Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Georg Rudolf Weckherlin
(1584-1653)


Eine Eclog oder Hürten gedicht.

Der Schäfer Filodor hat schon durch seine tugent,
Durch seine lieb und trew, die ehr und lehr der jugent,
Der Lieblichkeit gestirn, der holdseeligkeit blum,
Der Zucht und Keuschheit form, und aller Schönheit Ruhm,
Der Insul Albion wohn und Cron so bewöget,
Daß andrer Schäfer dienst und lieb sie beygelöget:
Und wie Er, Dein bin Ich, O Myrta, ihr zuvor,
So sagte Sie nun ihm, Dein bin Ich, Filodor,
Als Er mit Corydon, den Cloris hielt gefangen
In ihrer haaren strick, zu ihnen kam gegangen.
Daher, als Myrta nu und Filodor mit lust
Empfunden gleiche hitz und lieb in ihrer brust,
(Wie Cloris anders thails wolt, stoltz und hart, eh sterben,
Dan daß Er Corydon solt ihre huld erwerben)
Sprach Myrta, Filodor, gantz glicklich ist dein gang,
Dieweil (wie Ich verhoff) du uns nu ein gesang
Mit Corydon, der auch wol singen kan, wilt lehren.
Er, der nichts dan was Sie begehret, kan begehren,
Beredet Corydon, der von dem angesicht,
Darinnen seine sehl, sich kan abwenden nicht,
Sich zu den Nymfelein mit ihm alßbald zusötzen,
Und (wan es möglich wer) Sie und sich zuergötzen.
Da alßdan Filodor auß grosser lieb und fraid,
Da alßdan Corydon auß grosser lieb und layd,
Durch ein schier gleiches lied, doch mit ungleichem wille
Fieng an auff dise weiß der Myrt bit zu erfillen:

Filodor.

O Zartes Liebelein,
O süsses Diebelein,
Dein hertz thut sich erwaichen,
Ich mag nicht mehr verblaichen
Durch hofnung-lose pein.
Darumb so laß uns hören
Wie meiner Liebe lehr,
Wie deiner Schönheit ehr
Die Wäld und Feld vermehren.

Corydon.

O Du Cometen schein,
O harter Kiselstein,
Nichts kan dein hertz erwaichen,
Und Ich muß tods verblaichen
Durch hofnung-lose pein:
Darumb so laß uns hören
Wie meiner schmertzen ehr,
Und deiner Rawheit lehr
Die Wald und Feld vermehren.

Filodor.

Hör, wie der Widerhall,
Hör, wie die Nachtigall
(Als die die Lieb auch fihlen)
Von deiner Schönheit spihlen
Mit zwitzerendem schall:
Hör, mit wie süssem singen
Die prächtig-süsse macht,
Den mächtig-süssen pracht
Der Lieb Sie uns fürbringen!

Corydon.

Hör, wie der widerhall,
Hör, wie die Nachtigall
Von deinem hochmuht spihlen,
Bezeugend das sie fihlen
Mein schweres layd und fall:
Hör, wie wir beed sie zwingen,
Mir, der verzweiflung macht,
Dir, der grewlichkeit pracht
Beklagend, für zubringen!

Filodor.

Schaw, Lieb, wie diser Fluß
Mit rauschendem außguß
Die macht der lieb bekennet;
Und weil er auß lieb brennet
Fort rauschet ohn verdruß:
Schaw wie sein sanfftes rauschen
Vermehrend seine brunst,
Begehrend deine gunst,
Wolt auch gern küß vertauschen.

Corydon.

Schaw, Cloris, wie der Fluß
Durch meiner Zeher guß
Zunehmend, dir bekennet
Das wider dich er brennet
Und rauschet von verdruß:
Schaw wie sein starckes rauschen
Versuchend meine brunst
Versuchend deine kunst
Wolt gern sein layd vertauschen.

Filodor.

Sih, wie frey dise schaf
Von aller forcht und straf
Ab deiner jugent Mayen
Und Schönheit sich erfrewen
Mehr dan durch wayd und schlaf:
Hör, wie die Lämblein blöcken,
Und jauchtzen auß wollust,
Daß deine tritt die blust
Und blumen hie erwöcken.

Corydon.

Sih, wie schnell dise schaf
Durch deiner Rawheit straf,
Durch deiner anblick tröwen
Sich fliehend selbs zerströwen
Von ihrer wayd und schlaf:
Hör wie die Lämblein blöcken
Und klagen auß unlust,
Weil der schnee deiner brust
Und deine blick sie schröcken.

Filodor.

Damit wir nu die Zeit
Nach langem layd und streit
Mit lieb und lust vertreiben;
So wil ich, Myrta, schreiben
Die Zeugnus unsrer beut:
All mein layd ist gestorben,
Weil der Lieb süssen lohn,
Die süsse Myrten Cron,
Ich Filodor erworben.

Corydon.

Weil Ich nicht mehr die Zeit
Nach langem layd und streit
Verzweiflend kan vertreiben,
So muß Ich, Cloris, schreiben
Die zeugnuß meiner beut;
Dieweil ich nichts erworben
Von Euch dan hassz zu lohn,
Bin Ich hie Corydon
Auß lieb und layd gestorben.

Alßdan der arme Hürt, beschliessend seinen mund,
Sunck mit dem haupt gantz blaich und sprachloß zu dem grund;
Als Cloris solches sah, wolt sie gar nicht verziehen,
Sondern fieng an davon, schnell wie ein Reh, zu fliehen,
So voll zorn, stoltz und hassz, Als Sie den Filodor
Und seine Myrt verliessz, voll lieb und lust zuvor,
Und voll verwundrung ietz, und als voll des tods zaichen
Sie sahen Corydon auß lieb und layd verblaichen,
Und sterben, wa sie nicht mit fleiß, mit trost, mit macht,
In seinen schwachen leib den gaist zu ruck gebracht.
(Band 1 S. 457-461)



Aus: Georg Rudolf Weckherlins Gedichte
Herausgegeben von Hermann Fischer
Gedruckt für den Literarischen Verein in Stuttgart
Tübingen Band 1 (1894) Band 2 (1895)
Band 3 (mit Supplement-Band) 1907
 

 

 


zurück zum Verzeichnis

zurück zur Startseite