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Anastasius Grün
(1806-1876)
Der Brautkuß
Ballade
Was
flattern die Raben am Hochgericht?
Was wimmert der Eulen ächzend Gezücht?
Sie wimmern der Sünderin Leichengesang,
Den Totenreihn flattern die Raben bang.
Was
blicket der Mond so bleich herab?
Er blicket traurig aufs frische Grab,
Wo eingescharrt die Verbrechrin, die heut
Am Rade der grinsende Tod gefreit.
Ein
Knäblein, das sündige Liebe gebar,
Rang hilflos das zarte Händepaar;
Statt Lebens gab Tod ihm der Mutter Hand,
Weil treulos der Vater in fernem Land. -
Der
zieht nun zur Heimat bei stiller Nacht,
Kein Ahnungsbild ist in dem Falschen erwacht,
Vergessen die Taube, die er verführt,
Weil neue Liebe sein Herz nun regiert.
Und
sinnend wallt er in die Nacht hinein,
Hell blinken die Sterne, der Mond so rein;
Da flattert der Raben und Eulen Gezücht,
Und siehe! er steht am Hochgericht.
Dort
schimmert im silbernen Mondenlicht
Ein frisches Grab; er kennt es wohl nicht -
Und neben dem Leichenhügel hinab
Senkt tief sich, noch offen, ein anderes Grab.
Da fährt
es ihm schaurig und kalt durch den Sinn,
Er starrt auf die beiden Gräber hin,
Und wie er aus seinem Entsetzen erwacht,
Sieht wandeln er eine Gestalt durch die Nacht.
Sie
wallet ihm näher, und er erblickt
Ein Mädchen, von himmlischer Anmut geschmückt;
Ein Kranz ihr weißrosig die Stirne umschließt,
Von welcher das goldne Lockenhaar fließt.
So steht
vor ihm das herrliche Weib,
Ein Band von Demant umschlingt ihr den Leib,
Es streuet der Mond sein Silberlicht
Ihr mild in das bleiche Angesicht.
Und als
er ins Antlitz der Wanderin schaut,
Erblickt er erstaunt die betrogene Braut;
Nun lodert der Liebe erstorbene Glut,
Es fließt ihm so wohl durch Gebein und Blut.
"Woher,
fein Liebchen, so spät bei der Nacht?
Was hat aus dem wärmenden Bett dich gebracht?"
"Ich floh aus der Kammer, da weil' ich nicht gern,
Denn, Liebster, ich glaubte dich treulos und fern.
Es ließ
im Gemach mir nicht Rast und Ruh',
Drum wallt' ich im Gram deinem Pfade zu."
"Was deutet am Haupte der rosige Kranz?
Was prangst du so reich in des Schmuckes Glanz?"
"Der
Brautkranz, der blüht auf dem Haupte mir,
Das Brautkleid, das ist meines Leibes Zier,
Es harren die Hochzeitsgäste im Haus,
Es bleib nur der Bräutigam zögernd aus."
"Ich
walle, mein Liebchen, zur Hochzeit mit dir,
Doch reiche erst liebend den Brautkuß mir,
Dann eine uns Segen und Schwur am Altar,
Dann schlinge den Reigen der Gäste Schar."
Er
schwellet zum Kusse die Lippe so heiß,
Doch Schrecken! er küßt nur Moder und Eis;
Es rieselt ihm Fieberfrost durch das Gebein,
Es schwindet verlöschend des Auges Schein.
Er
sinket, er sinket im Schwindel hinab,
Und taumelnd sinkt er in das offene Grab,
Sein brechend Auge noch, statt der Braut,
Am Rade ein blaues Irrlicht erschaut.
Und
krächzend flattert vom Hochgericht
Hinab auf die Leiche der Raben Gezücht,
Es wimmern die Eulen den Totengesang
Und durch die Nacht widerhallt es bang.
Aus: Anastasius Grüns
Werke in sechs Teilen. Dritter Teil: Lyrische Dichtungen II. Hrsg. von
Eduard Castle. Berlin Leipzig Wien Stuttgart Deutsches Verlagshaus Bong
& Co. 1909 (S. 188-190)
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