Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Georg Rudolf Weckherlin
(1584-1653)


Die dritte Eclog von dem Summer.
Lucidor. Corydon. Cloris.

Lucidor.

Das himmelische Liecht mit seinen klaren strahlen,
Die alle feuchtigkeit dem Luft und Erdreich stahlen,
Hat dises erdreich schon erhitzet durch und durch,
Daß es sich spaltend selbs in manche frembde furch
(Zwar mit Frucht überal beschönet und gekrönet)
Von übergroßer hitz und durst hin und her gönet.
Das Obs hieng lieblich noch an seiner Muter brust,
Doch schmollet gleichsam es, als ob es einen lust
Herab von seinem baum (den Menschen zugefallen)
In eines Knaben hand und Mädleins schoß zufallen:
Und andre zeigen sich sehr blaich, gelb oder roht,
Als voll sorg, forcht und scham von wegen naher noth.
Mit ihren Sänßen scharpf die Meeder förtig stehen,
Und biegend sich das Graß fein ordendlich abmehen;
Dan folgen andre nach, die es mit Gablen krumb
Und mit der Rechen stihl zuströwen umb und umb,
Biß daß, alßbald es dirr, sie manchen heyschock machen,
Darauf ein jüngling bald, nicht ohn gailhafftes lachen,
Erhaschet eine Nymf, da dan halb-nackend sie
Mit küssen trösten beed ihr grosse hitz, schweiß, müh:
Dan kompt der Meyer her, die zeit nicht zu verlieren
Und auf dem wagen bald das Hey nach hauß zuführen.
Dort stehet in dem feld in blaich und gelber farb,
Gleich einem Lantzen-Heer manch zitterende Garb:
Hie schimmert noch das Korn voll ähren die sich naigen,
Und niderträchtig sich, weil sie fruchtreich, erzaigen:
Doch blaichlecht zittert es, als ob ihm angst und bang
Zu diser zeit der Ernd für aller Schnitter zwang,
Und für der Sichlen zähn. Da thut man es schon schneiden,
Dort garbet man es auf, und bindet es mit weyden.
Schier ohn luft wehet nun ein schwaches Lüftelein,
Schäckechtig schwebet umb das zart zweyfälterlein,
Die Wesp, Hürnuß und Bihn, mehr die Heyachreck und Grillen
Mit saußendem Gethöß den heissen Luft erfillen:
Es ist so schwüllig heiß, daß leichtlich arm und reich
Ohn Kleyder konten sein einander nackent gleich;
Auch schwimmen in dem fluß die Hürten nach den fischen,
(Die für sie zu geschwind) und sich nach lust erfrischen.
Dort, wan man sehen kont, wär es ein grosse gnad,
Manch weiß und zarte Nymf in hellem bach und bad.
Damahls auch Corydon, der nu zugleich empfindet
Des Tags und der Lieb hitz (doch mehr mit lieb entzündet
Dan von der Sonnen brunst) kam zu dem kühlen Ort,
Ort! ja. Iedoch vilmehr zu seiner hofnung Port,
Nicht weit von einem Forst, dahin mit höchsten frewden
Von seiner Cloris Er zu kommen war beschaiden.
Der Ort wer eine Höl, schier einer kammer gleich,
Mit grünem graß und moß, als einem Teppich reich,
Mit kräutlein, blümlein, klee und eppich frisch gesticket,
Und einer quellen hell in einem eck beglicket;
Ein grünendes gestäud dadurch das wasser floß
Mit rauschendem getöß, den Ort rings umb beschloß,
Und dan manch hoher baum den selben überschattet,
Und des Tags hitz und liecht niemahls hinein gestattet.
Da sich nu Corydon, von der hitz ungemach
Zufreyhen, nackend auch verfüget in den bach,
Sah Er bald (O gesicht, das ihn wol möcht verzucken!)
Sein Liebste Cloris sich gantz in das wasser ducken;
Sie ducket sich, und wolt sein geitziges gesicht
Solt nicht entdöcken gantz, was doch das wasser nicht
Wolt, noch kont seinem aug und seinem gaist verhälen,
Die, damit die begird zu sättigen, sich quählen.
Dan under dem Cristall des wassers hell und klar
Erzeiget sich mit pracht ihr Leib recht wahr und bahr.
O Englisch-schöner Leib! O frische Gilg und Rosen!
Die sich vermischend selbs einander stehts liebkosen!
O schöne Marber-arm! O zarte zwilling brust!
O wärtzlein Erdbör-gleich! O unerhörter lust,
Den zwischen den Berglein Milch-gleichen weeg zusehen!
O alles schön und rein, doch hie nicht zu verstehen!
Geh, Corydon, geh weg, sprach Cloris, geh hinein,
Und ich versprich, hertzlieb, ich will stracks bey dir sein.
Also geschah es auch. Einander nach sie kamen,
Und satzten in der höl mit frewden sich zusamen;
Da sie bald sprach: daß uns der Sommer nicht sey schwer,
So laß uns singen gleich ein Lied zu seiner ehr
Ja, sprach Er, küssend sie mit lieblichem verlangen,
Sing du mir, Lieb, nur nach. Und hat gleich angefangen.

Corydon.

An disem frischen Ort, so lieblich, grün und rein,
Daß wol für ein Gemach kont taugen,
Da wir frey von der Eyfrer augen,
Frey von des Sommers hitz, frey von der Sonnen schein;
Weil wir ja gantz allein,
So laß nu Cloris uns auch mit einander schwätzelen,
So laß uns nun und dan, hertzlieb, einander schmätzelen.

Cloris.

Wir fliehen, Corydon, der Sonnen glantz und hitz,
Uns in dem schatten zu erquicken:
Doch wan mit widrigen anblicken,
Die Lieb (uns brennend mehr) durchdringet die Fürwitz
Mit ihrem stärckern plitz,
So laß uns zur Arzney lieb-augelend anblickelen,
Daß ich mich mög in dir, du dich in mir erquickelen.

Corydon.

Durch deiner augen schein, durch deiner blicken glantz
Die alle sehlen stracks durch dringen,
Die alle sehlen stracks bezwingen,
Gewinnet Amor dir, auß solcher schönen schantz
Der schönheit Ruhm und Krantz:
Wie seelig bin ich dan dich an-zu-äugelen,
Daß dein milchweisse brust und rohter mund mich säugelen!

Cloris.

Wie seelig bin dan ich, daß ich mit gutem fug
In deinen augen, die Mich nöhren
Mit lieb, und der lieb leyd verzöhren
Mich nach lust spieglen darf, und nu kan ohn betrug
Aufhalten ihren flug:
Und daß den Täublein gleich wir nun einander schnabelen,
Mit küssen Nectar-gleich begabelen, erlabelen!

Corydon.

Nun lernen wir erst recht der wahren Lieb gesatz,
Indem wir beed einander lehren,
Und der lieb früchten uns gewehren,
Verwechßlend Küß für Küß, und gebend schmatz umb schmatz,
Daß ein des andern schatz,
Wan wir geliebet uns und liebend zugleich hertzelen,
Und mit einander mehr verliebelet mehr scherzelen.

Cloris.

Vollkomne lieb und gunst, doch so vollkommen nicht,
Wan wir uns in die arm beschliessen,
Und aller süssen frewd geniessen,
Daß uns dan manglen solt des Geists und Munds bericht
Und des lieb-liechts gesicht!
Daß der Lust dunckel wirt, indem wir müssen winckelen,
Wan auß des andern Mund wir der lieb-Nectar drinckelen.

Corydon.

O klar, lieb-reicher tag! fruchtreiche Sommers zeit!
Die uns die beste gunst erweisen,
Die uns mit köstlichster kost speisen,
Die uns gewehren nun nach langem leyd und streit,
Der süssesten lieb beut!
Erlaubend uns (O frewd!) zu juckelen, zu schmuckelen,
Und (ach! schweig mund, sag nicht) brust auf brust zu druckelen.

Cloris.

Gleichwie das Epphew grün den baum jung oder alt,
Gleichwie die liebend-gaile Reben,
Den Pfal und auch sich selbs umbgeben:
So lieb und halt mich hoch, wie ich dich lieb und halt
Mit lieb- und lusts-gewalt.
Ich weiß nicht was, wa, wie, indem ich understützelet
Mit meinem deinen mund, mich kützelet und kritzelet.

Corydon.

Wie ein zweyfalterlein, flieg oder mücklein sich
In dem liecht und gedranck verlieret,
Durch den glantz und das süß verführet:
Also seind willig wir, also erfrew ich mich,
Und du bist fro auch dich,
Weil deine haar, hertzlieb, mein hertz und sehl verstrickelen,
In unsrer armen band umb und umb zuverwickelen.

Cloris.

Wolan es ist nu gnug. Ade mein liebstes hertz,
Der tag und die hitz seind vergangen,
Doch wehret noch stehts das verlangen,
Daß in uns gleiche Lieb und des Abwesens schmertz
Ernöhret diser schertz:
Darumb so müssen wir, ihn niemahl lang zu misselen,
Zusamen kommend gern, einander täglich küsselen.

Lucidor.

Hiemit gehorsamend der kühlen abend-stund
Beschlossen (küssend) sie das ein des andern mund,
Und zugleich ihr gesang: sie küssen so geflissen
Als ob einander sie nicht gnugsam konten küssen.
Doch endlich schaiden sie (dieweil es ja sein muß)
Mit hofnung und verspruch zu lindern den verdruß
Des schaidens, sich so oft als möglich zu enttrüben,
Und sich beständiglich und ewiglich zu lieben.
(Band 2 S. 376-381)

 

Aus: Georg Rudolf Weckherlins Gedichte
Herausgegeben von Hermann Fischer
Gedruckt für den Literarischen Verein in Stuttgart
Tübingen Band 1 (1894) Band 2 (1895)
Band 3 (mit Supplement-Band) 1907

 

 


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