Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Anastasius Grün
(1806-1876)


Heimliche Liebe

Der Pfarrer Jost hat ein süßes Lieb,
Das hält er verborgen fein,
Wie Perlen im stillen Muschelschrein,
Wie Rehlein in dunkler Waldesnacht,
Wie Körnlein Goldes in tiefem Schacht,
Daß es kein Laienaug' ersehe,
Daß es kein Späher je erspähe.

Einst schlich er heim vom süßen Lieb,
Da sang im Teich ein Schwan:
"Ei seht, Herr Jost auf Amors Bahn!
Manch süßen Blick hat er erhascht,
Manch Küßchen von rotem Mund genascht!
Was sonst ihm Süßes ward zu eigen?
Wißt, daß ich auch gelernt zu schweigen!"

Im Dorfe sang eine Schwalb' am Dach:
"Wo wohnt Herr Jostens Schatz?
Im Wald ist ein Häuschen auf grünem Platz,
Zwei hohe Linden rauschen am Tor,
Ein Brünnlein springt dazwischen empor,
Am Fenster wehn grünseidne Gardinen,
Vier Röslein nicken wohl hinter ihnen."

Im Pfarrhof sang die Nachtigall:
"Was küßt Herr Jost im Brevier?
Ihr Bild und ein Löckchen von ihr!
Er birgt sie wie Rehlein in Waldesnacht,
Wie Körnlein Goldes in tiefem Schacht;
Doch singen von ihr die Schwän' im Bache,
Doch zwitschern von ihr die Schwalben am Dache!"

Und weiter sang die Nachtigall:
"Sei guten Muts, Herr Jost!
Und minn' und küsse fort getrost!
Wie dir's erging, gehts noch zurzeit
Manch bravem Mann in der Christenheit;
Auch sind, die ihm solch Liedlein gesungen,
Nicht immer Nachtigallenzungen."

 

Aus: Anastasius Grüns Werke in sechs Teilen. Zweiter Teil: Lyrische Dichtungen I. Hrsg. von Eduard Castle. Berlin Leipzig Wien Stuttgart Deutsches Verlagshaus Bong & Co. 1909 (S. 236-237

 

 


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