Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Friedrich Wilhelm Gotter
(1746-1797)


Der Schwur
1787

Daphnis
Bey des Mondes Zauberlichte,
Das vom hohen Himmel stralt,
Aller dieser Wipfel Früchte
Rings umher mit Silber malt,
Schwör' ich -

Daphne
Hüte dich zu schwören
Bey des Mondes falschem Glanz!
Oder wechselt deine Liebe,
Wie sein wunderbarer Tanz?

Daphnis
Nacht und Himmel sollen's hören,
Daß ich dich zum Abgott wähle,
Daß getreuer keine Liebe,
Daß noch keines Jünglings Seele
Redlicher, als meine, war!

Daphne
Daphnis! Daphnis! Sprichst du wahr?

Daphnis
Himmel, sey des Meindeids Rächer!

Daphne
Ach, er duldet auch Verbrecher.

Daphnis
Zeuge, zeuge gegen mich, o Nacht!

Daphne
Ach, sie schweiget, wann der Meineid wacht.

Daphnis
Sprich dann selbst, bey welcher Macht,
Daphne, soll ich schwören?

Daphne
Bey dir selbst must du mir schwören,
Soll ich dein Gelübde hören.

Daphnis
Nein, bey dir, die meiner Liebe
Lange schon der Himmel war,
Bey dir selbst will ich dir schwören.

Daphne
Du nur, Jüngling meiner Liebe,
Bist die Gottheit, die ich wähle.

Daphnis
Dich nur ehret meine Seele
Als den heiligsten Altar.



Aus: Friedrich Wilhelm Gotter - Gedichte.
Neu-verlegt bei Herbert Lang 1971.
Nachdruck der Ausgabe Gotha, Carl Wilhelm Ettinger 1787 (S. 346-349)
 

 

 


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