Balladen

- Gespräche zwischen Verliebten - lyrische Erzählungen - u.ä.
 

Frederic Leighton Der Fischer und die Sirene um 1856-58


 

Georg Rudolf Weckherlin
(1584-1653)


Die fünffte Eclog. Von dem Winter.
Myrta. Marina. Filodor. Florido.

Filodor.
Wie unempfindlich schnell verlauffet sich die zeit?
Wie gar nichts ist wehrhafft in diser welt zufinden?
Wa ist doch gestern hin? kan heut nicht bleiben heut?
Muß Tag und Nacht stehts fort, Jahr und Zeit stehts verschwinden?
Der Sommer dringet an, eh kaum der lentz dahin,
Den Sommer will der Herbst nicht lang verziehen lassen,
Der winter ist des herbsts verdrüßlicher gewin,
Als ob einander sie zu tödten müsten hassen.
Also vertreibet auch der Tag die Nacht, die Nacht
Verjaget bald den Tag, und kommen sie schon wider,
So kan den menschen doch kein Reichtumb, Kunst noch Macht,
Beleben wider hie, wan Er einmahl darnider.
Schaw doch, wie alles feld, das mit laub, blumen, frucht
Kraut und (graß newlich war anmuhtiglich gezieret,
Ietzund all seine zierd (die sich nach schneller flucht
Bald gantz vernichtiget) verlieret und gefrüeret.
Doch wan der Winter selbs, der stürmig, naß und kalt,
Den Menschen husten, flüß, und kranckheit verursachet,
Des Lentzen widerkunft und grünende gestalt,
Den Sommer und den Herbst uns angenehmer machet:
Wie solten wir nicht auch, auf daß vernüget wir
Nur desto frölicher die trübe zeit hinbringen,
Ihm nun auß freyhem muht, wa nicht nach der gebihr,
Ja unsern Nymfelein, wie ihm zugleich, Lobsingen?

Florido.
Lobsingen? freylich ja. Doch wehrter Filodor,
Weil dises wetter kaum (wie ich förcht) vil zuloben,
So sing uns du (der Kunst und unser Maister) vor,
Darauf dan auch dir wir das best zuthun geloben.

Myrta.
Lobsingen, warumb nicht? ich glaub die kalte zeit
Sey so wol oder mehr, als die hitz zu begehren:
Und darumb wollen wir ietz mit Euch ewern streit,
Und dan des Winters Lob mit-singen und mit-hören.

Marina.
Lobsingen? Freylich ja, sprich auch ich, wan mir schon
Das kalt nicht wie das warm beliebet und behaget:
So soll der Winter doch nicht sein ohn lob und lohn,
Der, als der Sommer selbs, dan labet und dan plaget.

Filodor.
Wolan, wan dan wir vier (in diser Hölin frey
Von kaltem wind und schnee) einander billich lieben:
So lasset lieblich uns ohn allen streit und schew
Auch unsre witz und stim, dem Winter zu lob, üben.

Florido.
Zu friden. Doch weil mich, Marina (dan wir gleich)
Wie dich nach dem was warm, und nicht was kalt verlanget:
So sing ich auch nach dir, dir so Lieb- als-stim-reich,
Wan mit dem Filodor du, Myrta, wilt anfangen.

Filodor.
Wol, Myrta, wan wir nun des winters pracht und macht
Begihrig beeder seits zu singen und zu hören;
So fang doch an ein Lied, dadurch wir ohn zwitracht
Des Winters lieb und lob einander nach erklären.

Myrta.
Wan ewer aller will (ein Lieblicher Gewalt)
Mich kan in disem stück euch zu wilfahren zwingen:
Wolan so fang ich an. Doch wan mein Lied so kalt
Als dise kalte Zeit, so könt ihr besser singen.

Winter Lied.

Myrta.
Der Früling, Sommer, Herbst, mit blumen, frucht und most,
Kan unser aug, mund, hertz, wol frisch, sat, frölich machen:
Iedoch der Winter auch mit seinem wind, schnee, frost,
Verhindert uns gar nicht zu singen, dantzen, lachen.
Wan schon der Winter herb,
Ist er doch nicht beschwerlicher,
Ist er doch nicht gefährlicher,
Dan andrer zeit Gewerb.
Dan er vermehret unsern muht,
Und lehret uns den Leib zu üben;
Daß wir zu aller arbeit gut
Mehr dan die Muß die Unmuß lieben.

Filodor.
Der Herbst mit Most und Wein; der Sommer mit Getreyd,
Der Lentz mit blumen, laub und blust mag wol prachtieren:
Doch kan der Winter auch sein weiß-gesterntes Kleyd
Mit purestem Cristall, Perlein und Deemant zieren.
Wan schon der Winter hart,
So ist er doch nicht blutiger,
Und ist dannoch vil muhtiger
Dan andrer Zeitten Art.
Der Winter wärmet uns das blut,
Indem wir uns mit arbeit üben:
Er schärpfet uns auch sinn und muht,
Daß wir einander besser lieben.

Marina.
Des Morgens, des Mittags, des Abends schnelle Zeit
Mag unsern Geist, Leib, Muht, ermundern, nöhren, laben:
Doch kan die stille Nacht in iedem stand die Leut
Nach arbeit, müh und leyd, mit frewd, ruh, lust begaben.
Der Winter wie die Nacht
Dem Menschen dienet wunderlich,
Doch in dem Buhlen sonderlich,
Mehr dan der Sonnen pracht.
Der Winter lehret der Lieb Kunst,
Geliebet, liebend und verschwigen,
Oft zu geniessen der Lieb gunst
Wan näher wir zu samen ligen.

Florido.
Die Kindheit schwach und zart, die jugent frisch und gail,
Die Manheit heiß und khün, mit gelb, braun, schwartzen haaren,
Erwirbet Lieb und Lob: Doch mehr Verstand, Raht, Heyl,
Kan uns des Alters Schnee und Winter offenbaren.
Der edlen Weißheit frucht
Verjüngert uns gantz mächtiglich,
Und krönet endlich prächtiglich
Des Lebens schnelle flucht.
Des Winters wie des Alters kunst
(So köstlich als das Gold gedigen)
Erhitzet uns mit newer brunst
Wan wir so nah zusamen ligen.

Myrta.
Mit buntem Rock der Lentz, der Sommer reich mit Gold,
Der Herbst mit Roht und Weiß kan berg und thal bedöcken;
Iedoch der Winter starck mit Silber-reichem Sold
Kan (mächtiger) sie all gar in den harnisch stöcken.
Zu wasser wie zu land
Ist er allzeit empfindlicher,
Doch ist er auch entzündlicher
Durch der Lieb süssen brand.
Dan zu ermiltern seine wuht,
So muß man sich nur munder üben,
Und mit der Lieb und andrer glut
Einander wärmen und enttrüben.

Filodor.
Lieb- und Lob-wehrt ist zwar der Früling, des jahrs Ost,
Der west-wind des jahrs herbst, der sud-wind des jahrs sommer;
Doch der Nord-wind (gesund) ist nicht ohn frewd noch trost,
Und ist das beywort falsch: von dem Nord aller Kummer.
Und wan zu zeitten er
Schon kälter und bedrüblicher,
So wirt er gleichwol lieblicher
Wan folgend seiner Lehr,
Zu wärmen unsern Leib und blut
Wir uns in schimpf und ernst gern üben,
Und zugleich unsern Geist und Muht
Geliebet, liebend oft enttrüben.

Marina.
Wan ihre zeit und dienst in uns die Feuchtigkeit,
Die drückne und die hitz muß ordendlich verwalten:
Warumb dan solt nicht auch mit gleicher billichkeit
Die Kälte nach verdienst ihr recht und wehrt behalten?
Sie, strafend uns nicht lang
Mißgünstiglich noch lästerlich,
Will, daß ich mehr dan schwesterlich
Mein Lieb Küß und umbfang.
Sie lehret uns kunst über kunst
(Geliebet liebend steehts zu sigen,
Und zu geniessen der lieb gunst)
Nah, näher, nechst zu samen ligen.

Florido.
Das wasser mag (für mich) des lebens ursprung sein,
Ohn fewer und ohn luft kan nichts hie niden leben:
Iedoch des Winters sitz, dem Erdreich, gleich gemein,
Und unser aufenthalt muß man sein lob auch geben.
Die Erd, dem winter gleich,
Will daß wir leben frewdiglich,
Nicht liederlich noch leydiglich,
Mit ihren güttern reich;
Und daß durch ihrer gaben gunst
Wir über zeit und tod zu sigen,
Erhitzet mit stehts newer brunst
Nah, näher, nächst zusamen ligen.

Myrta.
Des winters harte faust, mit eysen-gleichem eyß
Gewafnet, hat das feld schon aller zier beraubet;
Es hat ohn alle Gnad der kahl und kalte Greyß
Wäld, Gärten, Berg und Thal entgrünet und entlaubet.
Ie kälter doch die zeit,
Ie dieblicher und schertzlicher
Ie lieblicher und hertzlicher
Genieß ich der lieb beut.
Dan ja die lieb (das Höchste Gut)
Ermahnet uns in lieb zu üben,
Und mit beständig-trewem muht
Ein ander mehr und mehr zulieben.

Filodor.
Des hagels, winds, frosts, schnees und eysses überfluß
Hat nu die Vögelein vertreibend gar gestillet:
Apollo der Welt Arzt, selbs Kranck, hat auß verdruß
Mit wolcken sein gesicht verbunden und verhüllet.
Zwar weiset Er sich schon
Verdrüßlicher und feindlicher,
Wirt Er doch wider freindlicher
Durch der lieb süssen lohn:
So warmet Er auch unser blut
Mit mehrerm ernst und hitz zulieben,
Daß wir erleuchtend unsern muht
Uns frischer in der Lieb-spihl üben.

Marina.
Der winter wärmend uns mehr durch des fewers schein
Dan durch der Sonnen glantz, mit lehr zu hauß uns nöhret:
Ja als ein Zucker Beck mit Confect groß und klein
Mit Sultz und Marzepan das New-jahr uns bescheret:
Mir lüfrend in die Arm
Mein lieb zu küssen düchtiglich,
Auch wol nicht gar zu züchtiglich
Seind wir durch und durch warm.
Ja so gut ist des Winters brunst,
Daß wir durch lieb gesiget sigen,
Und stehts mit newer lieb und kunst
Vil näher gern beysamen ligen.

Florido.
Mehr dan kein andre zeit der winter als ein Koch,
Vih, wildbret, vögel, fisch uns auf den Tisch fürsetzet:
Als Keller schencket Er uns auch zu dem Geloch
Gut alt und newen wein, der uns das hertz ergötzet.
Kom wider mich das kalt
Wie immer scharpf und bitterlich
Mit dir ich doch mehr Ritterlich
Die süsse Lieb verwalt.
Dan so groß ist des winters kunst,
Daß wir durch lieb gesiget sigen
Und stehts mit newer lieb, lust, brunst
Vil näher gern zusamen ligen.

Filodor.
Halt Myrta, Schönste Nymf. Der Winter hat numehr
Von unserm Winterlied lob und ehr gnug empfangen:
Wiewol des menschen geist, begihrig aller lehr,
Sehr schwerlich gnug thun han der lieb und dem verlangen.

Marina.
Es ist ja gnug. Der Tag ist kurtz, die Nacht ist lang,
So daß wir billich ietz abbrechen unser dichten:
Und auf daß unser thun ein stim mit dem Gesang,
So solten wir die wort auch in das werck nu richten.

Florido.
Nymf deine wort seind gail zwar voll holdseeligkeit:
Iedoch kan man dein thun den worten kaum gleich finden,
Sunst würdest du, hertzlieb, des winters härtigkeit
Und störrig-kalten frost erwaichen und entzünden.

Myrta.
So sehr kan keine Blum, Frucht, Schatten, Fewers-glut
Des Lentzen, Summers, Herbsts und winters mich erquicken,
Als ewer aller Lied. Doch Maaß ist allzeit gut,
Und muß man nach der Muß sich zu der Unmuß schicken.
Den man kan mit gesang, dantz, schlaf und spihlen hie
Den Lentzen, Sommer, Herbst und zeit verlieren sehen,
Sorgloß, ohn karst und pflug, ohn sichel, sössel, müh,
Der (billich darbend) soll den Winter betlen gehen.

Filodor.
Recht, Schönste Myrta, recht. Dan alles seine zeit:
Die edle hertzen sich mit müh zu nöhren pflegen:
Nach arbeit der Gewin, Nach kampf und sig die beut,
Nach müh und pein die Ruh ist als des Himmels seegen.
Es ist auch keinem Man ein schön-geliebtes Weib,
Es ist kein gute speiß dem hunger angenemer;
Es ist kein warmes bad zu rechter zeit dem leib,
Es ist kein frischer drunck dem durstigen bequemer:
Dan neben guttem lohn verdiente Ruhm und Ehr,
Die den verdruß der pein, die müh der müh benemen,
Und die vergangne müh versüssend mehr und mehr
Mit der Gedechtnus trost und frewd allzeit bequemen.
Wolan, wan fleiß und müh so richtigen Gewin,
Daß ihre diener sie Reich, ruhwig, frölich machen:
So geh ein iedes nu zu seiner arbeit hin,
Das wir widrumb darnach frolocken, singen, lachen.
(Band 2 S. 390-398)



Aus: Georg Rudolf Weckherlins Gedichte
Herausgegeben von Hermann Fischer
Gedruckt für den Literarischen Verein in Stuttgart
Tübingen Band 1 (1894) Band 2 (1895)
Band 3 (mit Supplement-Band) 1907
 

 

 


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