Liebes-Balladen, Romanzen u. ä.

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58



Gustav Pfizer
(1807-1890)


Der Schmuck

"Reich' mir das Kleid von Seide,
Mit Purpurfluth getränkt,
Das, zu der Mädchen Neide,
Der Fremdling mir geschenkt.

Es werden alle Gäste,
Erschein' ich so, entrückt;
Der Vater sieht bei'm Feste
So gern sein Kind geschmückt!"

""Du freust dich am Gewande;
Laß dir erzählen, Kind,
Wie man im fernen Lande
Solch theures Kleid gewinnt:

Es ist geschickt zu weben
Die Raupe, schwach und klein;
Sie zieht ihr ganzes Leben
Die Fäden silberrein.

Da flüstert eine Stimme
In ihres Herzens Ruh':
In weicher Hülle schwimme
Du der Verwandlung zu!

Sie wendet alle Schätze
Auf's schimmernd weiße Haus;
Sie spannt die linden Netze
Zum Schlummerkleide aus.

Sie übet treu die Gabe;
Doch hat sie's nicht Gewinn:
Sie schafft am eignen Grabe,
Die fleiß'ge Spinnerin.

Und endlich ganz beschlossen,
Ruht sie im engen Raum;
Es ist der Leib zerflossen
Zu einem Hoffnungstraum.

Der Mensch, mit gier'gem Muthe
Sieht er das zarte Haus,
Und löscht mit kühlem Blute
Des Lebens Funken aus.

Er tilgt das stille Hoffen,
Das jene Hülle barg,
Und wirkt zu theuren Stoffen
Den silberhellen Sarg.

Die Kön'ge selber trachten
Darnach um theuren Sold;
Die Seide hoch sie achten
Und köstlicher als Gold.""

"Gar artige Geschichten
Erzählst du mir fürwahr!
Gewiß, du weißt zu dichten
Die Märchen wunderbar.

Gib zu dem Kleid von Seide
Die Perlen licht und klar,
Flicht sie mir als Geschmeide
In's dunkle Lockenhaar."

""Ich will dir auch erzählen,
Woher die Perle stammt,
Die aller Menschen Seelen
Mit Sehnsucht heiß entflammt.

Die Muschelthiere schliefen,
Bei dunkelem Gestein,
Ganz in des Meeres Tiefen,
In ödem Schlummer ein.

Einst drangen lichte Strahlen
Hinab in ihre Ruh';
Da schlossen sie die Schaalen,
Die Lichtberauschten, zu.

Da ward in ihrem Kerne
Ein Feuer angefacht;
Da flogen goldne Sterne
Durch ihre trübe Nacht.

Sie harrten auf den Morgen,
Zu steigen aus der Fluth;
Sie trugen ja verborgen
In sich schon Morgengluth.

Da stürzen kecke Schwimmer
Sich nieder in die Fluth,
Gelockt vom edlen Schimmer,
Der in der Tiefe ruht.

Das eigne Leben wagen
Sie um den hohen Kauf;
Die theuren Muscheln tragen
Vom Grunde sie herauf.

Sie tödten in die Wette
Mit raubbegier'ger Hand,
Und eine Leichenstätte
Wird schnell der grüne Strand.

Das Leben zuckt in Schmerzen;
Sie achten es nicht groß,
Sie brechen aus dem Herzen
Die edlen Perlen los.

Wie lichte Sterne leuchten
Sie in der Locken Nacht,
Doch auch wie Thränen feuchten
Sie der Gewande Pracht.

Es fügte sie der Meister
Zum strahlenreichen Kranz;
Sieh zu, ob nicht die Geister
Nich zittern in dem Glanz!""

"O weh, mich so zu quälen!
Gar hübsch ist es erdacht;
Doch was hat bei'm Erzählen
So traurig dich gemacht?"

""Ich habe dir mit Scherzen
Gedeutet deinen Schmuck;
Doch lastet auf dem Herzen
Ein ernster, banger Druck.

Ich kann nicht mehr verschließen
Das Weh' in meiner Brust;
Es will hinüberfließen
Und küssen deine Lust.

Nach einer Spindel Rauschen
Neigt sich mein banges Ohr;
Der Wehmuth Perlen lauschen
Mir aus der Brust hervor.

Es wird, wie ich dich schaue,
Dein holdes Antlitz blaß;
Von heller Thränen Thaue
Ist deine Wange naß!

O rede, Süße, Bleiche! -
Sie sinkt in meinen Arm,
Sie ist schon eine Leiche,
Berührt von meinem Harm.

So war's kein eitles Wähnen,
Was mir das Herz bedroht!
Ja, Perlen deuten Thränen,
Und Seide deutet Tod.

Den Purpur um die Lenden,
In's Haar der Perlen Pracht -
Dir ward von kühnen Händen
Ein Leichenschmuck gebracht!""


Aus: Deutschland's Balladen- und Romanzen-Dichter
Von G. A. Bürger bis auf die neueste Zeit
Eine Auswahl des Schönsten und charakteristisch Werthvollsten
aus dem Schatze der lyrischen Epik
in Balladen und Romanzen, Mären, Legenden und Erzählungen
nebst Biographieen und Charakteristiken der Dichter
unter Berücksichtigung der namhaftesten kritischen Stimmen
von Ignaz Hub Zweite, gänzlich umgearbeitete und stark vermehrte Auflage
Karlsruhe Verlag von Wilhelm Creuzbauer 1849
(S. 715-716)
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