey?

"Ich suche wohl, und find es nicht,
Ein Blümchen wunderschön,
Ich sucht' es schon im dunkeln Wald,
Im Thal und auf den Höh'n."

O sag', wie heißt das Blümchen denn,
Das deiner Wünsche Ziel?
Wer weiß, ich zeig' es dir vielleicht,
Ich kenn' der Blumen viel.

"Vergebens sinn' ich, wie es heißt,
Wie Mutter es genannt,
Ich hörte nur, wie sie's beschrieb,
Da bin ich fortgerannt.

Das Mädchen, das dies Blümchen fand,
Das preise hoch sein Glück,
Dies Blümchen schützt als Talisman
In Noth und Mißgeschick."

O hör', mich dünkt, ich hab' es schon,
Da blühet rosenroth
Ein wunderbares Blümlein auf,
Das lindert Weh und Noth.

Es blühet freundlich Jedem auf
Im Lebens-Frühlingsschein;
Mag nicht das, was die Mutter meint,
Das Blümchen Liebe seyn?

Das Blümchen Liebe ist es nicht,
Das ist mir wohl bekannt,
Nein, jen's ist seltner, anders auch
Hat Mutter es genannt.

Sie sagt': "Es wähnte Manche schon,
Daß sie das Blümchen fand,
Doch war es stets das rechte nicht,
Und welkt' in ihrer Hand."

Da steht ein andres Blümlein schön,
Das glänzt und strahlt wie Gold,
Das nennen wir die Freundschaft hier,
Das ist auch Vielen hold.

"Ach nein, auch Freundschaft ist es nicht,
Auch das ist mir bekannt,
Nein, jenes ist viel seltner noch,
Wird anders auch genannt."

Da ist noch eins, das Freude heißt,
Dies liebe Blümchen lacht
Und duftet süß für Alt und Jung
In vieler Farben Pracht.

"Das heitre Blümchen kenn' ich wohl,
Es sprießet immer neu! -
Doch halt! ich hab's, mein Blümchen heißt,
Es heißt die Männertreu."

Die Männertreu! ja, gutes Kind,
Du bist umsonst bemüht,
Die findest du wohl nimmermehr,
Die ist schon lang verblüht!

Die blühet gleich der Aloe
All' hundert Jahre neu,
Drum findet unter Hunderten
Kaum Eine Männertreu!
(S. 13-15)
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Verschließung

Still verschlossen steht im Herzen,
Was mein Mund nicht zu dir spricht;
Ewig will geheim ich's denken,
Dir es sagen kann ich nicht.

Kalt und ruhig kann ich scheinen,
Herrschen über Blick und Mund;
Heimlich nur in stillen Thränen
Giebt sich meine Liebe kund!
(S. 11)
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Erste Liebe

Thränen thauen still vom Auge nieder,
In Erinnrung längst entschwundner Lust;
Nie ach! hebt in solchem Glück sich wieder
Je so lebensvoll und warm die Brust

Als in jenen schönen Frühlingstagen,
Da zum erstenmal mich traf dein Blick,
Und ich ahnungsvoll mit süßem Zagen
Fühlte nahen mir der Liebe Glück.

Schön und golden flossen da die Stunden,
Hoch begeistert war mein junger Sinn;
Liebe, die ich damals tief empfunden,
Ist auf ewig wie ein Traum dahin!

Vieles hat die Brust seitdem durchzogen,
Hohe Freude, tiefe Seelenpein,
Doch in des bewegten Lebens Wogen
Ging nie unter jener Tage Schein,

Der mir noch dein süßes Bild erhellet,
Das, ein Heiligthum, im Innern steht,
Und dem ewig Schönen beigesellet
Nie in meiner Seele untergeht!
(S. 19-20)
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An Assing
Den 6 April 1825

Veilchen, zarte Frühlingskinder,
Hast du heute mir gebracht,
Mir gepflückt zur Frühlingsgabe,
Liebend mein dabei gedacht.

Wie der Veilchen zarte Düfte,
Wie der Frühlingslüfte Wehn
Fühl' ich deiner Liebe Walten
Zart und innig mich umwehn.

Frühling wird es! Frühling ist es
Stets in unserm Glück und Sinn!
Also nehm' ich deine Veilchen
Still in froher Deutung hin!
(S. 51)
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Angst und Beruhigung

1.
Wie ängstlich, ach, toben die Stürme,
Die Nacht ist so finster und kalt,
Der Regen ergießt sich in Strömen,
Gepeitscht von des Windes Gewalt.

Wo magst du, Geliebter, wohl weilen
In dieser unheimlichen Nacht?
Die, bang in die Kissen geschmieget,
Dein Mädchen in Aengsten durchwacht.

Du schweifest im Regen und Sturme
Vielleicht ohne Obdach und Ruh,
Es schließen dem feindlichen Reuter
Die Thüren und Herzen sich zu.

Ach, oder liegst du verwundet,
Verlassen im feindlichen Land,
Und fühlst nur die brennenden Schmerzen,
Und keine sanft pflegende Hand?

Der Regen schlägt hart an die Fenster,
Die Eule schreit bang in die Nacht; -
O bist du vielleicht gar gefallen
In Leipzigs blutiger Schlacht?

Ich raffe mich auf von dem Lager,
Vergehe in Aengsten und Pein; -
Es können nicht ärgre Gespenster
Als meine Gedanken mir seyn!


2.
Und als ich um dich so geweinet,
Gejammert die ganze Nacht,
Da fiel ich ermattet in Schlummer,
Als eben der Morgen erwacht.

Da ward mir gesendet zum Troste
Vom Himmel ein freundlicher Traum:
Ich sah eine glänzende Taube
Mir strahlen wie Silberschaum.

Im rothen Schnäbelchen hielt sie
Ein grünendes Lorbeerreis,
Du hattest mit fröhlicher Botschaft
Sie zu mir gesendet mit Fleiß.

Da pocht' es und stört' mich im Traume,
Die Zofe tritt leis in die Thür',
Und bringet mit rothem Siegel
O Himmel! ein Brieflein von dir!
(S. 44-45)
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Beim Feste

1.
Ah le mauvais refuge pour deux amans
qu'une grande sociêté
Jean Jaques Rousseau

Wohl hatte recht der weise Mann:
Viel schöner ist's allein
Im stillen Thal, im grünen Wald
Mit dem Geliebten seyn.

Doch treffen wir uns auch im Saal
Gern im gesell'gen Kreis,
Denn Liebe ihre Sprache doch
Geheim zu reden weiß.

So manches Wort von dir gesagt,
Rauscht Allen leer vorbei,
Nur ich verstand wohl seinen Sinn,
Wußt', wie gemeint es sey.

Wie meine Blicke schweifen auch,
Bald dorten sind, bald hier,
Du weißt, wie mit geheimer Lust
Sie ruhen nur auf dir!

Als deines süßen Liedes Klang
Nahm alle Hörer ein,
Wußt' ich, was Alle sie gehört,
Das galt nur mir allein.

Wenn im Gespräch ein schönes Wort
Wird in dem Kreise laut,
Gleich finden unsre Blicke sich,
Verstehn sich lieb und traut.

Im muntern Rätselspiele gar
Hat Liebe leichtes Müh'n,
In Frag' und Antwort sagen wir
Manch Liebeswort uns kühn.

Im deutschen Tanz umfängst du mich,
Ich ruh' in deinem Arm,
Wir schweben selig Brust an Brust
Hin durch den heitern Schwarm.

Und Keiner unsre Liebe ahnt
Im froh gesell'gen Kreis;
Ja, Liebe stets und überall
Geheim zu reden weiß.


2.
Wie ist beim frohen Feste hier
So still und trüb mein Sinn!
Musik, Gesang und froher Scherz
Rauscht um mich her und hin.

Ich höre nichts, ich sehe nichts,
Denn, tief in mich versenkt,
Ist meine Seele nur bei ihm,
Die einzig ihn nur denkt!

Laut tönet durch des Saales Raum
Musik zum raschen Tanz,
Die heitern Paare ordnen sich
Zum leicht verschlungnen Kranz.

Ein Tänzer tritt an mich heran,
Und spricht mit leisem Ton
Mir schmeichelnd vor manch schönes Wort,
Ich höre kaum davon.

Er fordert mich zum Tanze auf,
Doch ich verbitt' es heut';
Ach! ohne mich an anderm Ort
Sich heut' mein Liebster freut!
(S. 17-19)
_____
 


Alle Gedichte aus: Rosa Maria's poetischer Nachlaß
Herausgegeben von D.A. Assing
Altona Verlag von Joh. Friedrich Hammerich 1841


 

 


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