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Emanuel Geibel
(1815-1884)
Die Winsbraut
Nun ist
der Frühling kommen ins Land,
So wonnig geht sein Hauch;
Es schlägt die junge Nachtigall
Im blühenden Fliederstrauch.
Sie
schlägt so süß, sie singt so trüb
Von großer Liebesmacht;
Am Spiegel steht das Burgfräulein
Und strählt ihr Haar und lacht.
Da tritt
ihr Bruder dar zu ihr:
"O Schwester Kunigund,
Verzeih' dir Gott das Lachen
Von deinem rothen Mund!
"Verzeih' dir Gott dein arges Spiel
Und deinen harten Sinn!
Wer hat dich solche Kunst gelehrt
Du stolze Zauberin?
"Du
fängst mir Ritter und Edelknecht
Mit deiner Augen Schein;
Du singst ihr Herz in Liebesglut,
Und deins bleibt kalt wie Stein.
"O
Schwester, wer mit Flammen spielt,
Der lösch' auch, wo es brennt;
Dein Locken und dein Höhnen
Das nimmt kein gutes End."
Das
Fräulein schüttelt ihr goldnes Haar:
"Du sprichst nicht nach Gebühr.
Und glänzt mein Aug', und blüht mein Mund,
Sag' an, kann ich dafür?
"Was
schiert mich all die Liebesglut,
Von Ritter und Edelknecht?
Laß sie verderben und sterben!
Sie sind mir viel zu schlecht.
"Laß sie
verderben und sterben!
Eh' sie mich lehren frein,
Der Wind, der Wind, das Königskind,
Soll eh' mein Buhle sein."
Zu Nacht
das Fräulein schlief im Saal;
Sie hatt' einen schweren Traum.
Ihr war's, sie flög' ein Vogel
Im bodenlosen Raum.
Sie flog
und hatte nicht Rast, es ging
Ein Sausen hinterher,
Hoch über ihr die leere Luft
Und unter ihr das Meer.
Und
plötzlich ward es todtenstill,
Ihr Flügel war wie Blei:
Hinunter stürzt sie jählings -
Da wacht sie auf im Schrei.
Da
horch, was klirrt und klingt im Saal?
Die Fenster springen auf -
So wie das Sausen dort im Traum
So fließt's an ihr herauf.
Des
Lagers Decken lüften sich,
Sie weiß nicht wie's geschehn;
Ihr faltig Nachtkleid flattert,
Ihr goldnen Locken wehn.
Es küßt
sie was so kühle,
Daß ihr das Blut gerinnt;
Es kommt ein langer luft'ger Arm,
Und hebt sie auf geschwind.
"Hinaus,
hinau, Feinslieb, und fort
Im weißen Mondenschein!
Und ist dein Fuß gleich unbeschuht,
Es geht zum Hochzeitsreihn.
"Ich bin
der Wind, das Königskind,
Du überstolzes Blut:
Die Wälder neigen sich unter mir,
Und mir gehorcht die Flut."
Und über
die Wälder trägt er fort
Und über das Meer sein Lieb,
Mit Saus und Braus und Pfeifenklang -
Weiß keiner, wo sie blieb.
Aus: Emanuel Geibel
Gesammelte Werke in acht Bänden.
Stuttgart Verlag der J.G. Cotta'schen Buchhandlung 1883
Band 2 (S. 161-163)
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