Louise Brachmann (1777-1822) - Liebesgedichte

 


Louise Brachmann
(1777-1822)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

Gemilderter Schmerz

Ach leben laß, nur leben den Geliebten!
Mein Gott! Ob dann auch Trennungsschauer wehn,
Dann darf der Blick des sehnenden Betrübten
Dasselbe Licht, denselben Tag doch sehn. -

So lang das dunkle Thor noch nicht geschlossen,
Ist auch der Hoffnung kühner Flug noch frei;
In Thäler, wo Erinnerungsblumen sprossen,
Trägt sie das Herz in holder Schwärmerei,

Und sagt: Sie kann, sie wird Dir wiederkehren
Die seel'ge Zeit, wo Dir sein Blick gestrahlt!
Gemildert sind der Trennung bittre Zähren,
Wenn drin sich Morgenroth der Hoffnung mahlt.

Ach wohl! noch trinkt desselben Lichtes Quelle
Mit ihm mein Aug'; ihn hüllt dieselbe Nacht;
Uns beid' umspielt des irdischen Lufthauchs Welle,
Und beid' entzückt desselben Frühlings Pracht.

Wenn hier der Morgen glänzt, so ruf ich: "Eile!
Und bring' ihm Rosen, mit dem Flügelschritt!"
Senkt sich die Sonn' in's Meer, so fleh ich: "Weile
Noch lang' bei ihm und leuchte seinem Tritt!

Und glüh' noch lang um seiner Berge Gipfel
Verheißend, wenn sein Herz verwaist sich fühlt!
Indeß um meiner stillen Haine Wipfel
Der Schimmer nur noch matt und scheidend spielt."

Wo weilt er jetzt? Wo dringt er muthbeflügelt
Zu fernen Höhn? Welch Thal durchstreift sein Blick?
Und welches glückliche Gewässer spiegelt
In fremdem Land sein schönes Bild zurück?

In schwärmerischer Mondnacht hehrem Schweigen,
Wenn sehnender das Herz den Busen hebt,
Dann sag' ich mir: "Noch ist das Glück mein eigen,
Weilt er auch fern, er ist noch mein, er lebt!

Und zieht nun erst das Heer der ew'gen Sterne
Am Himmel auf und trennt der Wolken Flor,
O dann entweicht die kleine Erdenferne,
Dorthin vereint flieht unser Blick empor."

Ja, in der Seelen stillem Zug begegnen
Auf jener Welten Bahn sich Blick und Blick;
Mit lichten Strahlen, die hernieder regnen,
Kömmt Wonn' in des Getrennten Herz zurück.

Und Treue lispelt aus dem Glanz der Sterne:
Dies war ein Blick von ihm, der in Dein Herz
Süßstrahlend drang. – Vernichtet ist die Ferne
Und höchstes Lieben weiht ja erst der Schmerz.
(S. 29-30)
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Das Mitleid

Alle Triebe müssen Dir sich neigen,
Hohe, heil'ge Geisterkönigin,
Mächt'ge Liebe! Aller Wünsche Streben,
Alle Kräfte, die sich frei erheben,
Sinken Dir zu Füßen dienstbar hin.

Du gebeutst! und kühn, mit Heldenfeuer,
Stürzt die bange Zagheit in Gefahr;
Und der Ehrgeiz läßt sein Banner sinken,
Wo der Sehnsucht mächt'ge Sterne winken,
Bringt er Dir sein Glück zum Opfer dar.

Wer Dir dient, der kennt nicht heim'sche Erde,
Du erst zauberst ihm ein Vaterland,
Lächelnd thronst Du auf der Größe Trümmern.
Aus des Prunkpallastes Marmorzimmern,
Zieht zur Hütte uns Dein magisch Band.

Was ist Schmerz? O Tausende, sie bieten
Sich dem Tode dar auf Deiner Spur,
Zu erringen Dein beseeligt Leben,
Nicht mehr zagt vor ird'schen Schmerzes Beben
Dann die schwache sterbliche Natur.

Einer nur, von allen mächt'gen Trieben,
In der vielbewegten Menschenbrust,
Einer nur wird nimmer vor Dir weichen,
Siegend trägt er Deine lichten Zeichen,
Einer gleichen Abkunft sich bewußt.

Nimmer wird Dein süßer Frühling grünen,
Hast daraus den Bruder Du verbannt,
Ruht Dein Glück auf seinem Untergange,
Ewig tritt er mit der bleichen Wange
Dir entgegen, die sein Recht verkannt.

Magst Du Klugheit, Stolz und Schmerz besiegen,
Nur den Himmelsgeist, das Mitleid, nicht!
Einem Lichtquell seid ihr Beid' entsprungen,
Eines wächst ins Andre fest verschlungen,
Und mit ihm verlischt Dein Zauberlicht.
(S. 23-24)
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Abschied

Bange Ahnungsschauer beben
Durch mein Herz, mit finstrer Macht;
Diesmal, mein geliebtes Leben,
Kehrst Du nicht mir aus der Schlacht!
Ach, der Geist des Todes wehte
Durch den nächtlich stillen Hain! -
Blutig wird die Lagerstätte
Meines tapfern Helden sein!

Doch ich will nicht ab Dich mahnen,
Sohn der Ehre, die Dich ruft!
Geh' zu Deinen heil'gen Fahnen!
Steige glorreich in die Gruft!
Geh den Pfad im Waffenschalle!
Doch Du gehst ihn nicht allein;
Wie das dunkle Loos Dir falle,
Wiss', es wird auch meines sein!

Geh, Geliebter! Ich verschließe
Meine Klagen in mein Herz.
Dein geliebtes Bild versüße
Mir der langen Trennung Schmerz!
Könnt', o könnt' ich Dich begleiten,
Mit Dir theilen Freud' und Noth!
Könnt' ich siegend mit Dir streiten,
Mit Dir sterben süßen Tod!

Ach, umsonst! in öder Ferne
Hält mich herrschend das Geschick,
Nur vom blassen Glanz der Sterne
Fällt Dein liebes Bild zurück. -
Aber wenn mit düsterm Flügel
Dich des Todes Nacht umwallt,
Dann erscheine mir am Hügel
Deine holde Lichtgestalt!

Wie die Sonn' aus Abendgolde
Scheidend lächelt, steig' empor!
Dann entzücke diese holde
Stimme noch einmal mein Ohr!
Senke Nacht sich trüb' und trüber;
Froh an Deiner lieben Hand,
Engel, schweb' ich dann hinüber
In Dein seelig Vaterland.
(S. 83-84)
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Eros und Hymen

Eros
Blumen glühen, Haingeflüster
Spielt um meiner Bäche Rand:
Dornicht, sagt man, öd' und düster
Sei Dein frostig Sclavenland.

Zarte Nachtigallen flöten
Süß durch meiner Haine Nacht.
Dir ist mit des Morgens Röthen
Langeweil' und Sorg' erwacht.

Hymen
O, mein Bruder, wie so feindlich
Trennst Du unser göttlich Reich?
Laß uns schließen, hold und freundlich,
Den beglückenden Vergleich!

Sieh, an Deiner Flamm' entzündet,
Lodert meiner Fackel Brand;
Heilig wallt sie auf und findet
Himmelwärts ihr Vaterland.

Du bewähr an meiner Weihe
Deine himmelvolle Glut,
Daß auf Vesten edler Treue
Die verklärte Wonne ruht.

Und in mein geweihtes Leben
Birg', o Du, den lichten Schein,
All der holden Töne Schweben,
All den süßen Lenz hinein.
(S. 105-106)
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Beim Scheiden von einer Freundin

Die Freundschaft und die Liebe stritten
Sich um ein schönres, treues Herz;
"O, laß sie mir! laß Dich erbitten,
Ihr Scheiden regt zu tiefen Schmerz!"

So bat die Freundschaft. "Längst bewährt
In treuer, fester Innigkeit
Ist unser Bund, vom Licht verklärt
Laß mir, was sich mir längst geweiht!" -

"Zu viel, o Schwester, willst Du fodern;"
Versetzt der Freundschaft Eros mild.
"Sieh meine Fackel freundlich lodern,
Sie winkt ins trennende Gefild."

"Was sich im ersten Blüthenlenze
Der Hoffnung weihte still und zart,
Das schlingt mit recht nun volle Kränze
In lebensfrischer Gegenwart."

"Doch senke nicht so traurig nieder
Den Blick, von Thränen still getrübt;
Von fern auch tönt das Echo wieder
Aus Herzen, die sich wahr geliebt."

"Sie ist nicht ganz Dir hingeschwunden,
Wir Beide sind zu nah verwandt;
Ein Herz, das rein die Lieb' empfunden,
Bewahrt auch edler Freundschaft Band".
(S. 104)
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Macht der Treue

Die Liebe klagt mit nassem Blick,
Daß schnell die Zeit entflieht,
Daß sie ihr kaum umfaßtes Glück
Ihr noch so bald entzieht.

Die Blume glänzt; die Nachtigall
Besingt das Wonnefest.
Ach, bald verstummt der süße Schall!
Die Blum' entfärbt der West.

Der Abend kommt zurück ins Thal,
Doch fern' ist Wonn' und Glück,
Es hellt nicht mehr der Mondenstrahl
Des Lieblings holden Blick.

Doch herrscht nicht ob der Zeiten Flug
Der Liebe Göttermacht?
Was auch dahin der Wechsel trug,
Voll Stern' ist ihre Nacht.

Still zieht sich in sich selbst zurück
Das liebende Gemüth;
Da wird es hell dem matten Blick,
Der Frühling glänzt und blüht.

Die Treue ruft zurück die Zeit
Mit all der süßen Lust.
Sie liebt, und trägt die Ewigkeit
In ihrer tiefen Brust.
(S. 20)
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An den Abendstern

Du blickst so lächelnd auf mich nieder,
Du kleiner sanfter Abendstern,
Als hörtest Du die leisen Lieder
Der ahnungsvollen Schwertmuth gern.

Wenn alles schläft, erweckt Dein Feuer
Der stillen Nacht, wie Melodie;
Der Sehnsucht Klagen, und ihr Schleier,
Verräth die heißen Thränen nie.

Dann strahlst Du holder Himmelsfunken
Mir Trost ins kranke Herz herab.
Und es ersteht mir wonnetrunken
Die Hoffnung aus der Zeiten Grab.

Oft schon wenn ich mit heißem Sehnen
Begrüßte meiner Liebe Bild,
Da blicktest Du in meine Thränen
Und machtest meinen Kummer mild.

Und wenn ich süßem Traum mich weihte,
Da folgte mir in dunkeln Hain
Von Deiner himmelblauen Weite
Wie Freundesblick Dein Silberschein.
(S. 12)
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Meine Wahl
An ***

Du gehst dahin? O, mein Geliebter, weile!
Nur einen Augenblick noch bleib zurück!
Vielleicht schon warten Dein des Todes Pfeile,
In blut'ger Schlacht, erfüllend Dein Geschick!
Wo ich mit Dir denselben Aether theile,
Verläng're noch den seel'gen Augenblick!
Vielleicht, daß nimmer wir uns sehn hienieden,
Leb wohl! Dir folget meines Herzens Frieden!

Doch Nein! nicht Kummer ist's, was ich empfinde!
In Einklang löset sich der herbe Streit!
Wer wehrt es mir, daß da mein Glück ich finde,
Wo Thränen nur ein streng Verhängniß beut?
Daß Seele sich mit Seele fest verbinde?
Daß ewig Dir dies treue Herz sich weiht?
Hielt Dich ein streng, ein heilig Band umfangen,
Mir gnügt es, Dir, anbetend, anzuhangen!

Mir gnügt es, wenn der Reine, Gottgeweihte,
Getrennt von mir, erfüllt die ernste Pflicht,
Daß ihn mein Geist mit Sehnsuchtsflug begleite,
Daß einst mein Auge mit dem seinen bricht!
Entfernt von Dir, bin ich Dir stets zur Seite;
Dein süßes Bild macht meine Nächte licht!
O glücklich, könnt' auch ich Dich strenges Leben
Mit einem sanften Rosenflor umweben.

Du dürftest nicht um meine Liebe werben?
Versagt sei Dir das Ziel der Erdenlust?
Ein beßres Glück werd' ich auf Erden erben? -
- - O, wo ist Glück, als an der Liebe Brust?
Als Deine Braut, Geliebter, laß mich sterben!
Mir ist kein andres, schönres Loos bewußt!
Kein Sterblicher soll mich als Gattin grüßen! -
Dein bin ich, dort wo ew'ge Myrthen sprießen!

Hienieden wird der Musen heil'ges Streben
Zur Thätigkeit die junge Kraft mir weihn!
Du wirst zu schönern Träumen mich erheben,
Wirst meinen Tönen süßen Klang verleihn!
In meinen Liedern wird Dein Bildniß leben,
So bin ich ganz mit Seel' und Kräften Dein.
Ist Deiner Sängerin ein Lied gelungen,
Dein ist der Preis, Du, der ihr Herz durchdrungen!

Wohl schmücke denn des Ordens ernstes Zeichen,
Das Kreuz der Christen, die geliebte Brust!
Ich darf nicht mehr vor seinem Glanz erbleichen,
Mir ist sein schönrer, tiefrer Sinn bewußt! -
Das Leben flieht! Der Erde Schatten weichen!
Bald nimmt uns auf des seel'gen Himmels Lust!
Die Hochzeitfackeln seh' ich jenseits blinken; -
O, mein Geliebter, unsre Myrthen winken!!
(S. 81-82)
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Warnung

Du willst mein holdes Liebchen sehn?
Sie, der mein Herz geweiht;
Da mußt' wohl hundert Meilen gehn,
Die ist gar fern und weit!

Die Pflicht und Ehre rissen fort
Mich, ach! so früh von ihr;
Doch bringt von ihr ein holdes Wort
Noch oft Erquickung mir.

So zieh denn über Berg und Thal,
Und magst mein Liebchen sehn!
Doch siehst Du sie ein einzig mal,
So ist's um Dich geschehn.

Hast Du ihr Veilchen-Aug' erblickt
Und ihren Rosen-Mund,
Dann ist Dein Herz von Gram gedrückt
Und wird nicht mehr gesund.

Und hörst Du ihrer Stimme Ton,
Der Rede zarten Sinn,
Dann ist Dein heitrer Muth entflohn
Und Ruh und Scherz ist hin.

Und heilen kann nur sie allein
Von solcher herben Qual.
Doch darf sie nur des Einen sein,
Mit süßem Hoffnungs-Strahl.

Drum, lieber Fremdling, bleib zurück!
Denn rührtest Du ihr Herz,
So wär' wohl Dein des Himmels Glück -
- Doch mein – des Todes Schmerz!
(S. 68-69)
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Der Liebende im Garten

Durch den Garten irrt' ich sinnend,
Durch der Blumen bunte Pracht;
Sanfter Schimmer floß verrinnend
Durch des Laubenganges Nacht.

Und der Blumen farbig Feuer
Prangte reizend um mich her.
Leuchtend hob aus dunkelm Schleier
Sich die Rose, Düfte-schwer.

Und die Feuerlilien glühten
Flammenähnlich in den Kreis,
Und die Purpur-Nelken blühten
Bei der Lilie zartem Weiß.

Doch mich Armen mochte nimmer
Blumenduft und Reiz erfreun;
Ach, an Siddys Augenschimmer
Hing mein schmachtend Herz allein.

Und es weht ein ahnend Zittern
Wie von Götternäh' mich an;
Und der Laube trauten Gittern
Wagt' ich leise mich zu nahn.

Aber dichte Zweige woben
Von Syringen und Jasmin
Sich von unten bis nach oben,
Ganz sie hüllend in ihr Grün.

Ich zerriß den Flor von Zweigen,
Trat in ihren Tempel nun; -
Götter! und in heil'gen Schweigen
Sah ich Siddy schlummernd ruhn!

In der Locken seidnen Hülle,
Ihrer Anmuth unbewußt,
Ruhte sie in sichrer Stille,
Hob sich sanft die reine Brust.

Zephir stritt sich voll Entzücken
Mit dem rothen Abendschein,
Wer sie schöner möge schmücken,
Treuer sich der Holden weihn?

Säuselnd drang er durch die Aeste
In den Tempel, still und dicht;
Doch der Oeffnung von dem Weste
Folgte schnell das Abendlicht.

Zephir streute Rosenblüthe,
Hüllte ganz in Duft sie ein;
Doch der Abendstrahl umglühte
Sie mit lichtem Heil'genschein.

Vor der schönen Heil'gen nieder
Sank ich schweigend auf die Knie;
Und die holden Augenlieder,
O, wie süß erhob sie sie!

Und es klang vom zarten Munde:
Treuer, ja, auf ewig Dein!
Zeugen nur der heil'gen Stunde
Waren West und Abendschein.
(S. 71-72)
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Die Sehnsucht

Ein leiser Nebel dämmert auf den Wogen
Des stillen Stroms im Schooß der Unterwelt.
Doch heiter liegt, umkränzt von Iris Bogen,
Der Ruhe Land, von Frühlings-Glanz erhellt.
Die Haine sind von Blüthenduft durchzogen,
Mit süßem Wohllaut ist die Luft geschwellt,
Und alles Schöne herrscht und alles Holde
Auf dieser Fluren Blumengolde.

Der graugelockte Schiffer lenkt den Nachen,
Und winkt der Schatten schweigendem Verein.
Wohl freudig schlief, um jenseits zu erwachen,
Manch armes Herz zur Ruh' des Todes ein:
Hier wird der Tugend heil'ge Kraft dem Schwachen,
Und Kühlung winkt nach schwüler Tage Pein,
Der finstre Schiffer prüfet streng die Schatten,
Den Würd'gen nur den Eingang zu gestatten!

Und mitten in der Schatten stiller Feier
Erscheint ein Wesen himmlischer Gestalt;
Die schönen Züge von dem Thränenschleier
Der sanften Schwermuth dämmernd überwallt.
Doch aus den Augen bricht ein himmlisch Feuer,
Mit wundermächt'ger rührender Gewalt,
Ihr Anblick weckt Erinn'rung vor'ger Schmerzen,
Doch mächt'ger faßt ihr süßer Reiz die Herzen.

"Wer bist Du?" fragt der ernste Fährmann düster;
"Du bist kein Schatten, ird'scher Form entwandt!"
"Ich bin" – so tönt des süßen Munds Geflüster -
"Der Liebe Sehnsucht von der Welt genannt." -
"Dann geh' zu Fluren trauriger und wüster!
Von diesem Ufer ist Dein Fuß verbannt.
Was Unruh bringt, muß fern von hier entweichen,
Ein ew'ger Friede herrscht in diesen Reichen." -

"O banne nicht mich aus des Friedens Hainen,
Zu tief bin ich der Menschen Brust verwebt.
Nicht Himmel mehr würd' ihnen Himmel scheinen,
Wär' ich auf ewig ihrem Blick entschwebt.
Nur edlem Wunsch kann sich das Glück vereinen,
Der ist nicht seelig, der nicht liebend strebt.
Die mir geweiht, die edeln zarten Seelen,
Sie werden frei, noch hier, sich mir vermählen."
(S. 25-26)
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Letzte Bitte

Ein zart Geheimniß muß die Seele tragen,
Einsam und ewig! Nur im Augenblick,
Wo unsre Herzen an einander schlagen,
Tritt es hervor und bebt in Nacht zurück.

So brennt in dunkler Gruft mit düsterm Schimmer
Die Grabes-Lampe, - ewig ungesehn,
Der Schauer der Verzweiflung löscht sie nimmer,
Wird gleich ihr Strahl – als war er nie – vergehn.

Gedenke mein! O geh' nicht kalt vorüber,
Wo meines heißen Herzens Asche ruht!
Von Dir vergessen, - Du mein einzig Lieber, -
Nicht den Gedanken trägt der Seele Muth!

Hör' meines Busens letzte Liebestöne:
Die Tugend stört den Schmerz im Tode nicht.
Nimm meine letzte Bitte: - eine Thräne!
Die einz'ge Frucht, die meine Liebe bricht.
(S. 46)
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Klage der Geliebten

Eine Schwester sei ich Deinem Herzen?
O, Du Guter, ja ich will es sein!
Innig fühl ich dieser Wunden Schmerzen,
Die so früh Dich schon dem Orkus weihn.

Weit getrennt vom schönen Vaterlande,
Von der Eltern liebend warmen Blick,
Weit getrennt von jedem süßern Bande,
Trifft Dich hier Dein eisernes Geschick.

Wohl bedarfst Du eines milden Blickes,
Der mit Schwestertreue Dich begrüßt,
Bis die letzte Freistatt Deines Glückes,
Dich Dein Grab im kühlen Schooß umschließt.

Und so schmachtend mußt Du es ersehnen,
Noch als Wohlthat dies verlaßne Grab?
Noch als Wohlthat flehn der Freundschaft Thränen
Langen Schlummer Dir von Gott herab.

Warum schmücktest Du, o güt'ger Himmel,
Dieses Herz mit jeder edlern Kraft,
Das der Tod im finstern Sturmgetümmel,
Wild dahin den schönen Frühling rafft.

Von der Kindheit dämmerndem Gestade,
Tauschend Wunden mit Genuß und Ruh,
Gingst Du treu die blutgetränkten Pfade
Jahre lang dem Loos der Helden zu.

War es Wahn vielleicht, dies muth'ge Feuer,
Das so heiß Dich drängte zur Gefahr?
O, wer hebt der ew'gen Wahrheit Schleier?
Wer bestimmt, was Recht, was Irrthum war?

Weich und fühlend schlug ein Herz voll Liebe
In der tapfern furchtlos kühnen Brust,
Willig gab es jene höhern Triebe,
Jeden Anspruch hin auf ird'sche Lust.

Wird die Zukunft nun den Kampf Dir lohnen?
Kommt uns Kunde von dem dunkeln Strand?
Winkt Dir dort mit seinen Blüthenkronen,
Dem Du starbst, Dein heilig Vaterland?
(S. 85-86)
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Zwiespalt der Vereinten

Entzweit mit Dir, Du Seele meiner Seele,
Schein' ich mir mit dem Leben selbst entzweit;
Mir ist, als ob die Luft zum Athmen fehle,
Und rings umher nur düstre Einsamkeit.

Nicht mehr wie sonst, erweckt der heitre Morgen
Zu frohen Schlägen mir ein glücklich Herz;
Ach, überall erneut er mir nur Sorgen,
Und rufet wach des Busens tiefen Schmerz.

Zwar blieb das Recht mir, doch ich kann genießen
Des Sieges Frucht allein nicht ohne Dich.
Dein Blick muß erst die Wonne mir versüßen,
Die Freude selbst umfängt wie Trauer mich.

Gern will ich Unrecht haben, will verscherzen
Mein Recht! Sei nur versöhnt, geliebter Feind;
Ach, der bestochne Richter mir im Herzen
Ist ewig doch nur Deiner Sache Freund.

Er sucht so lang, bis er den kleinsten Tadel,
Die kleinste Schuld in meinem Handeln fand,
Und triumphirt in Deines Werthes Adel -
Zum Frieden denn, reich' mir die theure Hand!
(S. 56)
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Liebeszauber

Er ist fern, mein holder Freund, mein Treuer!
Doch es winkt sein liebes Denkmal mir,
Zu erhellen meiner Schwermuth Schleier,
Jene Uhr dort und hier mein Clavier.

Treue Uhr, Du gleichst der nimmer müden
Thätigkeit, mit der er wirkend schafft,
Weihend, wie der Brüder Glück und Frieden,
Auch der Sorg' um mich die edle Kraft.

Und wie Du mit zarter Töne Leben
Mich entzückst, mein liebliches Clavier,
So, in sympathet'schem Zauber, beben,
Seines Herzens reine Saiten mir.

Süß verschönert kehren Wonn' und Klagen
Mir vom holden Wiederklang zurück,
Von der Seelen Harmonie getragen,
Führt er mich zu seel'ger Geister Glück.

So mögt ihr von ihm mir Gleichniß bieten,
Von der Lieb' erfinderisch gelehrt,
Bis, zu unsers stillen Himmels Blüthen,
Mir das theure Urbild wiederkehrt.
(S. 60)
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Wettpreis der Minne


Der König
Hold Mädchen, mit Vertrauen
Hör' meinen Worten zu!
Seit Dich ich thät erschauen,
Verlor mein Herz die Ruh';
Mir dünkt, wenn ich Dich sehe,
Wohl in der Fern' und Nähe
Kein Weib so schön, wie Du!

Der Sänger
Du Schönste aller Schönen,
Mir ward in Herzens Grund,
Seit ich Dich sah, ein Sehnen,
Ein tiefes Sehnen kund;
Ich darf Dir's nicht bekennen;
Die Augen mögen nennen,
Was Dir verschweigt mein Mund!

Der König
Willst Du Dein Herz mir geben,
So führ' ich Dich zu Roß,
Zu stetem Wonneleben,
Wohl in mein Königsschloß;
Mein Zepter, Macht und Ehren
Mag Alles Dir gehören,
Mein Reich gar weit und groß!

Der Sänger
Ich Armer kann nicht Krone
Dir bieten, Macht und Reich;
Des Liedes freiem Sohne
Ward Reichthum nicht zugleich;
Im Land der süßen Töne,
Am Quell der ew'gen Schöne,
Dort liegt wohl all mein Reich.

Der König
Es ist von Marmorsteine,
Mein Schloß gar schön gebaut;
In rothem Goldes-Scheine
Man alle Wände schaut;
Mit reichen Perlenbanden,
Mit strahlenden Gewanden,
Schmückt man die Königsbraut.

Der Sänger
Ich kann nicht Schätze bieten,
Mit dieser treuen Hand,
Doch schmückt mit duft'gen Blüthen
Sich oft mein freundlich Land.
Und höh're Lieb' entflammet
Des Dichters Brust; er stammet
Aus ihrem Vaterland.

Das Mädchen
Mein bester Dank gebühret,
Ihr edeln Freier, Euch!
Dein Land, o König, zieret
So Glanz, als Macht zugleich;
Doch nicht das Irdischschöne,
Ich wähl', o Fürst der Töne,
Dein unsichtbares Reich!
Nicht Hoheit mich verblendet,
Nicht Gold, noch schimmernd Erz;
Zum Glück der Liebe wendet
Sich einzig hin mein Herz!
Ich wähle, was bestehet,
Den ird'schen Sinn erhöhet,
Und siegt ob Zeit und Schmerz!
(S. 121-123)
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Treue Liebe

Laß stürmen hin, laß stürmen her,
Mein Herz und zage nicht!
Sei ruhig wie der Fels im Meer,
An dem die Woge bricht.

Zwar trennt von ihr, für die Du schlägst,
Dich grausam das Geschick,
Sei dennoch ruhig, Herz! Du trägst
In Dir Dein Leid und Glück.

Sie bleibt Dein Theil, sie bleibt Dein Gut,
Wie fern Du von ihr bist.
Wer raubte, was mit Felsenmuth
Ein liebend Herz umschließt!

So wahr' es denn in tiefster Brust,
Dies Kleinod fest und rein!
Wenn alles Du verlassen mußt,
Bleibt treue Lieb' allein.

Sie ist Dir Trost, sie ist Dir Licht,
Wenn alles Dich verläßt,
Wenn alles wankt und stürzt und bricht,
Steht sie doch ewig fest.
(S. 11)
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Abschied

Leb wohl! leb ewig wohl, Alide!
Nicht länger trag' ich diese Pein.
Wohl scheid' ich; denn ich bin es müde
Stets Deiner Launen Sclav zu sein.
Ich zieh in fremdes Land noch heute,
Dies ist des Herzens feste Wahl.
Zwar steh' ich noch an Deiner Seite,
Doch wiss' – es ist das letzte mal!

Sie schlingt den weichen Arm um meinen,
Sie hält mich auf, ich soll nicht gehn.
Was hilfts die Hände zu vereinen,
Wenn sich die Herzen nicht verstehn.
Sie strebt zur Laube mich zu leiten,
Wo ich den ersten Kuß ihr stahl; -
Wohlan, ich will Dich hingeleiten
Doch, - dies gewiß zum letzten mal!

Ja! Deinen Anblick will ich fliehen!
Der einst so hold, so süß mir war.
Was soll der Wangen zärtlich Glühen?
Was blickt Dein Aug' so wunderbar?
Ich kann die Lust nicht unterdrücken
An Deines Blickes Himmelsstrahl!
Muß noch einmal in's Aug' Dir blicken,
Doch ach – dies war das letzte mal!

Da rief sie schmelzend: O verzeihe!
Und drückte liebend mich an sich.
Nie brach ich, Holder, Dir die Treue;
Verzeih! nur prüfen wollt' ich Dich.
Vergüten will ich nun die Schmerzen,
Dir lohnen all' die bittre Qual,
Nie mehr so grausam mit Dir scherzen,
Es war gewiß das letzte mal!
(S. 13-14)
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Liebe und Freundschaft

Lieb' und Freundschaft willst Du unterscheiden?
O, sie sind zwei Wesen, eng vereint,
Heil'ger Götterursprung wohnt in beiden,
Klein der Raum, der sie zu trennen scheint.

Freundschaft liebt, und Freundschaft ist die reine
Schöne Liebe, die sich selbst vergißt;
Die in des Geliebten Glück die Eine
Eigne stille Seeligkeit umschließt.

Noch vom Ird'schen trägt die zarte Liebe
Eine Hüll' um ihre Lichtgestalt;
Ohne daß den süßen Glanz sie trübe,
Mehrt sie nur die rührende Gewalt.

Wenn der Jugend Rosen sich erschließen,
Trennt sie noch das brausende Gefühl,
Doch die gleich entsprungnen Wesen fließen
Bald in Eins zu ihrem großen Ziel.

Wenn im Morgenroth sich Wolken mahlen,
Nebel steigen aus dem Thal empor,
Brechen sie der Sonne goldne Strahlen,
Doch sie wölben ihr das Rosenthor.

Sie ja sind es, die die Purpurblüthen
Und die Rosenschimmer um sie streun,
Wenn die zarten Wolken dann verglühten,
Steigt die Sonne, licht und ätherrein!
(S. 103)
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Lied

Mein Liebster ist gezogen
Wohl in ein fremdes Land,
Es spielen finstre Wogen
Um seines Lagers Rand.

Mein Liebster ist gegangen
Wohl in die Heldenschlacht,
Es glänzt des Morgens Prangen
Nicht in des Todes Nacht.

Die kalten Stürme wüthen
Und toben rings umher,
Mein Liebling schläft im Frieden,
Und fühlt den Sturm nicht mehr.

Es ruft mit stolzem Prangen
Der Fahnen Wehn zur Schlacht,
Er ist zur Ruh gegangen
Wohl in die Schlummer-Nacht.

Und Blumen blühn und Bäume
Im schönen Heimathland!
Mir hat den Lenz der Träume
Ein kalter Sturm entwandt.

Nun weckt des Frühlings Prangen
Mir Freud und Hoffnung nicht,
Sie sind zur Ruh gegangen,
Wie meines Herzens Licht.
(S. 17)
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An eine Rose

Röslein, Röslein, Röslein hold,
Aus des Morgens Schooße,
Du, mir mehr, als Perl' und Gold,
Theure süße Rose!

Giebst Du nicht das Bildniß mir
Meines holden Treuen?
Deiner heil'gen Unschuld Zier
Durft' auch er sich freuen!

Glühte nicht wie Du sein Mund
Hold in Purpurröthe,
Gab er süßen Laut mir kund,
Gleich dem Hauch der Flöte?

Dein Erröthen, sanft und rein,
Schmückte seine Wangen,
Mit der dunkeln Augen Schein
Sehnend aufgegangen.

Ach! und wie die tiefe Glut,
Die im Kelch Dir strahlet,
Hat mit meines Lieblings Blut
Sich der Grund gemalet.

Fern nun schläft im Schlachtgefild
Er in Hügels Schooße; -
Bleibe Du mir, liebstes Bild!
Theure, süße Rose!
(S. 120)
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Der Liebe Geheimniß

Sagen, nein ich kann es nicht,
Was im Innern für Dich glühet,
Was mich magisch an Dich ziehet,
Sagen, nein ich kann es nicht!

Sähst Du nur nicht selbst die Glut,
Die mir auf den Wangen brennet,
Wenn Dein süßer Mund mich nennet,
Wenn auf mir Dein Lächeln ruht;

Auf mir ruht, wie Sonnenlicht
Auf den lenzerquickten Fluren. -
Sähst Du nur so klare Spuren
Dessen, was ich fühle, nicht!

Wie mein Blick erschrocken flieht,
Wenn dem Deinen er begegnet,
Wenn Dein Auge Strahlen regnet
Und mein Dasein in sich zieht.

Oder wenn es düster blinkt,
Wenn auf Deinen schönen Zügen
Dunkle Wolkenschatten liegen,
Schnell auch mir der Muth entsinkt.

Hast Du alles dies gesehn,
Was ich Dir verbergen wollte,
Was kein Wesen ahnen sollte;
Weh! so ist's um mich geschehn!

Ach, mein Frieden ist zerstört,
Und in Deine Hand gegeben,
Seit Du weißt, daß Dir mein Leben,
Dir mein ganzes Sein gehört!
(S. 55-56)
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Augensprache

Schweige, Mund und redet, Augen!
Andre Sendung will ich nicht.
Nur so zarte Boten taugen,
Wo ein zart Geheimniß spricht.

Durch der Wimpern Schattenschleier
Dringen Blitze, bang, doch kühn,
Süßes, wunderbares Feuer,
Spiegelnd in der Wangen Glühn.

Ja, mit Wundermacht entzünden
Licht sie im verwandten Sein,
Wissen schnell die Bahn zu finden
Tief ins Herzens Herz hinein.

Und die lieblichen Gesandten
Führen mächt'ge Sprache dort,
Und so schlingt mit Wechselbanden
Sich der Blicke Botschaft fort.

Unentweiht von äußern Zeugen,
Nur im heilig stillen Raum,
Lang' noch weil' in zartem Schweigen,
Lichter, seel'ger Himmelstraum!
(S. 62)
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Sympathie

Seelig, wenn aus des Geliebten Blicken
Die verwandte Seele wiederstrahlt!
Wenn sich unser Kummer und Entzücken
Spiegelnd in des Freundes Auge malt;

O wie süß! wenn uns des Herzens Regung
Im geliebten Auge flammenhell
Aufblitzt, sympathetisch die Bewegung
Durch die Pulse flieget heiß und schnell!

Wie in einem Meer voll süßer Wonne
Untergeht im theuren Aug' der Blick,
Und es glänzt ihm eine schöne Sonne
Von der lichten Spiegelfluth zurück.

Wunderbar doch schlang die ew'ge Liebe
Jenes Band, das unser Loos versüßt,
Das mit mächt'gen, unaufhaltbar'n Triebe
Unsre Herzen aneinander schließt!

Jeder strebt, das eigne Glück zu finden,
Jeder sucht den Urquell eigner Lust;
Und wo fließt er? In den heil'gen Gründen,
In den Tiefen der geliebten Brust!
(S. 57)
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Schwedisches Abschiedslied


Hiolm
Sieh, Geliebte! Wogen brausen
Um des Felsen starken Fuß,
Und mit wildem Sturmessausen
Stürzt auf ihn des Regens Guß.

Aber tief und fest gegründet,
Steht er auf dem ehrnen Grund, -
Ob die Zeit in Trennung schwindet,
Ewig steht der heil'ge Bund.

Schwedens kühne Felsen stehen,
In dem Sturme, hoch und frei;
Nimmer, auch im Leid, vergehen
Wird der Schweden Männertreu.

Skiala
Mein Geliebter, donnernd nieder
Stürzt der mächt'ge Wasserfall,
In den Felsen hallt er wieder,
Grausender Verwüstung Schall.

Und von seiner Macht getrieben,
Stürzt der Eiche Stamm herab!
Von den Blumen, die ihn lieben,
Sinkt er in sein tiefes Grab.

Nicht ins Grab! er hebt sich wieder!
Ruhig fließt er unten fort!
Und er spricht, wie Geistes Lieder,
Uns ein deutsam holdes Wort.

Schwedens Ströme, tief und helle,
Enden nie den edlen Lauf,
Wieder nimmt die klare Welle
Ihres Himmels Bündniß auf.

Ist die Fluth nur rein geblieben,
In des Unglücks Sturmeswuth,
Ewig währt des Weibes Lieben,
In des reinen Herzens Gluth!
(S. 65-66)
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Liebesglück

Stille seelige Stunden,
Wo uns die Liebe beglückt!
Wo Dein Arm mich umwunden,
Hold mir Dein Auge geblickt.

Sterne glaubt ich zu sehen,
Ach, in dem reizenden Schein!
Strahlend von himmlischen Höhen
Licht in das Herz mir hinein.

Licht wohl, doch himmlisches Bangen
Auch mit dem Schimmer zugleich;
Sehnendes, tiefes Verlangen,
Schlummer, von Träumen so reich!
(S. 59)
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Die Schrift

Verachtend flieht ihr meine kalten Zeichen,
Wenn Gegenwart die Liebenden beglückt,
Wohl kann ich nicht die mächt'ge Kraft erreichen,
Mit der die Lippe spricht, das Auge blickt;
Gefesselt muß ich höherm Ausdruck weichen,
Der aus dem Herzen tönend euch entzückt;
Die arme Schrift, so willig, euch zu dienen,
Sie wartet still, bis ihre Stund' erschienen.

Doch wenn die Trennung ihre dunkeln Flügel
Um treuer Liebe Rosenstunden schwingt,
Wenn schmachtend nach geliebter Augen Spiegel
Der Sehnsucht Blick umsonst zur Ferne dringt;
Mir reicht dann ihr geheimnißvolles Siegel
Die Liebe, die um Wort und Sprache ringt;
Denn keine Blick' und Laute mehr verkünden
Ihr dann die Grüße aus des Herzens Gründen.

Dann fliegen sie mit ihren Geisterschwingen,
Die treuen Boten, über Meer und Land;
Die ihr verschmäht, die armen Zeichen bringen,
Euch einzig dann des Himmels Unterpfand.
Die Seele flieht, sie schärfer zu durchdringen,
Ins schöne Aug' mit Wonn' auf sie gewandt,
Treu stehn sie da und lächeln gleich den Sternen,
Und zaubern Licht ins dunkle Herz des Fernen.
(S. 63)
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Die Schuld

Warum wankst Du still und düster,
Gramverlöscht den Flammenblick?
Tönt des schönsten Munds Geflüster
Dir nicht froher Liebe Glück?

Warum ist der holden Wange
Hohes Purpurroth erbleicht,
Da bei süßer Stimme Klange
Dir den Kranz die Liebe reicht?

Ist nicht Alles Dir gelungen,
Den vorher die Hoffnung floh?
Nicht der kühnste Preis errungen?
Wird der Mensch denn nimmer froh? -

"Ja! des schönsten Munds Geflüster
Bot der Liebe Glück mir dar;
Doch das Grab nur, still und düster,
Winkt mir, nicht der Brautaltar.

Nieder zu dem stillen Orte
Ruft mich ein geliebter Laut,
Und ich sag' an dunkler Pforte
Lebewohl der schönen Braut.

Um zu hohen Preis errungen
Hab' ich das ersehnte Gut,
Wider den das Schwert geschwungen,
Der an meiner Brust geruht,

Der die Hälfte meines Lebens,
Seele meiner Seele war! -
Wahnsinn eifersucht'gen Strebens
Riß uns hin zum Brautaltar.

Und ich siegte; - aber Wonne
Kam nicht in mein Herz, noch Ruh,
Unter ging für mich die Sonne, -
Ew'gem Dunkel wank' ich zu.

Ach! wie Blumen sich entfärben,
Wenn ein Hauch den Schmelz entführt,
Muß der Liebe Blüthe sterben,
Von der Sünde Hauch berührt.

Nie erfüllt ein Herz sie wieder,
Das mit Schuld erkauft die Lust,
Nimmer senkt sich Ruhe nieder
Mild in die befleckte Brust.

Edles Feuer schöner Jugend,
Bebe vor der Schuld zurück!
Lieb' ersiegt allein die Tugend,
Nur der Unschuld blüht das Glück.
(S. 43-44)
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Das Eigenthum

Was Du lobst und liebst an mir,
Dank' ich's Dir denn nicht?
Alles Höh're kommt von Dir,
Meines Herzens Licht!

Leuchtend steigt die Blum' im Thal
Aus der Erde Nacht;
Dankt sie nicht dem Sonnenstrahl
Ihrer Farben Pracht?

So auch hobst Du meinen Sinn
Licht zu Dir empor,
Jede beßre Kraft darin
Rief Dein Strahl hervor.

Meines Lebens Sonn', o Du,
Meines Herzens Glück!
Was ich Edles fühl' und thu',
Strahlt von Dir zurück!

Eins nur ist, was mein gehört,
Was ich Dir geweiht,
Blume, die kein Sturm zerstört:
Meine Zärtlichkeit.
(S. 61)
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Altdeutsches Volkslied

Wo treff' ich denn mein Liebchen an?
Dort unter jenen Linden,
Dort auf dem grünen Wiesenplan,
Werd' ich mein Liebchen finden. -

Ach! aber kaum hab' ich's erblickt,
Seh' ich's bereit zum Scheiden!
Mit Allem, was mein Herz entzückt,
Mit allen meinen Freuden!

So willst Du denn schon von mir gehn?
Und willst Dich von mir trennen?
Und werd' ich je Dich wiedersehn?
Wirst Du mich wieder kennen?

Der Frühling blickt so grün herein,
Als wollt' er Trost mir geben;
Ach, mich kann nicht sein Morgenschein
Und nicht sein Blüh'n beleben.

Was hilft mir nun Gefild und Wald,
An dem ich sonst mich freute?
Durch Eure Fluren zieht ja bald
Mein süßes Lieb' ins Weite.

Ach, zieh nur, mein geliebtes Glück!
Mein Leid ist doch vergebens,
Die Wonn' ist nur ein Sternenblick
Im dunkeln Traum des Lebens!

Doch, - ziehst Du auch in fremdes Land,
Mit allen meinen Freuden,
Uns bleibt wohl noch ein liebes Band,
Der Treue sehnend Leiden!
(S. 64-65)
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Entschluß

Zerstreu' die Perlen, und zerreiß' die Kränze!
Ich will nicht hold, nicht liebenswerth mehr seyn!
Die Blume welk' in ihrem vollsten Lenze,
An ihr soll nimmer sich ein Aug' erfreun!

Kannst Du begreifen, was es heißt: Verrathen,
Verlassen sein von seinem einz'gen Gut?
Für den allein die stillen Seufzer baten,
Der einzig wohnt' in reines Herzens Gluth!

Kannst Du's begreifen? – Nein, Du kannst's nicht fassen! -
Strömt meine Thränen, strömt nur glühend hin!
Sagt aller Welt, daß ich von ihm verlassen,
Daß ich von ihm! verrathen bin!

Treuloser! Wo? Wo sind nun Deine Zähren?
Wo Deiner Bitten, Deiner Schwüre Gluth?
Wo diese Flammen? – Ach! mit Blute nähren
Die falschen sich, mit meines Herzens Blut.

Verschwinde denn, du Glanz der holden Blicke!
Ihr süßen Mienen, warum quält ihr mich?
Daß mich nicht mehr Dein tödtlich Gift entzücke,
Geliebtes Bild, in Nacht begrabe Dich!

Und einer Andern soll er angehören,
Der reiche Himmel all der Seeligkeit?
Ihr wird er, ihr! die heil'ge Treue schwören,
Die er so schwurvergessen mir entweiht!

Ach, einer Andern, die vielleicht nicht fühlet,
Nicht ahnen kann den Umfang ihres Glücks!
Ach, die mit dem, was ich vergöttert, spielet,
Wie mit den Blüthen eines Augenblicks! -

Ach, wann, Geliebter, wirst Du endlich finden,
Daß Dich kein Herz so heiß wie mein's geliebt?
Wann wird der Nebel Deinem Aug' entschwinden,
Der jetzt betrügrisch es mit Nacht umgiebt?

Ach, dann zu spät! Wenn jener Wahn verschwunden,
Wenn Du Dich sehnst mein treues Aug' zu sehn,
Dich sehnst, zu heilen meine blut'gen Wunden
An meinem Grabe wirst Du schaudernd stehn!
(S. 38-39)
_____
 

 

Alle Gedichte aus: Auserlesene Dichtungen von Louise Brachmann
Herausgegeben und mit einer Biographie und Charakteristik der Dichterin begleitet vom Professor Schütz zu Halle
Erster Band neue wohlfeile Ausgabe Leipzig 1834


 

 


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