Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Georg Rudolf Weckherlin
(1584-1653)


Die andere Eclog, oder Hürten Gedicht.
Von der Frühlings Zeit.
Filodor. Myrta. Lucidor.

Der Sonnen widerkunft, verkürtzend der Nacht-stunden,
Hat schon der Erden hertz erwaichend überwunden;
Ihr sanft und warmer Leib, ihr Angesicht und Schoß
War nicht mehr wie unlangst schier lust-liecht- und lieb-loß;
Ihr trawrkleyd, weisser sturtz und schlör war abgelöget,
Die hügel ihrer brust seind schon durch lieb bewöget:
Ihr leyd, kaltsinnigkeit und trawren war dahin,
Und sie hat einer Braut und jungen Witwin sin:
Darumb ihr gailer leib, schon umb und umb gezieret,
In einem bunten kleyd schön, jung und frisch prachtieret.
Den Rock den sie antrug hat der April kunstreich,
Dem in der weitten Welt kein Seyden-sticker gleich,
Mit hilf der Natur selbs so künstlich übersticket,
Daß frölich sich darab ein iedes aug erquicket.
Hie mahlet die Natur Violen, Ehrenpreiß,
Ie länger ie lieber, braun und blaw auf manche weiß,
Die scheinen frisch und klar als einer schönheit augen.
Dort andre blümelein für gelbe haar wol taugen,
Liebstöckel, haanenfuß, weid, schwertel, ringelblum;
Hie scheinet schön herfür der blumen Sonn und Ruhm,
Maßlieb und sammetroß, damit der Nymfen wangen,
Elnbog und leftzen selbs, das hertz entzündend, prangen:
Dort Gilgen, Augentrost, Narciß, Vergiß mein nicht,
Und andre blümlein mehr, die (weiß) ihr angesicht,
Kehl, brust und gantzen leib uns gleichsam sehen machen.
Zerstrewet hin und her mehr schöne blumen lachen
Uns an, und zwitzern recht, als ob durch ihren schein,
Den Sternen gleich, die erd nu solt ein himmel sein.
Doch weil verzucket ich beschaw und wol betrachtet
Der Erden Herrlichkeit und wunderreichen Pracht,
Erhör ich umb mich her vil Vögelein süß singen,
Und mit den stimlein klar uns zubekennen zwingen,
Das keines Menschen stim, wind- oder saitten-spihl
Erraichen kan, wie sie, der besten musick zihl.
Die Schwalb gleich als ein pfeil schnell ob den fluß herflieget,
Und widrumb sich zu ruck in ihr gebäw verfüget,
Welches sie bawet selbs so artlich, starck und dicht
Daß des Bawmeisters kunst es kont verbessern nicht.
Die Zeisel, Hänfling, Finck und Stiglitz zugleich preisen,
Die süsse früling-zeit mit irem pfeif und pfeisen;
Iedoch vil lieblicher und mit vil süsserm schall
Erwöcket unsre Frewd die liebe Nachtigall,
Mit Lieb, Kunst und Inbrunst frey, fro und frisch sie pfeiffet,
Ihr Lied mit lieblichkeit wider- und über-haüffet,
Und forschend fordert auß, wer gleichen thon und wohn
Nach ihr erschöpfen kan, nicht zweiflend daß schon schon
Der sig, gebührend ir, ihr billich zuzuschreiben.
Doch andre Vögelein gar nicht stillschweigend bleiben:
Sondern ein iegliches in seiner art mit lust
Ergürgelet sein Lied auß seiner edlen brust;
Also daß überal nach iedes wunsch und willen
Die Vögelein, das Land, die Blümelein ihm fillen
Das ohr, das aug, die naß, ohn allen widerspruch
Gantz lieblich mit der stim, der schönheit, dem geruch.
Die lüftlein selbs auß lust allein zuspihlen wehen,
Und alles umb und umb ist lieblich anzusehen,
Ja, das trewlose meer ist nu so glat und klar
Daß es recht spiegel gleich, und ietz nicht wanckelbar,
Der erden grünen schmuck uns auch für augen stellet.
Daher dan Filodor, mit seiner Nymf gesellet,
Sprach; Myrta, diser ort und schöne früling-zeit
Berufen uns zugleich, daß wir mit liebem streit
Des Lentzen Lieblichkeit, weil ihrer wir geniessen,
Mit einem lobgesang hie danckbarlich außgiessen:
So mach nu, Myrta, du mit deinem süssen mund
Des Frülings und dein Lob den Elementen kund,
Und unser freind alßbald mit ewigen buchstaben
Soll es der Bäumen rind, der Felsen stein eingraben.
Ja gern, antwortet sie, wan, liebster Filodor,
Du selbs, der du nach wunsch ein iedes hertz und ohr
Mit deiner stim und kunst berührest und regierest,
In disem Lob-lied mir vorsingend, mich anführest.
Wolan, sprach Filodor, O deren will mein will,
Setz dich nur hie zu mir, daß weil nu alles still
Ich dise frülings zeit zu loben mög anfangen,
Du aber nach verdienst lob , preiß und danck erlangen.
Darauf dan Er und Sie, als ob sie nur ein hertz,
Erhuben dises lied mit süssem ernst und schertz.

Filodor.

O süsse frülings zeit wer kan dein lob verhälen?
Du bist der blumen führerin,
Der liebelein furiererin,
Du bist der hertzen Lust, du bist der Trost der Sehlen.

Myrta.

Wer kan, O frülings zeit dein lob doch gnug erschallen?
Du bist des frosts erwaicherin,
Du bist des lufts beräucherin,
Der jahren morgenröht, der menschen wolgefallen.

Filodor.

O süsse frülingzeit wer solt dein lob verhälen?
Du bist der lieb entzünderin,
Und des wollusts erfünderin,
Du bist der hertzen frewd, du bist der trost der Sehlen.

Myrta.

Wer kan O Frülingzeit dein lob wol gnug erschallen?
Du bist der erden mahlerin,
Und der begird bezahlerin,
Der jahren morgenröht, und der welt wolgefallen.

Filodor.

O süsse frülingzeit, wer kan dein lob verhälen?
Du bist der Sehlen lehrerin,
Du bist der welt vermehrerin,
Du bist der hertzen lust, du bist der trost der Sehlen.

Myrta.

Wer kan O frülings zeit dein lob doch gnug erschallen?
Du bist des leyds zerstörerin,
Du bist der frewd gebährerin,
Der jaren morgenröht, der menschen wolgefallen.

Filodor.

O liebe frülings zeit, wer solt dein lob verhälen?
Du bist des wollusts dichterin,
Und der gesellschaft richterin,
Du bist der hertzen lust, du bist der trost der Sehlen.

Myrta.

Wer kan O frülingzeit dein lob wol gnug erschallen?
Du bist der reichen nöhrerin
Der armen muht-beschörerin,
Der jahrzeit morgenröht, der menschen wolgefallen.

Filodor.

Du süsse frülingzeit wer solt dein lob verhälen?
Du bist des leyds erlaberin,
Du bist der witz begaberin,
Du bist der hertzen lust, du bist der trost der Sehlen.

Myrta.

Wer kan, O frülingzeit, dein lob wol gnug erschallen?
Du bist der jugent Pflegerin,
Du bist des alters Trägerin,
Der jahren morgenröht, der menschen wolgefallen.

Filodor.

O süsse frülings zeit, wer kan dein lob verhälen?
Du bist der starcken merckerin,
Du bist der schwachen stärckerin,
Du bist der hertzen lust, du bist der trost der Sehlen.

Myrta.

Wer kan, O frülings zeit dein lob doch gnug erschallen?
Du bist des Leibs Urtheilerin,
Du bist der Krancken Heylerin,
Der jahren Morgenröht, der Menschen wolgefallen.

Lucidor.

Und sovil dises Lieds, so dises edle paar,
Mit ihrer Lieb das Lob des Frülings offenbar
Zumachen, muhtiglich einander nach ließ hören,
Und himmel, erden, meer und luft damit wolt ehren,
Hab ich verzeichnet bald in der Gedechtnus schrein,
Auf die rind manchen baums, und manchen felsens stein:
Dan Himmel, Meer, Luft, Erd es selbs mit lust gehöret
Und sydher auch ihr Lied, Lob und Lieb hoch vermehret.
(Band 2 S. 371-376)



Aus: Georg Rudolf Weckherlins Gedichte
Herausgegeben von Hermann Fischer
Gedruckt für den Literarischen Verein in Stuttgart
Tübingen Band 1 (1894) Band 2 (1895)
Band 3 (mit Supplement-Band) 1907
 

 

 


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