Gottfried August Bürger (1747-1794) - Liebesgedichte

Gottfried August Bürger

 

Gottfried August Bürger
(1747-1794)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

 

 

Der Entfernten
2. Sonett

Du mein Heil, mein Leben, meine Seele!
Süßes Wesen, von des Himmels Macht
Darum, dünkt mir, nur hervorgebracht,
Daß dich Liebe ganz mir anvermähle!

Welcher meiner todeswerten Fehle
Bannte mich in diesen Sklavenschacht,
Wo ich fern von dir, in öder Nacht,
Ohne Licht und Wärme mich zerquäle?

O, warum entbehret mein Gesicht
Jenen Strahl aus deinem Himmelsauge,
Den ich dürftig nur im Geiste sauge?

Und die Lippe, welche singt und spricht,
Daß ich kaum ihr nachzulallen tauge,
O, warum erquickt sie mich denn nicht?
(S. 299)
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Das neue Leben

Eia! wie so wach und froh,
Froh und wach sind meine Sinnen!
O, von welcher Sonne floh
Meines Lebens Nacht von hinnen?
Wie so holden Gruß entbot
Mir das neue Morgenrot!

Mein erheitertes Gesicht
Siehet Paradiese blühen!
Welche Töne! Hör' ich nicht
Aller Himmel Melodieen?
O wie süß erfüllt die Luft
Edens Amarantenduft!

Evan! bist du mir so nah',
Mir so nah bei jedem Mahle?
Kehrst du in Ambrosia
Und in Nektar diese Schale?
Geber der Ambrosia
Und des Nektars, mir so nah'?

Liebe! deine Wunderkraft
Hat mein Leben neu geboren,
Hat zu hoher Götterschaft
Mich hienieden schon erkoren!
Ohne Wandel! ewig so!
Ewig jung und ewig froh!
(S. 75)
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An die Liebe

Einmal, meines Lebens Rest zu segnen,
Laß mir noch ein Mädchen oder Weib,
Göttin Liebe, laß mir eins begegnen,
So gestaltet, so an Seel' und Leib
Ausgeschmückt mit deinen goldnen Gaben,
Daß ich armer, freudenloser Mann
Mich an ihm von ganzem Herzen laben
Und es lieben und verehren kann!
(S. 395)
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Seufzer eines Ungeliebten

Hast du nicht Liebe zugemessen
Dem Leben jeder Kreatur?
Warum bin ich allein vergessen,
Auch meine Mutter du! Natur!

Wo lebte wohl in Hain und Hürde,
Wo wallt' in Luft und Meer ein Tier,
Das nimmermehr geliebet würde?
Geliebt wird alles, außer mir!

Wenn gleich in Hain und Wiesenmatten
Sich Baum und Staude, Moos und Kraut
Durch Lieb' und Gegenliebe gatten,
Vermählt sich mir doch keine Braut.

Mir wächst vom süßesten der Triebe
Nie Honigfrucht zur Lust heran;
Denn ach! mir mangelt Gegenliebe,
Die Eine nur gewähren kann!
(S. 52)
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Erinnerung an Molly

Himmelklare, kühle Labefluten,
Wo der Einzigen auf Gottes Welt,
Wo der Herrin schöne Glieder ruhten;
Pappel, ach! mein Busen möchte bluten,
Wenn das Angedenken mich befällt -
Holde Pappel, einst für ihre schöne
Hüft' und Schulter Ruhelehne;
Blumen, die sie hier gepflückt,
Die ihr blondes Haar geschmückt
Und die Brust, den Engeln nachgestaltet;
Heller, hoher Feiertag,
Da mein Herz, von Liebeshauch entfaltet,
Warm besonnt vor ihren Augen lag;
All' ihr Wesen jener Wonneszene,
Hört nun meine letzten Kummertöne!
(S. 318-319)
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Das Hohe Lied von der Einzigen
In Geist und Herzen empfangen am Altare der Vermählung

Hört von meiner Auserwählten,
Höret an mein schönstes Lied!
Ha, ein Lied des Neubeseelten
Von der süßen Anvermählten,
Die ihm endlich Gott beschied!
Wie aus tiefer Ohnmacht Banden,
Wie aus Graus und Moderduft
In verschlossner Totengruft
Fühlt er froh sich auferstanden
Zu des Frühlings Licht und Luft.

Zepter, Diademe, Thronen,
Gold und Silber hab' ich nicht;
Hätten auch, ihr voll zu lohnen,
Silber, Gold und Perlenkronen
Ein genügendes Gewicht.
Was ich habe, will ich geben.
Ihrem Namen, den mein Lied
Schüchtern sonst zu nennen mied,
Will ich schaffen Glanz und Leben
Durch mein höchstes Feierlied.

Schweig', o Chor der Nachtigallen!
Mir nur lausche jedes Ohr!
Murmelbach, hör' auf zu wallen!
Winde, laßt die Flügel fallen,
Rasselt nicht durch Laub und Rohr!
Halt' in jedem Elemente,
Halt' in Garten, Hain und Flur
Jeden Laut, der irgend nur
Meine Feier stören könnte,
Halt' den Odem an, Natur!

Glorreich wie des Äthers Bogen,
Weich gefiedert, wie der Schwan,
Auf des Wohllauts Silberwogen
Majestätisch fortgezogen,
Wall', o Lied, des Ruhmes Bahn!
Denn bis zu den letzten Tagen,
Die der kleinste Hauch erlebt,
Der von deutscher Lippe schwebt,
Sollst du deren Namen tragen,
Welche mich zum Gott erhebt.

Ja, zum himmelfrohen Gotte,
Der nun, frei und wohlgemut,
Vor des Tadels Ernst und Spotte,
Wie in seiner Göttin Grotte
Nach dem Sturm Odysseus ruht!
Sturm und Woge sind entschlafen,
Die durch Zonen, kalt und feucht,
Dürr und glühend, ihn gescheucht;
Seines Wonnelandes Hafen
Hat der Dulder nun erreicht.

Seine Stärke war gesunken;
Lechzend hing die Zung' am Gaum;
Alles Öl war ausgetrunken,
Und des Lebens letzter Funken
Glimmt' am dürren Tachte kaum.
Da zerriß die Wolkenhülle
Wie durch Zauberwort und Schlag.
Heiter lacht' ein blauer Tag
Auf des Wunderheiles Fülle,
Welche duftend vor ihm lag.

Wonne weht von Thal und Hügel,
Weht von Flur und Wiesenplan,
Weht vom glatten Wasserspiegel,
Wonne weht mit weichem Flügel
Des Piloten Wange an.
Ihr Gefieder, nicht mit Aschen
Trauriger Vergangenheit
Für die Schmähsucht mehr bestreut,
Glänzet rein und hell gewaschen,
Wie des Schwanes Silberkleid.

In dem Paradiesgefilde,
Wie sein Aug' es nimmer sah,
Waltet mit des Himmels Milde
Nach der Gottheit Ebenbilde
Adonid-Urania.
Froh hat sie ihn aufgenommen,
Hat erquickt mit süßem Lohn
Ihn, des Kummers müden Sohn.
"Nun, o lieber Mann, willkommen!"
Sang ihr Philomelenton.

Ach, in ihren Feenarmen
Nun zu ruhen ohne Schuld;
An dem Busen zu erwarmen,
An dem Busen voll Erbarmen,
Voller Liebe, Treu' und Huld:
Das ist mehr, als von der Kette,
Aus der Folterkammer Pein,
Oder von dem Rabenstein
In der Wollust Flaumenbette
Durch ein Wort entrückt zu sein! -

Ist es wahr, was mir begegnet?
Oder Traum, der mich bethört,
Wie er oft den Armen segnet
Und ihm goldne Berge regnet,
Die ein Hahnenruf zerstört?
Darf ich's glauben, daß die Eine,
Die sich selbst in mir vergißt,
Den Vermählungskuß mir küßt?
Daß die Herrliche die Meine
Ganz vor Welt und Himmel ist? -

Hohe Namen zu erkiesen
Ziemt dir wohl, o Lautenspiel!
Nie wird die zu hoch gepriesen,
Die so herrlich sich erwiesen,
Herrlich ohne Maß und Ziel:
Daß sie trotz dem Hohngeschreie,
Trotz der Hoffnung Untergang,
Gegen Sturm und Wogendrang
Mir gehalten Lieb' und Treue
Mehr als hundert Monden lang.

Und warum, warum gehalten?
Konnt' ich, wie der Großsultan,
Über Millionen schalten?
War ich unter Mannsgestalten
Ein Apoll des Vatikan?
War ich Herzog großer Geister,
Prangend in dem Kranz von Licht,
Den die Hand der Fama flicht?
War ich holder Künste Meister?
Ach, das alles war ich nicht!

Zwar - ich hätt' in Jünglingstagen,
Mit beglückter Liebe Kraft
Lenkend meinen Kämpferwagen,
Hundert mit Gesang geschlagen,
Tausende mit Wissenschaft!
Doch des Herzens Los, zu darben,
Und der Gram, der mich verzehrt,
Hatten Trieb und Kraft zerstört.
Meiner Palmen Keime starben,
Eines mildern Lenzes wert.

Sie, mit aller Götter Gnaden
Hoch an Seel' und Leib geschmückt,
Schön und wert, Alcibiaden
Zur Umarmung einzuladen,
Hätt' ein Bessrer leicht beglückt.
Hymen hätte zur Belohnung
Sie im Freudenchor umschwebt
Und ein Leben ihr gewebt,
Wie es in Kronions Wohnung
Hebe mit Alciden lebt.

Dennoch, ohne je zu wanken,
Käm' ihr ganzes Heil auch um,
Schlangen ihrer Liebe Ranken
Um den hingewelkten Kranken
Unablöslich sich herum.
Schmelzend im Bekümmernisse,
Daß der Eumeniden Schar,
Die um ihn gelagert war,
Nicht in Höllenglut ihn risse,
Bot sie sich zum Schirme dar. -

Macht in meiner Schuld, o Saiten,
Ihrer Tugend Adel kund!
Wahrheit knüpfe, des geweihten
Lautenschlägers Hand zu leiten,
Mit Gerechtigkeit den Bund!
Manche Tugend mag er missen!
Aber du, Gerechtigkeit,
Warst ihm heilig jederzeit!
Nein! Mit Willen und mit Wissen
Hat er nimmer dich entweiht.

Ruf' es laut aus voller Seele:
Schuldlos war ihr Herz und Blut!
Welches Ziel die Rüge wähle,
O so trifft sie meine Fehle,
Fehle meiner Liebeswut!
Geißle mich des Hartsinns Tadel,
Wölke sich ob meiner Schuld
Selbst die Stirne milder Huld!
Büß' ich nur für ihren Adel,
O so büß' ich mit Geduld.

Ha, nicht linder Weste Blasen
Wehte mich zu Lieb' und Lust!
Nein, es war des Sturmes Rasen!
Flamme, Steine zu verglasen
Heiß genug, entfuhr der Brust!
Nur in Plutons grausen Landen
Hätten, eisern in der Pflicht,
Welche keine Not zerbricht,
Unholdinnen widerstanden,
Doch die zarte Holdin nicht! -

Unglücksohn, warum entflammte
Deinen Busen solche Glut?
Sprich woher, woher sie stammte?
Welches Dämons Macht verdammte,
Frevler, dich zu dieser Wut? -
Eitle Frage! Nimm, Gesunder,
Nimm mein Herz und meinen Sinn
Ohne dieses Fieber hin!
Staune dann noch ob dem Wunder,
Wie ich dieser war und bin!

Nimm mein Auge hin und schaue,
Schau' in ihres Auges Licht!
Ah, das klare, himmelblaue,
Das so heilig sein: "Vertraue
Meinem Himmelssinne!" spricht!
Sieh' die Pfirsichzier der Wange,
Sieh' nur halb, wie auf der Flucht,
Dieser Lippe Kirschenfrucht,
Ach, und werde von dem Drange
Deines Durstes nicht versucht!

Sieh', o Blöder, auf und nieder,
Sieh' mit meinem Sinn den Bau
Und den Einklang ihrer Glieder!
Wende dann das Auge wieder,
Sprich: "Ich sah nur eine Frau!"
Sieh' das Leben und das Weben
Dieser Graziengestalt,
Sieh' es ruhig an und kalt!
Fühle nicht das Wonnebeben
Vor der Anmut Allgewalt!

Hat die Milde der Kamönen
Gütig dir ein Ohr verliehn,
Aufgethan den Zaubertönen,
Die in Leid- und Freudenthränen
Seelen aus den Busen ziehn:
O so neig' es ihrer Stimme,
Und es ist um dich gethan!
Deine Seele faßt ein Wahn,
Daß sie in der Flut verglimme
Wie ein Funk' im Ozean.

Nahe dich dem Taumelkreise,
Wo ihr Nelkenatem weht;
Wo ihr warmes Leben leise,
Nach Magnetenstromes Weise,
Dir an Leib und Seele geht!
Arm und Arm dann umeinander!
Aneinander Brust und Brust!
Wenn du dann in heißer Lust -
Ha, du bist ein Salamander,
Wenn du nicht zerlodern mußt! -

Steig' empor vom Erdenthale,
Was auch Florens Hand es kränzt!
Sonne dich, o Lieb, im Strahle,
Der herab vom Sternensaale
Diesen Frühling überglänzt!
Siehe, wie des Maies Wonne,
So verarmt Autumnus' Horn;
Wir verschwelgen Most und Korn:
Aber nie versiegt die Sonne,
Gottes goldner Segensborn.

Ohne Wandel durch die Jahre
Durch den Wechsel aller Zeit,
Leuchtet hoch das reine, klare
Geistig-Schöne, Gute, Wahre
Dieser Seel' in Ewigkeit.
Lebensgeist, von Gott gehauchet,
Odem, Wärme, Licht zu Rat,
Kraft zu jeder Edelthat,
Selig, wer in dich sich tauchet
Du, der Seelen Labebad!

Schmeichelflut der Vorgefühle
Hoher Götterlust schon hier
Wallet oft, bei Frost und Schwüle,
Wie mit Wärme, so mit Kühle,
Lieblich um den Busen mir.
Fühlet wohl ein Gottesseher,
Wann sein Seelenaug' entzückt
In die bessern Welten blickt,
Fühlt er seinen Busen höher,
Unaussprechlicher beglückt?

O der Wahrheit! O der Güte,
Rein wie Perlen, echt wie Gold!
O der Sittenanmut! Blüte
Je im weiblichen Gemüte
Jeder Tugend Reiz so hold?
Hinter sanfter Hügel Schirme,
Wo die Purpurbeere reift
Und der Liebe Nektar träuft,
Hat kein Fittich böser Stürme
Dies Elysium bestreift.

Da vergiftet nichts die Lüfte,
Nichts den Sonnenschein und Tau,
Nichts die Blum' und ihre Düfte,
Da sind keine Mördergrüfte,
Da beschleicht kein Tod die Au';
Da berückt dich keine Schlange,
Zwischen Moos und Klee versteckt;
Da umschwirrt dich kein Insekt,
So das Lächeln von der Wange,
Aus der Brust den Frieden neckt.

Alle deine Wünsche brechen
Ihre Früchte hier in Ruh';
Mich und Honig fließt in Bächen,
Töne wie vom Himmel sprechen
Labsal dir und Segen zu. -
Doch - du fühlest dich verlassen,
Lied, in dieser Region!
Lange weigern sich dir schon,
Das Unsägliche zu fassen,
Bild, Gedanke, Wort und Ton.

Der, dem sie die Götter schufen
Zur Genossin seiner Zeit,
Ist vor aller Welt berufen,
Zu erobern alle Stufen
Höchster Erdenseligkeit.
Ihm gedeihn des Glückes Saaten;
Seinem Wunsch ist jedes Heil,
Ehre, Macht und Reichtum feil:
Denn zu tausend Wunderthaten
Wird Vermögen ihm zu teil.

Durch den Balsam ihres Kusses
Höhnt das Leben Sarg und Grab;
Stark im Segen des Genusses
Gibt's der Flut des Zeitenflusses
Keine seiner Blüten ab.
Rosicht hebt es sich und golden,
Wie des Morgens lichtes Haupt,
Seiner Jugend nie beraubt,
Aus dem Bette dieser Holden,
Mit verjüngtem Schmuck umlaubt.

Erd' und Himmel! Eine solche
Sollt' ich nicht mein eigen sehn?
Über Nattern weg und Molche,
Mitten hin durch Pfeil' und Dolche
Konnt' ich stürmend nach ihr gehn.
Mit der Stimme der Empörung
Konnt' ich furchtbar: "Sie ist mein!"
Gegen alle Mächte schrein,
Tempel lieber der Zerstörung,
Eh' ich ihrer mißte, weihn.

Singt mir nicht das Lied von andern!
Andre sind für mich nicht da:
Sollt' ich auch, gleich Alexandern,
Durch die Welt erobernd wandern,
West- und osthin, fern und nah'.
Andre füllen andrer Herzen;
Andre reizen andrer Sinn.
Wann ich erst ein andrer bin,
Dann sind andrer Lust und Schmerzen
Mir Verlust auch und Gewinn.

Läßt, so ganz nach allen Fernen,
So von allem abgetrennt,
Was die Sehnsucht möchte körnen,
Schwebend zwischen Meer und Sternen.
Von des Durstes Glut verbrennt,
Läßt die Strebekraft sich dämpfen,
Wenn wir dann, so weit wir sehn,
Eine Labung nur erspähn?
Gilt was anders, als erkämpfen,
Oder kämpfend untergehn? -

Herr des Schicksals, deine Hände
Wandten meinen Untergang!
Nun hat alle Fehd' ein Ende;
Dich, o neue Sonnenwende,
Grüßet jubelnd mein Gesang!
Hymen, den ich benedeie,
Der du mich der langen Last
Endlich nun entladen hast,
Habe Dank für deine Weihe!
Sei willkommen, Himmelsgast!

Sei willkommen, Fackelschwinger!
Sei gegrüßt im Freudenchor,
Schuldverhöhner, Grambezwinger!
Sei gesegnet, Wiederbringer
Aller Huld, die ich verlor!
Ach, von Gott und Welt vergeben
Und vergessen werd' ich sehn
Alles, was nicht recht geschehn,
Wann im schönsten neuen Leben
Gott und Welt mich wandeln sehn.

Schände nun nicht mehr die Blume
Meiner Freuden, niedre Schmach!
Schleiche bis zum Heiligtume
Frommer Unschuld, nicht dem Ruhme
Meiner Auserwählten nach!
Stirb nunmehr, verworfne Schlange!
Längst verheertest du genug!
Ihres Retters Adlerflug
Rauscht heran im Waffenklange
Dessen, der den Python schlug.

Schwing', o Lied, als Ehrenfahne
Deinen Fittich um ihr Haupt!
Und erstatte, trotz dem Wahne,
Was ihr mit dem Drachenzahne
Pöbellästerung geraubt!
Spät, wann dies' im Staubgewimmel
Längst des Unwerts Buße zahlt,
Strahl', in dies Panier gemalt,
Adonide, wie am Himmel
Dort die Halmen-Jungfrau strahlt.

Erdentöchter, unbesungen,
Roher Faunen Spiel und Scherz,
Seht, mit solchen Huldigungen
Lohnt die teuern Opferungen
Des gerechten Sängers Herz!
Offenbar und groß auf Erden,
Hoch und hehr zu jeder Frist,
Wie die Sonn' am Himmel ist,
Heißt er's vor den Edlen werden,
Was ihm seine Holdin ist. -

Lange hatt' ich mich gesehnet,
Lange hatt' ein stummer Drang
Meinen Busen ausgedehnet.
Endlich hast du sie gekrönet,
Meine Sehnsucht, o Gesang!
Ach! dies bange, süße Drücken
Macht vielleicht ihr Segensstand
Nur der jungen Frau bekannt.
Trägt sie so nicht vom Entzücken
Der Vermählungsnacht das Pfand?

Ah, nun bist du mir geboren,
Schön, ein geistiger Adon!
Tanzet nun, in Lust verloren,
Ihr, der Liebe goldne Horen,
Tanzt um meinen schönsten Sohn!
Segnet ihn, ihr Pierinnen!
Laß ihn, o süße Melodie,
Laß ihn, Schwester Harmonie,
Jedes Ohr und Herz gewinnen,
Jede Götterphantasie.

Nimm, o Sohn, das Meistersiegel
Der Vollendung an die Stirn!
Ewig strahlen dir die Flügel,
Meines Geistes helle Spiegel,
Wie der liebe Nachtgestirn!
Schweb', o Liebling, nun hinnieder,
Schweb' in deiner Herrlichkeit
Stolz hinab den Strom der Zeit!
Keiner wird von nun an wieder
Deiner Töne Pomp geweiht.
(S. 264-276)
_____

 

Untreue über alles

Ich ruhte mit Liebchen tief zwischen dem Korn,
Umduftet vom blühenden Hagebuttdorn.
Wir hatten's so heimlich, so still und bequem
Und koseten traulich von diesem und dem.

Wir hatten's so heimlich, so still und bequem;
Kein Seelchen vernahm was von diesem und dem;
Kein Lüftchen belauscht' uns von hinten und vorn;
Die spielten mit Kornblum' und Klappros' im Korn.

Wir herzten und drückten, wie innig, wie warm!
Und wiegten uns eia popeia! im Arm.
Wie Beeren zu Beeren an Trauben des Weins,
So reihten wir Küsse zu Küssen in eins.

Und zwischen die Trauben von Küssen hin schlang
Sich, ähnlich den Reben, Gespräch und Gesang.
Kein Weinstock auf Erden verdient so viel Ruf,
Als der, den die Liebe beim Hagedorn schuf.

"Lieb Liebchen", so sprach ich, so sang ich zu ihr,
"Lieb Herzchen, was küssest, was liebst du an mir?
Sprich! Ist es nur Leibes- und Liebesgestalt?
Sprich! Oder das Herz, das im Busen mir wallt?" -

"O Lieber", so sprach sie, so sang sie zu mir,
"O Süßer, was sollt' ich nicht lieben an dir?
Bist süß mir an Leibes- und Liebesgestalt;
Doch teuer durchs Herz, das im Busen dir wallt." -

"Lieb Liebchen, was thätest du, hätte die Not
Dir eines fürs andre zu missen gedroht?
Sprich! Bliebe mein liebendes Herz dein Gewinn,
Sprich! Gäbst du für Treue das andre dahin?" -

"Ein goldener Becher gibt lieblichen Schein;
Doch süßeres Labsal gewähret der Wein.
Ach! Bliebe dein liebendes Herz mein Gewinn,
So gäb' ich für Treue das andre dahin." -

"O Liebchen, lieb Herzchen, wie wär' es bestellt,
Durchstrichen noch üppige Feen die Welt,
Die Schönste der Schönsten entbrennte zu mir
Und legte mir Schlingen und raubte mich dir;

"Und führte mich in ihr bezaubertes Schloß
Und ließe nicht anders mich ledig und los,
Als bis ich in Liebe mich zu ihr gesellt?
Wie wär's es um deine Verzeihung bestellt?" -

"Ach! Fragtest du vor der so schmählichen That
Dein ängstlich bekümmertes Mädchen um Rat,
So riet' ich: Bedenke, mein Kleinod, mein Glück!
Komm' nimmer mir oder mit Treue zurück!" -

"Wie wenn sie nun spräche: 'Komm', buhle mit mir!
Sonst kostet's dir Jugend und Schönheit dafür!
Zum häßlichsten Zwerge verschafft dich mein Wort;
Dann schickt mit dem Korb auch dein Mädchen dich fort." -

"O Lieber, das glaub' der Verräterin nicht!
Entstelle sie dich und dein holdes Gesicht!
Erfülle sie alles, was Böses sie droht!
So hat's mit dem Korbe doch nimmermehr not." -

"Wie, wenn sie nun spräche: 'Komm', buhle mit mir!
Sonst werde zur Schlange dein Mädchen dafür!'
O Liebchen, lieb Herzchen, was rietest du nun?
Was sollt' ich wohl wählen, was sollt' ich wohl thun?" -

"O Lieber, du stellst mich zu ängstlicher Wahl!
Leicht wäre mir zwar der Bezauberung Qual;
Doch jetzt bin ich süß dir wie Honig und Wein,
Dann würd' ich ein Scheuel und Greuel dir sein." -

"Doch setze: du würdest kein Greuel darum,
Ich trüge dich sorglich im Busen herum;
Da hörtest du immer bei Nacht und bei Tag
Für dich nur des Herzens entzückenden Schlag;

"Und immer noch bliebe dein zärtlicher Kuß
Dem durstigen Munde des Himmels Genuß:
O Liebchen, lieb Herzchen, was rietest du nun?
Was sollt' ich wohl wählen, was sollt' ich wohl thun?" -

"O Lieber, o Süßer, dann weißt du die Wahl!
Was hätt' ich für Sorge, was hätt' ich für Qual?
Dann hülle mich lieber die Schlangenhaut ein,
Als daß mir mein Trauter soll ungetreu sein." -

"Doch wenn sie nun spräche: 'Komm', buhle mit mir!
Sonst werde zur Rache des Todes dafür"'
O Liebchen, lieb Herzchen, was rietest du nun?
Was sollt' ich wohl wählen, was sollt' ich wohl thun?" -

"O Lieber, du stellst mich zur schrecklichsten Wahl!
Zur Rechten ist Jammer, zur Linken ist Qual.
Bewahre mich Gott vor so ängstlicher Not!
Denn was ich auch wähle, so wähl' ich mir Tod.

"Doch wenn er zur Rechten und Linken mir droht,
So wähl' ich doch lieber den süßeren Tod.
Ach, Süßer! So stirb dann und bleibe nur mein!
Bald folgt dir dein Mädchen und holet dich ein.

"Dann ist es geschehen, dann sind wir entflohn,
Dann krönet die Treue unsterblicher Lohn!
So stirb dann, du Süßer, und bleibe nur mein!
Bald holet dein Mädchen im Himmel dich ein." -

Wir schwiegen und drückten, wie innig, wie warm!
Und wiegten uns eia popeia! im Arm.
Wie Beeren zu Beeren an Trauben des Weins,
So reihten wir Küsse zu Küssen in eins.

Wir wankten und schwankten, berauscht von Gefühl,
Und küßten der herrlichen Trauben noch viel.
Dann schwuren wir herzlich bei ja und bei nein,
Im Leben und Tode getreu uns zu sein.
(S. 187-190)
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Abendphantasie eines Liebenden

In weiche Ruh' hinabgesunken,
Unaufgestört von Harm und Not;
Vom süßen Labebecher trunken,
Den ihr der Gott des Schlummers bot;
Wohl eingelullt vom Abendliede
Der wachen Freundin Nachtigall
Schläft meines Herzens Adonide
Nun ihr behäglich Schläfchen all.

Wohlauf, mein liebender Gedanke,
Wohlauf, zu ihrem Lager hin!
Und webe gleich der Eppichranke
Dich um die traute Schläferin!
Geneuß der übersüßen Fülle
Von aller Erdenseligkeit,
Wovon zu kosten noch ihr Wille,
Und ewig ach! vielleicht verbeut! - -

Ahi! da hör' ich das Gesäusel
Von ihrem Schlummerodem wehn;
Wie Schmeichellüftchen durchs Gekräusel
Des Maienlaubes leise gehn.
Ahi! da hör' ich das Gestöhne,
Das Wollust aus dem Busen stößt;
Wie Bienensang und Schilfgetöne,
Wenn Abendwind dazwischen bläst.

O, wie so schön dahingegossen
Umleuchtet sie des Mondes Licht!
Die Blumen der Gesundheit sprossen
Auf ihrem wonnigen Gesicht.
Die Arme liegen ausgeschlagen,
Als wollten sie mit Innigkeit
Um den den Liebesknoten schlagen,
Dem sie im Traume ganz sich weiht.

Nun kehre wieder! Nun entwanke
Dem Wonnebett! du hast genug!
Sonst wirst du trunken, mein Gedanke!
Sonst lähmt der Taumel deinen Flug!
Du loderst auf in Durstesflammen -
Ha! wirf ins Meer der Wonne dich!
Schlagt, Wellen, über mich zusammen!
Ich brenne! brenne! kühlet mich!
(S. 102-103)
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Lied

Könnt' ich mein Liebchen kaufen
Für Gold und Edelstein
Und hätte große Haufen,
Die sollten mich nicht reun.
Schön Ding zwar ist's mit Golde;
Wohl dem, der's haben kann!
Doch ohne sie, die holde,
Was Frohes hätt' ich dran?

Ja, wenn ich der Regente
Von ganz Europa wär'
Und Liebchen kaufen könnte,
So gäb' ich alles her.
Vor Städten, Schlössern, Thronen
Und mancher fetten Flur,
Wählt' ich, mit ihr zu wohnen,
Ein Hütt- und Gärtchen nur.

Mein liebes Leben enden
Darf nur der Herr der Welt.
Doch dürft' ich es verspenden,
So wie mein Gut und Geld:
Dann gäb' ich gern, ich schwöre!
Für jeden Tag ein Jahr,
Da sie mein eigen wäre,
Mein eigen ganz und gar!
(S. 181-182)
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An das Herz
Sonett

Lange schon in manchem Sturm und Drange
Wandeln meine Füße durch die Welt.
Bald den Lebensmüden beigesellt,
Ruh' ich aus von meinem Pilgergange.

Leise sinkend faltet sich die Wange;
Jede meiner Blüten welkt und fällt.
Herz, ich muß dich fragen: Was erhält
Dich in Kraft und Fülle noch so lange?

Trotz der Zeit Despotin Allgewalt
Fährst du fort, wie in des Lenzes Tagen,
Liebend wie die Nachtigall zu schlagen.

Aber ach! Amanda hört es kalt,
Was verblühte Lippen Holdes sagen. -
Herz, ich wollte, du auch würdest alt!
(S. 328)
_____

 

Mollys Abschied

Lebe wohl, du Mann der Lust und Schmerzen!
Wann der Liebe, meines Lebens Stab!
Gott mit dir, Geliebter! Tief zu Herzen
Halle dir mein Segensruf hinab!

Zum Gedächtnis biet' ich dir statt Goldes -
Was ist Gold und goldeswerter Tand? -
Biet' ich lieber, was dein Auge Holdes,
Was dein Herz an Molly Liebes fand.

Nimm, du süßer Schmeichler, von den Locken,
Die du oft zerwühltest und verschobst,
Wann du über Flachs an Pallas Rocken,
Über Gold und Seide sie erhobst!

Vom Gesicht, der Walstatt deiner Küsse,
Nimm, solang' ich ferne von dir bin,
Halb zum mindesten im Schattenrisse
Für die Phantasie die Abschrift hin!

Meiner Augen Denkmal sei dies blaue
Kränzchen flehender Vergißmeinnicht,
Oft beträufelt von der Wehmut Taue,
Der hervor durch sie vom Herzen bricht!

Diese Schleife, welche deinem Triebe
Oft des Busens Heiligtum verschloß,
Hegt die Kraft des Hauches meiner Liebe,
Der hinein mit tausend Küssen floß.

Mann der Liebe! Mann der Lust und Schmerzen!
Du, für den ich alles that und litt,
Nimm von allem! Nimm von meinem Herzen -
Doch - du nimmst ja selbst das Ganze mit!
(S. 204-205)
_____

 

Der versetzte Himmel
Sonett

Licht und Luft des Himmels zu erschauen,
Wo hinan des Frommen Wünsche schweben,
Muß dein Blick sich über dich erheben,
Wie des Betenden voll Gottvertrauen.

Unter dir ist Todesnacht und Grauen.
Würde dir ein Blick hinab gegeben,
So gewahrtest du mit Angst und beben
Das Gebiet der Höll' und Satans Klauen.

Also spricht gemeiner Menschenglaube.
Aber wann aus meines Armes Wiege
Mollys Blick empor nach meinem schmachtet:

Weiß ich, daß im Auge meiner Taube
Aller Himmelsseligkeit Genüge
Unter mir der trunkne Blick betrachtet.
(S. 261)
_____

 

Liebeszauber

Mädel, schau' mir ins Gesicht!
Schelmenauge, blinzle nicht!
Mädel, merke was ich sage!
Gib mir Rede, wenn ich frage!
Holla hoch, mir ins Gesicht!
Schelmenauge, blinzle nicht!

Bist nicht häßlich, das ist wahr;
Äuglein hast du, blau und klar;
Wang' und Mund sind süße Feigen;
Ach! vom Busen laß mich schweigen!
Reizend, Liebchen, das ist wahr,
Reizend bist du offenbar.

Aber reizend her und hin!
Bist ja doch nicht Kaiserin;
Nicht die Kaiserin der Schönen,
Würdig ganz allein zum Krönen.
Reizend her und reizend hin!
Fehlt noch viel zur Kaiserin.

Hundert Schönen sicherlich,
Hundert, hundert! fänden sich,
Die vor Eifer würden lodern,
Dich auf Schönheit rauszufodern.
Hundert Schönen fänden sich;
Hundert siegten über dich.

Dennoch hegst du Kaiserrecht
Über deinen treuen Knecht:
Kaiserrecht in seinem Herzen,
Bald zu Wonne, bald zu Schmerzen.
Tod und Leben, Kaiserrecht,
Nimmt von dir der treue Knecht!

Hundert ist wohl große Zahl;
Aber, Liebchen, laß es mal
Hunderttausend Schönen wagen,
Dich von Thron und Reich zu jagen!
Hunderttausend! Welche Zahl!
Sie verlören allzumal.

Schelmenauge, Schelmenmund,
Sieh' mich an und thu' mir's kund!
He, warum bist du die Meine?
Du allein und anders keine?
Sieh' mich an und thu' mir's kund,
Schelmenauge, Schelmenmund!

Sinnig forsch' ich auf und ab:
Was so ganz dir hin mich gab? -
Ha! durch nichts mich so zu zwingen,
Geht nicht zu mit rechten Dingen.
Zaubermädel auf und ab,
Sprich, wo ist dein Zauberstab?
(S. 165-166)
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Lied

Mein frommes Mädchen ängstigt sich,
Wann ich zu viel verlange;
Die Angst der Armen macht, daß ich
Von Herzen mir erbange.

Schwebt unversucht alsdann vor mir
Der Wollust süßer Angel,
So härmt sie sich noch ärger schier
Und wähnet Liebesmangel.

So, hier und dort gebracht in Drang,
Ersticken unsre Freuden.
O Liebe, löse diesen Zwang
An einem von uns beiden!

Gib, daß sie mich an Herz und Sinn
Zum Heiligen bekehre,
Wo nicht, daß sie als Sünderin
Des Sünders Wunsch erhöre!
(S. 349)
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Lied

Mein Trautel hält mich für und für
In festen Liebesbanden;
Bin immer um und neben ihr;
Sie läßt mich nicht abhanden.
Ich darf nicht weiter als das Band,
Woran sie mich gebunden;
Sie gängelt mich an ihrer Hand
Wohl Tag vor Tag zwölf Stunden.

Mein Trautel hält mich für und für
In ihrer stillen Klause.
Darf nie zum Tanz, als nur mit ihr,
Nie ohne sie zum Schmause.
Und ich bin gar ein guter Mann,
Der sie nur sieht und höret
Und aus den Augen lesen kann,
Was sie befiehlt und wehret.

Ich, Trautel, bin wohl recht für dich,
Und du für mich geboren.
O Trautel, ohne dich und mich
Sind ich und du verloren.
Wenn einst des Todes Sense klirrt
Und mähet mich von hinnen;
Ach! lieber, lieber Gott! was wird
Mein Trautel doch beginnen?
(S. 103-104)
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Liebe ohne Heimat
Sonett

Meine Liebe, lange wie die Taube
Von dem Falken hin und her gescheucht,
Wähnte froh, sie hab' ihr Nest erreicht
In den Zweigen einer Götterlaube.

Armes Täubchen! Hart getäuschter Glaube!
Herbes Schicksal, dem kein andres gleicht!
Ihre Heimat, kaum dem Blick gezeigt,
Wurde schnell dem Wetterstrahl zum Raube.

Ach, nun irrt sie wieder hin und her!
Zwischen Erd' und Himmel schwebt die Arme,
Sonder Ziel für ihres Flugs Beschwer.

Denn ein Herz, das ihrer sich erbarme,
Wo sie noch einmal, wie einst, erwarme,
Schlägt für sie auf Erden nirgends mehr.
(S. 263)
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Schwanenlied

Mir thut's so weh im Herzen!
Ich bin so matt, so krank!
Ich schlafe nicht vor Schmerzen;
Mag Speise nicht und Trank;
Seh' alles sich entfärben,
Was Schönes mir geblüht!
Ach, Liebchen! will nur sterben!
Dies ist mein Schwanenlied.

Du wärst mir zwar ein Becher
Von Heilungslabsal voll. -
Nur - daß ich armer Lecher
Nicht ganz ihn trinken soll! -
O, daß du auch so Süßes,
So tausend Süßes hast! -
Und hätt' ich des Genießes,
Wann hätt' ich gnug gepraßt? -

Drum laß mich vor den Wehen
Der ungestillten Lust
Verschmelzen und vergehen,
Vergehn an deiner Brust!

Aus deinem süßen Munde
Laß saugen süßen Tod!
Denn, Herzchen, ich gesunde
Sonst nie von meiner Not.
(S. 89-90)
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Die Eine
Sonett

Nicht selten hüpft, dem Finken gleich im Haine,
Der Flattersinn mir keck vors Angesicht:
"Warum, warum bist du denn so auf eine,
Auf eine nur bei Tag und Nacht erpicht?

"Ha! glaubst du denn, weil diese dir gebricht,
Daß Liebe dich mit keiner mehr vereine?
Der Gram um sie beflort dein Augenlicht;
Und freilich glänzt durch diesen Flor dir keine.

"Die Welt ist groß, und in der großen Welt
Blühn schön und süß viel Mädchen noch und Frauen.
Du kannst dich ja in manches Herz noch bauen." -

Ach, alles wahr! Vom Rhein an bis zum Belt
Blüht Reiz genug auf allen deutschen Auen.
Was hilft es mir, dem Molly nur gefällt?
(S. 258)
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Für sie mein Eins und Alles
Sonett

Nicht zum Fürsten hat mich das Geschick,
Nicht zum Grafen noch zum Herrn geboren,
Und fürwahr, nicht Hellers Wert verloren
Hat an mich das goldbeschwerte Glück.

Günstig hat auch keines Wessirs Blick
Mich im Staat zu hoher Würd' erkoren.
Alles stößt, wie gegen mich verschworen,
Jeden Wunsch mir unerhört zurück.

Von der Wieg' an bis zu meinem Grabe
Ist ein wohl ersungnes Lorbeerreis
Meine Ehr' und meine ganze Habe.

Dennoch auch dies eine, so ich weiß,
Spendet' ich mit Lust zur Opfergabe,
Wär', o Molly, dein Besitz der Preis.
(S. 260)
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Das Mädel, das ich meine

O was in tausend Liebespracht
Das Mädel, das ich meine, lacht!
Nun sing', o Lied, und sag' mir an!
Wer hat das Wunder aufgethan,
Daß so in tausend Liebespracht
Das Mädel, das ich meine, lacht?

Wer hat wie Paradieseswelt
Des Mädels blaues Aug' erhellt?
Der liebe Gott! der hat's gethan,
Der's Firmament erleuchten kann;
Der hat wie Paradieseswelt
Des Mädels blaues Aug' erhellt.

Wer hat das Rot auf Weiß gemalt,
Das von des Mädels Wange strahlt?
Der liebe Gott! der hat's gethan,
Der Pfirsichblüten malen kann;
Der hat das Rot auf Weiß gemalt,
Das von des Mädels Wange strahlt.

Wer schuf des Mädels Purpurmund
So würzig, süß und lieb und rund?
Der liebe Gott! der hat's gethan,
Der Nelk' und Erdbeer' würzen kann,
Der schuf des Mädels Purpurmund
So würzig, süß und lieb und rund.

Wer ließ vom Nacken blond und schön
Des Mädels seidne Locken wehn?
Der liebe Gott! der gute Geist,
Der goldne Saaten reifen heißt;
Der ließ vom Nacken blond und schön
Des Mädels seidne Locken wehn.

Wer gab zu Liebesred' und Sang
Dem Mädel holder Stimme Klang?
Der liebe, liebe Gott that dies,
Der Nachtigallen flöten hieß;
Der gab zu Liebesred' und Sang
Dem Mädel holder Stimme Klang.

Wer hat zur Fülle süßer Lust
Gewölbt des Mädels weiße Brust?
Der liebe Gottt hat's auch gethan,
Der stolz die Schwäne kleiden kann;
Der hat zur Fülle süßer Lust
Gewölbt des Mädels weiße Brust.

Durch welches Bildners Hände ward
Des Mädels Wuchs so schlank und zart?
Das hat die Meisterhand gethan,
Die alle Schönheit bilden kann;
Durch Gott, den höchsten Bildner, ward
Des Mädels Wuchs so schlank und zart.

Wer blies so lichthell, schön und rein
Die fromme Seel' dem Mädel ein?
Wer anders hat's als Er gethan,
Der Seraphim erschaffen kann;
Der blies so lichthell, schön und rein
Die Engelseel' dem Mädel ein.

Lob sei, o Bildner, deiner Kunst!
Und hoher Dank für deine Gunst!
Daß du dein Wunder ausstaffiert
Mit allem, was die Schöpfung ziert.
Lob sei, o Bildner, deiner Kunst!
Und hoher Dank für deine Gunst!

Doch ach! für wen auf Erden lacht
Das Mädel so in Liebespracht?
O Gott! Bei deinem Sonnenschein!
Bald möcht' ich nie geboren sein,
Wenn nie in solcher Liebespracht
Dies Mädel mir auf Erden lacht.
(S. 104-106)
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Trauerstille
Sonett

O wie öde, sonder Freudenschall,
Schweigen nun Palläste mir wie Hütten,
Flur und Hain, so munter einst durchschritten,
Und der Wonnesitz am Wasserfall!

Todeshauch verwehte deinen Hall,
Melodie der Liebesred' und Bitten,
Welche mir in Ohr und Seele glitten,
Wie der Flötenton der Nachtigall.

Leere Hoffnung! Nach der Abendröte
Meines Lebens einst im Ulmenhain
Süß in Schlaf durch dich gelullt zu sein!

Aber nun, o milde Liebesflöte,
Wecke mich beim letzten Morgenschein
Lieblich, statt der schmetternden Trompete.
(S. 262)
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Der Entfernten
1. Sonett

O wie soll ich Kunde zu ihr bringen,
Kunde dieser ruhelosen Pein,
Von der Holden so getrennt zu sein,
Da Gefahren lauernd mich umringen?

Hüll' ich, der Entfernten sie zu singen,
In den Flor der Heimlichkeit mich ein:
Ach! so achtet sie wohl schwerlich mein,
Und vergebens muß mein Lied verklingen.

Doch getrost! Zerriß nicht, als sie schied,
Laut ihr Schwur die Pause stummer Schmerzen:
"Mann, du wohnest ewig mir im Herzen?" -

Diesem Herzen brauchest du, o Lied,
Des Verhüllten Namen nicht zu nennen:
An der Stimme wird es ihn erkennen.
(S. 298-299)
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Täuschung
Sonett

Um von ihr das Herz nur zu entwöhnen,
Der es sich zu stetem Grame weiht,
Forschet durch die ganze Wirklichkeit
Ach umsonst! mein Sinn nach allem Schönen.

Dann erschafft, bewegt durch langes Sehnen,
Phantasie aus Stoff, den Herzchen leiht,
Ihm ein Bild voll Himmelslieblichkeit.
Diesem will es nun statt Molly frönen.

Brünstig wird das neue Bild geküßt;
Alle Huld wird froh ihm zugeteilet;
Herzchen glaubt von Molly sich geheilet.

O des Wahns von allzu kurzer Frist!
Denn es zeigt sich, wenn Betrachtung weilet,
Daß das Bild leibhaftig - Molly ist.
(S. 259)
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Naturrecht
Sonett

Von Blum' und Frucht, so die Natur erschafft,
Darf ich zur Lust wie zum Bedürfnis pflücken,
Ich darf getrost nach allem Schönen blicken
Und atmen darf ich jeder Würze Kraft.

Ich darf die Traub', ich darf der Biene Saft,
Des Schafes Milch in meine Schale drücken.
Mir front der Stier; mir beut das Roß den Rücken;
Der Seidenwurm spinnt Atlas mir und Taft.

Es darf das Lied der holden Nachtigallen
Mich, hingestreckt auf Flaumen oder Moos,
Wohl in den Schlaf, wohl aus dem Schlafe hallen.

Was wehrt es denn mir Menchensatzung, bloß
Aus blödem Wahn, in Mollys Wonneschoß,
Von Lieb' und Lust bezwungen, hinzufallen?
(S. 261)
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Auf die Morgenröte
Sonett

Wann die goldne Frühe, neugeboren,
Am Olymp mein matter Blick erschaut,
Dann erblass' ich, wein' und seufze laut:
Dort im Glanze wohnt, die ich verloren!

Grauer Tithon! Du empfängst Auroren
Froh aufs neu', sobald der Abend taut;
Aber ich umarm' erst meine Braut
An des Schattenlandes schwarzen Thoren.

Tithon! Deines Alters Dämmerung
Mildert mit dem Strahl der Rosenstirne
Deine Gattin, ewig schön und jung:

Aber mir erloschen die Gestirne,
Sank der Tag in öde Finsternis,
Als sich Molly dieser Welt entriß.
(S. 263)
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Die Unvergleichliche
Sonett

Welch Ideal aus Engelsphantasie
Hat der Natur als Muster vorgeschwebet,
Als sie die Hüll' um einen Geist gewebet,
Den sie herab vom dritten Himmel lieh?

O Götterwerk! Mit welcher Harmonie
Hier Geist in Leib und Leib in Geist verschwebet!
An allem, was hienieden Schönes lebet,
Vernahm mein Sinn so reinen Einklang nie.

Der, welchem noch der Adel ihrer Mienen,
Der Himmel nie in ihrem Aug' erschienen,
Entweiht vielleicht mein hohes Lied durch Scherz.

Der kannte nie der Liebe Lust und Schmerz,
Der nie erfuhr, wie süß ihr Atem fächelt,
Wie wundersüß die Lippe spricht und lächelt.
(S. 260)
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Lust am Liebchen

Wie selig, wer sein Liebchen hat,
Wie selig lebt der Mann!
In Friedrichs oder Ludwigs Stadt
Ist keiner besser dran.

Er achtet's nicht, was Hof und Stadt
Dafür ihm bieten kann;
Und wenn er keinen Kreuzer hat,
Dünkt er sich Krösus dann.

Die Welt mag laufen oder stehn,
Mag rollen um und um;
Und alles auf dem Kopfe gehn!
Was kümmert er sich drum?

Hui! ist sein Wort zu Strom und Wind,
Wer macht aus euch sich was?
Nichts mehr als wehen kann der Wind,
Und Regen macht nur naß.

Gramm Sorg' und Grille sind ihm Spott;
Er fühlt sich frei und froh;
Und kräht, vergnügt in seinem Gott,
In dulci Jubilo.

Durch seine Adern kreiset frisch
Und ungehemmt sein Blut.
Gesunder ist er wie ein Fisch
In seiner klaren Flut.

Ihm schmeckt sein Mahl; er schlummert süß,
Bei federleichtem Sinn,
Und träumt sich in ein Paradies
Mit seiner Eva hin.

In Götterfreuden schwimmt der Mann,
Die kein Gedanke mißt,
Der singen oder sagen kann,
Daß ihn sein Liebchen küßt.

Doch ach! was sing' ich in den Wind
Und habe selber keins?
O Evchen, Evchen, komm geschwind,
O komm und werde meins!
(S. 15-16)
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Die Umarmung

Wie um ihren Stab die Rebe
Brünstig ihre Ranke strickt;
Wie der Epheu sein Gewebe
An der Ulme Busen drückt;

Wie ein Taubenpaar sich schnäbelt
Und auf ausgeforschtem Nest,
Von der Liebe Rausch umnebelt,
Haschen sich und würgen läßt:

Dürft‘ ich so dich rund umfangen!
Dürftest du, Geliebte, mich!
Dürften so zusammenhangen
Unsre Lippen ewiglich! –

Denn von keines Fürsten Mahle,
Nicht von seines Gartens Frucht,
Noch des Rebengottes Schale
Würde dann mein Gaum versucht.

Sterben wollt‘ ich im Genusse,
Wie ihn deine Lippe beut,
Sterben in dem langen Kusse
Wollustvoller Trunkenheit! –

Komm‘, o komm‘ und laß uns sterben!
Mir entlodert schon der Geist.
Fluch vermachet sei dem Erben,
Der uns von einander reißt!

Unter Myrten, wo wir fallen,
Bleib‘ uns Eine Gruft bevor!
Unsre Seelen aber wallen
In vereintem Hauch empor

In die seligen Gefilde
Voller Wohlgeruch und Pracht,
Denen stete Frühlingsmilde
Vom entwölkten Himmel lacht;

Wo die Bäume schöner blühen,
Wo die Quellen, wo der Wind
Und der Vögel Melodieen
Lieblicher und reiner sind;

Wo das Auge des Betrübten
Seine Thränen ausgeweint,
Und Geliebte mit Geliebten
Ewig das Geschick vereint;

Wo nun Phaon voll Bedauren
Seiner Sappho sich erbarmt,
Wo Petrarca ruhig Lauren
An der reinsten Quell' umarmt;

Und auf rund umschirmten Wiesen,
Nicht von Argwohn mehr gestört,
Glücklicher bei Heloisen
Abälard die Liebe lehrt. –

O des Himmels voller Freuden,
Den ich da schon offen sah!
Komm'! von hinnen laß uns scheiden:
Eia! wären wir schon da!
(S. 106-108)
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Verlust
Sonett

Wonnelohn getreuer Huldigungen,
Dem ich mehr als hundert Monden lang
Tag und Nacht, wie gegen Sturm und Drang
Der Pilot dem Hafen, nachgerungen!

Becher, allgenug für Götterzungen,
Goldnes Kleinod, bis zum Überschwang
Stündlich neu erfüllt mit Labetrank,
O wie bald hat dich das Grab verschlungen!

Nektarkelch, du warest süß genug,
Einen Strom des Lebens zu versüßen,
Sollt' er auch durch Weltenalter fließen.

Wehe mir! Seitdem du schwandest, trug
Bitterkeit mir jeder Tag im Munde.
Honig trägt nur meine Todesstunde.
(S. 262)
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Alle Gedichte aus: Bürgers Gedichte. Herausgegeben von Arnold G. Berger. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe Leipzig und Wien 1891. Bibliographisches Institut


 


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