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Ludwig Uhland
(1787-1862)
Der junge König und die Schäferin
1.
In
dieser Maienwonne,
Hier auf dem grünen Plan,
Hier unter der goldnen Sonne,
Was heb' ich zu singen an?
Wohl
blaue Wellen gleiten,
Wohl goldne Wolken ziehn,
Wohl schmucke Ritter reiten
Das Wiesental dahin.
Wohl
lichte Bäume wehen,
Wohl klare Blumen blühn,
Wohl Schäferinnen stehen
Umher in Tales Grün.
Herr
Goldmar ritt mit Freuden
Vor seinem stolzen Zug,
Einen roten Mantel seiden,
Eine goldne Kron' er trug.
Da
sprang vom Roß geschwinde
Der König wohlgetan,
Er band es an eine Linde,
Ließ ziehn die Schar voran.
Es war
ein frischer Bronne
Dort in den Büschen kühl;
Da sangen die Vögel mit Wonne,
Der Blümlein glänzten viel.
Warum
sie sangen so helle?
Warum sie glänzten so baß?
Weil an dem kühlen Quelle
Die schönste Schäferin saß.
Herr
Goldmar geht durch Hecken,
Er rauschet durch das Grün;
Die Lämmer drob erschrecken,
Zur Schäferin sie fliehn.
»Willkommen, gottwillkommen,
Du wunderschöne Maid!
Wärst du zu Schrecken gekommen,
Mir wär' es herzlich leid.«
»Bin
wahrlich nicht erblichen,
Als ich dir schwören mag;
Ich meint', es hab' durchstrichen
Ein loser Vogel den Hag.«
»Ach!
wolltest du mich erquicken
Aus deiner Flasche hier,
Ich würd' es ins Herz mir drücken
Als die größte Huld von dir.«
»Meine
Flasche magst du haben,
Noch keinem macht' ich's schwer,
Will jeden daraus laben,
Und wenn es ein König wär'.«
Zu
schöpfen sie sich bücket,
Aus der Flasch' ihn trinken läßt;
Gar zärtlich er sie anblicket,
Doch hält sie die Flasche fest.
Er
spricht, von Lieb' bezwungen:
»Wie bist du so holder Art!
Als wärest du erst entsprungen
Mit den andern Blumen zart.
Und bist
doch mit Würd' umfangen,
Und strahlest doch Adel aus,
Als wärest hervorgegangen
Aus eines Königs Haus.«
»Frag'
meinen Vater, den Schäfer:
Ob er ein König was?
Frag meine Mutter, die Schäfrin:
Ob sie auf dem Throne saß?«
Seinen
Mantel legt er der Holden
Um ihren Nacken klar,
Er setzet die Krone golden
In ihr nußbraunes Haar.
Gar
stolz die Schäferin blicket,
Sie ruft mit hohem Schall:
»Ihr Blumen und Bäume, bücket,
Ihr Lämmer, neigt euch all!«
Und als
den Schmuck sie wieder
Ihm beut mit lachendem Mund,
Da wirft er die Krone nieder
In des Bronnen klaren Grund.
»Die
Kron' ich dir vertraue,
Ein herzlich Liebespfand,
Bis ich dich wiederschaue
Nach manchem harten Stand.
Ein
König liegt gebunden
Schon sechzehn lange Jahr',
Sein Land ist überwunden
Von böser Feinde Schar.
Ich will
sein Land erretten
Mit meinen Rittern traut,
Ich will ihm brechen die Ketten,
Daß er den Frühling schaut.
Ich
ziehe zum ersten Kriege,
Mir werden die Tage schwül.
Sprich! labst du mich nach dem Siege
Hier aus dem Bronnen kühl?«
»Ich
will dir schöpfen und langen
Soviel der Bronn vermag.
Auch sollst du die Kron' empfangen
So blank, wie an diesem Tag.«
Der
erste Sang ist gesungen,
So folget gleich der letzt';
Ein Vogel hat sich geschwungen,
Laßt sehen, wo er sich setzt!
2.
Nun soll
ich sagen und singen
Von Trommeten- und Schwerterklang,
Und hör' doch Schalmeien klingen,
Und höre der Lerchen Gesang.
Nun soll
ich singen und sagen
Von Leichen und von Tod,
Und seh' doch die Bäum' ausschlagen
Und sprießen die Blümlein rot.
Nur von
Goldmar will ich melden,
Ihr hättet es nicht gedacht:
Er war der Erste der Helden,
Wie bei Frauen, so in der Schlacht.
Er
gewann die Burg im Sturme,
Steckt' auf sein Siegspanier;
Da stieg aus tiefem Turme
Der alte König herfür.
»O
Sonn'! o ihr Berge drüben!
O Feld und o grüner Wald!
Wie seid ihr so jung geblieben,
Und ich bin worden so alt!«
Mit
reichem Glanz und Schalle
Das Siegesfest begann;
Doch wer nicht saß in der Halle,
Das nicht beschreiben kann.
Und wär'
ich auch gesessen
Dort in der Gäste Reihn,
Doch hätt' ich das andre vergessen
Ob all dem edeln Wein.
Da tät
zu Goldmar sprechen
Der königliche Greis:
»Ich geb' ein Lanzenbrechen,
Was setz' ich euch zum Preis?«
»Herr
König hochgeboren,
So setzet uns zum Preis,
Statt goldner Helm' und Sporen,
Einen Stab und ein Lämmlein weiß!«
Um was
sonst Schäfer laufen
In die Wett' im Blumengefild',
Drum sah man die Ritterhaufen
Sich tummeln mit Lanz' und Schild.
Da warf
die Ritter alle
Herr Goldmar in den Kreis;
Er empfing bei Trommetenschalle
Einen Stab und ein Lämmlein weiß.
Und
wieder begann zu sprechen
Der königliche Greis:
»Ich geh' ein neues Stechen
Und setz' einen höhern Preis.
Wohl
setz' ich euch zum Lohne
Nicht eitel Spiel und Tand,
Ich setz' euch meine Krone
Aus der schönsten Königin Hand.«
Wie
glühten da die Gäste
Beim hohen Trommetenschall!
Wollt' jeder tun das Beste,
Herr Goldmar warf sie all.
Der
König stand im Gaden
Mit Frauen und mit Herrn,
Er ließ Herrn Goldmar laden,
Der Ritter Blum' und Stern.
Da kam
der Held im Streite,
Den Schäferstab in der Hand,
Das Lämmlein weiß zur Seite
An rosenfarbem Band.
Der
König sprach: »Ich lohne
Dir nicht mit Spiel und Tand,
Ich gebe dir meine Krone
Aus der schönsten Königin Hand.«
Er
sprach's und schlug zurücke
Den Schleier der Königin.
Herr Goldmar mit keinem Blicke
Wollt' sehen nach ihr hin.
»Keine
Königin soll mich gewinnen
Und keiner Krone Strahl,
Ich trachte mit allen Sinnen
Nach der Schäferin im Tal.
Ich will
zum Gruß ihr bieten
Das Lämmlein und den Stab.
So mög' Euch Gott behüten!
Ich zieh ins Tal hinab.«
Da rief
eine Stimm' so helle,
Und ihm ward mit einem Mal,
Als sängen die Vögel am Quelle,
Als glänzten die Blumen im Tal.
Die
Augen tät er heben,
Die Schäferin vor ihm stand,
Mit reichem Geschmeid' umgeben,
Die blanke Kron' in der Hand.
»Willkommen, du viel Schlimmer,
In meines Vaters Haus!
Sprich! willst du ziehn noch immer
Ins grüne Tal hinaus?
So nimm
doch zuvor die Krone,
Die du mir ließest zum Pfand!
Mit Wucher ich dir lohne,
Sie herrscht nun über zwei Land'.«
Nicht
länger blieben sie stehen
Das eine vom andern fern.
Was weiter nun geschehen,
Das wüßtet ihr wohl gern?
Und
wollt' es ein Mädchen wissen,
Dem tät' ich's plötzlich kund,
Dürft' ich sie umfahn und küssen
Auf den rosenroten Mund.
Aus: Ludwig Uhland. Werke.
Herausgegeben von Hartmut Fröschle und Walter Scheffler. Band I:
Sämtliche Gedichte Nach der Ausgabe letzter Hand, den Erstdrucken und
Handschriften mit Anmerkungen, Zeittafel, Bibliographie und einem
Nachwort zu Band I und II hrsg. von Walter Scheffler Winkler Verlag
München 1980 (S. 133-139)
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