Gabriele von Baumberg (1768-1839)  - Liebesgedichte

 


Gabriele von Baumberg
(1768-1839)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

 

Bey Zurückstellung eines weissen Tuchs

Auch dich darf ich nicht länger mehr besitzen!
So kehre dann mit Dank und mit Gesang
Zurück, zu dem, der, mich vor Frost zu schützen,
Sorgfältig dich um meinen Busen schlang.

Wie leise schlug mein Herz, von dir bedecket,
Zwar unbemerkt, doch warm für deinen Herrn!
Von keiner bangen Ahndung aufgeschrecket,
Wähnt' ich das Ende seiner Liebe fern.

Doch nur zu bald begann er mich zu fliehen,
Und meidet nun mit Kälte jeden Blick.
Er hat dich, wie sein Herz, mir nur geliehen;
Und fodert beydes nun von mir zurück.

So geh dann hin, und in den nächsten Tagen
Hüll einer Andern stolzen Busen ein!
Dann mag er dich als Siegesfahne tragen,
Und noch einmal sich meiner Thränen freun!
(S. 77)
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An einen Freund vor seiner Abreise

Das Wunderband, wodurch zwey gleich geschaffne Seelen
Beym ersten Blicke sich verbinden und vermählen,
Wird durch Entfernung nur gedehnt.
Es wird von einem Pol bis hin zum andern reichen,
An Dauerhaftigkeit wird's einer Kette gleichen,
Die selbst die Zeit nicht ganz zertrennt.
(S. 105)
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Der Frühlingsmorgen

Der erste Frühlingsmorgen
Erwachet über mir,
Und findet mich in Sorgen,
Und sieht mich fern von dir.

Sonst fand er mich in Freuden
An deiner trauten Hand,
Mir waren Trennungsleiden
Und Gram noch unbekannt.

Nun treibt mich banges Sehnen
Auf Wiese, Feld und Au:
Dort mischen meine Thränen
Sich mit dem Morgenthau.

Obschon zu künft'gen Früchten
Die Erde Blüthen trägt,
Die Nachtigall Geschichten
Von treuer Liebe schlägt;

Die holde Frühlingssonne
Auf uns hernieder lacht,
Und jedes Herz zur Wonne
Und zum Gebeth erwacht:

Theil' ich doch nicht die Freuden,
Theil' ich die Andacht nicht,
Ich fühle nur die Leiden
Schwer drückendes Gewicht,

Nur, dass ich fern, o Trauter,
Von deinem süssen Kuss,
Der Erde Fest mit lauter
Wehklage feyern muss.
(S. 19-20)
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Eine Phantasie

Der Weg von Freundschaft bis zur Liebe
Ist eine blumenreiche Flur:
Nie scheint uns da die Sonne trübe,
Und ringsum lächelt die Natur.

Sie leitet uns durch Rosengänge,
Und zeigt uns fern ein Paradies:
Und Harmonie macht durch Gesänge
Uns diese Frühlingsreise süss.

Wohin wir blicken, sehn wir Segen;
In jeder Pflanze, jedem Kraut
Lacht immer Freud' uns hold entgegen,
Und Hoffnung grünt, wohin man schaut;

Sie flicht aus ihrem eignen Kranze
Die schönsten Blätter uns ins Haar:
Und leicht umschwebt im leichten Tanze,
Gleich Elfen, uns der Wünsche Schaar.

Aus Wünschen werden endlich Triebe,
Ein Trupp, der stark uns mit sich zieht:
Und plötzlich sind wir in der Liebe
Nur allzureizendem Gebieth. -

Doch, ach, wie traurig und wie trübe,
Wie freudenlos, wie kalt und lang
Ist dann der öde Weg von Liebe
Zur Freundschaft! – Welch ein Uebergang!

Wenn Hindernis von allen Seiten
Den müden Wanderer bestürmt,
Und Berge von Unmöglichkeiten
Ihm das Geschick entgegen thürmt!

Da giebt es lauter öde Haiden,
Nicht Eine blumenreiche Flur:
Und statt der Hoffnung süsser Freuden
Geht Schwermuth uns zur Seite nur.

Kurz war der Weg hinan zum Glücke;
Der Liebesfreuden bunte Reihn
Verkürzten ihn: - doch, ach, zurücke
Geht man den langen Weg allein.

Noch glücklich, wem das Chor der Musen
Ein süsses Saitenspiel beschert,
Das manchmal dem gepressten Busen
Erleichterung und Trost gewährt!
(S. 174-176)
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Die sechste Stunde des Abends

Die Stunde, der ich sehnsuchtsvoll
Den ganzen Tag entgegen blickte,
Und die zur Göttin mich entzückte,
Wenn mir ihr letzter Schlag erscholl,

Die schlägt nun nicht für mich und Ihn
Zum Wiedersehn das Losungszeichen:
Und matt, wie welke Kranke, schleichen
Die traurigen Minuten hin,

Doch selbst in dieser Einsamkeit,
Dem Liebesgram so angemessen,
Sey (hättest du mich auch vergessen)
Dies Liedchen dennoch dir geweiht.

So fern du meinen Blicken bist,
So nahe bist du diesem Herzen,
So gegenwärtig, dass der Schmerzen
Der Trennung nur ein Traum noch ist.

Die holde Göttinn, Phantasie,
Trägt mich auf ihrem raschen Flügel
Schnell über Wald und Thal und Hügel,
Und so – vermiss ich dich fast nie.

Was mir des Schicksals Macht entreisst,
Kann mein Gedankenflug ereilen.
Was ist ein Zwischenraum von Meilen? -
Kaum eine Spanne für den Geist.

Gleich deinem Schatten folgt er dir
Zum Freudenfest, zur niedern Hütte,
Und in der Assembleen Mitte,
Und spricht ein leises Wort von mir.

Selbst dann, wann du dich ungesehn
In deinem Stübchen einsam glaubest,
Und dir durch Wahn die Ruhe raubest,
Umgiebt er dich mit leisem Wehn.

Du wähnst dann, das Verdienst sey dein,
Und hältst es für Erinnerungen.
Das magst du! wenn's ihm nur gelungen,
Mein Angedenken zu erneun.
(S. 60-61)
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Die Zeit

Die Zeit zerstört und baut Paläste,
Streut bunte Blumen auf die Flur:
Verschlingt des Nachruhms Ueberreste,
Und lässt dem Enkel keine Spur:

Mit unersättlichem Behagen
Nagt sie am Denkmal mancher Gruft;
Zwar mildert sie des Unmuths Klagen
Durch sie zerfliesst der Gram in Luft.

Oft nährt, oft löschet sie die Flamme,
Die Leidenschaft im Busen birg't;
Oft untergräbt sie schlau am Damme
Womit Vernunft entgegen wirkt.

Sie kann, was Menschen selten können,
Sie setzet Schranken jedem Schmerz,
Vereint oft, was die Menschen trennen,
Giesst Balsam in das wunde Herz.

Zwar wieget sie die stärksten Triebe
In Schlummer ein, nach Sturm und Braus;
Doch die Erinnrung Erster Liebe
Tilgt selbst die Ewigkeit nicht aus! –
(S. 266-267)
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Der Morgenkuss nach einem Ball

Durch eine ganze Nacht sich nahe seyn,
So Hand in Hand, so Arm im Arme weilen,
So viel empfinden ohne mitzutheilen -
Ist eine wonnevolle Pein!

So immer Seelenblick im Seelenblick
Auch den geheimsten Wunsch des Herzens sehen,
So wenig sprechen, und sich doch verstehen -
Ist hohes martervolles Glück!

Zum Lohn für die im Zwang verschwundne Zeit
Dann bey dem Morgenstrahl, warm, mit Entzücken
Sich Mund an Mund, und Herz an Herz sich drücken -
O dies ist – Engelseligkeit!
(S. 17)
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Der Schmetterling auf einem Vergißmeinnichtchen

Ein Blümchen, das sich zwar nicht mehr
Für unsre Lage schickt,
Hab' ich doch, Freund, von Ungefähr
Für dich jüngst abgepflückt.

Denn wiss', als ich es pflückte, hing
Ein Schmetterling daran.
Ich sah, dass auch ein Schmetterling
Dies Blümchen lieben kann.

Dies Wunder der Natur entging
Dann meinem Blicke nicht:
Drum schick' ich dir den Schmetterling
Und das Vergißmeinnicht.
(S. 83)
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Empfindungen in einer Gesellschaft
in Lascy's Garten, nach Adolphs Abreise

Endlich, Freund, hab' ich mit Furcht und Beben
Zu der Stätte, wo mein Herz dich fand,
Feyerlich mich heute hinbegeben,
Und erneut, was ich einst da empfand:

Sah die Gegend wieder blühn und grünen,
Alles sich erfreuen um mich her,
War die einz'ge traurend unter ihnen,
Denn ich fand, o Trauter, dich nicht mehr.

Hab dich nirgend, nirgend zu erwarten,
Nicht auf Wiesen, nicht im Büschicht dort! - -
Und so ward der sonst beliebte Garten
Mir zum schaudervollen Trauerort.

Bergend meine Schwermuth unter Scherzen,
Lacht' ich mit in ihren Lärm, und zwang
Lange mich, bis das Gefühl der Schmerzen
Durch die Masque meines Frohsinns drang;

Losgerissen von dem Städteschwarme,
Schlich betäubt ich hin, und tief bewegt
Schloss ich fest den Baum in meine Arme,
Der die Spuren deines Nahmens trägt;

Barg mit Wehmuth, die kein Wort bestimmet,
Sinnelos am Stamme das Gesicht;
Fühlte, dass die Glut im Busen glimmet:
Aber weinen, weinen konnt' ich nicht.

Wollte dann der Wege jeden gehen,
Die ich einst an deinem Arm durchwallt;
Wollt' all alles wiederum besehen,
Wenn es gleich die Schwermuth düster malt.

Doch der Sturm erhob sich in den Lüften,
Und die Wolken thürmten schwarz sich auf,
Und der Blitze Drohn aus ihren Klüften
Hemmten mich in meinem Pilgerlauf:

Halben Wegs musst' ich zurückekehren,
Unbesucht blieb Hügel, Wasserfall;
Und von Philomelens Zauberchören
Hört' ich nur von fern den Wiederhall.

Könnt' ich dich nur Einmal wieder sehen,
Wieder küssen nur ein Einzigmal:
Ruhig wollt' ich dann durchs Leben gehen,
Und vergessen meiner Leiden all.

Doch getrost! vielleicht schlägt eine Stunde,
Sollte sie auch weit entfernt noch seyn,
Da wir, trotz dem hier zerrissnen Bunde,
Ihn in bessern Welten noch erneun.
(S. 154-156)
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Die Braut am Grabe des Geliebten

Geschmückt mit blauem Sternenschleyer
Zieht bräutlich nun die Nacht heran:
Und schmachtend folgt schon ihr Getreuer,
Der Mond, auf wolkenloser Bahn.

Die Stille herrscht; nur Philomele
Singt noch ihr zärtlich schmelzend Ach!
Und flöttet auch in meiner Seele
Entschlummerte Gefühle wach.

Das Echo hörts, und hallt die Lieder
Der zärtlich treuen Sängerinn
Am Grabeshügel traurig wieder,
Wo ich verwais't – verlassen bin.

Ich seh' mit grambenetzten Blicken
Zum heitern, lieben Mond hinauf:
Wann wird auch mich die Nacht beglücken?
Wann endet meiner Prüfung Lauf?

Wann werd' ich dort bey hellen Sternen,
Wo längst schon mein Erwählter wohnt,
Die Regungen vergessen lernen,
Die hier kein Sterblicher belohnt?

Wann wird die Segensmacht erscheinen,
Die uns auf Ewig dort vereint,
Wo Engel Freudenthränen weinen,
Wenn ein getreues Weib erscheint?
(S. 124-125)
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Nantchens Unbussertigkeit

Ihn lieben wäre Sünde! Nein!
Das glaub' ich nimmermehr!
Doch wenn es wirklich Sünde wär',
Die Sünde könnt' ich selbst im Tode nicht bereun.
(S. 58)
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Als Louise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte

Ihr Kinder heisser Phantasey,
In einer schwärmerischen Stunde
Zur Welt gebrachte! – geht zu Grunde!
Der schöne Taumel ist vorbey.

Ihr danket Flammen euer Seyn:
Ich geb' euch nun den Flammen wieder,
Und all die schmeichlerischen Lieder;
Denn, ach! er singt mir nicht allein.

Ihr brennet nun, und bald, ihr Lieben,
Ist keine Spur von euch mehr hier.
Doch ach! der Mann, der euch geschrieben,
Brennt lange noch vielleicht in mir.
(S. 78)
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Das liebende Mädchen

Jüngling, wenn ich dich von fern erblicke,
Wird vor Sehnsucht mir das Auge nass:
Nahst du dich, so hält es mich zurücke
Wie mit Fesseln – und ich weiss nicht, Was?

Fern von dir hab' ich so viel zu klagen,
Und dir gegenüber sitz' ich stumm,
Kann dir nicht ein Sterbens-Wörtchen sagen,
Stammle nur, - und weiss doch nicht, Warum?

Stundenlang häng' ich an deinem Blicke:
Aber wenn der deinige mich so
Ueberrascht, fährt meiner scheu zurücke,
Will sich bergen, - ach! und weiss nicht, Wo?

Seh' ich dich mit andern Mädchen spassen;
O, dann möcht' ich arme Schwärmerinn
Meine Vaterstadt, mein Land verlassen,
Möchte fliehn, - und weiss doch nicht, Wohin?

Einsam lass' ich, statt mich zu zerstreuen,
Meinen Thränen ungestörten Lauf,
Wiege mich in süssen Träumereyen,
Freue mich, - und weiss doch nicht, Worauf?

Denke mir das höchste Glück auf Erden,
Das ein Mädchen sich nur wünschen kann,
Hoffe, dass sie einmal kommen werden
Diese Freuden, - ach, und weiss nicht, Wann?

Denke von zwey gleich gestimmten Seelen
Mir die schönste, reinste Harmonie,
Möchte dich aus einer Welt erwählen,
Theurer Jüngling! – ach, und weiss nicht, Wie?
(S. 32-33)
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Schwur und Glaube

"Kann je dies Herz dir untreu werden,
"Das dich so zärtlich liebt, so heiss!
"Dann Lindenblätter, fällt zur Erden,
"Und du, geliebter Quell, wird Eis!

So raubten Siegmunds süsse Töne
Einst einem Mädchen Glück und Ruh;
Und künstlich heuchelt' er die Thräne
Scheinbarer Redlichkeit hinzu:

Dass sie, getäuscht durch seine Blicke,
Und überwältigt vom Gefühl,
Nicht ahnend des Verräthers Tücke,
Ihm sorglos in die Arme fiel.

Kaum aber war sein Flehn erhöret,
Und für die Treu, die er verhiess,
Vom guten Kind' ihm Treu gewähret:
Als er die Arme schon verliess.

Er floh: sie weint': er kam nicht wieder.
Leichtsinnig brach er Pflicht und Schwur,
Liess sich auf fremden Fluren nieder,
Und spottet' ihrer Thränen nur.

Bestürzt schlich sie hianus zur Quelle,
Wo sie sonst freudig sich beschaut.
Erinnrung schwebt um diese Stelle,
Drum seufzt das gute Mädchen laut:

"Ach, Gott! er hat nicht falsch geschworen,
"Ich hab ihm nur zu leicht geglaubt!
"Denn alle Quellen sind gefroren,
"Und alle Bäume sind entlaubt.
(S. 89-90)
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Liebe? – Liebe darf ich dir nicht schenken:
Ach! das strenge Schicksal will es nicht;
Meiden muss ich dich – dies wird dich kränken;
Aber dich vergessen werd' ich nicht; -

Ach! Die Zeit wird deine Triebe lenken,
Folge guter Jüngling deiner Pflicht,
Ewig werth macht mir dein Angedenken,
Was für mich in deinem Herzen spricht.

Ein Gefühl, geläuterter als Liebe,
Gränzenlos wie deine Zärtlichkeit,
Freundschaft, wie vielleicht kein Mann sie beuth,

Sey Ersatz für hoffnungslose Liebe,
Sey der Dank für die besiegten Triebe,
Und der Lohn für deine Redlichkeit!
(S. 120)
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Kennzeichen wahrer Liebe

Nicht alles, was man Liebe heißt, ist Liebe,
Wenn's gleich Uraniens Gewänder trägt.
Unschuldig sind des Herzens erste Triebe,
Und selig der, der sie in uns erregt!

Ihr Feuer wärmet sanft, so wärmt die Sonne
Im Frühlinge den jungen Blüthenbaum;
Sie ist allein der Urborn ächter Wonne,
Und was ihr vorging, was ihr folgt, ist Traum.

Nur sie berührt des Herzens feinste Saite,
Die Einmal, Einmal nur harmonisch klingt,
Und dann verstummet, wenn nicht eine zweyte
Gleich lautende zur Antwort widerklingt.

Sie ist genügsam, duldend und bescheiden,
Sie zehret stets von ihrem eignen Schatz;
Ein Wort, ein Blick gewährt für alle Freuden
Der Eitelkeit den reichlichsten Ersatz.

Durch stille Selbszufriedenheit geblücket,
Ist sie verschwiegen, kaum dem Busenfreund
Vertraut sie, was sie kränket und entzücket;
Sie ist, indess die Afterliebe scheint.

Vor ihr entfliehn die niedrigen Begierden,
Erhabene Gedanken zeugt sie nur,
Und machet leicht der Menschheit schwerste Bürden.
Ach! was wär' ohne sie die Creatur!

Sie kennt nicht kleinen Eigennutz, sie währet
Auch dann noch oft, wann jede Hoffnung flieht,
Still wie ein Lämpchen, das sich selbst verzehret,
Und ungesehn in öden Gräbern glüht.

Ihr, die ihr zürnt, wenn diese sanften Triebe
In uns erwachen, eh' ihr ihnen wehrt,
Bedenket, dass der Frühling ächter Liebe
Oft schnell verblüht, und selten wiederkehrt.
(S. 9-10)
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Auf den Fächer einer Freundin

O Fächer, der oft Wunder thut,
O! kühle meiner Freundin Blut,
Wenn sie ein Geckenschwarm umringt,
Und es durch Zorn in Wallung bringt.

Doch zeigt der Funke Liebe sich,
Dann, lieber Fächer, hüte dich,
Denn ihn zu löschen hoffet man,
Und facht zur hellen Flamm' ihn an.
(S. 16)
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Fragen an mein Schicksal

O Schicksal! musstest du mein Herz mit Lieb' erfüllen,
Mit Liebe für den Mann, der nie die Seufzer stillen,
Nie Thränen trocknen wird, die er mir ausgepresst?
Und bin ich nie ein Gast bey Amors Wonnefest?
Lernt' ich den edelsten der Männer darum kennen,
Um stets von ihm verkannt, im Stillen nur zu brennen?
Soll dieses arme Herz der Jugend beste Kraft
Verschwenden in dem Streit mit Pflicht und Leidenschaft?
Und soll ein Mann, wie Er, versehn mit tausend Gaben,
Von tausend Fehlern frey, den Einen Fehler haben:
Dass er mich Liebe lehrt, die Schülerinn nicht liebt,
Und durch Entfernung nur die Ruh' ihr wieder giebt?
(S. 135)
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An Adolph auf unsere Trennung

Sie naht! sie naht die fürchterliche Stunde,
Die mich von dir auf ewig trennen soll!
Schon bebt das Lebewohl in meinem Munde,
Für dich das letzte, letzte Lebewohl!

Beraubt der Hoffnung, je dich mehr zu sehen,
Verschliess' ich schweigend meinen Gram in mich,
Und will von Gott in Zukunft nichts erflehen,
Als Starkmuth, - und Zufriedenheit für dich.

Kurz, aber herrlich waren unsre Freuden!
Still, aber rein genossen, schwanden sie
In ew'ge Nacht! – und nahmenlose Leiden
Erfüllen jetzt die kranke Phantasie.

Allein ich muss den Rath der Vorsicht ehren,
Ich habe ja mein Unglück selbst erfleht.
Wie dürft' ich kühn dawider mich empören?
Denn dies war stets mein brünstiges Gebeth:

"O schütze meinen Liebling, Herr! und kröne
"All seine Wünsche; glücklich sey nur Er:
"Und keine sonst, als eine Dankesthräne,
"Kommt dann in Gabrielens Auge mehr."
(S. 293-294)
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Empfindungen auf der Redoute

So seh' ich dich, geliebter Tanzsaal, wieder,
Den sonst die laute Freude nur belebt,
Und wo vermummt der Leichtsinn auf und nieder,
Wie auf dem Rosenbeet ein Zephyr, schwebt;

Wo aber ich zuerst die Liebe fühlte,
Wovon ich eh den Schatten nur gekannt,
Und tändelnd bloss mit Männerherzen spielte,
Bis Amor mich mit goldnen Ketten band;

Wo stets umringt von lockrer Stutzer Reihen,
Die mich als ihre Königinn verehrt,
Das eitle Mädchen ihre Schmeicheleyen,
Mit halbem Ohre zwar, doch gern gehört;

Wo mir's Vergnügen war, von einer Menge
Hirnloser Gaffer angestarrt zu seyn;
Wo über ihr geschäftiges Gedränge
Ich Frauenzimmer gnug war, mich zu freun;

Wo oft ein Kreis von einem halben Hundert
Als art'ge Masque bald mich angestaunt,
Und bald als gute Tänzerin bewundert,
Und halblaut sich mein Lob ins Ohr geraunt.

Wie eckel sind mir nun die Freuden alle,
Die mich vor kurzem noch so sehr entzückt!
Wie wenig kümmert's mich, ob ich gefalle:
Da, Jüngling, deine Liebe mich beglückt.

Ich schmiege mich, wie eine fromme Taube,
An dich, an dich, den meine Muse preis't,
Und drehe mich zwar mit dem Fuss im Staube,
Doch weit, weit über Sternen fliegt mein Geist.
(S. 218-219)
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Trennungslied

Theurer Freund! zwey Jahre sind vergangen,
Ach! und ohne Wiederkehr verlebt,
Seit der Liebe zärtliches Verlangen
Unsrer Beyder Ruhe untergräbt.

Traurig schwand der Rest vin meiner Jugend,
Sträubend, zwischen Pflicht und Liebe hin,
Und Beharrlichkeit, die schönste Tugend,
Nennt die Welt strafbaren Eigensinn.

Schweigen muss ich, dass ich noch dich liebe,
Unterdrücken den geheimen Gram,
Dass durch Sturm der Funken edler Triebe
Statt erstickt, zu hellen Flammen kam.

Ach! was soll aus deiner Freundin werden,
Wann du fern aus unsern Mauern bist;
Wann sie Alles – ach! nur den Gefährten
Ihrer frohen Stunden nicht vergisst?
(S. 153)
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Das fruchtlose Beyspiel

Unser deutscher Kaiser
Ist ein edler Mann,
Seine Unterthanen
Hört er selber an,

Spricht dann den Bedrängten
Rath und Tröstung zu,
Sorgt, selbst wann sie schlafen,
Noch für ihre Ruh'.

So will er dem Staate
Tag und Nacht sich weihn,
Nur durch Müh' und Sorge
Erster Kaiser seyn.

Doch sein hehres Beyspiel
Frommt mir armen nicht.
Seit ich Nettchen kenne,
Kenn' ich keine Pflicht.

Immer schwebt ihr liebes
Bild mir vor dem Sinn,
Und mein ganzes Wesen
Füllt die Zauberinn.

Denn ich seh' in jedem
Nullchen ihr Gesicht;
Amtsconcepte werden
Lied und Sinngedicht.

Kind, du bist mir immer
Unaussprechlich lieb!
Gerne will ich dich nur
Denken; - aber gib

Meinen Sinnen täglich
Nur sechs Stunden Frist:
Liebe, gib dem Kaiser,
Was des Kaisers ist.

Antwort
Lieber! ich begehre
Weniger, als du;
Eine Stund' gewähre
Mir nur täglich Ruh,

Alle meine Lieder
Weih' ich willig dir.
Aber gib mir wieder
Meine Andacht mir:

Dass du, statt der Priester
Am Altar, mir nicht
Mit dem Versregister
Kommest vor Gesicht;

Der mir, im Zerstreuen
Meines Geists, Gebeth,
Psalm und Litaneyen
Zum Gedicht verdreht.

Gern geb' ich dem Kaiser,
Was des Kaisers ist:
Gib dann auch, du Weiser!
Gott, was Gottes ist.
(S. 28-31)
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Ihr Bild
Nach dem Französischen

Verfolgt vom edelsten der Triebe,
Der sonst das Herz mit Lust beseelt,
Verfolgt von hoffnungsloser Liebe,
Und durch Erinnerung gequält,

Leg' ich die schönsten meiner Tage,
Von stillem Gram verzehrt, zurück.
Mir scheint das Leben eine Plage,
Der Tod Gewinn, das Grab ein Glück.

Ich suche meinen Geist vergebens
Durch andre Bilder zu zerstreun,
Und dieses bangen, kurzen Lebens
Mich Einmal, Einmal noch zu freun.

Ich flieh die laute Stadt, und wähle
Zum Aufenthalt das stille Land,
Hier suchet ängstlich meine Seele
Die Ruhe, die sie dort nicht fand,

Doch ach! umsonst! denn mich begleiten
Die Wehmuth, und ihr schönes Bild,
Das jeden Raum und alle Zeiten
Wie Gottes Gegenwart erfüllt.

Ich seh' es in der Morgenröthe
Und Abenddämmerung mir nahn,
Es schwebt auf jedem Blumenbeete,
Es irrt um jeden Wiesenplan.

Ich seh' in Rosen ihre Wangen,
Ich seh' in Lilien ihre Hand,
In nelken ihre Lippen prangen,
Und in den Tulpen ihr Gewand,

Seh' in dem Veilchen, das, vom Strauche
Beschattet, blüht, der Holden Blick,
Fühl' ihren Kuss in Zephyrs Hauche,
Und sehne mich zur Stadt zurück.

Die Laube grünt: könnt' ich's vergessen,
Was dieser Anblick mir erneut!
Wie oft ich hier bey ihr gesessen,
Und meines Daseyns mich gefreut!

Ich schleiche vom beblümten Hügel
Hinab zum perlenklaren Bach,
Und seh' ihr Bild im Wasserspiegel,
Und folg' ihm unwillkürlich nach:

Und flieht's mich gleich auf Augenblicke;
So such' ich's ängstlich wieder auf,
Wünsch immer meinen Schmerz zurücke,
Und reisse meine Wunden auf.

Nichts ist in jener Himmelssphäre,
Nichts ist auf diesem Erdenball,
Das nicht für mich Erinnrung wäre:
Ihr Bild verfolgt mich überall.

Sogar an Gottes heil'ger Stäte,
Wenn andachtsvoll die Seele sich
In Gott versöhnende Gebethe
Ergiessen sollte, stört es mich.

Doch, ach! verstummt ihr bangen Klagen!
Hier werd' ich sie nie wieder sehn.
Doch was ich hier nicht durfte sagen,
Soll dort ihr einst mein Mund gestehn.

An jenem Ort werd' ich sie sprechen,
Wo nie des Kummers Thräne fliesst,
Wo Gegenliebe kein verbrechen,
Und Zärtlichkeit kein Laster ist:

In Gottes lichterfüllter Halle,
Am Quell des Guten seh' ich sie.
Steil ist der Weg; wir gehen ihn alle,
Nur, Einer spät, der Andre früh.
(S. 24-27)
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Eine Bemerkung

Verschwiegne Liebe wird zur Schlange,
Die unsers Lebens Ruhe stört;
Sie tilgt das Roth von unsrer Wange,
Sie ist's die jeden Reiz verheert, -
Und die man doch so gern und lange
Mit Schmerz in seinem Busen nährt.
(S. 144)
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An den Mond,
als Eduard verreiset war

Verschwiegner Mond, wärst du ein Spiegel:
O wie viel lieber wandelt' ich
Auf diesem bunten Blumenhügel!
O wie viel lieber säh' ich dich!

Trotz diesen zwischen uns gelegnen
Gebürgen würde dann mein Blick
Dem seinigen so oft begegnen,
Und niemand störte dieses Glück.

Doch strahl' auch so uns Trost hernieder,
Erheitre unsern Lebenslauf,
Und höre meine frommen Lieder,
Und trinke meine Thränen auf!

Sehnt Eduard, das Auge trübe,
Die Brust voll Seufzer, sich nach mir:
So birg ihm nicht, dass ich ihn liebe,
Und bring ihm diesen Kuss dafür.

Doch siehst du ihn bey einer Schönen,
Die mir ihn raubet: o! so zeig'
Ihm keine dieser bangen Thränen!
Bedaure mein Geschick, und – schweig!
(S. 54-55)
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Selbstgespräch

Was ist ein Leben ohne Liebe?
Ein ödes Daseyn, dumpf und trübe,
Das uns nicht Schmerz, nicht Lust gewährt,
Das kein Gefühl, als Unmuth nährt;
Ein martervolles Nichtbehagen
An allem, was uns sonst entzückt,
Das, unberechtiget zu Klagen,
Doch jeder Freude Keim erstickt;
Ein kalter Hinblick auf die Scenen
Der allbelebenden Natur,
Ein Mittelding von Scheu und Sehnen
Beym Anblick jeder Creatur.
Ein dämmernd Licht, das auf die Wonne
Des Lebens Riesenschatten streut,
Und einer künft'gen Glückessonne
Schon zweifelhafte Flecken leiht;
Ein Unkraut, das der Hoffnung Blüthen
Im Herzen nicht gedeihen lässt;
Ein Kaltsinn, der, was Menschen biethen,
Mit harter Stirne von sich stösst,
Der nie von Schönheit hingerissen,
Der, nie von Grazien entzückt,
Bey frechen seelenleeren Küssen
Nie glücklich ist, und nie beglückt;
Ein Zustand, der das Herz entstellet,
Ein weiter Raum, des Grabes Bild,
Den nie ein Strahl des Lichts erhellet,
Und nie ein süsser Traum erfüllt:
Dem Sumpfe gleich, der immer träge,
Von Wind und Wetter nie getrübt,
Aus seinem dichten Schilfgehege
Nur faule Dünste von sich giebt.

Was ist ein liebevolles Leben?
Ein langes Fieber, das zuletzt
Unheilbar wird; ein banges Schweben
In einem schwanken Schiff, das jetzt
Auf ruhigen Gewässern gleitet,
Und Hoffnung an dem Steuer hat,
Jetzt, wenn der Sturm das Meer bestreitet,
Herumgeweht wird, wie ein Blatt,
Bald auf ein wüstes Eiland treibet,
Bald nieder in die Flut sich senkt,
Auf Felsenklippen hangen bleibet,
Und dann die Schiffenden ertränkt.

Was soll man also? denn der Leiden
Giebt's wohl auf beyden Wegen viel;
Und echte dornenlose Freuden
Erwarten unser nur am Ziel.
(S. 21-23)
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An einen Unbekannten
Bey einer Serenade in meiner Gasse

Wer du auch seyst, der itzt durch Schmeicheltöne
In stiller Nacht sein schlummernd Mädchen grüsst:
Du siehst sie nicht die heiss geweinte Thräne,
Die, ungesehen, mir vom Auge fliesst.

Wer weiss, ob dir von deines Mädchens Wangen
Ein gleicher Beyfall strömt? – O glücklich, fühlt
Die Arme nicht ihr redlich Herz von bangen
Empfindungen verkannter Treu durchwühlt!

Denn jedes deiner Instrumente schallet
Nur Liebe zu des Mädchens Ohren hin,
Und von der Lippe des Geliebten hallet
Ihr nie der schnöde Nahme – Heuchlerinn!

Mir tönt er nur – so laut! – dass er das Schöne
Von deinen Symphonien übertäubt;
Und mir vielleicht, auch wenn ich mich versöhne,
Auch dann noch ewig unvergesslich bleibt.

Doch dank' ich dir, und deinen Saitenspielen,
Dass nun besänftigter das Herz mir schlägt,
Und, wenn auch rasch, mit zärtlichen Gefühlen,
Gleich deinen Harmonien, sich verträgt.

Denn käm' er itzt, - Er, der mich heut beleidigt,
Mit halber Reue nur, von ohngefähr:
Ich glaub', ich küsst' ihn, eh' er sich vertheidigt,
Und eh' ihm noch von mir vergeben wär'.
(S. 147-148)
_____

 

Grosse Wirkungen aus kleinen Ursachen

Wie klein muss nicht ein Wassertropfen scheinen!
Doch grosse Ding' entstehen oft aus kleinen.
Füllt ebenvoll ein Glas! es steht noch: aber giesst
Nur einen Tropfen dran, so läuft es plötzlich über.
Nicht anders wirkt aufs Herz ein Küsschen, das ein lieber,
Ein feuervoller Jüngling küsst.
(S. 34)
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Wir werden uns nicht wiedersehn

Wir werden uns wohl niemahls wiedersehn;
Denn ungleich sind die Launen und die Stunden,
Und deine Gegenwart ist mit Gefahr verbunden.
Drum werd' ich weisslich dir stets aus dem Wege gehen.
Scheint diese Furchtsamkeit dir etwan übertrieben:
O! so bedenke nur:
Wer könnte Kaltsinn übern,
Wo Schönheit und Natur
Uns nöthigen zu lieben?
Nun denn! die kleinste Lust, dich flüchtig nur zu sehn,
Versag' ich mir; die Welt könnt's zum Verbrechen machen.
Wenn auch Verleumdung schweigt, kann nicht der Neid erwachen?
Ja, ich bin viel zu jung, und du bist viel zu schön. -
Wir werden uns nicht wiedersehn.
(S. 57)
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Alle Gedichte aus: Sämtliche Gedichte Gabrielens von Baumberg 1800 Verlag Trattnern Wien



 

 


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