Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Ludwig Christoph Heinrich Hölty
(1748-1776)


Leander und Ismene
oder
die schöne Zauberin und der entführte Schäfer
In drey Balladen

Erste Ballade

Seit Adam von dem Apfel biß,
Glich unter allen Schönen,
Hier unterm Mond, das ist gewiß,
Kein Mutterkind Ismenen.
Bey meiner armen Seel'! es war
Ein Mädchen zum Entzücken,
Mit runder Brust, mit blondem Haar,
Und Adel in den Blicken.

Der ganze Wuchs war Ebenmaaß,
Das Aug voll Himmelsbläue,
Die Wang - ein Chor von Scherzen saß
Darauf in bunter Reihe.
Der Mund, der tausend Lust verhieß,
War sonder alle Mängel,
Und wenn sie sang, so klangs so süß,
Als säng' ein heilger Engel.

Die holde Schöne, denkt einmal,
That aber arge Thaten,
Und muß vielleicht, im Pfuhl der Quaal,
Jetzt kochen oder braten.
Behexte, wie das Dorf erzählt,
Die Kühe des Magisters,
Darob sein Weibchen treflich schmählt,
Das Federvieh des Küsters.

Sie knüpfte manchem Ehepaar
Den Nestel, als ein Meister,
Und rief, wenns ihr gefällig war,
Ein Rudel Höllengeister.
Ritt, trotz dem besten Postkurier,
Auf ihrem Besenstiele,
Und übergab den Winden ihr
Geringelt Haar zum Spiele.

Sie tanzte stets, am ersten May,
Mit Blumen in den Locken,
Den weißen Busen schleyerfrey,
Im Reigen, auf dem Brocken.
Dann pflag der alte Satanas
Den süßen Herrn zu spielen,
Und wenn sie stand, und wenn sie saß,
Nach ihrer Brust zu schielen.

Begierig küßt' er ihre Hand,
Als wollt' ers Händgen eßen,
Und konnt', an des Kocytus Strand,
Die Schöne nicht vergeßen.
Sandt' ihr so manches billet doux
Durch seine Hoflakeien,
Schloß kaum die Augenwimpern zu,
Und träumte schon vom Freyen.

Allein Ismene lachte nur
Des grämlichen Pedanten,
Und suchte sich, bald auf der Flur,
Bald in der Stadt Amanten.
Sie sah einmal am Wiesenbach,
Wo manches Blümchen keimte,
Leandern, der im Schatten lag,
Und süße Träume träumte.

Er träumte von der Adelheit,
Mit der er sich versprochen,
Daneben von der Seeligkeit
Der ersten Flitterwochen.
Es sollte schon die Priesterhand
Am Altar ihn beglücken;
Man hieng ein langes, rothes Band,
Das Haar der Braut zu schmücken,

Schon an den bunten Flitterkranz;
Man stimmte schon zum Reigen,
Zum Menuet und Wirbeltanz,
Die Flöten und die Geigen.
Was meynt ihr wohl, die Unholdin
Trat vor den schönen Schläfer,
Zupft' ihn am Ohr und vorn am Kinn,
Und rief: wach auf mein Schäfer!

Sie hatte seines Mädchens Bild
Und Kleidung angenommen.
Leander ward mit Freud' erfüllt,
Und stotterte Willkommen.
Er nannte sie mein lieber Schatz,
Mein Engelchen, mein Kindchen,
Und gab ihr manchen Feuerschmatz
Aufs kleine, rothe Mündchen.

Sie giengen endlich, Hand in Hand,
Der Kühlung zu genießen,
Zum Wald'. Ein schöner Wagen stand
Schnell neben ihren Füßen.
Ein Kutscher, mit besetztem Rock
Und grämlicher Geberde,
Saß majestätisch auf dem Bock,
Und lenkte stolz die Pferde.

Der Wagen war von Elfenbein,
Besetzet mit Opalen,
Kein Galawagen ist so fein,
Die Zaubrin konnt's bezahlen.
Sie stiegen in den Phaeton,
Drauf raßelten die Schimmel
Straks über Stock und Stein davon,
Mit donnerndem Getümmel.

Nun flogen sie gar himmelan,
Ein Wunder anzuschauen;
Leandern, wie man denken kann,
Begonn darob zu grauen.
Wir wollen, wenn es euch beliebt,
Die Leute fliegen laßen,
Und Morgen, wenn Gott Leben giebt,
Den Rest in Reimen faßen.



Zwote Ballade

Der Wagen fuhr auf gutes Glück,
Bis daß der Himmel graute,
Und man, beym ersten Sonnenblick,
Ein grünes Eiland schaute.
Es lag im Süderocean,
Seit lieben langen Jahren,
Es hart' es noch kein Magellan,
Kein Dampier befahren.

Sie traten in ein Paradies,
Wo Freud' und Wollust lauschte,
In jedem Frühlingslüftgen blies,
In jeder Quelle rauschte.
Das war euch, traun, ein Lustgefild!
Rings lachten bunte Flächen,
Rings zitterte das goldne Bild
Der Sond in hundert Bächen.

Die Weste flüsterten vertraut,
Und raubeten den Veilchen,
Wie der Geliebte seiner Braut,
Auf jeder Wiese, Mäulchen.
Es sahn, um jeden Silberquell,
Die Blumen ihre Wangen
In Fluthen, welche spiegelhell
Durch Auen floßen, hangen.

Musik entströmte sonder Rast
Den kühlen Rebenlauben,
Es hetzten sich auf jedem Ast
Des Hains, verliebte Tauben.
Es sprang, Potz Stern, da möcht ich seyn!
Im Schatten grüner Hecken,
Der feurigste Burgunderwein
In weite, goldne Becken.

Es ragt' ein prächtiger Palast,
Erbauet aus Türkisen,
Mit Gold und Perlen eingefaßt,
Auf angenehmen Wiesen.
Die Treppen waren aus Agat,
Die weiten Flügelthüren,
Durch die man in den Palast trat,
Aus blitzenden Sapphiren.

Das Dach, und auch der Wetterhahn,
Wie man leicht kan erachten,
Von feinem Gold aus Indostan,
Besetzet mit Smaragden.
Ein wunderbares Feyenschloß,
Bei dem wohl sonder Zweifel,
Der es gebaut, viel Schweis vergoß,
Gott sey mit uns, der Teufel.

Ein großer tapezierter Saal
Gieng mitten durchs Gebäude,
Mit Schildereyen ohne Zahl
Die schönste Augenweide!
Von Raphael und Titian.
Hier eine nackte Lede,
Dort Vater Zevs mit ihr, als Schwan,
In einer Liebesfehde.

Der Großsultan, der Perser Schach,
Im Zirkel ihrer Frauen,
Ein lustig Karnevalgelag,
Gar lieblich anzuschauen.
Der Muselmänner Himmelreich,
Voll niedlicher Figuren,
Ein grüner Wald, im Wald' ein Teich,
Voll Badeposituren.

Sie lebten hier, als Frau und Mann,
Am grünen Meergestade,
Und tranken, wenn der Tag begann,
Bald Thee, bald Schokolade.
Sie hielten im Gemäldesaal,
Von dem wir euch erzählten,
Das Frühstück und das Mittagsmahl,
Dem keine Reize fehlten.

Die Speisen kamen auf den Wink
Der Unholdin von selber,
Es flogen, wenn sie schellte, flink
Gebratne Tauben, Kälber,
Kapaunen, Hasen auf den Tisch,
Lampreten und Forellen,
Und ein poßierliches Gemisch
Von Austern und Sardellen.

Nicht minder kam, auf ihr Gebot,
Viel Backwerk angeflogen,
Pasteten, Torten, Mandelbrodt,
Daß sich die Tafeln bogen.
Das große, goldne Deckelglas,
Gefüllet mit Tokaier,
Goß ihre Kehlen weidlich naß,
Goß durch die Adern Feuer.

Sie spielten alle Nachmittag,
Nach eingenommnem Mahle,
In einer Sommerlaube Schach,
Und aßen kalte Schaale:
Und giengen, wenn das Abendroth
Durch ihre Laube blinkte,
Zum Palast, wo das Abendbrodt
In goldnen Schüßeln winkte.

Sie irrten, wenn der Mondenschein
Den Wald mit Silber deckte,
Vertraulich durch den Myrthenhain,
Wo mancher Vogel heckte,
Und setzten sich auf Immergrün,
Bedeckt von Myrthenästen,
Durch die der schöne Vollmond schien,
Umscherzt von lauen Westen.

Sie ruhten, Brust an Brust gedrückt,
Und was sie weiter thaten,
Der schöne Vollmond hat's erblickt,
Ich kan es nicht errathen.
Ein süßes, klatschendes Getön
Scholl aus den Myrthenbüschen,
Die Vögel sangen wunderschön
Ein Minnelied dazwischen.

Der West, der im Gesträuche war,
Goß einen Blüthenregen,
Voll Abendduft, bald um ihr Haar,
Bald ihrer Brust entgegen.
Sie trippelten, mit trübem Blick,
Und Graß und Staub in Haaren,
Nach ihrem Zauberschloß zurück,
Wo weichre Polster waren.

Sie lasen, wenn sie sich gesetzt,
Zur Zeit des Schlafenlegens,
Rosts schöne Nacht, zu guter letzt,
Anstatt des Abendsegens.
Und schlüpfeten, wenn dies vollbracht,
Zum Ruhekabinette:
Wir wünschen ihnen gute Nacht,
Und gehen auch zu Bette.



Dritte Ballade

So lebeten auf ihrer Burg,
Wie wir erzählt, die beiden,
Den May, den Junius hindurch,
In Herrlichkeit und Freuden:
Und schwammen hier in Ueppigkeit
Bis über beide Ohren,
Doch endlich floh die Trunkenheit,
Worinn er sich verloren.

Er hatte sich mit Zuckerbrodt
Den Magen überladen,
Ward bleich und hager, wie der Tod,
Es schwanden seine Waden;
Sein Auge, wie Vergißmeinnicht,
Erlosch und wurde dunkel,
Er trug im kupfrigen Gesicht
Rubinen und Karfunkel.

Die Küße, Weine, das Konfekt,
Die Zuckerbißen alle,
Wornach er sonst den Mund geleckt,
Verkehrten sich in Galle.
Der Vögel buhlrisches Koncert,
Das er, in Lust verloren,
Mit solcher Wonne jüngst gehört,
Mißklang itzt seinen Ohren.

Nun floh er, mehr als Tod und Grab,
Den Palast und Ismenen,
Schlich am Gestade auf und ab,
Und weinte große Thränen.
O liebe, liebe Adelheit!
So rief er sonder Ende,
Der ich mein treues Herz geweiht,
Und rang die welken Hände:

Wie magst du, gute Seele! wohl
Leanders Angedenken,
Mit lautem Schluchzen, einen Zoll
Getreuer Zähren schenken!
O könnt' ich dir den Thränenguß,
Dem Kerker hier entrißen,
Durch einen warmen treuen Kuß,
Von deiner Wange küßen!

O welch ein Unstern! wehe mir!
Das Mastvieh war geschlachtet.
Der Pfarrer hatte sein Gebühr,
Wornach er lang geschmachtet.
Wir waren schon, ich armer Mann!
Vom Pfarrer aufgeboten,
Und dachten wahrlich nicht daran,
Was uns für Wetter drohten.

Schon gierig, mit manchem bunten Band
Am Hut, der Hochzeitbitter
Im Dorf herum, der Musikant
Probierte schon die Zitter.
Die Speisen, die wir angeschafft,
Sind nun schon längst verdorben;
Mein Liebchen ist wohl, hingerafft
Von Schwermuth, gar gestorben.

Den guten Göttern mußte dies
Nun wohl zu Herzen gehen,
Drum flog ein Schiff heran und ließ
Die Flagge stattlich wehen.
Der Schiffspatron nahm ihn an Bord,
Und bracht' in wenig Stunden
Ihn wohlbehalten an den Ort,
Wo ihn Ismene funden.

Madam stand unbeweglich da,
Als, fern am Horizonte,
Sie die geschwollnen Seegel sah,
Und es nicht wehren konnte.
Zerriß die Haare, weinte sich
Die Wangen bleich und hager,
Und wand die Hände jämmerlich
Auf dem verwaisten Lager.

Sie ritt mit thränendem Gesicht,
Auf ihrem Besenstiele,
Viel Länder durch, und fand ihn nicht,
Und ritt sich manche Schwiele:
Und ward, wie männiglich bekannt,
Nach vielen Abendtheuern,
Zuletzt elendiglich verbrannt,
In Würzburg oder Bayern.



Aus: Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Gesammelte Werke und Briefe. Kritische Studienausgabe. Hrsg. von Walter Hettche. Wallstein Verlag 1998
(S. 85-95)
 

 

 


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