Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Anastasius Grün
(1806-1876)


Die Verlobung
Romanze

Horch, Waffenschlag! Drommetenschall!
Welch donnerndes Gerassel!
Horch, Hämmern, Pochen überall,
Welch schmetterndes Geprassel!
Horch, wie der Pfeil die Luft durchschwirrt,
Der Bogen rauscht, der Säbel klirrt,
Horch, wie die Schleudern tönen!
Horch, wie die Mauern dröhnen!

Das Banner wurzelt schon im Wall,
Die Mauer ist erklommen,
Eindringt das Kriegsvolk Schwall auf Schwall,
Die Feste ist genommen.
Im Innern kämpft kein Söldner mehr,
Zerstreut fliehn Mann und Weib umher,
Dem Feinde zu entrinnen,
Sich Rettung zu gewinnen.

Und durch die innre Burg verteilt
Sich rasch die Flut der Sieger,
Durch alle Prunkgemächer eilt
Der wilde Schwarm der Krieger.
Er waltet dort mit rauher Hand,
Und nirgend ist ein Widerstand,
Den er allda erführe,
Als nur vor einer Türe.

Dort steht ein schönes Frauenbild
Bewehrt mit Helm und Degen,
Auch hält es einen eh'rnen Schild
Den Stürmenden entgegen.
Und wie die Hand den Degen schwingt,
Ein Krieger gleich zu Boden sinkt,
Sie schwingt den Degen wieder,
Ein zweiter stürzt danieder.

Da werden hundert Klingen bloß,
Da zischen hundert Schneiden,
Es wogt der Kampf, der Drang ist groß,
Wie wird sich dies entscheiden?
Da sieh! ein hehrer Rittersmann
Macht durch die Kämpfenden sich Bahn,
Mit ernster Mien' und Rede
Hemmt er geschickt die Fehde.

"Sag' an, du hehres Frauenbild,
Bewehrt mit Helm und Degen,
Was macht dich so beherzt und wild,
Das Schwert zum Kampf zu regen?"
Das Frauenbild versetzt: "Sieh dort!"
Und öffnet selber nun die Pfort'. -
Und sieh! ein Siechenbette
Zeigt sich an innrer Stätte.

"Der Burgherr und mein Vater ist's",
Spricht drauf das Fräulein leise. -
"Der Töchter edelste, du bist's!"
Hebt jener an mit Preise.
"O hehre Jungfrau! groß Gemüt!
Wie auch dein Leib mit Reizen blüht,
Noch schönere vermählen
Sich doch mit deiner Seelen.

Nicht unter uns sei Feindschaft mehr!
Das wolle Gott ablenken,
Daß solche Tochter, fromm und hehr,
Ich ferner sollte kränken.
Auf Krieger! steckt die Schwerter ein,
Nicht Fehde, Friede soll hier sein,
Zu ew'gem Freundschaftsbunde
Verknüpf' uns diese Stunde.

Der solch ein Kleinod hier bewahrt,
An unbemerkter Stätte,
Das holden Reiz mit Tugend paart,
O Greis im Siechenbette!
Reich' freundlich mir die Freundeshand
Zum ew'gen Friedensunterpfand;
Treu bis zur Todesstunde
Verharr' ich unserm Bunde.

Und wiss'! bezwungen fühl' ich mich,
Der Sieger ist besieget.
Drum werter Freund und Ritter, sprich,
Ob dir mein Wert genüget?
Ist dies, nimm mich zum Tochtermann,
Zu deinem Sohne nimm mich an,
Wie ihr, sei mir ein Vater,
Ein freundlicher Berater.

Hoch ehren, pflegen will ich dich,
Sei dafür außer Sorgen,
Fortan mit ihr gemeinschaftlich
Am Abend wie am Morgen.
Mein Arm, mein Schwert sei stets bereit,
Für deine Ruh' und Sicherheit
In deinen greisen Tagen
Das Nötige zu wagen."

Der Ritter spricht's, der Kranke winkt,
Die Jungfrau sieht's mit Harme.
Sie zweifelt, zagt, doch endlich sinkt
Sie jenem in die Arme.
Da ruft die ganze Kriegerschar:
"Heil! Heil! dem neuen Liebespaar!
In nah und fernen Gauen
Ist schöner keins zu schauen."

Da wandelt sich der Anblick schnell,
Vorbei ist alle Klage,
Von Kerzen wird die Wohnung hell
Zum schönsten Festgelage.
Den Boden deckt des Teppichs Pracht,
Ein ganzer bunter Frühling lacht
Herab von allen Wänden,
Aus Kränzen Duft zu spenden.

Da klingt der Saiten holder Ton,
Da rauscht geschwind die Seide,
In Bechern schäumt Tokaier schon,
Und lauter wird die Freude.
Aus jedem Aug' strahlt heitre Lust,
Doch keiner ist sich mehr bewußt
Des Glückes, als der Freier
Bei der Verlobung Feier.

 

Aus: Anastasius Grüns Werke in sechs Teilen. Dritter Teil: Lyrische Dichtungen II. Hrsg. von Eduard Castle. Berlin Leipzig Wien Stuttgart Deutsches Verlagshaus Bong & Co. 1909 (S. 209-211)

 

 


zurück zum Verzeichnis

zurück zur Startseite