Susanne von Bandemer (1751-1828) - Liebesgedichte

Susanne von Bandemer

 


Susanne von Bandemer
(1751-1828)

 

Sehnsucht der Liebe

Wer schildert sie des Herzens reine Wonne
Die mich durchbebt, wann endlich sich die Sonne
In Dunkel hüllt, und mir der Stern erscheinet,
Der uns vereinet.

Dann fliehen sie, die lang' ersehnten Stunden,
Bey dir dahin, als wären sie Sekunden,
Ich spähe nur in deinem süssen Blicke
Nach meinem Glücke.

Ja, ewig wird mein ganzes inn'res Leben,
Sey, wo du willst, zu dir, Geliebter! streben;
Und dieser Geist wird liebend dich begleiten
Durch Ewigkeiten.

Dann werd' ich dort, wo reine Liebe thronet,
Durch dich vielleicht auf einem Stern belohnet,
Wo Liebende, die Geist und Herz verbinden,
Sich wieder finden.

Und mit verjüngter, Engel gleicher Liebe,
Empfinden wir die seligsten der Triebe;
Und trinken dort, im hohen Himmelssaale,
Die Nektarschale.

Allein dein Kuss wird süsser mich beleben,
Als Nektar, den die guten Götter geben:
Entküss' ich ihn nicht in der nächsten Stunde
Von deinem Munde?
 

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An den Mann der Liebe

Süsser Liebling! Dich nur zu erblicken
Ist der Wunsch, der meine Seele füllt,
Jeder Puls schlägt feuriges Entzücken
Wann der Zufall diese Sehnsucht stillt.

Und doch bist du immer mir zugegen,
Wann dich gleich mein Aug' und Herz vermisst:
Ungeduldig schelt' ich dann den trägen
Stundenlauf, wo du nicht bey mir bist.

Wachend denk' ich dein, und seh' dich immer
Vor mir schwebend, wie dein süsses Bild
Jeden Raum in diesem kleinen Zimmer,
Jede Faser meines Herzens füllt.

Schlafend kann mich nur ein Traum beglücken,
Der dich, Bester meinen Armen giebt,
Wo ich dich an diesen Busen drücken,
Und dir sagen kann: wie die dich liebt,

Die auf dieser ganzen weiten Erde
Nur allein für dich, Geliebter! glüht;
Und des Lebens drückendste Beschwerde
Gerne trägt, und jeden Schimmer flieht.

Die den Fürsten ihre Hoheit gönnet,
Und sich glücklicher in Hüten preist,
Wenn sie, Holder! nie von dir getrennet
Die Geliebte, des Geliebten, heisst.

Dann mag die Natur aus ihren Fugen sinken,
Welten wieder in ihr Nichts vergehn;
Und des Himmels Seligkeit mir winken, -
Nur dich, Mann der Liebe! werd' ich sehn!
 

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An ***
bey der Übersendung einer Haarlocke

Die stolze Majestät des Löwen zu bezwingen,
Muss keine Kette ihn umschlingen;
Verachtend sprengt er sie. – Ein Faden fesselt ihn,
Und willig wird er Amors Wagen ziehn, -
Der Liebe süssgepries'ne Bande
Sind, leider! zu Cytherens Schande,
Nicht immer süss – und Blumenketten rar.
Doch ich, mein Trauter, fess'le gar
Den Mann der Liebe an ein – Haar -!

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von Susanne von Bandemer

 


Gedichte aus: Neue vermischte Gedichte von
Susanne von Bandemer gebornen von Franklin
mit dem Bildnisse der Verfasserin
Berlin 1802


Biographie:
Bandemer, Susanne von, geb. von Franklin, * 2.3.1751 Berlin, † 30.12.1828 Koblenz. - Lyrikerin u. Dramatikerin.
B., eine Nichte Benjamin Franklins, war in erster Ehe mit dem preuß. Major von Bandemer, nach der Scheidung mit einem Grafen von Bohlen verheiratet. Als auch diese Ehe aufgelöst wurde, ging sie zu ihrem ersten Mann zurück. B., die mit Karl Wilhelm Ramler, Anna Luisa Karsch, Wieland u. Herder befreundet war, schrieb v. a. Lyrik (Beiträge von ihr wurden u.a. im »Berliner Musenalmanach« u. in Wielands »Neuem Teutschen Merkur« gedruckt) u. Dramen. Viele der Gedichte sind an ihre Dichterfreunde gerichtet, in anderen huldigt sie Mitgliedern des preuß. Königshauses oder preuß. Staatsmännern. Ein charakterist. Zug der Dichtung B.s, die im Ruf einer gelehrten Dichterin stand, sind die Anspielungen auf Figuren der griech. Mythologie u. auf antike Dichter, die z. T. in Anmerkungen erschlossen werden. Gedichtformen u. Reimschemata sind vielfältig.
Manchmal erweist sich B. als scharfe Kritikerin, so in ihrem Gedicht Der Richter, in dem sie eine verantwortungslose Rechtsprechung geißelt. Geradezu polemisch ist ihre anonym veröffentlichte Schrift über die langjährige Geliebte Friedrich Wilhelms II. von Preußen, Wilhelmine Enke (verh. Rietz): »Biographische Skizze der Madame Ritz jetzigen Gräfinn von Lichtenau« (Paris, recte Lpz. 1798). Im selben Jahr erschien ihr empfindsamer Roman Klara von Bourg, eine wahre Geschichte (1. u. einziger Bd., Ffm. 1798), den sie der Verfasserin der Geschichte des Fräuleins von Sternheim, Sophie von La Roche, widmete.

WEITERE WERKE: Poetische u. prosaische Versuche. Bln. 1787.2. vermehrte Aufl., Bln. 1802. - Sydney u. Eduard, oder was vermag die Liebe? Hann. 1792 (D.). - Knapp Edmund oder die Wiedervergeltung. Ffm. 1800 (D.). - Neue vermischte Gedichte. Bln. 1802. - Gedichte u. prosaische Kleinigkeiten. Neue Ausg., 2 Tle., Neustrelitz 1811. - Zerstreute Blätter aus dem letzten Zehntheil des abgeschiednen Jh. Koblenz 1821.
Aus: Autoren- und Werklexikon: Bandemer, Susanne von, S. 2. Digitale Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon, S. 1070 (vgl. Killy Bd. 1, S. 317)


 

 


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