Liebes-Balladen, Romanzen u. ä.

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58




Karl Philipp Conz
(1762-1827)


Inhaltsverzeichnis der Balladen:
 




Gadafer

Es scharret am Ufer ein milchweiß Roß,
Es scharret und stampft die Erde bloß,
Es wiehert hinaus in die Morgenluft,
Zum Himmel sein sehnend Wiehern ruft.

Ist's nicht Herrn Grünlands milchweiß Roß?
Das scharret alljährlich die Erd' hier bloß,
Seit es verloren den edlen Herrn,
Herrn Grünland, des Artusordens Stern.

Es war die schönste Maienzeit,
Die Anger blühten im Blumenkleid;
Die Sonne so lind, die Lüfte so frisch, -
Herr Grünland reitet durch's Gebüsch.

Und jetzt dem Ufer des Meeres nah,
Hilf Himmel, was er da nicht sah!
In einen Nebel von Seide gehüllt
Schlief dort das schönste Frauenbild.

Ab sprang er vom Roß, er hielt sich nicht;
Er schlich auf den Zeh'n zum Wundergesicht;
Er küßte die holde Schläferin wach,
Und Zorn und Verzeihung folgten nach.

Und oft er kam zu dem einsamen Strand,
Und oft die schöne Fei er dort fand;
Sie schwelgten zusammen bei Kuß und Kuß,
Die Herzen tauschend im Liebegenuß.

Seitab vom Rasen auf grasigem Feld
War Gadafer stets zur Wache bestellt.
Es umschirmten Erlen den Hügel der Lust.
Manch Ahnen durchzittert' Gadafers Brust.

Als Pfingsten erschien im Mondenschein,
Da halten die Schwestern den lieblichen Reih'n:
'O Lieber, o Lieber, so stell' dich doch ein,
Zu tanzen mit mir in dem lieblichen Reih'n!'

Herr Grünland, ganz von Liebe berückt,
Als der Mond aufgeht, zum Ritte sich schickt:
"Was sträubst du dich, Roß? Was wandelt dich an?
Fort! Tummle dich, bring' mich zum heimlichen Plan!

Fort! Tummle dich, sei willfährig dem Herrn!
Schon läuten die silbernen Glöckchen von fern." -
Die Düfte der Lüfte so rein und so fein,
Und lichte Gesichte hell funkeln darein.

Seitab vom Hügel auf grasigem Feld
Ist Gadafer jetzt zur Wache gestellt,
Als Grünland nah an des Meeres Gestad
Der Schönheit der Schönen sich wieder naht.

Sie führt in der Schwestern Reihen ihn ein,
Sie tanzt mit ihm in dem lieblichen Reih'n,
Und von unsichtbaren Saiten erschallt
Die schöne Musik durch den Zauberwald.

Wie glühen die Blicke! Wie brennt sein Gesicht!
Gadafer wiehert, er hört es nicht;
Der Mond durchbebet der Erlen Kranz,
Um den sich wirbelt der lustige Tanz.

Sie herzt ihn, sie drückt ihm die Hände so warm,
Geschlungen um ihn den seidenen Arm,
Die Schwestern staunen, - in Wollustgluth
Ist aufgelöst sein ganzer Muth.

Die Schwestern winken: 'Die Luft wird kalt!
Auf, enden den Tanz wir, der Hahn kräht bald!'
Sie drückt an ihn ihr Rosengesicht:
Gadafer schnaubt stärker, - er hört es nicht.

'O folge mir, Lieber! Verlaß mich nicht!'
Mit brünstigen Armen sie fest ihn umflicht;
Sie zieht ihn fort an des Meeres Strand,
Sie verschwindet mit ihm in das - Feenland.

Es scharrt am Ufer ein milchweiß Roß,
Es harret und stampft die Erde bloß,
Es wiehert hinaus in die Morgenluft,
Zum Himmel sein sehnend Wiehern ruft.

Ist's nicht Herrn Grünlands milchweiß Roß?
Das scharret alljährlich die Erd' hier bloß,
Seit es verloren den edlen Herrn,
Herrn Grünland, des Artusordens Stern.
(S. 100)
_____



Der Schwanenritter

Es wallet und woget in lichtem Schein
In's Land hinein der alte Rhein,
Und über ihm ein stattliches Schloß
Sich luftig beschauet in seinem Schooß.

Die schönste der Jungfrauen tritt herfür:
'Mir wird so eng im Schlosse dahier:
O könnt' ich doch, ihr Wellen, mit euch
Hineilen in das weite Reich!'

Und wie nieder sie schaut, sieh! wohlgethan
Kommt auf dem Strome geschwommen ein Schwan;
Der hätt' ein gülden Kettlein an,
Und hinter dem Kettlein zeucht ein Kahn.

Und stolz in dem Kahn ein Recke steht,
Hoch, edler Geberde, voll Majestät,
Im schönen, blinkenden Panzergewand;
Ein Hörnlein trägt er in der Hand.

An der Seite schimmert sein Schwert so breit;
Vom Fingerlein glänzt ein Edelgeschmeid,
Das Fingerlein strahlt von Golde so hell
Hinunter in die rauschende Well'.

'O wär' der herrliche Jüngling mein,
Und wär' ich die Nacht mit ihm auch allein,
Würd' mir nicht bang und die Zeit nicht lang,'
Seufzt sie erröthend, von Liebe krank.

Und wie sie seufzet, landet der Kahn
Schon an dem lachenden Ufer an,
Und heraus der herrliche Jüngling tritt,
Und nahet der Burg mit raschem Schritt.

Und die Jungfrau, züchtig zu ihm gewandt:
'Woher, o Jüngling? Aus welchem Land?
Wer ist dein Herr Vater, laß mich fragen,
Und deine Frau Mutter und deine Magen?'

"Und willst du mich freien, so bin ich dein,
Will dir und der Burg ein Schirmherr seyn;
Nur nicht nach Vater und Mutter und Magen,
Nach meinem Namen sollst du nicht fragen!

Vertraust du meinem Worte zuhand,
Und glaubst, dir habe mich Gott gesandt,
So wird die Eh' zum Segen uns werden,
Und ein Himmel uns blühen auf der Erden.

Zur Stunde, da du zweifelnd wirst fragen
Nach meinem Vater, Mutter und Magen,
Muß ich mit meinen Schwanen verschwinden,
Und nie wirst du mich wieder finden."

Sie lebten in liebesel'ger Eh',
Es grünte des Berges luftige Höh',
Es grünt' im üppigen Segen die Au,
Die Sonne war schöner, die Luft war blau.

Schön wurde gewaltet zu Schirm und Wehr
Das segenprangende Land umher;
Der Ritter, er hieß der Ritter von Schwan,
Und liebliche Kinder blühten heran.

Da - einst in liebetrunkener Nacht
Spricht zum Ritter Frau Else mit Unbedacht:
'Herzlieber, um deine Kinder! sag' an:
Wer ist dein Vater, wer ist dein Ahn?'

Der Ritter, er seufzt', er seufzte tief,
Und traurig an ihrer Seit' entschlief.
Früh Morgens, da kam mit dem Schwane der Kahn,
Und führt' hinweg den Ritter von Schwan.

Und als sie erwacht den Lieben nicht fand,
In Ohnmacht jeglicher Sinn ihr schwand;
Von Stund' an erkrankt sie in herzschwerem Leid,
Und starb bald nach derselbigen Zeit.

Doch die Kinder, sie blühten den Rosen gleich,
Und wurden Grafen und Fürsten im Reich.
Noch ist die Schwanenburg zu schau'n,
Und warnt vor Neugier die zarten Frau'n.
(S. 100-101)
_____



Die Finnenhochzeit

In König Sumblus Hallen erhub sich Freudenspiel,
Es saßen da der Recken und edlen Degen viel,
Der König in der Krone mit Edelstein geschmückt;
Bei ihm die schöne Tochter im Brautschmuck man erblickt.

Zur Hand der Vogt von Sachsen als Bräutigam ihr saß.
Ei, was da nicht von Freuden und Lust ein Uebermaß!
Es strömt in goldnen Schalen der purpurrothe Wein. -
All' Sorg' und trübe Schwere, sie müssen vergessen seyn.

Da tritt herein ein Harfner, gar wunderseltsam gestaltet,
Vermummt, mit grauendem Barte, und Rock und Mantel veraltet:
"Willkomm zu hohen Freuden, willkommen schöne Maid!
Willkomm, Herr König in Trauer! Willkomm Herr Bräut'gam zu Leid!"

""Was, Leid im Freudensaale? Du wunderlicher Gast!
Setz' dich, und wenn du getrunken und satt gegessen dich hast,
So freu dich mit den Freudigen, und nimm das Wort zurück!
Wo nicht, so eile, du Schlimmer, von hinnen im Augenblick!""

So Sumblus zu den Gästen. Gar seltsam tritt's ihn an.
Der Gast: "Was ihr euch freuet, das ist nur alles ein Wahn;
Was oft mit Freude begonnen, ist bald in Leid zerstoben.
Man soll, hört ich oft sagen, den Tag vor'm Abend nicht loben!"

""Wie, bist du krank an Sinnen, und doch ein Harfner gut?
Wie, bannt dir nicht die Harfe der Sorge schweren Muth?
Auf, greife zu den Saiten! Laß frisch ein Lied uns hören!
Ein neues Lied, ein munt'res Lied! So wollen wir baß dich ehren!""

Rasch schlug er in die Saiten, er sang von einer Braut,
Die einem edlen König ein König hätt' getraut,
Und hätt' sie ihm gesichert fest in die rechte Hand,
Und dann in falschen Treuen den Sinn schnell abgewandt.

"O wer auf Weibertreue und Männerschwüre baut,
Dem Sande und dem Wasser der seinen Fuß vertraut!
Ich mochte nimmer zagen mit flammenheißem Muth
Vor Lanzen und vor Pfeilen, vor Schwertern roth von Blut.

Acht übermuthe Recken warf hin mein Schwert zumal;
Neun streckte meine Lanze voll wilden Grimms zu Thal:
Und soll jetzt so gehöhnet vor Braut und Rittern steh'n,
Und einem fremden Bräutigam vermählt die meine seh'n? -

O du viel falscher Vater, o du viel falsche Braut!
O du viel falscher Bräutigam!" so schrie er wild und laut.
Den König kam ein Zagen, die Braut ein Zittern an,
Als mit gezücktem Schwerte mit eins den Harfner sie sah'n.

Weg warf er Bart und Larve, enthüllte sein Gesicht:
Garm war's, der edle König, entflammt von Zornes Licht; -
Und alle die Recken im Saale, die fuhren erschrocken auf,
Als auf den Vogt von Sachsen er fuhr in grimmigem Lauf.

Und eh' sie sich mochten besinnen, lag Heinz schon todt im Blut:
"Da lieg nun, Ungesunder, und feire die Hochzeit gut!"
Und rasch die Braut aus dem Saale er aufhub löwenstark,
Und fort vom Finnenfeste sie führte nach Dänemark.
(S. 101-102)
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Aus: Deutschland's Balladen- und Romanzen-Dichter
Von G. A. Bürger bis auf die neueste Zeit
Eine Auswahl des Schönsten und charakteristisch Werthvollsten
aus dem Schatze der lyrischen Epik
in Balladen und Romanzen, Mären, Legenden und Erzählungen
nebst Biographieen und Charakteristiken der Dichter
unter Berücksichtigung der namhaftesten kritischen Stimmen
von Ignaz Hub Zweite, gänzlich umgearbeitete und stark vermehrte Auflage
Karlsruhe Verlag von Wilhelm Creuzbauer 1849






 


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