Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Clemens Brentano
(1778-1842)


(Aus: ROMANZEN VOM ROSENKRANZ)
[XIV.] Meliore und Biondetta.

Biondettas Hohes Lied

Gieße, Mond, dein Silber milder
Durch die blauen Himmelsmeere;
Blicket fromm, ihr Heldenbilder,
Nieder aus dem Sternenheere.

Einsam kühle Nachtluft, stille
Grüße aus dem Himmel sende;
Blüten, Blumen, eure Fülle
Duftend sich der Nacht verschwende.

Philomela, süßer stimme
Deines Traumes Wonn' und Wehe,
Daß es zu den Sternen glimme
Und um Gottes Liebe flehe.

Klang der süßberauschten Zither,
Unter Liebchens Fenster bebe;
Still eröffne sie das Gitter,
Daß sie Liebesworte gebe.

Jünglingen, die schlummernd liegen,
Komm' ein Liebestraum entgegen;
Auf die Kindlein in den Wiegen
Senke sich ein Engelsegen.

Und die Wünschelrute sinke
Jedem auf des Schatzes Schwelle,
Und dem Durst'gen, daß er trinke,
Sei der Schatz die kühle Quelle.

All ihr Bronnen, selig zielet
In die mondberauschten Becken;
Leis' im West, ihr Blätter, spielet,
Um die Vöglein nicht zu wecken.

Nacht, in deines Zaubers Schlingen
Soll sich Liebesscham verketten,
Unter lustbetauten Schwingen
Bräutliches Entzücken betten.

Was die Seele, was die Sinne
Hoch begeistert, tief erreget,
Deines Glücksrads Lustgewinne
Seien alle ausgeleget.

Spinnet bei dem Mondenlichte
Eure feinsten Netze, Elfen,
Und die schlauen Zauberwichte,
Alle Zwerge sollen helfen.

Felsbewohnende Sibyllen,
Leichte Nymphen flücht'ger Quellen,
Einet alle euren Willen,
Diese Netze aufzustellen.

Locket, locket, süßer singend,
In die Netze, ihr Sirenen,
Und den Tönen nicht gelingend,
Laßt gelingen es den Tränen.

Denn es will uns heut entfliehen
Der melodischste der Schwäne,
Will zu heil'germ Himmel ziehen,
Daß sein Herz sich nicht mehr sehne.

Königin der Sternenzinne,
Priesterin verklärter Herzen,
Lehrerin geheimer Minne,
Heldin, Trösterin der Schmerzen,

Nacht! durch deines Tempels Mitte
Sehe ich Biondetten gehen,
Scheu verhüllt in zücht'ger Sitte;
Du wirst sie nicht wiedersehen.

Auf dem Platze mondbeschienen
Bleibt sie ruhig schauend stehen,
In die düsteren Ruinen
Noch einmal zurück zu sehen.

Sie beginnet leis zu singen;
In der Nachtluft einsam Wehen
Ihre Töne sich verschlingen
Wie der Andacht schwankend Flehen.

»Herr, ich steh' in deinem Frieden
Ob ich lebe, ob ich sterbe;
Starb mein Heiland doch hienieden,
Daß ich sein Verdienst erwerbe.

Will der Schmetterling zum Lichte,
Muß die Larve er zerbrechen,
So hast du dies Haus vernichtet,
Meine Freiheit auszusprechen.

Laß die Flügel mich erquicken,
In der Andacht sie erstrecken,
Und zum Himmelsgarten zücken
Durch der Buße dorn'ge Hecken!

O, wie hast du hoch gezieret
Diese Weltnacht, mir die letzte;
Eine Seele triumphieret,
Deren Tod mich hoch ergötzte.

Solchen Tod laß mich gewinnen,
Herr, nach einem solchen Leben
Laß mich mit so klaren Sinnen
Dir die Seele wiedergeben!

Denn in deinen Händen liegen
Alle demutvollen Herzen
Wie die Kindlein in den Wiegen,
Still entschlummert, ohne Schmerzen.«

Also sang sie, und geschwinde
Eilt sie auf verschlungnen Wegen,
Und schon höret sie die Linde
Nächtlich grüßend sich bewegen.

Rascher flügelt sie die Schritte
Ihres Hauses Tor entgegen,
Da begegnet ihrem Tritte
Klirrend ein entblößter Degen.

Ach, und weiter noch zwei Schritte
Liegt, vom Mantel leicht bedecket,
Der den bösen Mord erlitten,
Stumm ein Jüngling ausgestrecket!

Da sie zu ihm niederblicket,
Will er noch die Blicke heben;
Den der Tod schon fest umstricket,
Kann die Schönheit noch beleben.

Gleich dem frommen Samariter
Hebt die mutige Biondette
Mühsam nun den toten Ritter,
Trägt ihn hin nach ihrem Bette.

Lebend konnt's ihm nie gelingen,
In ihr Kämmerlein zu sehen,
Und er mußte, einzudringen,
Durch des Todes Pforte gehen.

Schnell die Lampe angezündet
Unter bangen Herzensschlägen!
Ach, das Herz das sie verbindet,
Schlägt noch liebend ihr entgegen!

Balsam macht sie aus den Giften,
Die sie sonst im Tanz umgeben,
Mit der Öle süßen Düften
Ruft sie wieder ihn zum Leben.

Und sie löset ihm geschwinde
Seinen Koller von dem Herzen,
Sauget ihm sein Blut gelinde
Aus der Wunde mit den Schmerzen.

Ach! und ihren frommen Lippen
Strömt die Torheit frech entgegen;
Quelle böser Zauberklippen,
Liebesgift war an dem Degen.

Auf der Brust ihm eingeschnitten
Ihren Namen liest Biondette,
Und ihr Bild, nach Liebessitte,
Hängt darauf an goldner Kette.

Doppelt ihren Schleier windet
Sie, mit Tränen ihn benetzend,
Und die Wunde sie verbindet,
Sich der Blöße nicht entsetzend.

Und sie eilt und schmückt das Zimmer,
Zündet an wohl hundert Kerzen,
In der Spiegel Widerschimmer
Gold und Silber freudig scherzen.

Ihres Putzschranks Flügeltüren
Öffnet sie mit leichten Händen,
Daß ein eitles Triumphieren
Rings entstrahle allen Wänden.

Und die falschen Götterbilder
Schmücket sie mit Flitterkränzen;
Aus dem Schoße goldner Schilder
Läßt sie seidne Röslein glänzen.

Reiherbüsche pflanzt sie flitternd
Auf des Bodens Purpurdecken,
Diamantne Nadeln zitternd
Zäunt sie ein mit Federhecken.

In der Torheit Garten glimmend
Rüstet sie ein goldnes Becken,
Daß die Weihrauchwolken schwimmend
Lüstern halb den Glanz bedecken.

Weh! wer hat sie so verrücket?
Alle Blumen muß sie brechen;
Wie des Wahnsinns Braut geschmücket
Muß ihr keusches Herz erfrechen.

Schamlos tritt sie vor den Spiegel,
Ihre Brust zu Tag zu legen,
Weh! da blicket Gottes Siegel,
Die Goldrose ihr entgegen.

Doch sie ist so tiefverstricket,
Nichts kann ihre Glut erschrecken,
Ihre Blöße sie entzücket;
Und sie mag sich nicht bedecken.

Und mit süß vertrauten Blicken
Sitzt sie auf des Jünglings Bette;
Weltlicher nicht konnt' sie blicken,
Wenn sie nie gebetet hätte.

Und sie fühlt in allen Sinnen
Ein unheiliges Ergötzen
Wild durch ihre Adern rinnen,
Und sie muß die Zucht verletzen.

Seine Lippen, seine Stirne,
Ihren Namen ihm am Herzen,
Küsset heiß die arme Dirne
Unter süß berauschten Schmerzen.

Und in seinen Locken spielen
Ihre zarten Hände bebend,
Doch umsonst die Küsse zielen,
Seine Lippen nicht belebend.

An den Busen ihn zu drücken,
Seinen Namen laut zu nennen,
Fühlet sie ein wild Entzücken,
Doch er will sie nicht erkennen.

»Meliore,« spricht sie liebend,
»Deine Augen zu mir wende,
Süßen Dank der Huld ausübend,
Die ich zärtlich dir verschwende!

Sieh, es will der güt'ge Himmel
So dich an das Herz mir legen,
Wie ich in des Brands Getümmel
An dem deinen bin gelegen!

Wenn du auch nicht wiederküssest,
Winkend nur ein Zeichen gebe,
Mir zum Troste, daß du wissest,
Wie ich dich nicht überlebe!«

Und die Harfe nimmt die Süße,
Läßt die Saiten wild erbeben;
Ach, die heißen Liebesgrüße
Können nicht sein Aug' erheben!

Keuscher Tod, du drückst sie nieder,
Solche Raserei zu sehen,
In dem Klang der gift'gen Lieder
Soll er sie nicht wiedersehen.

»Ihn, den meine Seele liebet,«
Singt sie, »sucht' ich in dem Bette
Sucht' ihn durch die Straßen ziehend,
Fand ihn doch an keiner Stätte.

Und ich fragt' die Wächter bittend,
Die da durch die Straße gehen:
Ihn, den meine Seele liebet,
Habet ihr ihn nicht gesehen?

Und vorüber gehend finde
Ich den Liebsten meiner Seele,
Ihn mit Rosenketten binde,
Ihn auf ewig mir vermähle!

Und ich halt' ihn, lass' ihn nimmer,
Den ich fand auf meiner Schwelle,
Führ' ihn in der Mutter Zimmer,
Führe ihn in meine Zelle.

Sieh, ich bin ein Rauch von Myrrhen,
Auf sich aus der Wüste hebend,
Und, wie Bienenschwärme irren,
Küsse meinem Mund entschweben.

Weiß und rot ist, den ich minne,
Golden sich sein Haupt erhebet;
Wenn ich seine Locken spinne,
Schwarz die Nacht den Mantel webet.

Seine Augen mich erquicken
Und die Seele mir erhellen,
Wie die Taubenaugen blicken
Zu den klaren Wasserquellen.

Wie Gewürze duftend, grüßen
Seiner Wangen Blumenzellen,
Süße Myrtenöle gießen
Seiner Lippen Rosenquellen.

Goldne Türkisringe zieren
Seine klaren Silberhände,
Elfenbeinern und saphiren
Trägt der Goldfuß seine Lende.

Und er stehet aufgerichtet,
Wie die Zedern auserwählet,
Wie der Libanon umlichtet,
Der dem Himmel sich vermählet.

Wie mein Saitenspiel, erklinget
Süß und lieblich seine Kehle,
Und zu seinen Lippen dringet
Lustberauschet meine Seele.

O du Büschel süßer Myrrhen,
Zwischen meinen Brüsten hängend,
Sag, wo deine Schafe irren,
Sich im Mittagsstrahle drängend.

Töchter Zions, meine Bitte
Höret und den Freund mir wecket,
Schlummernd vor der Zederhütte
Unter Rosen ausgestrecket.

Daß er blühend aufgerichtet:
Süße Freundin, zu mir spreche,
Komme her, die Gott gedichtet,
All die Rosen mit mir breche!

Sieh, verschwunden ist der Winter,
Und dahin ist Sturm und Regen,
Und die Blumen, Frühlingskinder,
Spielen schon auf grünen Wegen.

Meine Wangen lieblich flimmern
In den Spangen, in der Kette
Sehe meinen Hals er schimmern,
Und es grünet unser Bette!

Wie die Traube Copher schwillet
Zu Engeddi in den Gärten,
Und der Lippen Kelch erfüllet,
Küss' ich meinen Lustgefährten!

Zedern fest das Haus uns stützen,
Unsre Latten sind Zypressen,
In dem Schatten will ich sitzen
Und der Schmerzen all vergessen.

Unterm Schatten will ich sitzen,
Des die Seele mir begehret;
Wie der Apfelbaum bei wilden
Bäumen, ist mein Freund verehret.

Deiner Lieb' Paniere schwinge
Über mir, du Hoch und Heller,
Und du Freundlicher, mich bringe
In des süßen Weines Keller!

Und mit Blumen mich erquicke,
Mich zu laben Äpfel gebe;
Krank bin ich vor Liebe; blicke,
Blicke auf, mich zu beleben!

Unter deinem Haupt die Linke,
Muß dich meine Rechte herzen,
Wenn ich deinen Kuß nicht trinke,
Muß verdürsten ich in Schmerzen!

Sieh, die Honigbienen irren,
In dem honigsüßen Lenze,
Und die Turteltauben girren;
Komm, mein Freund, daß ich dich kränze!

Sieh, dem Feigenbaum entspringen
Knospen; aus dem Aug' der Reben
Süße Wollusttränen dringen;
Also weint mein junges Leben!

Wie in dunklen Felsenritzen
Turteltauben auf dem Neste,
Also will ich bei dir sitzen
In dem Glanz der Blütenäste.

Und es tönet meine Stimme
Süß, o süß ist meine Kehle,
Bis wetteifernd süß ergrimme
Und verglimme Philomele.

Und ich singe zu dir nieder:
Mein bist du und mir gegeben,
Und es sehn dich meine Lieder
Unter Rosen weidend schweben!»

Wie sie also töricht singet,
Spricht Meliore: »Meine Schwester,
Fromme Taube, ach, es schlinget,
Sich des Todes Band nur fester!

Nachttau mir vom Haupte fließet,
Und es wecket mir im Herzen,
Wenn sich gleich mein Auge schließet,
Deine Liebe bittre Schmerzen!

Mein Gewand, ich legt' es nieder,
Soll ich wieder an es legen?
Nach dem Bad die Füße wieder
Mir besudeln auf den Wegen?

Deine Augen gleichen Blitzen,
Deine Augen von mir wende!
Meinem Herzen Degenspitzen
Scheinen deine zarten Hände!«

Aber wehe! nicht vernimmet
Sie den schweren Namen Schwester,
Glühender ihr Wahn entglimmet,
Sie umklammert ihn noch fester.

Und sie spricht: »Der Kelch der Lilien
Unserm Bett das Rauchfaß schwenket,
Unser Dursten zu vertilgen
Sich der Traube Becher senket.

Unsre Tür umgeben Früchte,
Ich bewahrte dir, mein Leben,
Heurige und fern'ge Früchte,
Beide kann ich dir nun geben!

O du Liebe in Wollüsten!
O du schön und lieblich Schweben!
Trauben gleichen meine Brüste,
Trauben wundersüßer Reben!

Einer Palme aufwärts dringend
Gleichet meines Leibes Länge,
Wie der Wein hinan sich schlinget:
O, wer sich hinan so schwänge!

Laß uns durch die Felder ziehen,
Ob uns sieht das Aug' der Reben,
Ich will, wenn Granaten blühen,
Dort dir meine Brüste geben.

Dich, der meiner Mutter Brüste
Saugte, Bruder, dich den Schönen,
Wenn ich dort dich brünstig küßte,
Ach, wer sollte mich verhöhnen!«

Als sie diesen Frevel singet,
Springt sein Blut ihr neu entgegen;
Den Verband, der Hilfe bringet,
Kann die Raserei nicht legen.

Und von jenem Nonnenbilde
Reißt sie in der Angst die Decke,
Daß damit das Blut sich stillte,
Und es dienet ihrem Zwecke.

Als sie zu dem Bilde blicket,
Fühlet sie ein tief Erschrecken,
Scham sie wie ein Schwert durchzücket,
Und sie eilt, sich zu bedecken.

Von des Bildes Augen fließen,
Wunder Gottes! bittre Tränen,
In die Arme muß sie's schließen,
Ach, sie möchte es versöhnen!

Und dem Bilde gegenüber
Sitzt zur Harfe sie am Bette,
Und die Augen strömen über
Der verlorenen Biondette.

»Wo ist die, die aus der Wüste
Aufgeht, auf den Freund gelehnet?«
Spricht Meliore nun, und grüßte
Sie, nach der sein Herz sich sehnet.

»Auf dein Herz gleich einem Siegel
War sie wahrlich doch gesetzet.
Goldne Rose, deinen Spiegel
Hat die Schlange bös verletzet.

Um den Apfelbaum sich schlingend,
Der die Mutter dir bedeckte,
Als sie rang, zur Welt dich bringend,
Bös die Schlange mich erweckte!«

Aber traurend sitzt die Süße,
Läßt die Harfe leis erbeben,
Daß ihn schön das Leben grüße,
Das die Liebe ihm gegeben.

Wie die Töne sich ergießen,
Fühlt die Jungfrau in dem Herzen
Wunderbaren Zauber fließen,
Und so süße, wilde Schmerzen.

Höher sie die Saiten schwinget,
Denket nicht mehr des Gesellen;
Wie der Schwan im Tode singet,
Glühend ihre Töne schwellen.

Tausend Töne, die sonst schliefen,
Aus der Harfe lebend brechen,
Und in allen Herzenstiefen
Hört sie laut das Echo sprechen.

In dem Tode hallt es wider;
Schüchtern zu des Lebens Schwelle
Rufen ihn die Zauberlieder,
Seine Blicke werden helle.

Wer erklärt ihm die Gesichte,
Wer ergießt des Himmels Segen?
Ist so mild das Weltgerichte,
Kommt die Gottheit ihm entgegen?

»Süßer Tod, den ich erlitte!
Goldne Töne zu mir gehen,
Selig in des Himmels Mitte
Soll ich wieder auferstehen!«

Aus Biondettens frommen Mienen
Strömet ihm das sel'ge Wähnen;
Gottes Mutter sei erschienen,
Und er betet unter Tränen:

Doch die arme Jungfrau singet
Unter bittren, bittren Tränen,
Während sie die Hände ringet:
»O welch schmerzlich glühes Sehnen!

Schwarz bin ich, doch voller Liebe,
Wie die Hütten Kedars stehen,
Wie die bunten Tepp'che schimmernd
Salomons im Tempel wehen.

Die Weingärten zu behüten
Setzten sie mich ein zum Wächter,
Meinen konnt' ich nicht behüten,
Von Jerusalem ihr Töchter!

Wie der Tod so stark ist Liebe,
Fest der Eifer wie die Hölle,
Glut und Feuer meine Triebe,
Wie des Herren Blitz so schnelle.

Und wenn alle Wasser stiegen,
Und wenn alle Ströme rännen,
Würden sie sie nicht besiegen,
Nimmer sie erlöschen können!

Was in meinem Haus sich findet,
Alles Gut, wenn ich's wollt' geben
Um die Liebe, die mich bindet,
Ach, ich hätte nichts gegeben!

Schön und lieblich meine Füße
In den goldnen Schuhen stehen,
Und mein Haupt, wenn ich ihn grüße,
Ist wie eines Helmbuschs Wehen!

Wie zwo Spangen schön sich schwingend,
Von des größten Meisters Händen,
Eben aneinander dringend
Stehen freudig meine Lenden!«

Doch nun lischt der Kerzen Schimmer
Und Biondette singet: »Wehe,
Wehe, Wehe, Lebensschimmer,
Holdes Leben, nicht vergehe!

Sterbet nicht, ihr süßen Lieder,
Wollt, o wollt nicht von mir schweben!
Sterbet nicht, ihr raschen Glieder;
Laßt euch froh zum Tanze heben!«

Eh' die Lampe auch verglimme,
Will sie freudig nochmals schweben;
Doch sie hört nicht ihre Stimme,
Fühlt nicht ihrer Füße Schweben.

Weh! es walten böse Künste,
Laut die frühen Hähne krähen;
Kehrt, ihr Geister, aus dem Dienste,
Denn der Tag will auferstehen!

Und Meliore kömmt zu Sinnen.
Licht und Lied und Lieb entschweben,
Mächtig fühlt er sich von hinnen
Auf die öde Straße heben.

Kühl umwehn ihn Morgenwinde,
Wunderbar ist ihm geschehen,
Denn er kann noch ihre Binde
Auf der frischen Wunde sehen.

Und die nahe Glocke klinget,
Und er hört die ersten Messen:
Bete, bete, nie gelinget,
Die Geliebte zu vergessen!



Aus: Clemens Brentano, Werke, Erster Band
Hrsg. von Wolfgang Frühwald, Bernhard Gajek und Friedhelm Kemp; Carl Hanser Verlag, München, 1968 (S. 881-896)
 

 

 


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