Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Christian Morgenstern
(1871-1914)


Der Weltkobold
Eine Kosmiade

MOTTO
Höchstes Lachen
und höchstes Weinen -
eines Schaukelschwunges
Gipfel sind wir.

Im Mund die Abendzigarette,
den Geist von Schelmerein geneckt,
so lieg auf weichem Rasenbette
ich lang und wohlig hingestreckt.
Die Hände wühl ich in die Gräser
als sein sie feuchtes Mädchenhaar,
und störe, ein geschickter Bläser,
der Mücken blutverliebte Schar.

Droben bunter Sternenhauf,
ein bißchen Rauch dazwischen,
Diebesevangelium klingt mir auf:
»Im Trüben ist gut fischen«.
Im Trüben wie im Drüben,
das war von alters eins.
Auf! alte Kunst zu üben,
mein Geist, im Reich des Scheins!

Und wie das nächste blaue Wölkchen
sich langsam über mich erhebt,
da seh ich, wie ein Puttenvölkchen
aus ihm hinauf zum Himmel schwebt
und von den goldnen Sternenknöpfen
ein Zipfelchen des Tuchs befreit,
das unsern armen Menschenköpfen
verdeckt den Sinn der Ewigkeit.

Das ist ein jähes Blenden,
das mir ins Auge bricht,
Silberglöckchen spenden
dazu ihr Klanggedicht.
Und als sich Ohr gewöhnt dem Ton
und Aug dem Farbenblitzen -:
Schau ich auf reichem Narrenthron
Weltkobold lachend sitzen.

Und wie ich die Gestalt erkenne,
da öffnet staunend sich mein Mund,
allein zugleich - Geist der Schwere -
entsinkt die Zigarette - und
verschwunden ist das frohe Glück,
stumm blauen die weiten Räume,
ich aber gehe ins Haus zurück,
und nun kommen die Träume, die Träume.

»Aller Ort',
nirgendwo,
niemals,
und immerfort!«
Jeglicher Gott
führt im Wappen
dies Wort.

Wir gehn von heut zu morgen
in unserm kleinen Trott
und sind vielleicht, verborgen,
eines Schalkes Spott.

Was Aug' und Ohren
Wirklichkeit heißt,
wird je geboren,
der sie beweist?
Arglos auf Glaub' und Treu
nehmen wir stets aufs neu
alles Tradierte
und sind vielleicht dabei
Hypnotisierte ...
All das Ergetzliche,
des solch ein Weltgeist voll,
priesen wir andachtsvoll
als das »Gesetzliche« ...

Die Harmonie
im Tanz der Gestirne,
die Menschengehirne
mühsam erklügelten,
wäre nur Spiel
einer allmachtgeflügelten
Schelmphantasie...

Und was ohn' Ziel
und ohn' End wir geglaubt,
es wär' nur ein Traum
von tausend Träumen
aus einem müßigen
Gotteshaupt...

Seit ich Weltkobold sah,
ist der Argwohn mir nah.

Gern möcht' ich gestehen,
was ich gesehen,
möcht es beschreiben
mit Pinsel und Nadel
oder ohn Tadel
in Kupfer treiben.
Doch die Gestalt,
die auf Blitzesfrist
zu jähem Erglänzen
mir durch den Spalt
erschienen ist,
ich kann sie nicht grenzen,
nicht bildhaft umschließen -
ich fühl sie zerfließen.
Nun -: spür ich das Lachen,
die silberhellen
Schellen im Ohr mir wieder erwachen.

I.

Weltkobold ist verliebt.
Auf einem Wandelstern
- oh welche Auswahl! -
hat einen Backfisch
sein Gemüt entdeckt.

Weltkobold ist verliebt.
Am nächsten Tage
stehn leer die Himmel
und die Sonnen rasen
so recht nach eigenem Geschmack,
wie Mäuse tollen,
wenn die Katze fort ist.

Der Weltball,
der des Mädchens Heimat,
nennen wir ihn Erde, trägt
mit einem Mal
den Gott als Eingebornen.

In einen Wald
ließ er als Regenguß
herab sich fallen,
um bald darauf
auf Moos und Erika,
verwandelt,
just in der Gestalt zu liegen,
wie sie den Menschen
dieses Balles eigen -:
doch freilich nackt.
Indes, wo Homo sapiens
zu treffen, fehlt auch nie
sein bester Freund:
der Schneider.
Und alsobald verhängt der nackte Jüngling
den Mond dezent
mit Altem-Weibersommer
und stiehlt sich durch die Nacht
zur nahen Stadt.

In tiefem Schlafe schnarchend
liegt der Schneider.
»Miß Hosen! «
tönt's urplötzlich in sein Ohr,
und wie ein Has',
entbellt dem Grasversteck,
erst einen Satz
und dann ein Männchen macht,
so springt auch hier
die hagre Hemdigkeit
des Biederen aus seinem Kissenwust
und macht am nächsten Stuhl erst
schaudernd halt.

Doch freundlich lächelnd
tritt der Gott ihn an,
- »Miß Hosen! « - sagt er nochmals,
und sein Blick
berückt des armen Mannes
schlicht Gehirn.
Er eilt das Maß, das Tuch herbeizuholen,
kniet nieder, prüft und mißt und steckt und näht
während sich der Gott im Bett gefällt,
wächst langsam aus dem Stoff das Kunstgebilde
und überdies noch West' und Rock dazu,
wie es die Sitte dieses Orts erheischt.
Noch ruft vom Mistberg keine Hahnenkehle,
da scheidet frohbewegt das edle Paar.
Der Schneider steigt zu neuem Schlaf ins Bett
- erwacht er, denkt er: alles war nur Traum -,
Weltkobold aber trollt, ein schmucker Fant,
zum Schäferspiel mit seinem süßen Backfisch.

II.

Maria,
eines Tisclers Töchterlein,
ist einer Blumenhalle
flinke Fee.
Und heute, als am Sonntag,
hat sie längst
den trauten Morgenträumen
sich entrissen
und ordnet schmuck
die Stöcke und Bouquets
und nimmt dem Landfuhrwerk
die Rosen ab,
die es allwöchentlich
zum Markte liefert.
In weißem Kleidchen
steht das feine Kind
in seiner sechzehnjährigen Unschuld da,
und all der Blumen
frische Morgenpracht
ist nur die Folie
jener zarten Reize.

Nachdenklich paßt gerade
ihre Hand
zwei Blüten zueinander,
eine blasse
und eine dunkle, -
als zur offenen Tür
ein junger Mann
mit freiem Anstand eintritt.
Zu einem langen Blicke
spricht sein Mund
um eine Rose
ihr Erröten an,
und da sie ihm
unklaren Bangens voll,
die dunkle reicht -
ergreift der Jüngling sanft
ihr schmales Handgelenk
und küßt die Rose
und biegt zurück es
nach dem Gretchenkopf,
bis auch ihr Mund
den Purpur scheu berührt.
.......................................

III.

Durch die Gassen geht der Abend,
und mit ihm flaniert Weltkobold
vor das Fenster seines Liebchens.
Ach von Morgen bis zum Abend,
welch entsetzlich lange Pause,
unerträglich - hätt' er nicht in
einem Kornfeld sie verschlafen.
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Endlich, endlich! ... Aus den Toren
gehn sie in die Feierstille
nächtlich einsamer Gefilde.
Aber ist's schon Wonne, wenn sich
Menschen lieben - unaussprechlich
höhre ist's, wenn ein Verliebter
außerdem allmächt'ger Gott ist.

Bald verlassen sie den Feldweg
und der Ähren Wogen schlagen
hinter ihrem Pfad zusammen.
Da mit einem Mal erreicht sie
eines Städters rauhes Fluchen.
Hochgeschwungnen Knüttels steigt er
durch das Korn, der böse Wächter.
Aber lächelnd hält das zage
Mädchen fest der Gott, und spöttisch
schlägt mit einen Mohnblumstengel
er das breite Maul des Störers,
daß er auf der Stelle einschläft,
offenen Augs, erhobenen Armes,
eine stumme Vogelscheuche.
Und als ob grad' hier das rechte
Plätzchen sei, was längst sie suchten,
eint Weltkobold hier des Liebchens
rote Wang' dem roten Mohne.
Glotzend stiert das blöde Auge
des Gebannten - und es birst ihm
fast vor Neid und Wut die Seele.
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IV.

Die Nacht ist tief geworden.
Trunken raunt und rauscht das Korn,
so viel Liebe barg's noch nie.
Doch unter der lebend'gen Vogelscheuche
noch immer hocherhobnem Arm
erhebt sich nun,
in inniger Umschmiegung,
das Liebespaar
und wandert aus den Ähren
langsam dem Walde zu.
Ist es der Nachtwid?
Ist es der Trennung dunkles Vorgefühl,
das einen Schauder durch das Mädchen jagt?
Der Mann an ihrer Seite fühlt's,
und mit der flachen Hand
die Stirn sich schlagend,
ruft er:
»Vergaß ich ganz,
daß ich allmächtig bin?
Wir wandeln hier,
als hieß ich Müllers Jochen,
der seinen Schatz
vorm Tor spazieren fährt.
Nein, kleine Braut,
sag, sag mir, was Du willst!
Gib den verschwiegensten,
den kühnsten Wunsch
mir preis, Geliebte,
daß ich wahr ihn mache.«
Da legt ihr Köpfchen sie
in seinen Arm
und stammelt:
»Küß mich!«
Und er küßt sie, küßt -
daß alles um sie her
ins Nichts versinkt.
Weltkobolds Geist
vergaß sich gleich dem ihren
und denkt nicht mehr an Allmacht
noch an Gottheit.
Der beiden Sinn
ist so in Eins gefügt,
daß beider Traum
die gleichen Bilder wählt.
Und solche Träume
haben Zauberkraft,
daß höhere Wirklichkeit
aus ihnen sprießt.
Sie träumen sich in einen Rosenkelch
in tiefer purpurner Verborgenheit.
Ihr Atem glüht vom schweren Duft berauscht,
und fiebernd tobt des Blutes heiße Brandung
im Netz der Adern wie in Kerkergängen.
Es dürstet ineinander und es haßt
die starre Form, die nicht zerbrechen will
und doch zerbrechen soll. Gemeinsam steigt
der Wunsch in ihnen auf. Und weicht nicht mehr,
bis er zur Wahrheit wird.
Ein süß Ermatten löst
der Glieder Spannung auf.
Das Körperliche schwindet,
hinüber in der Rose weichen Leib,
indes des Blutes
langverhaltne Flut
zusammenschäumt
wie Wogen glühenden Erzes.
Es schwankt
in ihrer heißen Last die Rose,
erschließt den Kelch,
aus dem wie eine Wolke
des Blutes warmer Duft
berückend steigt,
und schwankt
und neigt sich endlich
zitternd nieder,
des Purpurs Fülle
wie ein dampfend Meer
ausschüttend
auf die froherschrockne Erde.
............................................

Der Traum ist aus.
Denn ach! der Kuß ist aus.
Verwundert schaut
sich Aug in Aug
und dann hinaus,
wo stumm der Horizont
in feierlichen Morgenflammen brennt.
Das also sprach
in ihren Traum hinein.
Und lächelnd neigen sie
die goldnen Stirnen
zum Gruß -
der Göttin sie,
der Sklavin er.

V.

»Vertrau mir, Kind!
Wir scheiden nimmermehr,
du wirst auf ewig
diesem Stern entrückt
und hilfst,
als Königin des Weltalls, mir,
als Weltkoboldin,
leben und regieren!«
So hat der Gott
zu seinem Lieb gesagt
und es mit tausend Küssen
ihm besiegelt.
Nun liegt die Schöne
bleich in ihren Kissen.
Verwundert klopft
der Tischler Veit, ihr Vater,
ein Trunkenbold,
doch sonst ein guter Mann -
da spät die Glocke schon -
an ihr Gemach.
Da nichts sich rührt,
betritt er es und sieht:
Sein Töchterlein
ist über Nacht gestorben.
Der Alte grämt sich sehr;
doch schließlich sagt er:
»Wie Gott will«,
nimmt der Tannenbretter vier
und zimmert seinem Kind
das letzte Heim.
Im Blumenladen,
der nun jäh verwaist,
wird kurze Zeit
die Tote aufgebahrt,
damit der tränenseligen Verwandtschaft
Gelegenheit geboten sei, ihr »Ach!«
»So jung - und schon ... !«
»Ja, ja, so ist das Leben! «
und Ähnliches
mit Salbung vorzubringen.
Am zweiten Tage
wird der Raum gesperrt
Der Tischler holt sein Zeug,
den Sarg zu schließen,
In dieser kurzen Spanne
löst der Gott
den Schlaf des Mädchens,
hebt es aus dem Schrein
und stopft dafür
in ihr Gewand den Anzug,
den tags zuvor
der Schneider ihm gemacht.
Der Tischler kehrt zurück -
die Flasche guckt
verräterisch
aus seiner Arbeitsbluse
und während rings
die Blumengeister kichern,
befestigt er den Deckel
auf dem Sarg.
Am nächsten Tag
ist feierlich Begräbnis.
Mit neuen Taschentüchern
ziehn die Weiblein,
in Frack die Männlein
und Zylinderhut.
Und nach des Pfarramts Kandidaten Mahnung:
» Oh stürbt ihr alle einst
so rein wie diese!
so sündenlos,
so wohlgefällig Gott! «
tritt, als des Tischlers Busenfreund,
der Schneider
ans Grab und wirft
den ersten Schollenkloß
auf seine eingesargte
Meisterleistung
und andre nach ihm.
Der Hügel wölbt sich,
die Leute gehn -
nun endlich kommt der Schmaus.
Am Abend aber steckt
der Würmer Volk
anklagend seine Hälse
aus dem Hügel,
und aus den hungrigen Augen glüht
der stumme Vorwurf
nach der Stadt hinüber:
»Wie habt ihr uns betrogen!
Pfui, oh pfui! «

VI.

In jagendem Wolkenboot
scheidet Weltkobold
mit seinem Lieb
von dem Sterne.
Bis an die Grenze
der Atmosphäre
trägt ihn willig
das dunkle Gefährt.
Dort aber ruft er
seinem feurigen Leibroß
Kometa.
Und schon braust es heran,
die Funken stieben,
Mähne und Schweif
schleppen goldsträhnig nach.
Der Gott aber stößt
das Boot zurück,
daß es zerbrochen
die Räume
hinunterstürzt,
und springt,
sein Mädchen im Arm,
hinauf auf den Rücken
der treuen Stute.

Heißa!
Das ist ein Ritt!
Aber nicht lange!
Wehe, Weltkobold,
verliebter Wicht,
hast du vergessen,
daß die geborgte Gestalt
eben - geborgte nur ist
[bricht ab]

 

Aus: Christian Morgenstern Werke und Briefe
Kommentierte Ausgabe Band I (Lyrik 1887-1905)
Hrsg. von Martin Kießig Verlag Urachhaus Johannes M. Mayer GmbH Stuttgart Band I 1988 (S. 421-439)

 

 


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