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Anastasius Grün
(1806-1876)
Die Sünderin
Einsam
liegt ein Häuschen abgelegen,
Hart am Meer, das an die Wände braust
Daß sie ewig zitternd sich bewegen,
Wie so manches Herz, das drinnen haust.
Dieses
niedre Pförtlein, will's nicht deuten,
Daß nur Niedres ungehemmt hier zieht
Doch der Reinheit Kranz, beim Drüberschreiten,
Leicht vom Haupt sich abstreift und verblüht?
Denn ein
Tempel ist's, der Sünd' erschlossen! -
Und doch seht, wie glänzt das Frührot drauf.
Daß er, wie aus reinem Gold gegossen,
Ragt als heil'ger Sonnentempel auf!
Horch,
des schmalen Fensters Flügel klingen!
Und es blickt mit welkem Busenstrauß,
Fahlem Kranz und schlaffen Lockenringen
Eine Priestrin dieses Doms heraus.
Blaß
sind ihrer Wangen kalte Flächen,
Wie des Richters weißes Pergament,
Das des Schuldigen geheimst' Verbrechen
Und zugleich sein strenges Urteil nennt.
Wie so
matt die trüben Augen schimmern,
Fast wie Kerzen, über Nacht gebrannt,
Die nun kärglich fahl und müde flimmern,
Seit der goldgelockte Tag erstand.
Blumen
prangen dort in bunten Farben,
Die begießt sie jetzt daß fort sie blühn,
Wenn im Herzen schon die Blumen starben,
Läßt man gern sie vor den Fenstern glühn.
Zwischen
Rosen, Ampeln, Engelchören
Steht ein Bild der Himmeiskönigin;
Dort der ew'gen Lampe Glut zu nähren,
Bringt sie Öl, wie Vestas Priesterin!
Neue
Blumen geht sie jetzt zu pflücken,
Zwei Gewinde fügt sie tändelnd draus,
Einen Kranz, Mariens Haupt zu schmücken,
Für sich selbst dann einen Blumenstrauß.
Scheint's nicht reinstes Hochgefühl des Weibes,
Das so arglos hier mit Kränzen spielt,
Weil es selbst den Schoß des eignen Leibes
Einen Heiland wert zu tragen, fühlt?!
Künstlich schminkt sie nun die blassen Wangen,
Und doch nenn' ich Schamrot dieses Rot
Denn sie läßt es auf dem Antlitz prangen,
Ach, aus Scham, daß es so blaß und tot!
Nun daß
ros'ge Haupt sie laß und lose
In die weißen Hände niederbeugt,
Scheint's nicht eine müde Purpurrose,
Auf zwei Nachbarlilien hingeneigt?!
Und so
starrt sie schweigend in die Welle,
Unter ihr schlägt wild die Brandung an,
Aber fern ist Frieden, Tageshelle,
Heitre Ruhe, ebne Spiegelbahn.
Und so
späht sie starr durch Luft und Wogen
Nach dem längst erloschnen Morgenstern,
Fernhin, wo die weißen Segel zogen,
Ihrer Unschuld Bild, so weiß - so fern!
Weint
sie nicht? - Kind, wein! ins Meer nur nieder!
Dieser Perlenschrein wird doch nie leer,
Deine Augen füllen bald sich wieder,
Und an Perlen reicher wird das Meer.
Schimmre
fort, du ros'ge Morgenröte,
O verklär' ihr fort das Angesicht!
Ha, inmitten ihrer Blumenbeete
Wie verklärt sie steht, wie rein, wie licht!
Und sie
ist nur eine welke Blume
Von der Paradieseerose: Weib,
Trümmer nur vom schönsten Heiligtume,
Ach, ein tiefgefallen sündig Weib!
Und doch
könnt' ich knien hier und beten,
Wie vor Heil'gen beten, weinen hier!
Eine Rose liegt am Weg zertreten
Und ein ganzer Himmel wohl mit ihr.
Aus: Anastasius Grüns
Werke in sechs Teilen. Zweiter Teil: Lyrische Dichtungen I. Hrsg. von
Eduard Castle. Berlin Leipzig Wien Stuttgart Deutsches Verlagshaus Bong
& Co. 1909 (S. 93-95)
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