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Anastasius Grün
(1806-1876)
Die Rache
Romanze
Dumpf
verhallt's vom Turme nieder,
Aufwärts wallen Totenlieder,
Und zum stillen Leichenhaus
Zieht die düstre Schar hinaus:
In des Grabes ernstes Schweigen
Will sie einen Jüngling neigen;
Tausend Augen blicken feucht,
Nur ein Herz bleibt unerweicht,
Einer segnet diese Stunde,
Lächeln schwebt auf einem Munde.
Wieder
kömmt am Himmelsbogen
Silberrein der Mond gezogen,
Wieder neigt in alter Pracht
Erdwärts sich die stumme Nacht,
Tausend Augen schließet Schlummer,
In dem Herzen schweigt der Kummer;
Nur ein Blick, der schließt sich nicht,
Nur ein Herz, das ruhet nicht,
Einer wallt am Pilgerstabe
Zu des
Jünglings frischem Grabe.
Pappel und Zypresse wehen
Frieden auf der Gräber Höhen,
Frieden haucht in reine Luft
Bleicher Rosen süßer Duft;
Und vom klaren Mond hernieder
Lächelt Fried' und Segen wieder.
Fluch bebt nur auf einem Mund,
Nur in eines Herzens Grund,
Haß strömt nur aus einer Kehle,
Haß brennt nur in einer Seele.
"Fluch
dir! Fluch noch tief im Grabe,
Räuber meiner einz'gen Habe!
Was ich Himmlisches geglaubt,
Hat dein frecher Arm geraubt.
Sie, die Leben mir gespendet,
Hast du schlau von mir gewendet,
Auferstand die Liebe dir,
Unterging das Leben mir;
Drum, nicht hier, wo Fromme rasten,
Soll dein Leib entheil'gend lasten!
Daß sich
Rab' und Geier streite
Um die neu erspähte Beute,
Schlepp' ich dich zum Hochgericht!
Jenen Ort entweihst du nicht!" -
Jetzt mit wütender Gebärde
Wühlt er auf die frische Erde,
Rastlos fort mit blut'ger Hand
Reißt er an des Sarges Band,
Jetzt ein Hieb! - er ist entriegelt
Und des Grabes Bund entsiegelt!
Bleich
und schön, voll heil'ger Ruhe,
Liegt der Jüngling in der Truhe,
Die erstarrten Hände fest
An das welke Herz gepreßt,
Dran, umrankt vom duft'gen Kranze,
Strahlt ein Bild in goldnem Glanze,
Sieh! ein herrlich Frauenbild,
So voll Anmut, hehr und mild;
Jenes Bild, das beid' erfreute,
Jenes Bild, das beid' entzweite.
Herrlich
strahlt's im Blumenrahmen,
Und des Rächers Arm' erlahmen,
Und sein Fuß ist festgebannt,
Denn er hat das Bild erkannt!
Liebe facht im Herzen wieder,
Auf den Toten sinkt er nieder,
Drückt die kalte Hand zum Bund,
Küßt den lächelnd bleichen Mund,
Und es wehn Zypress' und Flieder
Fried' ihm in die Seele nieder.
Aus: Anastasius Grüns
Werke in sechs Teilen. Dritter Teil: Lyrische Dichtungen II. Hrsg. von
Eduard Castle. Berlin Leipzig Wien Stuttgart Deutsches Verlagshaus Bong
& Co. 1909 (S. 216-218)
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