Liebes-Balladen, Romanzen u. ä.

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58




Johann August Apel
(1771-1816)


Olenos und Lethäa

Der schönen Göttin Bild zu kränzen,
Erscheint mit Lobgesang und Tänzen
An Aphrodite's Festaltar
Des frohen Volks vereinte Schaar.
Es hebt verschwiegner Liebe Bitte
Des Mädchens ahnungsvolle Brust,
Und lächelnd spendet Aphrodite
Dem Jüngling süße Liebeslust.

Und knieend vor der Göttin Bilde
Fleht jeder Aphrodite's Milde,
Des Armen wie des Reichen Hand
Bringt opfernd frommer Gaben Pfand.
Nur Olenos bleibt an den Pforten,
Fern von des Altars Heiligthum;
Nicht mit Geschenk noch frommen Worten
Erhebt er Aphrodite's Ruhm.

Nur von Lethäa's Reiz durchdrungen,
Weiht er des Herzens Huldigungen
Mit froher Hymnen Jubellaut
Dem holden Jugendschmuck der Braut.
Verherrlicht durch den Glanz der Schönen
Prangt seiner Väter Königsthron;
Doch wenig dünkt's ihn, sie zu krönen,
Der Liebe gnügt kein ird'scher Lohn.

"Dich nur als Göttin will ich ehren,
Du lebend Bildniß von Cytheren,
Das keines Menschen Kunst erfand,
Du Götterbild aus Götterhand!
Wärst du den Himmlischen erschienen,
Dir huldigte der Götter Schaar,
Und weihte, deiner Macht zu dienen,
Dir den Olymp zum Festaltar.

Als Charis, deinem Dienst erkoren,
Käm' Kypris in dem Tanz der Horen;
Und Here's stolze Lilienhand
Umkränzte dienend dein Gewand,
Zu weben goldnes Schleiers Faden,
Der deine Glieder schirmend schmückt;
Wenn in dem Götterquell sie baden,
Pries' selbst Athene sich beglückt.

Doch unter Menschen willst du wohnen,
Und frommes Herzens Dienst zu lohnen,
Hast du mit Götterherrlichkeit
Zum Tempel den Palast geweiht.
Stets soll auf meines Reichs Altären
Nur deiner Gottheit holde Macht
Der Opfer heil'ge Gluth verklären
In die verloschner Flammenpracht.

Was sollt' ich von den Göttern hoffen?
Elysium steht schon mir offen;
Nicht aller Götter Ueberfluß
Gleicht meinem seligen Genuß.
Sie spenden kalt der Gaben Fülle,
Unnahbar selbst im Aetherreich;
Nur in der Schönheit zarter Hülle
Naht Gabe mit dem Gott zugleich!"

Der König spricht's, und ihr zu Füßen
Will er als Göttin sie begrüßen;
Schon preist, von ihrem Reiz entzückt,
Anbetend sich das Volk beglückt:
Da zittern des Palastes Thürme,
Es bebt der Mauern tiefster Grund,
Den Götterzorn verkünden Stürme,
Schwarz öffnet sich der Erde Mund.

Und strenges Blicks, mit Flammenbränden
In hochgehob'nen blut'gen Händen,
Tritt in des Königshauses Thor
Den Eumeniden grauser Chor.
Wild kreuzen sich die Feuerblitze
Von ihrer Fackeln Rachegluth,
Und zischend nach der Fürstin Sitze
Zuckt ihrer Nattern gift'ge Wuth.

Doch schnell mit der Verzweiflung Schritte
Hat schaudernd aus der Flammen Mitte
Der König seine Braut entrafft;
Ihn stärkt der Liebe Götterkraft.
Und vor Erinnys' wildem Grimme
Birgt das geliebte Haupt sein Herz;
Er ruft empor, und seine Stimme
Trägt zu dem Götterthron der Schmerz:

"Ward eines Frevels Schuld verbrochen,
Am Schuld'gen werde sie gerochen;
Doch strafet, Götter, nicht die Brust,
Der keines Frevels Schuld bewußt!
Als Göttin wollt' ich sie begrüßen;
Ist Schönheit nicht Anbetung werth,
So laßt mich mein Verbrechen büßen,
Daß ihre Gottheit ich verehrt!

Doch wollt ihr solchen Dienst verdammen,
Wer zündet euch die Opferflammen,
Wenn, von Olympos' Höhn gesenkt,
Zu Menschen ihr die Schritte lenkt?
Ein Gott ist uns, wer, gleich der Sonne,
Mit Himmelskraft die Welt beglückt,
Und Göttin, die zu Götterwonne
Durch Schönheitzauber uns entzückt.

Laß nicht dein schönstes Bild zerstören!
Mag sich der Götter Zorn empören,
Kythere, von Erinnys' Pein
Laß nicht der Schönheit Glanz entweih'n!
Mich laß mit Hades' finstern Schauen
Versinken in die grause Nacht;
Doch laß Lethäa's Schönheit dauern
In göttergleicher Himmelspracht!"

Und lächelnd höret Aphrodite
Des liebentflammten Herzens Bitte,
Sie scheucht Erinnys' wilde Schaar,
Der Königsthton wird ein Altar, -
Und staunend zu des Opfers Brauche
Ergreifet schnell des Königs Hand
Das Weihgefäß mit heil'gem Rauche,
Anzündend den geweihten Brand.

Und wie des Opfers Düfte wallen,
Und Jubelhymnen laut erschallen,
Erbebt vor Kypris' naher Macht
Des neuen Tempels Säulenpracht, -
Und schnell zu Marmorstein erkaltet
Prangt hoch in ew'ger Schönheit Ruhm,
Zum Götterbildniß umgestaltet,
Lethäa's Reiz im Heiligthum.

Weit über Land und Meereswogen
Kam bald der Bildner Schaar gezogen;
Lethäa's Marmorbildniß stand
Als Göttin bald in jedem Land.
Und in des Urbilds Tempelhallen,
Ein Priester in dem Heiligthum,
Ließ Olenos stets Hymnen schallen
Zu Kypris' und Lethäa's Ruhm.


Aus: Deutschland's Balladen- und Romanzen-Dichter
Von G. A. Bürger bis auf die neueste Zeit
Eine Auswahl des Schönsten und charakteristisch Werthvollsten
aus dem Schatze der lyrischen Epik
in Balladen und Romanzen, Mären, Legenden und Erzählungen
nebst Biographieen und Charakteristiken der Dichter
unter Berücksichtigung der namhaftesten kritischen Stimmen
von Ignaz Hub Zweite, gänzlich umgearbeitete und stark vermehrte Auflage
Karlsruhe Verlag von Wilhelm Creuzbauer 1849
(S. 171-172)
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