Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832)


Äolsharfen
Gespräch

Er
Ich dacht, ich habe keinen Schmerz;
Und doch war mir so bang ums Herz,
Mir wars gebunden vor der Stirn
Und hohl im innersten Gehirn -
Bis endlich Trän auf Träne fließt,
Verhaltnes Lebewohl ergießt. -
Ihr Lebewohl war heitre Ruh,
Sie weint wohl jetzund auch wie du.

Sie
Ja, er ist fort, das muß nun sein!
Ihr Lieben, laßt mich nur allein;
Sollt ich euch seltsam scheinen,
Es wird nicht ewig währen!
Jetzt kann ich ihn nicht entbehren,
Und da muß ich weinen.

*

Er
Zur Trauer bin ich nicht gestimmt,
Und Freude kann ich auch nicht haben:
Was sollen mir die reifen Gaben,
Die man von jedem Baume nimmt!

Der Tag ist mir zum Überdruß,
Langweilig ists, wenn Nächte sich befeuern;
Mir bleibt der einzige Genuß,
Dein holdes Bild mir ewig zu erneuern.
Und fühltest du den Wunsch nach diesem Segen,
Du kämest mir auf halbem Weg entgegen.

Sie
Du trauerst, daß ich nicht erscheine,
Vielleicht entfernt so treu nicht meine,
Sonst wär mein Geist im Bilde da.
Schmückt Iris wohl des Himmels Bläue?
Laß regnen, gleich erscheint die neue;
Du weinst! Schon bin ich wieder da.

Er
Ja, du bist wohl an Iris zu vergleichen!
Ein liebenswürdig Wunderzeichen;
So schmiegsam herrlich, bunt in Harmonie
Und immer neu und immer gleich wie sie.



Aus: Johann Wolfgang von Goethe
Goethes Gedichte in zeitlicher Folge. Insel Verlag.
Herausgegeben von Heinz Nicolai. 7.Auflage 1990 (S. 1008-1010)
 

 

 


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