Liebes-Balladen, Romanzen u. ä.

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58



Karl Geib
(1777-1852)


Inhaltsverzeichnis der Balladen:
 




Der Sturm

Die Jungfrau harret auf Mona's Höh':
Es weicht die Sonn', es grollt die See.

Von Osten wandelt das Wetter an,
Und seufzend denkt sie an Athelstan.

Durch Wolken schlängelt der Blitz sich wild -
"So" - spricht sie - "leuchtet des Helden Schild!"

Und immer dunkeler sinkt die Nacht -
"So schwarz ist seine Kriegestracht!"

Es peitschet der Sturm die Wog' im Meer -
"So stürmt er gegen den Feind einher!"

Da ringt mit den Fluthen ein hohes Schiff;
Die Brandung wirft es an's Felsenriff.

Es ahnet der Maid so trüb und bang;
Da höret sie der Geister Sang.

Nacht-Elfen singen im Eulenton:
'Dein Treuer ist des Todes Sohn!

Er sank am Fels in der Wogen Grab,
Dort findest du ihn - o steig hinab!'

Licht-Elfen singen im Lerchenton:
'Noch ist ihm nicht die Kraft entfloh'n.

Er ringt mit den Fluthen, er ist dir nah!'
Doch Trümmer des Schiffes ihr Aug' nur sah.

Sie bebet und hofft in öder Nacht:
Da theilt sich die Wolke, das Licht erwacht.

Ein Schwimmer strebet mit Macht an's Land;
Bald sie in des Theuern Arm sich fand.

"O Liebster! Ich wollte zu dir hinab!" -
""Dein Bild, Geliebte, mir Stärke gab!"" -

Mit Wonne belohnt sich das Vertrau'n:
Sie wallen umschlungen auf grünen Au'n,

Und streuen an Freia's Hochaltar
Maiblüthen der freundlichen Elfenschaar.
(S. 260)
_____



Kaiser Friedrich und Gela

Friedrich Barbarossa nennet
Jeder gern, den Biedermann,
Ihn, der Minnelieder tönte,
Welchen Ehr' und Sieg bekrönte,
Der getrotzt dem Priesterbann.

Zu der Laute sei gesungen,
Was von ihm die Kund' enthüllt,
Als er, noch in Jünglingsjahren,
Wonn' und Schmerzen einst erfahren
In der Wetterau Gefild'.

Dorten haus't am Kinzigufer
Hohenstaufens edler Sohn,
Auf der Jagd die Flur durcheilend,
Gern auch still im Haine weilend
Bei der Nachtigallen Ton.

Doch was scheucht aus seinem Herzen
Bald die Ruh', die heitre Lust?
Eine Jungfrau, die vor allen
Reiz und Anmuth sanft umwallen,
Hauchet Lieb' ihm in die Brust.

Gela, seines Burgmanns Tochter,
Sieht er in dem Bogengang,
Und entglüht in heißem Triebe:
"Schönstes Fräulein, ach! ich liebe
Euch!" so rief er leis' und bang.

Doch erröthend, mit gesenktem
Auge, steht die junge Maid.
"Zürne," - fleht der Ritter - "zürne
Nicht dem Kühnen, edle Dirne,
Wenn er deine Hand entweiht!"

Und er läßt die Hand, und eilet
Fort; doch Gela meidet ihn
Seit dem Tag; in sich verschlossen,
Trübe, finster und verdrossen,
Schweift er durch die Wälder hin.

Langsam wandelt einst am Abend
Friedrich an des Haines Bucht,
Da erscheint im weißen Kleide
Sie, die Kräuter auf der Haide
Für die kranke Schwester sucht.

Grüßend sie mit Ehrfurcht, wallet
Er vorüber, - ach! der Saum
Des Gewands berührt ihn; strebend,
Sich zu fassen, wankt er, bebend
An den nächsten Eichenbaum.

Tief war Gela's Herz gerühret,
Lieb' auch fühlt die Maid in sich;
Schüchtern sagt sie: 'Ihr könnt finden
Morgen, wenn die Sterne schwinden,
In der Burgkapelle mich!' -

Früh im feierlichen Tempel,
Wo die heil'ge Stille wohnt,
Steh'n sich Beid' im letzten Scheine,
Den, bestrahlend Flur und Haine,
Auf den Altar wirft der Mond.

Ihm zur Seite spricht die Holde:
'Höre, Friedrich, auf mein Wort!
Du bekanntest deine Triebe,
Ich gesteh' auch meine Liebe
Hier am gottgeweihten Ort.

Doch dir kann ich nimmer werden
Gattin; über Leut' und Land
Wirst du einst zum Herrn erwählet,
Und ein Weib sei dir vermählet,
Aus der Fürsten hohem Stand!

Aber - fehl' ich, so vergebe
Die Erbarmungsreiche mir,
Deren Bild wir nahe stehen, -
Jeden Morgen kannst du sehen
Mich in der Kapelle hier.

Aber ohne Zeugen nimmer
Darf ich anderswo dich schau'n:
Rein sei unsre Lieb' im Leben!
So mit mir hinüber schweben
Soll sie einst in sel'ge Au'n.' -

"Ha! für dich," - ruft der Entbrannte -
"Laß' ich fahren Ruhm und Glanz,
Werd' ein Pflüger dieser Erde,
Weid' als Hirt die kleine Heerde;
Denn mich lohnt der Liebe Kranz."

Aber Gela's sanfte Worte
Gießen neue Kraft und Licht
In die Seele des Betrübten -
Ja, er folget der Geliebten,
Und gedenkt der herben Pflicht.

Jeden Tag im Zwielicht eilen
Beide nach dem Tempel hin,
Ruh'n, in Wonnetraum gewieget,
Und an Gela's Wange schmieget
Er sich, doch mit reinem Sinn.

Ein beglücktes Jahr entschwindet,
Sieh! da folgt des Kaisers Ruf'
Rasch sein Heer nach fernen Landen
Wider Sarazen'sche Banden
Rings ertönt der Rosse Huf.

Ehr' und Pflicht, und der Geliebten
Stimm', ermahnen Friedrich; fort
Eilend ruft er: "Ewig währet
Uns're Lieb', und unversehret!" -
'Ewig!' ist ihr letztes Wort.

Fern geht er zum heil'gen Strande,
Kehrt zurück mit Sieg und Ruhm;
Schon in bess're Welt enteilet
Ist sein Vater, und ertheilet
Wird ihm Schwabens Herzogthum.

Und er sucht am Kinzigufer
Seine Gela; - doch es hat
In dem nahen Sitz der Frommen
Jüngst den Schleier sie genommen.
Traurig lies't er dieses Blatt:

'Hohenstaufen! Deiner Würde
Ziemt ein Weib vom Fürstenstand.
Froh sah ich ein Jahr verschweben,
Dies genüget meinem Leben:
Unsre Lieb' ist ew'ges Band!' -

Friedrich, als zum Kaiserthrone
Er emporgestiegen, nahm
Eine Gattin, die er ehret,
Doch nicht liebt, und immer währet
Um die Jungfrau Lieb' und Gram.

An dem Hain, wo ihm begegnet
Einst das holde Mädchenbild,
Läßt er eine Stadt erbauen -
Gela'shausen - die wir schauen
In der Wetterau Gefild'.
(S. 261-262)
_____


Aus: Deutschland's Balladen- und Romanzen-Dichter
Von G. A. Bürger bis auf die neueste Zeit
Eine Auswahl des Schönsten und charakteristisch Werthvollsten
aus dem Schatze der lyrischen Epik
in Balladen und Romanzen, Mären, Legenden und Erzählungen
nebst Biographieen und Charakteristiken der Dichter
unter Berücksichtigung der namhaftesten kritischen Stimmen
von Ignaz Hub Zweite, gänzlich umgearbeitete und stark vermehrte Auflage
Karlsruhe Verlag von Wilhelm Creuzbauer 1849





 


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