Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Friedrich Wilhelm Gotter
(1746-1797)


Antiochus und Stratonice
Romanze
1786

Es schien nur für Antiochus
Stratonice geboren;
Kein schönres Weib war auf der Welt,
Auch hatte sie der junge Held
Sich heimlich auserkohren.

Er liebt', und litt, und Niemand war,
Der seinen Kummer theilte.
Ihm schloß ein neidisches Geschick
Den Mund, wann, unbelauscht, sein Blick
Voll Perlen auf ihr weilte.

Zu wohl verstand Stratonice
Des nassen Blickes Sprache.
Sie, einst des Kummers ungewohnt,
Sie fand in Thränen jezt der Mond,
Im schweigenden Gemache.

Geführet hatte sie der Krieg
In seines Vaters Bande.
Sein Vater war des ihren Feind. -
Die Schwerder ruhn; der Fried' erscheint,
Und wählet sie zum Pfande.

O, Friede, nimm zwey Herzen wahr,
Die lang' im Stillen brennen!
Lös' ihren Mund durch deinen Kuß! -
Nicht Friede - Zwietrachtgenius,
Kömmt er, um sie zu trennen.

Der König selbst heischt ihre Hand
Vom neuen Bundsgenossen.
Sie hört's, und fluchet dem Geschicke,
Und wünscht die Fesseln sich zurück,
Die vormals sie umschlossen.

Doch fragte kalte Staatskunst je
Nach eines Mädchens Klagen?
Unwiederruflich ist ihr Schluß. -
Antiochus! Antiochus!
Wie wirst du das ertragen?

Dort, an des Stromes jähstem Rand,
Irrt er in Sturm und Wetter.
Wild schaut er in das offne Grab -
Jezt wankt sein Fuß - er stürzt hinab -
O, haltet ihn, ihr Götter!

Ach, keinen andern Sohn, als ihn,
Natur, wag's so zu prüfen!
Verlassen wird ihn der Verstand,
Von Blut wird die verruchte Hand,
Vom Blut des Vaters triefen.

Ihn faßt bey dem Gedanken schon
Die Furie der Reue.
Nein, seinem Vater flucht er nicht;
Nein, seines ganzen Zorns Gewicht
Fällt auf die Ungetreue.

"Ich Thor! spricht er zuletzt, sie fragt
Nach Vater nicht, noch Sohne;
Der Stolz entscheidet ihr Wahl;
Gleichgültig ist ihr der Gemahl,
Willkommen nur die Krone.

Sie sey gekrönt! doch will ich noch
Ihr den Triumph verbittern.
Ein Blick knüpft edler Seelen Band,
Ein Blick straft ihren Unbestand,
Sie soll mich sehn - und zittern. -

Altar und Opfer sind geschmückt,
Gefüllt des Bundes Schale.
Gestützt auf ihrer Weiber Hand,
Naht, langsam, bleich, wie ihr Gewand,
Die zitternde Vestale.

Und bey dem König steht der Prinz,
Erblickt sie - sinket nieder.
Die Rosen welken vom Gesicht,
Sein himmelblaues Auge bricht,
Hinsterben seine Glieder.

Man trägt ihn fort. Ein Klaggeschrey
Verdrängt die Hymenäen.
Der König geht; die schöne Braut
Folgt, ohne Thränen, ohne Laut,
Und glaubet zu vergehen. -

Der arme Prinz! da ist kein Arzt,
Kein Gott, der ihn errette!
Der Hofnung letzter Schimmer flieht.
In brünstigem Gebete, kniet
Sein Vater an dem Bette.

Jetzt naht sich auch Stratonice,
Zerfleischt von inn'rem Kummer.
Der Prinz kennt ihren Tritt, erwacht
(O Liebe, groß ist deine Macht!)
Aus seinem Todesschlummer.

Und wähnet, von Elysium
Den Vorschmack zu genießen.
Sein halberloschnes Auge starrt,
Als hätt' es ihrer nur geharrt,
Um lächelnd sich zu schließen.

Und seine bleiche Lippe bebt,
Als ob er leise spräche;
Doch Seufzer dringen nur hervor,
Und kämpfend fliegt sein Herz empor,
Als ob es endlich bräche.

"O, ruft der Arzt prophetisch aus,
Stratonice, verschiebe
Des armen Prinzen Rettung nicht!
Dein ist die Macht! dein ist die Pflicht!
Er stirbt für dich aus Liebe!" -

Der König hört's, und bebt, und ruft:
"Sohn, lebe! nimm sie wieder!" -
Mehr seine Mutter noch, als Braut,
Steht sie, von Schaam geröthet, schaut
Erbarmend auf ihn nieder.

Jetzt beugt sie sich, des Kranken Hand
Vom Vater zu empfangen;
Jetzt kehrt in seinen matten Blick
Des Lebens erster Stral zurück -
Und Hofnung auf die Wangen.

Heil sey dem Arzt! mein Lied soll ihn
Vom Untergange retten.
Sein Nam' ist Erasistratus -
O, schwebte noch sein Genius
Um Liebeskranker Betten!



Aus: Friedrich Wilhelm Gotter - Gedichte.
Neu-verlegt bei Herbert Lang 1971.
Nachdruck der Ausgabe Gotha, Carl Wilhelm Ettinger 1787 (S. 350-358)
 

 

 


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