Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Franz Grillparzer
(1791-1872)


Der Kuß

Einst fand bei ihren Schafen
der muntre Titirus
die junge Kloë eingeschlafen.
Er raubt ihr einen süßen Kuß,
und fliehet schnell, die Schläferin erwachet,
von seinem kühnen Raub geweckt,
sieht sich allein, doch bald entdeckt
sie den Verwegnen, der versteckt
im Busche ihres Zornes lachet,
und sie mit reifen Brombeern neckt.
Die Schöne, tief beleidigt
verweist ihm weinend seinen Raub,
indes, versteckt in Moos und Laub,
bei allen ihren Klagen taub,
er sich mit lautem Lachen nur verteidigt.
Doch endlich als die Kleine gar nicht schweigt,
und immer lauter klaget, steigt
er aus dem luftigen Asyl herunter.
"Was, Närrchen", spricht er, "ficht dich an?
Wer uns hier sähe dächte wunder
was Arges ich dir angetan!
Was ist's denn weiter als daß ich dich küßte!
und darum weinst du dir die Augen blind?"
"Ach das ist's eben" schluchzt das arme Kind
"warum ich weine, wenn's die Mutter wüßte,
daß mich ein hübscher Knabe küßte,
weiß Gott, es wär um mich geschehn!"
Der Hirte lachet bei dem Flehn
des Mädchens. "Nun bei meinem Leben
das ist doch sonderbar", spricht er.
"Doch kränkt dich ein geraubter Kuß so sehr
so will ich ihn dir gerne wiedergeben."
"Ach Lieber ja, das tue", spricht
erfreut die kleine Schöne,
und wischt des Schmerzes bittre Träne
schnell von dem reizendem Gesicht.
Der frohe Hirt umschlingt sie mit den Armen,
preßt sie an seinen Busen, und
drückt einen langgedehnten, warmen,
beseelten Kuß auf ihren Rosenmund.
Das Mädchen sieht vor sich zum Boden nieder,
erseufzt aus tiefer Brust, und legt
die weißen Händchen tief bewegt
aufs Herz das tobend ihr im Busen schlägt.
"Nun" spricht sie, nun hab ich ihn wieder
den Kuß, und meine Ehr ist unversehrt!"
Der Hirte will laut lachend gehen;
doch kaum hat er den Rücken ihr gekehrt,
als er das Mädchen rufen hört,
und lauter lachend bleibt er stehen,
und fragt, was ihr Begehren sei!
Sie spricht mit schamgesenktem Blicke
"Ach du gabst mir nur einen Kuß zurücke
und stahlst mir doch im Schlafe zwei!"
"Nun wohl", ruft Titirus,
"du sollst auch deinen zweiten Kuß
zurück bekommen, ich bin billig!
Das ganze Dorf bezeugt mir das!"
Er spricht es und zieht sie zu sich ins Gras.
Die blöde Kleine folgt ihm willig.
Die Wange hochgefärbt von Scham und Glut
sitzt sie auf seinem weichen Schoße,
und der gefährliche Bezahler ruht
nicht eher, bis ihr Mund gleich einer Rose,
die in dem Strahl der Abendsonne blüht
von mehr als hundert Küssen glüht.
Die Schöne fing nun wieder an zu weinen,
daß er statt des verlangten einen,
ihr mehr als hundert Küsse gab;
und sollte sie sich nicht zu Tode grämen
mußt er den Überschuß zurücke nehmen,
man rechnete nun wieder ab,
der Schäfer aber hört nicht auf zu irren
man mußte stets von neuem subtrahieren,
und kurz, ein alter Hirt,
der abends sie im tiefen Gras entdeckte
fand ihre Rechnung so verwirrt
daß er mit Zetterschrein sie von einander schreckte.

 

Aus: Franz Grillparzer: Werke. Band III: Gedichte, Epigramme, Satiren, Autobiographische Schriften. Winkler Verlag München 1971 (Nach dem Text der historisch-kritischen Gesamtausgabe, hrsg. von August Sauer und Reinhold Backmann, Wien 1909-1948) (S. 50-52)

 

 


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