Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Ludwig Christoph Heinrich Hölty
(1748-1776)


Narziss und Echo
Eine Romanze

In junger Büsche Finsterniß,
Wo Zephyr säuselnd wehte,
Erblickte Echo den Narciß,
Beym Glanz der Morgenröthe.

Urplötzlich fiel in ihre Brust
Der Liebe Feuerfunken,
Sie flog ihm, ohne Zeitverlust,
Entgegen, wollusttrunken.

Sie trug ihm ihre Liebe an,
Was oft die Mädchen thäten,
Wenn nicht die Mode, und der Wahn
Den Mädchen es verböten.

Umsonst! Sie mochte noch so sehr
An ihrem Halstuch rücken,
Er blieb euch von Empfindung leer,
Nichts konnte ihn entzücken.

Drauf floh sie tiefer in den Wald,
Ihr Leben zu verweinen,
Sie starb, und ihre Stimme hallt
Noch jetzt in unsern Haynen.

Das mochte nun, beym Element!
Cytherens Göttin kränken;
So wahr mir Paphos Weyrauch brennt,
Er soll an Amorn denken,

Sprach sie. Die Drohung ward erfüllt,
Er sah in einer Quelle,
Die silbern rann, sein eigen Bild,
Und liebt es auf der Stelle.

Er taucht wohl zehnmal seinen Arm,
Das Luftbild zu umschließen,
Ins Waßer, und von Liebe warm,
Deckt er den Bach mit Küßen.

Und klagt sein Leid, wie ein Poët,
Von Lorchen, von Lucinden,
Um die er seufzete, verschmäht,
Den Buchen und den Linden.

Und da er lange gnug gegirrt,
Härmt er sich auf; es sprießen
Aus seinem Leib, der Asche wird,
Die duftenden Narcißen.

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andere Lesarten


Echo und Narciß,
eine Romanze

Das Fräulein Echo sah einmahl
Den Ahnherrn der Narcißen,
Im Hayn etwan, im Rosenthal?
Das braucht ihr nicht zu wißen.

Urplötzlich fiel in ihre Brust
Der Liebe Feuerfunken,
Sie flog ihm, ohne Zeitverlust,
Entgegen, wollusttrunken.

Und bot ihm ihre Freundschaft an,
Was manche Schöne thäte,
Wenn nicht die Mod', ein dummer Wahn,
Das Gegentheil geböte.

Doch blieb er kälter, als der Schnee,
Kein Busen ohne Schleyer,
Kein Aug, wo Sehnsucht funkelte,
Goß in sein Herze Feuer.

Drauf floh sie tiefer in den Wald,
Ihr Leben zu verweinen,
Sie starb, und ihre Stimme hallt
Noch jetzt in unsern Haynen.

Das möchte nun, beim Element!
Die Dame Cypris kränken,
Der jede Zone Weyrauch brennt.
Er soll schon an mich denken,

So drohte sie. Das ward erfüllt.
Er sah in einer Quelle,
Die silbern rann, sein eigen Bild,
Und liebt' es auf der Stelle.

Wohl zehnmal taucht' er seinen Arm,
Das Luftbild zu umschließen,
Ins Waßer, und von Liebe warm,
Deckt' er den Bach mit Küßen.

Vergebens! Das Phantom zerflog,
Er küßte krause Wogen,
Wenn er den Mund zum Waßer bog,
Vom Wiederschein betrogen.

So saß er, übersprützt mit Schlamm,
Wie die Geschichten sagen,
In seine Haare kam kein Kamm,
Kein Brodt in seinen Magen.

So lag Narciß, den Blick bethränt,
Oft liebe lange Wochen,
Den Kopf auf einen Arm gelehnt,
Und ward zu Haut und Knochen.

Er saß einmahl am Schilfgeräusch
Des Baches, als es tagte,
Sank nieder, wimmerte sich heisch,
Sah in das Waßer, klagte.

Die Parce, die so gerne reißt,
Riß hier den Lebensfaden
Des Jünglings. Plötzlich flog sein Geist
Nach Acherons Gestaden.

Aus seiner Hülle, die verschwand,
Erwuchsest du, Narciße,
Stolziertest an des Baches Rand,
Und winktest Zephyrs Küße.

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Narciß und Echo,
eine Romanze

Das Fräulein Echo sah einmal
Den Ahnherrn der Narcißen,
Der manches Jungfernherzchen stahl,
In grünen Finsternißen,

Sich einer Badequelle nahn.
Stracks schielten Ihro Gnaden,
Als sie den schönen Jüngling sahn,
Nach seinen vollen Waden.

Der sechzehn Ahnen Dunst verschwand
Gemach aus ihrem Hirne,
Sie bot ihm buhlerisch die Hand,
Wie eine Bürgerdirne.

Narciß dreht ihr den Rücken zu,
Und schreit ihr in die Ohren:
Mamsellchen, laß sie mich in Ruh,
Sie hat hier nichts verlohren.

Drauf schlich das Fräulein in den Wald,
Ihr Leben zu verweinen,
Sie starb, und ihre Stimme hallt
Noch itzt in unsern Hainen.

Doch soll sie, wie die Rede geht,
Eh sie im Herrn entschlafen,
Die Götter haben angefleht,
Den Jüngling zu bestrafen.

Der letzte Seufzer ward erfüllt.
Er sah in einer Quelle,
Die silbern rann, sein eigen Bild,
Und liebt' es auf der Stelle.

Am Ufer lag er, wie behext,
Und floß in Klagen über.
Sein Pfarrer las ihm oft den Text,
Mit vielem Ernst, darüber.

Was halfs? Narciß, der Starrkopf, blieb
Bey seinen sieben Sinnen,
Und lief, wie ein verjagter Dieb,
Sein Gucken zu beginnen,

Sobald die liebe Sonne schien,
Zum Spiegel seiner Quelle,
Und sah, bedeckt vom Baldachin
Des Hains, in eine Stelle.

Er machte, wenn er nahe war,
Verliebte Reverenze,
Bot dem Phantom Geschenke dar,
Bald Sträußer, und bald Kränze.

Er reichte seiner Abgöttin
Einst eine Purpurrose.
Sie hielt ihm auch ein Röschen hin,
Und lächelte, die Lose.

Sein Röschen fiel ihm in den Bach,
Ich weiß nicht, wie's gekommen,
Stracks fiel das andre Röschen nach,
Doch kams nicht angeschwommen.

Er gab dem Bache Kuß auf Kuß.
So liebt' er, wie Poeten,
Ein Ideal, fern vom Genuß
Und den Realitäten.

Drauf macht' er, im Gehirn verrückt,
Das Ding noch immer bunter,
Und sprang, nachdem er gnug geguckt,
Husch, in den Bach hinunter.

Sein Name lebt, wie Doctor Duns
In dicken Folianten,
In einem Blümchen unter uns,
Das Gärtner nach ihm nannten.



Aus: Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Gesammelte Werke und Briefe. Kritische Studienausgabe. Hrsg. von Walter Hettche. Wallstein Verlag 1998
(S. 36-40)
 

 

 


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