Helmina von Chézy (1783-1856)  - Liebesgedichte

Helmina von Chezy

 


Helmina von Chézy
(1783-1856)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

Sehnsucht

Ach! hätt ich nur Worte, zu singen
Der Liebe unendliches Lied!
Ach! könnt' ich mit Flügeln mich schwingen
Zur Stelle, wo Wiedersehn blüht!

Da schau ich so träumend ins Weite,
Der Himmel ist wolkig und grau,
Ach! wär mir der Liebste zur Seite
Stünd Alles in Blüthe und Thau.

In Blicken, da blühte die Minne,
Auf Lippen, da blühte der Kuß -
Ach! wie ich so träume und sinne,
Und einsam stets einsam seyn muß!

Doch so auch, im bangenden Triebe,
Willkommen mir, himmlische Pein!
Das Leben ist Tod ohne Liebe,
Wie möcht' ich gelassen doch seyn?

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 37)
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Ade!

Ade, Ade! Mir ist so weh,
Daß ich dich missen mußt'!
Dein lichter Blick
Blieb mir zurück,
Ein Pfeil in tiefster Brust,
Bald süß, bald weh – Ade, Ade!

So wohl, so weh! Nun Eis und Schnee
Voll Abendrosen stehn,
Da strahlt ein Stern,
Nach dem so gern
Die stillen Rosen sehn,
Zur Himmelshöh – Ade, Ade!

Wann ich Dich seh, in Schönheit seh,
So stolz und lieb und licht,
Wie gern leid ich
Um dich, um dich! -
Und fühlst du's, weißt du's nicht
In Wohl und Weh? – Ade, Ade!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 22)

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Meine Blume

An unsichtbarem Stengel
Ein weißes Blümlein schwebt,
Darin ein milder Engel
In Gruß und Liebe lebt.

Das Blümlein kann nicht wanken,
Ihm wohnt der Treue Sinn,
All sehnende Gedanken,
Und Trost in Thränen inn.

Entblüht aus innerm Herzen
Bey reinem Himmelsschein,
Tilgt aller Trennung Schmerzen
Dies Eine ganz allein.

Und soll ich's Blümlein sagen?
Nein, wer die Sehnsucht kennt,
Wird nicht mein Lied erst fragen,
Sein Herz das Blümlein nennt!

Aus: Neue Auserlesene Schriften
der Enkelin der Karschin
Erste Abtheilung Heidelberg 1817 (S. 90)
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Männer-Sinn

Blühend stand die junge Rose,
Ach! so hold und wonniglich,
Und ein Vöglein, leicht und lose
Wiegt auf ihrem Busen sich,
Singend: küsse, küsse mich!

Rieselnd floß die Silberquelle
Schlängelte durch Blumen sich,
Schmeichelnd murmelte die Welle:
Süße Blume, neige dich,
Süße Blume, labe mich!

Nachtigall, auf Blüthenthrone,
Sang: der Lenz zu schnell entwich!
Sehnsucht wird der Treu zum Lohne,
Jede Rose blüht für mich,
Sind doch alle wonniglich!

Flieht der Lenz, doch kehrt er wieder,
Stern der Liebe nicht entwich;
Nur im Frühling tönen Lieder;
Blühn die Rosen wonniglich,
Schmachtend Herz, erquicke dich!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 40-41)

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Hesperus

Da droben blickt ein Blümelein
So lieb und still auf mich,
Es schaut mir bis in's Herz hinein,
Und rührt mich inniglich.
Der Kelch ist Glanz, und jedes Blatt
Ein zarter Strahl von Licht,
Der König reiche Kronen hat,
Doch solch ein Blümchen nicht.

Es blüht in kalter Winternacht,
Wie wenn es Frühling wär,
Wend't liebevoll in seiner Pracht
Sich immer wieder her.
Bringt uns des Abends ersten Gruß,
Des Morgens ersten Schein -
O sagt, ob man nicht lieben muß
Solch frommes Blümelein?

Und fern von mir, ach! wie so fern,
Da weilt mein liebstes Herz,
Das grüßt von mir das Blümlein gern
In bittrer Trennung Schmerz.
Es schaut ihn an, so lieb und weh
Wie mich, zu jetz'ger Stund,
Ihn sieht es, den ich nimmer seh,
Thut ihm mein Sehnen kund.

Man sagt, solch zartes Blümelein,
Das hoch in Lüften thront,
Soll eine Welt, wie diese seyn,
Wo Lieb und Leiden wohnt -
O seltne Lieb! o, Wundermacht,
Die jener Welten Licht,
Als Blüthenkranz der stillen Nacht,
Um ihre Stirne flicht!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 17-18)

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Abendlieder

1.
Da ruhst Du, friedlich Abendgold,
Auf Berg und Thal so still und hold,
Und lächelst in die wunde Brust
Der Gottesliebe Himmelslust,
Und dämmernd, duftig, zart und fern,
Erblüht dem Busen Dein ein Stern.

Was sagst Du mir, Du Abendschein,
So wonniglich, so klar und rein?
Du sagst: Schon ist die Sonne fern,
Doch grüßt von ihrem Licht ein Stern,
Der Stern der Liebe, still erblüht,
Von Einer Sonne stets durchglüht.

Die Eine Sonne, hell und warm,
Ist doch ein Bild nur, kalt und arm,
Der Sonne, die, der Sonnen Quell,
Sie alle macht warm, süß und hell,
Des Lichts, das jede Nacht besiegt,
Der Liebe, der der Tod erliegt.

O wäre doch mein Herz ein Stern,
Stets nur erfüllt vom Licht des Herrn,
Bei Sonnenpracht, bei Winternacht,
Des süßen Glanzes nur bedacht,
Still wandelnd reinen Segens Pfad,
Und streuend reinen Lichtes Saat!


2.
O Einsamkeit, Du süßer Hort,
Wer Dich erst liebt, der ist im Port,
In Deiner Ruh' das Herz vernimmt,
Was dumpf im Weltgewirr verschwimmt,
Der Farbe Lied, des Lichts Gesang,
Des Sternenreigens zarten Klang.

Eh' ich noch all Dein Glück gekannt,
O Einsamkeit, Du Inselland,
Das rings umwogt der Liebe Meer,
Wie war die Welt mir wüst und leer;
Nun ist mir all ihr Treiben fern,
Und heller leuchtet mir mein Stern!

O Friede, den die Welt nicht gibt,
Dich gibt der Vater, der uns liebt,
Durchdringe, fülle ganz mein Herz,
Zur Wehmuth läutre jeden Schmerz.
Wie Perlen in der Muschel Brust
Sey meine Seel' in Deiner Lust.

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 7-9)
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An *

Der Frühling ist ein süßes Bangen,
Der Sommer ist ein heitres Glüh'n,
Bald will der goldne Herbst dir prangen,
Mit Segen krönend edle Müh'n;
Spät wird der ernste Winter kommen,
Mild, wie dein Herz, in weißer Pracht,
Bringt doch sein Nahen nur den Frommen
Verheißung, daß der Lenz erwacht.

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 143)
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An Seraphina

Wiedersehn!
Böklabruck, 11. September 1828

Der Morgen kommt, schon röthen sich die Höhen,
Sie winden sich aus Nebeln voller Pracht,
Der Morgen kommt, mit duft'gen Schwingen wehen
Die heitern Weste vor sich hin die Nacht.
Längst wacht mein Herz im brünstigen Gebete,
Dein eingedenk vor Gottes Sonnenthron,
Und was es heiß in bangen Stunden flehte,
Erhört war es vor Zeiten Anfang schon.

Denn, aller Zeiten Wonne wirst Du strahlen,
Du reine Perl' in Gottes Segenshand,
Du, deren Milde bittern Jammers Schalen
In Süßigkeit, und Weh in Lust gewandt;
Du, treu und wahr in jedem Herzensschlage,
Zu Dir empor blickt fromme Zuversicht,
Und süße Morgenröthe bessrer Tage
Verherrlicht Dein gerettet Land, Dein Licht!

O, wären Thränen Worte, welche Lieder
Säng' ich dann Dir! Stilllauschend horcht' die Welt,
Und süß im Liede strahlt der Abglanz wieder
Des segenvollen Seyns, das Gott gefällt.
Doch nein, es steigt aus treuen Herzens Schranke
Nur Duft und Thau, wie aus der Blume Schooß,
Und Segen, Ahnen, Hoffen, Traum, Gedanke,
Ringt nur vor Gott sich im Gebete los.

Nimm Alles hin, was meine Brust erhoben
Dir glühend weiht! An heil'ger Stätte flammt
Der Opferduft, er wallt entzückt nach Oben,
Und fühlt sich freudiger von dort entstammt.
Geweiht durch Deine Huld ist nun mein Leben
Ein wohlgefällig Opfer Gott dem Herrn,
Und wird einst sanft der letzte Hauch entschweben,
Dann ist das schönste Wiedersehn nicht fern!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 128-129)
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An Seraphina
München, 3. August 1832

Die Stunden flieh'n, die Hoffnung ist zerronnen,
Und sternenlos bleibt die durchstürmte Nacht,
Ja, Himmel, nimm sie wieder, deine Wonnen,
Die arme Welt ist nicht für sie gemacht!

Und wird kein Stern mehr süßen Stunden scheinen,
So reich, so selig, heil'ger Andacht voll,
So laß mich sanft um das Verschwund'ne weinen,
Ein süßes Glück will süßer Thränen Zoll.

Ich bin erhört! Es wird im Busen helle,
Ein Himmelsstrahl durchdringt die Wolken mild,
Sie quillt, sie perlt, die wunderreiche Welle,
Aus ihren Tiefen steigt ein selig Bild.

Gegrüßt, o Heil! Du bist mir nicht entrissen,
Der Thau schmückt jedes Blüh'n mit Lichtes Zier,
Wie fern Du seyst, wie herb ich Dich muß missen,
Die Thränenfluth trägt mich zu Füßen Dir!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 150-151)
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Dem Abwesenden

Du, den ich immer sehe,
So hold, so inniglich,
Fühlst du nicht meine Nähe?
Ich schweb' um dich, um dich!

Da blickt der Mond so trübe,
Und doch so mildiglich,
Auch so ist meine Liebe,
Mein selig Leid um dich!

Da hauchet Philomele
Ihr einsam Lied, wie ich,
Sie singt's in meiner Seele
Für dich, mit dir, um dich!

In Fluthen süß Gebilde,
In Wipfeln klang um mich,
Schwebt' ich in Tönen milde
In Licht und Duft um dich!

Das Grab bey deinem Bilde
Verklärt in Blüthen sich,
Dort, dort, im Lichtgefilde,
Da bin ich stets um dich!

Aus: Neue Auserlesene Schriften
der Enkelin der Karschin
Erste Abtheilung Heidelberg 1817 (S. 91)
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An Ludwig Freiherrn Rançonnet

Ein Finden ist kein Finden,
Es ist ein Wiedersehn,
Was Seelen kann verbinden,
War ewig schon geschehn,
O, hege treu den Funken,
Der deine Brust durchglüht,
Der deine Seele trunken
Zum Flammenurquell zieht!
In Liebe nur ist Wahrheit,
In Treue nur ist Klarheit,
Ein Herz, treu, fromm und wahr
Ist Gottes Hochaltar.

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 138)
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Liebe

Ein Traum ist Liebe,
Ein Traum, wie keiner mehr.
Leben ist Liebe,
All anders Leben leer.
Ich sterb' in Liebe,
Wann sie gekränkt auch wär,
Liebe bleibt Liebe!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 10)

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An *

Es ist zu spät!
Seufzt an des Lebens Abend
Ein Greis, der bang' in Reu' vergeht,
Da tröstet ihn ein Engel, mild und labend:
"O, nicht zu spät!"

Es ist zu spät!
Erseufzt die zarte Blüthe,
Wenn schon der Nord verheerend weht,
Da winkt ein Strahl, der liebend sie durchglühte,
"Nein, nicht zu spät!"

Es ist zu spät
Die Blumen noch zu reichen,
Süßduftend, wie Dein Odem weht,
Doch, Dich der schönsten Blume zu vergleichen,
Ist's nicht zu spät.

So nimm dieß Lied,
Das ich dem Tage weihe,
Wo Lieb' und Treu' Dir Heil erfleht,
Der Freundschaft Gruß, aus reiner Herzenstreue
Kommt nie zu spät!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 157)
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An *

Es wich die Nacht, die milden Jubeltöne
Erwachter Schöpfung feierten das Licht,
Der Morgen rief in rosenmilder Schöne
Der Wesen Herz, der Blumen Angesicht
Empor, empor, auf heitrer Andacht Schwingen,
Wo Lieb' und Licht in voller Blüthe steh'n,
Wo Harmonien des Welt-Alls Schwung durchklingen,
Wo klar die Wesen ihren Urquell seh'n.

Da riefen mich die wonnereichen Stimmen,
Und vor mir prangt' ein Hochaltar der Lust,
Ich sah den Mond im blauen Aether schwimmen,
Und Lieb'erglüht beschneiter Alpen Brust,
Die grüne Flur, von Purpurlicht durchdrungen,
Bethauter Wipfel Prangen, sanft bewegt,
Die Schöpfung fühlt' ich von der Lieb' umschlungen,
Die durch ihr Herz in vollen Pulsen schlägt.

Da ging, wie eine Rose auf die Sonne
Des süßen Morgens und der innern Welt,
Durch meinen Busen zog des Urklangs Wonne,
Der sanft das All in ew'ger Schwingung hält,
Und, wogend auf den Strömen seiner Milde,
Indeß der Erde nicht'ges Weh verschwand,
Gedacht' ich dein, in deren Engelbilde
Natur in Huld ihr Lieblichstes verband.

An deinem Glanz erstrahlt' das Licht des Innern,
Das trüb und dumpf sonst drang durch Dunkelheit,
Du hast mein Herz dem seligsten Erinnern,
Des reinsten Sehnens stillem Dienst geweiht.
Die Wolke sank, die mir das Licht umschleiert,
Und Wahrheit strahlt aus reinem Quell mir zu,
Dieß neue Daseyn, das die Seele feiert,
Dieß frische, heil'ge Leben selbst bist du!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 149-150)
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Zum Abschied

Finden und Scheiden, wechseln und fliehn,
Hoffen und ahnden, entstehn und verblühn,
Das ist das Leben, die Liebe, der Mai -
Aber der Schmerz bleibt, der Schmerz der ist treu!

Laß uns im Herzen tragen vereint,
Was wir gelitten, was wir beweint;
Dann sind wir ferne immer doch nah,
Nichts ist so ferne, es findet sich da!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 39)

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An *

Für Wonn' und Licht, nichts hab ich Dir zu geben,
So Tag für Tag, als einen Blumenstrauß,
In sanften Tönen nennt er Dir Dein Leben,
In Düften hauchen Blumen Kunde aus,
Ihr Geist wird, Dir verständlich, Dich umschweben,
So lies Du selbst Verheißung Dir heraus;
Dein eigner Sinn kann nicht die Seele trügen,
Und Herz und Blume können nimmer lügen.

Sie zog nicht Kunst, der Lenz hat sie erschlossen,
Des Himmels Thau ihr zartes Seyn erquickt,
Verborgen, einsamlich im Feld entsprossen
Hat Sonne nur sie liebend angeblickt,
Still wären sie verblüht mit den Genossen,
Hätt' ich sie nicht, erwählend, Dir gepflückt,
Und wie sie schimmernd, duftend Dich umweben,
O, freundlich Loos – verschwebt ihr Blumenleben!

So laß mein Herz, wie eine Blume blühen
In Deinem Lichte, engelrein und klar;
So meine Seele Dir im Blick verglühen,
Beseligt, daß sie Dein hienieden war.
Laß Dir mich weihen fromme Geistesmühen,
In Wahrheit, Treu und Segen immerdar,
Und denk, ob hier die Blume wortlos bliebe;
Einst, über Sternen sprechen Blum' und Liebe!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 147-148)
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Himmel und Welle

Gestern war ich voller Schmerz,
Heut ist Alles süß und helle:
Wie der Himmel, so die Welle,
Wie mein Liebling, so mein Herz!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 36)
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Abend-Dämmerung

Glöckchen im Thale, Rieseln im Bach,
Säuseln in Lüften, schmelzendes Ach,
Sterne in Wipfeln, äugelnd durchs Laub,
Ach! und die Seele der Sehnsucht Raub!

Weilst Du so ferne? Bangst wohl nach mir?
Bringen die Sterne Grüße von Dir?
Alle so golden, seelig und licht -
Ach! es sind deine Blicke doch nicht!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 36)

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An *

Gute Nacht!
Sanftes Herz, das mein gedacht,
Denke, daß nach trübem Tage
Ich nun sanft erheitert sage,
Nun des Sanges Lust erwacht,
Gute Nacht!

Gute Nacht!
Frühlingsmorgens Rosenpracht
Wecke Dich aus holden Träumen,
Wo in Herzensheimathräumen
Engelblick der Seele lacht,
Gute Nacht!

Gute Nacht!
Süß nach Nächten, bang durchwacht,
Glänzten mir zwei milde Sterne,
Nimmer einst sind sie mir ferne,
Wann die Erdennacht durchwacht,
Gute Nacht!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 38)
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An Graf Constantin v. Wickenburg
Crems, April 1829

Ich bin noch da! Mein Schiff war mir entflogen,
Als ich von Deinem Glücke noch geträumt.
Es furchte schon der schwere Kiel die Wogen,
Noch eh' das Morgenlicht die Berge säumt!
Ich bin noch da, in Deiner lieben Nähe,
Ein reiches Glück, nach langer Leidenszeit,
Wann ich Dein Herz in Deinen Blicken sehe,
Ist Glück noch da, und alle Sorge weit.

Ich bin noch da! O wann Du Wonn' an Wonne
Unendlich schöpfst aus treuer Liebe Quell,
Und wenn des nächsten Herbstes goldne Sonne
Dir Frühling bringt, auf ewig süß und hell,
Dann bin ich da, im Geist! Im Herzen blühet
Auch mir Dein Glück im süßen Mitgefühl,
Und, was so rein in tiefster Seele glühet,
Beschwingt harmonisch sich im Saitenspiel.

Ich bin noch da! Ruft Muse mir entgegen,
Die längst schon floh des dunkeln Schmerzes Raum,
Und all mein Daseyn flammt in Lieb' und Segen,
In Deiner Wonnen goldnen Morgentraum.
Ich bin noch da! So lächelt mir die Freude,
Die kaum ich mehr noch hoffte, wieder zu,
Die ganze Schöpfung prangt im Festgeschmeide,
Und Glück ist da, weil denn so glücklich Du!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 120-121)
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Seelenklänge der Freundschaft

1.
Ich bin so reich in Deinem Angedenken,
Daß ich mich nimmer kann ganz einsam nennen,
Nur wenn ich mich kann ganz hinein versenken,
Dann gibt's für mich kein banges Herzenstrennen;
Will mir die Welt die eitlen Freuden schenken,
Ich fliehe sie, und mag sie nimmer kennen,
Welt, Seele, Herz und Himmel sind vereint,
Wo mir Dein Bild, ein süßer Stern, erscheint.


2.
Ich singe gern der Seele stille Klagen
Im sanften Lied, das Leid in Lust verklärt,
Ich härme gern mich in den trüben Tagen,
Wo nicht ein Strahl der Seele Trost gewährt,
Ich weine gern, weil Thränenwellen tragen
Lind hin das Weh, das tief am Herzen zehrt,
Kann ich um Dich mich härmen, weinen, singen,
Sind Schmerzen Flügel, die zu Dir mich schwingen.

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 39)
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An Otto Heinrich Graf von Loeben
18. August 1818

Ich denke Dein an diesem stillen Abend,
Im grünen Thal, am hellen, kühlen Bach,
Die milden Lüfte wehen kühl und labend,
Süß haucht Natur ein leises Wonne-Ach;
Ich nahe, nur mit Liebe Dich begabend,
O, wär' ich Nachtigall im Blüthen-Dach,
Und könnte Dir ein Lied der Weihe singen,
Süß, wie die Stunden, die uns einst umfingen!

Was mir dein treues, sanftes Herz gegeben,
An Lust und Schmerz, an Seelenheil und Glück,
Das ist zu reich für dieses arme Leben;
Es ist ein ew'ger, klarer Himmelsblick,
Die sel'gen Bilder treulich mich umschweben,
Und Alles ruft Erinn'rung mir zurück,
In jeder Blume blüht dieß Licht mir wieder,
Es strahl's die Fluth, es singen's sanfte Lieder.

So nimm den Gruß der reinen Schwestertreue,
Den Segen nimm des Dank's, der Liebe hin,
Am schönen Tage fühl' ich süß auf's Neue,
Was Du in Gott mir bist, was ich Dir bin.
Dein Himmel strahl' in heit'rer Lichtesbläue,
Dieß Jahr sey Lenz, und Nachtigall dein Sinn,
Es wende sich mit heiterm Angesichte,
Was Du nur liebst, mit Dir zum ew'gen Lichte!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 25-26)
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Gedenke mein!

Ich kenn ein Blümelein,
Das hegt so lichten Schein,
Am Himmel stehts.
Tilgt allen Schmerz und Pein,
Heißet: Gedenke mein!
Und nie vergehts.

Uns soll dies Blümelein
Duftend und leuchtend seyn,
In Lebensnacht.
Findens im Frühlingshain,
Wieder beim Morgenschein,
Wann wir erwacht!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 33)

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Ständchen

Ich kenn ein' Lilje schlank und rein,
Das ist ein süßes Mägdelein,
Ich kenn ein' Ceder, wunderhold,
Da blicket durch der Sterne Gold,
Das ist das Haupt mit Locken fein,
Das ist der lichten Augen Schein!

Ich kenn ein Wörtlein silberrein,
Das Wörtlein führt in Himmel ein,
Das heißt allein: ich liebe dich!
Sagst Du es nicht, so sterbe ich,
Hört ich's von deinen Lippen an,
Nur einmal nur, gern stürb ich dann!

Ich kenn ein' Rose wundersüß,
Die Rose ist das Paradies,
Von zarten Lippen ist's ein Kuß,
Nach dem ich ewig schmachten muß -
Du, aller Huld und Schönheit reich,
Gieb mir den Kuß, den Tod zugleich!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 35)

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Ein Ständchen

Ich kenn ein Röslein süß und licht,
Ein blühend Röselein.
O, hätt' ich es gesehen nicht,
Nie litt' ich solche Pein!
Die Biene scheut die Rose nicht,
Saugt lüstern Honig ein,
Wie kann nun Gift in Blumen licht,
Und heißes Feuer seyn?

Mein hohes Röslein nenn ich nicht,
Es schaut so lieblich drein,
Doch wenn mein Herz in Sehnsucht bricht
Ists seine Schuld allein!
Mein Mund zwar nie von Liebe spricht,
Doch kennt es meine Pein,
Wie Glut durch alle Ritzen bricht,
Muß Minne kenntlich seyn!

Von Eisen steht ein Gitter dicht,
Rings um mein Röselein,
Doch scheu ich Schwert und Eisen nicht
Will Röslein hold mir seyn!
Drum, säume nicht, du süßes Licht,
Und stille meine Pein,
Dann hüllt im Sternenschleier dicht
Das Glück die Liebe ein!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 42-43)

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An Seraphina
Baden bei Wien, 28. Julius 1829

Ich möchte gern nur Dich, nur Dich erfreuen,
Nur denken Dein, in Deinem süßen Licht,
Da muß die Erde mich von Dir zerstreuen,
Mit ihrem Harm, mit ihrem Qualgewicht.
Ich trübe Dich, und muß es herb bereuen,
Und wieder Dich zu trüben heischt die Pflicht -
O, hohe Frau, mit süßem Engelwalten
Kannst Du verzeih'n, und mich nicht schuldig halten?

Der Himmel, den, in reiner Aetherbläue
Dein Auge strahlt, wird er mir lächeln nun?
Erkennst Du wohl die warme Herzenstreue,
Die nimmer kann von bangen Sorgen ruhn?
Und wie ich Dir ein duftend Blümchen streue,
Gleich sproßt der Dorn, Dir wieder weh zu thun,
Und in den Labekelch vom höchsten Glücke
Mischt Wermuth mir des finstern Schicksals Tücke.

Wie selig wär's, nur Freude Dir zu bringen,
Des Wohlthuns, des Gelingens volle Lust,
Dein frommes Herz mit Wonnen zu durchdringen,
Die Engeln reiner nicht, als Dir bewußt.
O kann denn nichts die düstre Macht bezwingen?
Erhebt kein Fittich über Erdenwust,
Und muß im Kampf, dem schmerzlichsten von Allen
Mein himmlisch Glück, bekränztes Opfer fallen?

O wohl! Es muß! denn nimmer weilt hienieden
Ein Glück, das rein und ganz die Seele füllt,
Aus Sehnsucht nur und Hoffnung blüht der Frieden,
Der Ahnung künft'ger Wonnen uns enthüllt,
Der Erdenfessel Druck wird nie vermieden,
Ob manchen Ring die Blume weich umquillt,
Und wann in Lust versinken trunkne Herzen,
So sind des Himmels Mahnung bittre Schmerzen.

So will ich denn nicht zweifeln, nicht verzagen,
Und muthig wandeln auf der Dornenbahn;
Ich kränze Dir den Kelch der bittern Klagen,
Dem Deine Lippen mit Ergebung nah'n,
Und Engel schau'n auf Dich, und Engel sagen,
Sie wird am Urquell Labung süß empfah'n,
Sie gab für ew'ges Heil die Lust der Erden,
Wie Sie gethan, wird Ihr vergolten werden!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 132-133)
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An Seraphina
Wien, 7. Mai 1828

Ich weiß auf weiter Erde
Ein Wesen nur, wie Dich,
Vor Gott, und vor der Einen
Beug' ich an Andacht mich.

Wie süß ist's, Dich zu denken!
In Deiner Lieblichkeit
Die Seele zu versenken
Gibt Trost in herbem Leid.

O leucht' im Glorienscheine
Stets selig, klar und rein,
Du Heilige, Du Meine,
Vor Gott gedenke mein!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 127)
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Das Hüttchen

Im blauen Himmelsscheine
Ein grüner Hügel lacht;
Da blickt ein Hüttchen kleine
Schneeweiß aus Waldesnacht.
Die Purpurwolken spielen
So fröhlich drüber hin.
All meine Wünsche zielen,
Dahin, zum Hüttchen hin!

Wie liegt es still und helle,
Im goldnen Abendstrahl,
Und schaut von hoher Stelle
So freundlich in das Thal!
Was zieht nur so mein Sehnen,
Nach diesem Hüttchen hin?
Es wohnt, so möcht' ich wähnen
Die Ruhe wohl darin! -

Ach! wüßt ich sie zu finden,
Die ich umsonst erfleht,
In einsam stillen Gründen,
Wo solch ein Hüttchen steht,
Da senkt' die müden Flügel
Mein rastlos Sehnen gern,
Bis lächelnd meinen Hügel
Bestrahlt der Liebe Stern!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 56-57)

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Das Liebethal

Im Liebethal, im Liebethal,
Wo helle Fluthen rauschen,
Wo frische Blicke lauschen,
Ist frisch das Herz zumal;
Nicht Vöglein singt, doch Welle klingt
Ein fröhlich Lied der Brust,
Willst wissen, was die Fluth Dir singt,
So horche nur mit Lust.

Die Worte allzuschnell verweh'n
Doch bleibt das leichte Lied,
Im Herzen quillt ein süß Versteh'n,
Wie Well' an Welle flieht,
Es heißt wohl: Wandrer, wandre fort,
Weil Lust und Jugend blüht,
Frisch ist das Leben, todt das Wort,
Lebt Dir's nicht im Gemüth.

Tiefblau und süß Vergißmeinnicht
Im grünen Grunde blicken,
Die Felsen freundlich nicken,
Rauscht Mühle, rauscht in Wipfeln dicht,
O, wand're reiche Herrlichkeit,
Wer preist Dich aus dem Grund?
Durch Dich wird auch in trüber Zeit
Das bange Herz gesund!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 52-53)
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Wünsche der Liebe

In einsam grüner Wildniß,
Da laßt mich immer seyn,
Ein holdes, liebes Bildniß
Ist dort mit mir allein.
Der Blätter dicht Gewebe
Spielt kindlich froh im West
Und treulich schlingt die Rebe
Sich um des Vogels Nest.

Die goldnen Wolken ziehen
Weit weit im stillen Zug -
O, möcht' ich auch so fliehen
Mit rascher Sehnsucht Flug!
O, trügen laue Winde
Vom Blüthen-Hauch beseelt,
Der Liebe Seufzer linde
Zu ihm, der stets mir fehlt!

Hätt' ich der Lerche Töne,
Beim Frühroth weckt' ich ihn.
Hätt' ich der Rose Schöne,
Für ihn nur wollt' ich blühn.
Als Veilchen haucht' Entzücken
Ich ihm verstohlen zu;
Mit Lunens sanften Blicken
Winkt' ich dem Müden Ruh.

Dann wollt' ich ihn umschweben,
So dämmernd still und dicht;
Mit Blüthen ihn umweben,
Ein lächelnd Traumgesicht.
Dann schüchtern wollt' ich scheiden,
Beim ersten Morgenschein:
"Gern will ich einsam leiden,
Ade, Gedenke mein!"

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 24-25)

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Morgendämmrung

Könnt' ich schöpfen aus dem Herzen,
Warm und treu den tiefsten Laut,
Wann die Thräne ew'ger Schmerzen,
Aus dem wunden Auge thaut.

Könnt' ich all mein Leben fassen
In ein Wort, von Gluth entbrannt,
Gern wollt' ich mein Leben lassen,
Wann ich erst mein Weh genannt.

Aber nein, im tiefsten Leide
Dringt der Blick noch himmelwärts
Keine Gränze hat die Freude,
Eine Gränze hat der Schmerz!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 48)

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An *

Nicht immer durch verwandtes Streben
Ist Herz dem Herzen nah verwandt,
Nur gleiches inn'res Herzensleben
Schließt ewig fest der Treue Band!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 137)
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An Seraphina
München, 22. August 1832

Nur in der stillen Wehmuth sanfter Feier
Strahlt hell mein Auge, wird die Seele freier.
O, wundersames Licht von Sternenhöhen,
Dich denken, ist so hold fast, als Dich sehen.
Nicht faßt mein Herz so reicher Wonnen Fülle,
Die Seele sehnt sich aus der Erdenhülle

Empor, empor zum wahren Heimathlande -
So sprengt die Rose dunkler Knospen Bande.
Nie hab' ich so mein geistig Seyn empfunden,
Als Aug' in Aug mit Dir in Weihestunden.
Nie tönten mir so süß des Wohllauts Wogen,
Wie Worte, die von Deinen Lippen flogen.

Du zauberst durch die Huld der Liebegüte
Den ganzen Lenz in Eine Erdenblüthe.
Du einigst durch die Macht der Liebewahrheit
In Einen Lichtblick aller Sterne Klarheit.
Wann Frühling, Wohllaut, Sterne Dir sich neigen,
Wie soll ein Herz von seiner Liebe schweigen?

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 151-152)
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Sehnenswonne

O, wer noch nie gewußt,
Wie süß ist einsam Sehnen
Der suche Sehnens Lust
In ewig schönen Thränen.

Die grüne Einsamkeit,
Wo Nachtigallen hauchen,
Muß jedes Herzeleid
In ihre Wonnen tauchen.

Komm in die grüne Nacht,
Komm, Engel sanfter Schmerzen,
Und steig' in Deiner Pracht
Hinab in wunde Herzen.

Bist Sehnsucht Du genannt
In deiner Duftumhüllung,
So bist Du mir bekannt,
Du Engel, als Erfüllung.

Treu', Sehnen, Einsamkeit,
Drei Himmel sind's auf Erden,
Liebst, einsam Herz, Dein Leid,
Wird Leid Dir Wonne werden!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 36-37)
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Beharre!

Scheide, ach scheide,
Doch nur von Liebe nicht,
Blüht Liebe gleich zu Leide,
Ist sie doch Lebens-Licht!

Scheide, ach scheide,
Doch nur von Hoffnung nicht,
Sie ist ein Stern im Leide,
Ein Gottvergißmeinnicht!

Scheide, ach scheide,
Doch nur vom Glauben nicht,
Der sagt Dir: Liebe, leide,
Und hoff' in meinem Licht!

Scheide, ach scheide,
Doch nur vom Leide nicht,
Wer nicht kennt Lieb' im Leide,
Der kennt nicht Lieb' im Licht!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 37)
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Lied
Nach dem Persischen des Hafis

Sieh die Fluren dicht voll Rosen,
Stolz entblüht will Jede siegen,
Eine schon kann mir genügen,
Eine schon von allen Rosen.

Sieh den Himmel dicht voll Sterne,
Aetherwellen sanft sie wiegen,
Zwey von Allen mir genügen,
Nacht ist Alles sind sie ferne.

Sieh die Quellen von den Klippen
Sich an Blumenlippen schmiegen,
Nur ein Tropfen kann genügen,
Einmal, einmal nur zu nippen!

Ach, ich trank einmal mit Beben,
Süß durchschauert von Entzücken
Aus des Auges Flammenblicken
Leben, Liebe, Lieb' und Leben.

Jetzt bey rauhen Zweifels Stürmen
Schwankt und lischt der Hoffnung Schimmer,
Nachtigall, ach! wird dich nimmer,
Nimmer deine Rose schirmen?

Aus: Neue Auserlesene Schriften
der Enkelin der Karschin
Erste Abtheilung Heidelberg 1817 (S. 70-71)
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In ein Stammbuch

Sieh die Stern' am Himmel stehen,
Können uns nicht wieder sehen,
Schaun so süß und ruhig drein,
Wann uns freut ihr lieber Schein.

So des Freundes Bild von ferne,
Strahlet hell, gleich sanftem Sterne,
Denken ist Beisammenseyn,
Treues Herz ist nie allein!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 44)

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Morgenröthe

Sinke nicht so schnell zusammen,
Innre Schöpfung, schöne Welt,
Die mein Herz in Lebensflammen
Seelig lodernd aufrecht hält!
Ach! Ich kann von dir nicht scheiden,
Scheiden wäre Todesweh,
Ohne Gränzen müßt' ich leiden,
Wann ich dich versunken säh'.

Still und silbern ruhn die Wogen,
Die mich stürmend sonst bedrängt,
Goldnen Friedens Regenbogen,
Die erquickte Flur umfängt,
Alle Blumen, die erstarben,
In der Stürme stäten Qual,
Prangen nun mit frischen Farben,
Bei der Hoffnung Himmelsstrahl!

O, verlisch nicht, milde Sonne!
Laß mich nicht in öder Nacht,
Ach! ich bin zu neuer Wonne,
Kaum aus schwerem Traum erwacht.
Schmückt die Trümmer meines Lebens,
Zarte Blumen, still gehegt,
Und entblüht sey nicht vergebens,
Was die Liebe selbst gepflegt!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 9)

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Ein Seufzer

Sollt' ich dich missen,
Dich nicht mehr sehn,
Bald wär's um alle
Freude geschehn.
Wo Du nur bist,
Da ist mein Leben,
An deiner Brust,
All meine Lust! -
Laß mich in Thränen,
Bangen und beben,
Alles ist seelig,
Sterben ist seelig
An deiner Brust!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 21)

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Stille Liebe

Stand ein Röslein hinterm Gitter,
Frisch entblüht im holden Mai,
Schaut es fern ein junger Ritter,
Lockt' der Glanz ihn bald herbei.
Sah's mit Sehnsucht und Entzücken,
Durft' ihm doch nicht nahe seyn,
Nicht an seine Brust es drücken,
Daß es stille seine Pein!

So mußt Du, Geliebte, blühen,
Reizerfüllt, mit edelm Sinn.
So muß ich in Sehnsucht glühen,
Blicke bange auf Dich hin.
Deine Reize mich berauschen,
Sehnlich athm' ich süße Pein,
Darf ich Herz um Herz nicht tauschen
Ist doch meine Seele Dein!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 7)

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Trost

Und können Worte nicht fassen,
Das Leid, das die Seele durchbohrt,
Und irrt dein Fahrzeug verlassen,
Den Stürmen ein Spiel, hier und dort,
Und trauern in Wolken die Lichter,
Die Augen der himmlischen Huld,
Und ballen Wolken sich dichter,
Geduld, bange Seele, Geduld!

Die Thräne, die Liebe geweinet,
Sie irrt nicht verloren umher,
Sie sucht sich Bahn, und vereinet
Sich einst dem unendlichen Meer.
Und hin zum Meere geronnen,
Als Perle drin wogt sie, und flicht
Sich hell in die Kränze der Wonnen
Der Liebe, die wandelt im Licht.

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 154)
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Morgenthau

Von den Sternen-Auen walle,
Reine zarte Perle, falle
Sanft herab zur Blumen-Au!
Sieh die Rosen schüchtern winken,
Und in stiller Innbrunst trinken
Blumenlippen Morgenthau.

Und erfüllt vom Glanze milde,
Strahlet mit der Iris Bilde
Die im Dunkel traurig stand:
Wie mein Herz in öder Wilde,
Ach! in deinem süßen Bilde
Licht und Schönheit wieder fand!

Du, dem liebenden Gemüthe,
Was der Thau der matten Blüthe,
Was der Mond der dunklen Nacht!
Kennst du nicht mein banges Sehnen?
Ahndest nicht, was meine Thränen,
Ach, so heiß und selig macht?

Lebe wohl, geliebte Seele,
Der ich meine Pein verhehle,
Bist du doch in Thränen mein!
Muß ich hoffnungslos dich meiden,
Nichts soll mich von Liebe scheiden:
Niemals dein, und ewig dein!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 38-39)

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Abendlied

Wann der Abendstern die Rosen
Still mit Sehnsuchtsblicken grüßt,
Und bei lauer Lüfte Kosen,
Blume sich an Blume schließt,
Dann ergreift mich heißes Bangen,
Ach! zu ruhn an deiner Brust,
Und von deinem Arm umfangen,
Zu vergehn in Schmerz und Lust.

Wann in grüner Waldung Mitte,
Rings von Blum und Busch umkränzt
Nun des Landmanns stille Hütte,
Friedlich süß im Monde glänzt,
Ach! dann wünsch ich mir hienieden,
Solch ein Hüttchen, still und arm,
Seelger Unschuld Herzensfrieden,
Und den Tod in Deinem Arm!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 8)

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Zum Abschied

Wann hell im Thau die Rosen stehn,
All Blüthen sind dahin,
Dann werd' ich dich nicht wiedersehn,
Dann wieder einsam bin.

Dann wandl' ich still durch Felsenhöh'n,
Durch Düfte weinend hin,
Mir sagt der Quell, das Waldgetön,
Daß ich nun einsam bin.

Wenn Perlen hell in Blumen stehn,
Denk: Liebe weint sie hin,
Dir hauche zu der Lüfte Weh'n,
Daß ich nun einsam bin.

Vergiß mein nicht mit Blicken flehn
Zu dir, denk hin, denk hin!
Du wirst den leisen Ruf verstehn,
Dann nicht mehr einsam bin!

Aus: Neue Auserlesene Schriften
der Enkelin der Karschin
Erste Abtheilung Heidelberg 1817 (S. 89)
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Einsames Weh

War Alles hin auf Erden,
War Alles öd und still,
Dacht' Weinen nur und Sterben,
Da fand ich spät noch dich.

An deinem Herzen weinen,
War da mein seelig Weh.
An deinem Busen sterben,
War da mein Hoffnungstraum.

Nun muß ich weinen, sterben,
Doch nicht an deiner Brust,
Nun ist die Thräne bitter,
Nun ist der Tod ohne Lust!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 19)

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An *

Warum so stumm, mein Herz, warum so bange?
Fühlst Du Dich heut nicht rein und süß beglückt?
Warum der Thräne Fluth auf bleicher Wange,
Da Perl' und Thau nur frische Rosen schmückt?
Blüht nicht die Flur? Erschloßen nicht die Rosen
Sich dieser Sonne, die durch Wolken dringt?
Warum dann bangst Du, da der Seele Kosen
Mit zartem Laut durch Deine Trauer klingt?

O, laß der Seele nur ihr dämmernd Schweigen,
Berühre nicht die Tiefen wunder Brust,
Laß, statt der Töne, Perlen nur entsteigen,
Welch Lied erreicht der Thräne stille Lust?
Gib diesem Festtag nur ein leises Grüßen,
Denn wortlos grüßen Blume, Duft und Licht,
Und welch ein Herz vernimmt darin den süßen
Herzinn'gen Einklang reiner Liebe nicht?

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 41)
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Des Engels Liebesgruß

Was schwebst du duftend milde,
In Blüthen vor mir hin,
Du holdes Lichtgebilde,
So klar dem innern Sinn?

"Ich schwebe durch Gefilde,
Durch Düfte vor dir hin,
In Sternen mein Gebilde,
Zum Himmel nur mein Sinn."

Was strahlst du, süßes Wesen,
Verklärst die Thränen mein,
Bin einsam sonst gewesen,
Soll ich mit dir nun seyn?

"Bist einsam nie gewesen,
In Wolken nur mein Schein,
Jetzt strahlt dir hell mein Wesen,
Weil deine Thränen rein!"

Und willst du nimmer scheiden?
Und scheucht dich nicht die Welt?
Und bleibst in Lieb' und Leiden
Mir ewig zugesellt?

Was Eins ist, kann nicht scheiden,
In Stürmen fester hält,
Blick' auf, in Lieb' und Leiden,
Entblüht die Sternenwelt!

Aus: Neue Auserlesene Schriften
der Enkelin der Karschin
Erste Abtheilung Heidelberg 1817 (S. 92-93)
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Lerchen-Gesang

Was tönt so süß aus hohem Blau
Hinunter in die Blumen-Au?
Wer haucht die zarten Lieder?
O Lerche, kleine Sängerin,
Was ist wohl deines Liedes Sinn?
"Den Frühling grüß ich wieder"
O, wäre noch mein Frühling da!
"Er ist dir nah, ist immer da!"

O, täusche nicht das wunde Herz
Mit unerfüllter Hoffnung Schmerz -
Nichts kann mich noch beglücken!
Der Liebe sanfter Stern entwich,
Der Jugend Rose auch verblich:
"Sie wird der Thau erquicken!"
Und wo ist Trost, wann's Herz mir bricht?
"Blick auf zum Licht, die Wolke bricht!"

Wie sanft du wogst im Aether hell,
Und tränkst dich an des Lichtes Quell
Mit leichtem Schwung erhoben!
Wie strebt auf Flügeln reiner Luft,
Hinan zu dir der Blumen Duft -
"Was schön ist, strebt nach Oben!"
Ich aber seufze stets in Nacht!
"Die Erdennacht, ist bald durchwacht!"

Wie Freundesstimme dein Gesang
Mit süßem Trost mein Herz durchdrang
Und stillt' der Sehnsucht Triebe;
O sprich, warum dein einfach Lied
Mit Ruhe meinen Sinn umzieht?
"Ich singe Gottes Liebe!"
Und kennt er, stillt er meine Pein?
"Er denket dein, bist auch ja sein!"

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 53-54)

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Gedenkblatt für Fräulein Henriette E.
Baden bei Wien, 29. Juli 1829

Wer in der Kunst sucht die Natur,
Das Jenseits sucht im Leben;
Wer lauschend horcht dem Geist der Flur,
Wem Fluthen Lieder beben;
Wer rein der Schöpfung Vollklang fühlt,
Wenn Sturm das Felsenthal durchwühlt,
Und ferne Donner rollen,
Wer im Atom den Geist erkennt,
Der waltend, jedes Element
Fügt ewigklarem Wollen;
Der fühlt den süßen Liebehauch,
Den ewigreinen Einklang auch,
Der das Geschöpf zum Werden,
Zum ew'gen Seyn aus Staub erschuf,
Und kennt den seligen Beruf
Zum Engel schon auf Erden!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 134)
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Der Stern an der Ruine

Wie bist du lieb, wie blickst du licht,
Willst mir das Herz erfreun?
Wie Freundes Blick und Angesicht
So lieblich ist dein Schein!

Du strahlst wie ferne ferne Zeit,
Die noch mein Herz macht schwer -
Wird mir bei dir so lieb und leid,
Welche Kunde bringst du her?

Vergangnes war ein schönes Licht
Da sank es hin ins Meer -
Fahr wohl, fahr wohl, wanns Herz mir bricht
Kommts wieder zu mir her!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 45)

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Die Liebe

Wie heißt der Quell, an dem man trinkt
Und wird doch nimmer satt,
Der Wonne stets der Lippe winkt,
In Lindrung Glut noch hat?
Der Quell heißt Liebe, Lieb' allein
Wie trüg er sonst so lichten Schein?

Wie heißt der Stern, der niemals weicht,
Ob Wolken um ihn stehn,
Der Stern, dem keine Sonne gleicht,
Der nie wird untergehn?
Denn stürzte gleich die Schöpfung ein!
Die Liebe bleibet stehn allein!

Wie heißt das Wort, das eine Wort,
Das Alle in sich faßt?
Der Menschenahndung ferner Port
Des Herzens seel'ger Gast?
Die Liebe ist's, das eine Wort,
Trägt dich durch alle Himmel fort!

Wie heißt der Schmerz, dem Keiner gleicht
Schmerz über allen Schmerz,
Deß' Wonne durch die Himmel reicht,
Der füllt und hebt das Herz?
Heißt Liebe, wem ihr Leid bewußt,
Der hat erschöpft des Lebens Lust!

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 46-47)

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An *

Wirf dein Leiden, wirf dein Klagen
In der Liebe Wunderfluth,
Liebe, Liebe wird es tragen,
Läutern in der Himmelsgluth.

In der Liebe Spiegel milde,
Sieh die Welt, in Licht verklärt,
Erst im Widerglanz und Bilde
Haben Welt und Leben Werth.

Wer kann ihre Macht ermessen?
Ihrer Schmerzen Seligkeit?
Lieb' ist Erdenleid's Vergessen,
Und Erblüh'n von Himmelsleid!

Aus: Herzenstöne auf Pilgerwegen
von Helmina von Chezy geborne Freiin Klencke
Sulzbach 1833 (S. 143)
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Märzen Sonne

Zu bald der Frühling kam,
Zu schnell ein Ende nahm.
Ihr zarten Blümelein,
Gelockt vom Sonnenschein,
Sterbt hin, sterbt hin!
Rasch kam der warme Hauch,
Und rasch verging er auch
Sterbt hin, sterbt hin!

Wär ich solch Blümelein,
Stürb ich am Herzen Dein,
Und haucht' am süßen Ort
Das leise Schmerzenswort:
"Nun sterb ich hin! -
Ist Todeslust so rein,
Wie muß nicht Leben seyn,
Am Herzen Dein!"

Aus: Helmina von Chézy Gedichte der Enkelin der Karschin
Zweiter Band Aschaffenburg 1812 (S. 20)

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