Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Eduard Mörike
(1804-1875)


Aus der Ferne

Weht, o wehet, liebe Morgenwinde!
Tragt ein Wort der Liebe hin und wieder!

Er: Vor der Stadt, wo du hinausgeritten,
Auf dem Maultier, du mit den Begleitern, -
Stund um Stunde sitz ich dort in Trauer,
Wie ein scheuer Geist am hellen Tage.

Sie: Weder Freude hab ich, die mich freute,
Weder Kummer, der mir nahe ginge,
Als nur jene, daß du mein gedenkest,
Als nur diesen, daß ich dich nicht habe.

Er: Ist ein Stein, darauf dein Fuß getreten,
Fliegt ein Vogel, der vielleicht dich kennte,
Jedem Höckenweibe möcht ichs sagen,
Laut am offnen Markte könnt ich weinen.

Weht, o wehet, liebe Morgenwinde!
Tragt ein Wort der Liebe hin und wieder!

Er: Sollt ich Trost bei den Genossen suchen?
Noch kein Fröhlicher hat wahr getröstet.

Sie: Kann ich Meinesgleichen mich vertrauen?
Halb mit Neid beklagten sie mich Arme.

Er: In der Halle, wo sie abends trinken,
Sang ein hübsches Mädchen zu der Harfe;
Ich kam nicht zur Halle, saß alleine,
Wie ein kranker Sperber auf der Stange.

Sie: Auf den Altan zogen mich die Mädchen:
»Komm, die schönen Jünglinge zu sehen,
Die vorüberziehn im Waffenschmucke.«
Ungern folgt ich, mit verdroßnen Augen.

Weht, o wehet, liebe Morgenwinde!
Tragt ein Wort der Liebe hin und wieder!

Er: Die Korallenschnur von deinem Halse,
Die du noch zum Abschied mir gegeben,
Tausendmal am langen Tage drück ich,
Tausendmal bei Nacht sie an den Busen.

Sie: Dieses Balsamfläschchen an der Kette,
Weg muß ichs von meinem Herzen nehmen,
Mich befängt ein Liebeszauberschwindel,
Wohlgeruch der Liebe will mich töten.

Er: Eine Nacht, ach, hielt ich dich im Arme,
Unter Küssen dich auf meinem Schoße;
Ein Jasminzweig blühte dir im Haare,
Kühle Lüfte kamen durch das Fenster.

Sie: Heut im Bette, früh, es dämmert' eben,
Lag ich in Gedanken an den Liebsten:
Unwillkürlich küßt ich, wie du küssest,
Meinen Arm, und mußte bitter weinen.

Still, o stille nun, ihr Morgenwinde!
Wehet morgen in der Frühe wieder!

 

Aus: Eduard Mörike. Sämtliche Werke in vier Bänden. Erster Band: Gedichte. Carl Hanser Verlag München 1981
(Auf Grund der Originaldrucke, hrsg. von Herbert G. Göpfert)
(S. 161-162)

 

 


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