Max Dauthendey (1867-1918) - Liebesgedichte

Max Dauthendey

 

Max Dauthendey
(1867-1918)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

 

Die Liebe

Ach, gibt es ein göttlicher Weh als die Liebe,
Gibt es ein köstlicher Glück als ihr Leid,
Streift sie auch nur mit dem Finger dein Kleid
Mitten im sinnlosen Straßengetriebe!

Liebe fühlt fein, wie ein Nackter im Grase,
Liebe im Aug' sieht den Winter noch grün,
Macht auch den Waffenlosen todkühn
Und trutzig dein Herz zum Prellstein der Straße.

Mehr als die Weisen kann Liebe begreifen,
Liebe gibt tausend Glühlampen dem Geist,
Liebe hat alle Sternbahnen bereist,
Liebe ist rund um das Weltall ein Reifen.

Mit dem Liebe gerungen, der nur ist Ringer,
Wer um Liebe gelitten, der nur hat Ruhm;
Wer die Liebe verschwiegen, der nur war stumm;
Wer aus Liebe gesungen, der nur war Singer.
(S. 406-407)
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Küßte ich zur Nacht

Ach, wie fröhlich und gesund
Mich die Liebe macht!
Bin der beste Mensch am Tag,
Küßte ich zur Nacht.

Arbeit tut von selber gehen,
Jeder Schritt ist Dank,
Reden, die ich reden muß,
Red' ich frei und frank.

Heller wird mir jeder Tag,
Weiß, wohin man sieht,
Weiß, wenn's Abend werden will,
Wozu das geschieht.

Herrlich kommt die dunkle Nacht,
Die den Mund mir gibt,
Der mich bis zum hellen Tag
Unter Küssen liebt.
(S. 146-147)
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Wie mein Aug' am Sommer hängt

Alle Hecken stehn zerzaust
Und der Wind am Wege haust.
Tag und Nacht die Regentropfen
Auf die kahlen Steine klopfen;
Augen meine nimmersatten
Nie genug vom Sommer hatten.
Wie mein Aug' am Sommer hängt,
So mein Mund zur Liebsten drängt.
(S. 163)
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Alles wird wertlos

Als ich Abschied nahm von deinem Mund,
Hielt mich noch dein Haar wie Arme fest;
Ich ward stumm von der Stille jener Stund,
Und von deiner Träne blind,
Die mich nicht meht verläßt.

Wenn du mich verläßt,
Kann mein Herz nicht fliegen,
Und sitzt wie ein nasser Vogel im Nest.

Sonst seh ich in alle Kammern hinein,
Doch wenn du mich verläßt,
Steh ich an Türen von Stein.

Alles wird wertlos,
Auch's Gold in der Hand,
Und die Sehnsucht führt mich
Hinkend durchs Land.
(S. 140)
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Am süßen lila Kleefeld vorbei,
Zu den Tannen, den zwei,
Mit der Bank inmitten,
Dort zieht wie ein weicher Flötenlaut
Der sanfte Fjord,
Blau im Schilfgrün ausgeschnitten.

Gib mir die Hand.
Die beiden Tannen stehen so still,
Ich will dir sagen,
Was die Stille rings verschweigen will.
Gib mir die Hand ...
Gib mir in deiner Hand dein Herz.
(S. 100)
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An deinen Brüsten die Stunden,
Die Stunden in deinen Armen
Sind zeitlos weit.
Ich kenne die Erde nicht mehr,
Wenn ich von dir wieder zur Erde gehe.

Die Straßen so seltsam,
Schwarz, nachtkühl in den Morgenstunden,
Schwülgelb der Laternenschein,
Die Straßen leer, und ich so allein,
Und doch gehen tausend Dinge
Neben mir her.
Meine Schritte klingen,
Und die Augen von tausend Dingen
Sehen nach mir.
(S. 102-103)
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Deine Schönheit ist meine Harfe

Auf den Apfelbäumen ist ein rosiges Gedränge,
Die Blüten sind weich wie dein Nacken
Und rund wie deine Wangen;
Die Apfelbäume haben es von dir gelernt,
Sich süß zu schmücken, sie verlernen es nie mehr.

Deine Schönheit ist meine Harfe,
Du bist unendlich schön, mein Lied sei ohne Ende.
Du schlägst die Wimpern nieder,
Sie sind mir eine neue Brücke in dein Herz.
(S. 185)
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Hülle dich in meine Hände

Bleibt das Licht nicht mehr Begleiter,
Dunkelheit bringt keine Binde,
Meine Hände leuchten weiter,
Glühend meinen Weg ich finde.

Meine Finger fühlen sprühend,
Wie zehn Augen sie dich sehen,
Und sie bleiben nicht wie Augen
Nur vor deiner Seele stehen.

Habe deinen Leib gebettet
Dicht an meine heiße Lende;
Kommt die Scham zu dir die leise,
Hülle dich in meine Hände.
(S. 157-158)
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In meinem Ohr wohnt nur dein Name

Das Rot deiner Wange ist ein Bett für mein Auge,
Mein Zimmer wird feierlich von der Pracht deiner Haare,
Jede Stunde bei dir ist ein Baum voll zärtlicher Blumen.

Wenn ich von dir singe,
Füllt der Himmel heiter meine Scheiben,
Und die Wolken ziehn zufrieden ihren Weg.

Wenn ich dich vermisse,
Zerrt mein Herz an meiner Kette.
In meinem Ohr wohnt nur dein Name,
Wie ein Vogel im Bauer.
(S. 184)
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Und jemand geigt im Armenkleid

Dein Haar hält mich schwerer als Ketten gefangen;
Wenn nur ein Haar winkt,
Klingt meine Kette bis ans Ende der Welt.
Alle Rosen sind süß wie deine Nähe,
Aber die Rosen werden zu Schmerzen, wenn du mir fern bist:

Durch alle Fenster kommt es leer und bitter wie ein Meer herein,
Die Türen stehn wie Eisen schwer und lassen keine Freude ein.
Mein Aug' geht um und sucht sich wund und tötet
langsam Stund' um Stund',
Und jemand geigt im Armenkleid und geigt auf meinem
Herz sein Leid.
(S. 187)
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Von dir lachen noch meine Träume

Dein Leib ist reich gewirkt wie ein Feld voll Honig
und königlicher Blumen
Und kommt weich und heimlich wie der Mond in mein Bett.

Von dir lachen noch meine Träume und bewachen dich.
Und wie die Hähne kämpfen mit erhitztem Sporn,
So töt' ich den, der dich im Traum begehrt.
(S. 178)
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Ich will gern an dir verbrennen

Deine Augen schläfern meinen Willen ein wie der Same des Mohnes,
Deine Augäpfel sind durchsichtiger als Tau,
Doch ihre Pupillen sind dunkel wie mein Tod.

Dein Gang ist königlich,
Du bist gewohnt, durch den Himmel zu gehen.

Die Sonne könnte mich nicht tiefer stechen
Als der Stachel deiner Liebe.
Ich will gern an dir verbrennen.
(S. 186)
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Deine Brüste an meiner Brust.
Die Seelen öffnen ihr Grab.
Ich sah durch die geschlossenen Augen,
Die Sonne sank in dir hinab.
Ich sah noch hinter der Sonne die Tiefen,
Den Urweltraum, wo alle Lebenskeime schliefen.

Sehr einfach still war es umher,
Und wir waren unendlich groß,
Wir waren alles und wußten nichts mehr,
Wußten bloß, daß wir selig waren.
(S. 123)
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An deinen Lippen

Deine Küsse halten mich glühend wach,
Sie gehen wie feurige Sterne ums Dach.
An deinen Lippen wird's Blut mir rot,
Mein Herz springt ins Feuer, mein Auge loht.
Deine Augen wie kleine Monde beim Küssen
Im letzten Himmel verschwinden müssen.
(S. 144-145)
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Deine Küsse, deine Brüste, deine Arme
Pressen noch lüstewarm meinen Leib.
Dein Blut, dein Fleisch
Ruht noch lüstewarm an mir.
Meine Schritte schallen,
Meine Schritte fallen härter von Stein zu Stein,
Die Erde nimmt mich in ihre Mitte,
Verwundert fällt es mir ein:
Wir lagen draußen im Weltenraum,
Wir beide allein.
(S. 103)
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Die Herzensfrau

Der Mittag liegt mit mir im Gras,
Die Wolken ziehn tiefblaue Straß,
Die Welt ist grün und weiß und blau,
Zu mir setzt sich die Herzensfrau.
"Rot," spricht sie, "ist die ganze Welt,
Wenn man zum Kuß den Mund hinhält."
(S. 135)
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Du bist mehr als ein Frühling

Der süße Flieder steht nur einmal im Jahr auf dem Baum,
Deine Brüste blühen mir jahraus, jahrein, du bist mehr
als ein Frühling.
Meine Wünsche glänzten wie die Sprossen der Kastanie,
Du zogst sie alle an die Sonne, wir sitzen in einem Laubdach
Und lachen uns zu im satten Schatten.
Wie einen Baum, den der Blitz überfiel, hatte mich
die Sehnsucht gezeichnet,
Jetzt wohnen deine Bienen bei mir, und meine Augen
fließen über von deinem Honig.
(S. 182)
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Des hab' ich mich noch nie bedankt

Des hab ich mich noch nie bedankt,
Daß deine Hände nach mir langen
Und deine Lippen mich empfangen,
Daß in den Hügeln deiner Brüste
Ich mir fürs Leben Sehnsucht küßte,
Und gern mein Herz nach deinem krankt.
Des sei die Stund, die dich vollbracht,
Die dich zur Liebeslust erdacht,
Von jeder neuen Stund bedankt.
(S. 166)
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Nichts weiter wird geschehen

Die Fenster stehen sommerheiß
Und müssen den Stunden nachsehen,
Die draußen vorübergehen.
Der Stunden Füße sind leis'.

Durch die stillen Fenster im Haus
Sieht die Zeit herein und hinaus,
Und nur der Verliebte weiß:

Nichts weiter wird geschehen,
Wie die Zeiten sich auch drehen,
Alles Blut geht im Kreis,
Und rund um die Lieb' geht der Stunden Reis'.
(S. 332)
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Ich war wie die erfrorenen Bäume

Die Glocken läuten in den Stühlen, wenn sich der Mittag stolz erfüllt,
So läutet jubelnd mir mein Blut, wenn ich dich küsse
und die Sehnsucht stirbt.

Ich war wie die erfrorenen Bäume armselig und blind vor der Sonne,
Doch als unsere Blicke sich kreuzten, rauchte mein Herz.

Wie ein Stahl steckt mir dein Blick in der Brust,
Ziehst du ihn aus, muß ich verbluten und sterben.
(S. 177)
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Die Luft war stumm, die Vögel schliefen,
Nur die Wünsche, die tiefen, gingen noch um.
Wir sind zum Abendhimmel auf den Berg gegangen,
Deine Wangen waren in Scham getaucht und mit Feuer behangen.

Viel Blumen saßen um uns dicht beisamen,
Wie junge Schwüre, die mit uns zum Himmel kamen.
Du hast mir deine Lippen wie Blut gegeben, -
O, zu kurz ist der Küsse seliges Leben!
(S. 217)
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Weiß nicht mehr, wo die Erde liegt

Die Raben schreien wie verwundet
Und prophezeien Nacht und Not;
Der Frost hat jede Tür umstellt,
Und der Hungerhund bellt.
Wir halten uns immer noch eng umschlungen,
Im Küssen fanden wir noch kein Wort,
Die Lerchen haben sich tot gesungen,
Und Wolken wälzten den Sommer fort.
Doch dein Haupt, das in meinem Arm sich wiegt,
Weiß nicht mehr, wo die Erde liegt.
(S. 194-195)
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Die Sehnsucht peitscht

Die Sehnsucht peitscht mit scharfem Dorn,
Sie reitet mich wild
Und gibt mir den Sporn,
Und ob mein Herz streitet,
Sie macht mir die Hände zu Hufen aus Horn
Und rennt mit mir durch die Wände.

Die Sehnsucht, sie ist wie Salz im Meer,
Die Zunge wird mir bitter,
Und Durst klebt schwer
In Gaumen und Brust.
Und wie der Schaum auf Wellen lebt,
So mir die Sehnsucht am Munde schwebt.
Wie Wellen, die sich erdrücken müssen,
Erdrücken sich meine verlassenen Lippen
In Sehnsucht nach deinen Küssen.
(S. 155)
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Die Zeit blieb stehen

Die Zeit blieb stehen seit jener Stunde,
Kein Zeiger rückte, keine Sekunde geschah,
Die Zeit blieb stehen, seit ich dich sah.
Mein Blut entfloh mir, da ging ich in Nacht,
Ging sacht meinem Blut nach,
Schwer fand ich mich wieder
Und seltsam des Mannes Geschick,
Ein Blick von dir knickt ihm die Glieder.

Es fließt dunkel ein Laut: dein Blut und mein Blut.
Ich lausche und fühle schwer, umher ist alles groß und gut.
(S. 179)
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Heut abend

Droben am Berglein im Kirschenland
Heut abend ich mit meinem Vielliebchen stand,
Wo sie manch Schlüsselblümlein fand.
Sie winkte an des Bergleins Rand
Den Wolken zu mit glücklicher Hand.
Frau Venus trat aus der Himmelswand
Aufleuchtend, weil sie zwei Selige fand.
(S. 135)
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Du gabst mir deinen kleinen, weichen Leib,
Du lagst so opfernd still.
In deinem Leibe müssen Lippen ruhn,
Die sehnen sich, mir wohlzutun
Und mein Geschlecht zu küssen.
(S. 104)
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Einst werden Sonn' und Sterne kalt

Du liegst so gut in meinem Arm,
So gut ruht nur in mir mein Herz.
Wir schweben wie das Feuer fort
Und leben nur der Küsse Leben.
Einst werden Sonn' und Sterne kalt,
Uns hat der Tod vergessen müssen,
Und tausend, tausend Jahre alt
Leben wir noch in jungen Küssen.
(S. 188)
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Und deine Füße steigen in mein Bett

Du siehst in die Welt feierlich wie der Abend,
Und alle Menschen legen die Hände in den Schoß
Und schauen dich an.

Du dringst sanft in mich wie die Dunkelheit und weckst die Nachtigall,
Und deine Füße steigen in mein Bett,
Sie haben nie einen andern Schritt gelernt.
(S. 183)
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Du und ich

Du und ich!
Wunschlose Seligkeit
Strömt deine Nähe über mich.
Der Alltag wird zur Sonntagszeit,
Unsterblich schlingt das Leben sich
Um uns. Und Menschengöttlichkeit
Fühl' ich bei dir durch dich.

Was einst gewesen, weiß ich kaum.
Die enge Welt wird weiter Raum.
Und Holz wird Eisen, Eisen Holz
Und Stolz wird Demut, Demut Stolz.
Gar wunderbare Weisen
Singt dann bei seinen Kreisen
Mein Blut im Paradies für mich.
Es haben alle Wünsche Ruh', -
Ich weiß nicht mehr, wer bist dann du.
Ich weiß nicht mehr, wer bin dann ich.
(S. 235-236)
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Weiter fällt mir mein Traum nicht ein

Du warst mir nah in meinem Traum,
Deine Stirn war weißer als dein Kleid.
Ein Kuß allein hatte zwischen uns Raum,
Mein Herz fand kaum zum Schlagen Zeit.

Ein Blick in deinen Wimpern stand,
Wie auf dem Samt ein Messer liegt,
So daß ich schön den Tod empfand,
Der heiß mit deinen Augen siegt.

Und noch ein Blick fiel in mein Blut,
Wie eine Rose in den Wein. -
Weiter fällt mir mein Traum nicht ein,
Eh' nicht mein Mund auf deinem ruht.
(S. 138-139)
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Der Liebsten Mund ist's Reiseziel

Ein funkelnd Bächlein schiebt durchs Tal,
Und leise Melodie es gibt,
Mir scheint, daß es das Wandern liebt.

Die Tanne aufgepflanzt dransteht,
Ihr Wipfel gern im Himmel tanzt,
Ihr Leben nicht vom Flecke geht.

Gern wie der Bach ich wandern will,
Der Liebsten Mund ist's Reiseziel,
Dort steh' ich wie die Tanne still.
(S. 147)
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Einst zerschlug mich die Einsamkeit

Einst zerschlug mich die Einsamkeit wie dumm Holz
Scheit um Scheit,
Unter deiner Hand wurden die Wunden ein Traum,
Im gesunden Baum singen mit jungem Flaum deine Vögel.

Dein Herz hat das Wort "Weh" sterben gemacht,
Du hast warme Ähren auf die Felder gestellt,
Du wirst süße Trauben bescheren
Und endlich den Schnee, der den Winter erhellt.
Das Jahr wächst freundlich aus deinem Schoß,
Ich sehe staunend zu, wie reich du bist,
Und wie dein Reichtum nie ruht.
(S. 180)
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Es hingen, wie duftende Hände von Frauen,
Blaß die Akazienblüten im Blauen;
Sie streuten uns süße Betäubung aus,
Die Füße fanden nicht mehr nach Haus.

Wir suchten im Gras nach tiefgrünen Ecken,
Wollten berauscht das Auge verstecken;
Kein Versteck war uns dunkel genug,
Weil 's Auge Feuer ins Dunkel trug.

Es hingen an Gittern die Rosen wie Tropfen,
Wie Herzen, die schmachtend an Gitter klopfen;
Vor Rosen fanden wir kaum das Haus,
Rosen brannten das Auge aus.

Und wär' ich erblindet, wär' dies geschehen,
Ich müßte immer und ewig dich sehen,
Denn keine Blindheit macht dunkel genug,
Weil ich im Auge wie Feuer dich trug.
(S. 210)
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Ach, Lippen, haltet kaum Rast

Es quillt aus dem Abend hervor
Der Kräuter und Gräser Geruch,
Als duften Sträuße verdorrt
In einem uralten Buch.

Beim Weg am Berg empor
Dunstet das Heu gemäht,
Rauscht eine Sense noch spät,
Und Wolke bei Wolke lauscht.

Im Garten am Pflaumenbaum
Schütteln zwei Hände am Ast.
Ja, ein Sommer ist bald verpraßt.
Ach, Lippen, haltet kaum Rast,
Und küßt auch noch im Traum.
(S. 169)
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Die Sonne sank ...

Es wird so dunkel, und mir wird so bang.
Die Trennung von der Liebsten ist so lang.
Ich zittre, liege still und atme kaum, -
Ein Blitz fiel geisternd durch den Himmelsraum.

Ich bin so schreckhaft wie ein Wild im Wald.
Die Sonne sank; und kehrt sie wieder bald,
So hab' ich nur das eine stets gedacht:
Fern von der Liebsten ist es ewig Nacht.
(S. 497)
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Gern höre ich Vögel mit runden Kehlen
Von jeder Mauer den Winden sagen:
Ihr dürft nicht das Lachen nach seiner Dauer
Und Liebe nicht nach der Ewigkeit fragen.

Und Rosen, versunken in ihren Büschen,
Höre ich trunken und lautlos sagen:
Liebe ist eine zerbrechliche Krone,
Du mußt sie vorsichtig auf Händen tragen.

Verwundert seh' ich die zagenden Menschen
Noch Fragezeichen zum Nachthimmel tragen;
Ich leg' meinen Kopf in den Schoß der Geliebten,
Und gelöst sind für Himmel und Erde die Fragen.
(S. 212)
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Ich bin entbrannt für deine hurtigen Füße

Ich bin entbrannt für deine hurtigen Füße,
Es ist, als trüge jeder Fuß ein Herz,
Daß sie so schnell zu mir eilen.

Wenn dein Lächeln über die Berge geht, wird der Wein
süß und schwer,
Und die Welt sieht groß und neu aus.

Wie der weithallende Wald atmet meine Brust bei dir auf;
Darf ich deinen Namen nennen,
Wird meine Zunge eine süße Frucht in meinem Mund.
(S. 184)
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Die Uhr zeigt heute keine Zeit

Ich bin so glücklich von deinen Küssen,
Daß alle Dinge es spüren müssen.
Mein Herz in wogender Brust mir liegt,
Wie sich ein Kahn im Schilfe wiegt.
Und fällt auch Regen heut ohne Ende,
Es regnet Blumen in meine Hände.
Die Stund', die so durchs Zimmer geht,
Auf keiner Uhr als Ziffer steht;
Die Uhr zeigt heute keine Zeit,
Sie deutet hinaus in die Ewigkeit.
(S. 295)
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Ich küsse die Luft,
Ich umarme die Wärme der Nächte.
Mir ist, es müsse von meinem Harme, meinem Sehnen
Aus der Leere dein Auge aufsprießen,
Zu mir fließen dein blauender Blick.
Sonne brütet,
Sommergras glüht,
Vom roten Mohn sprüht brünstiger Schein.
Ich strecke die Arme,
Erbarme dich, Licht,
Mich küssen hungrige Nächte.
(S. 107)
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Ich liege im Kaiserkleide,
Mich krönt die goldene Liebe.
Ich liege auf Lagern von Seide,
Auf Purpur und Hermelin.

Um meinen Hals deine Arme
Schlingen ein glühend Geschmeide,
Auf meiner Stirn deine Küsse
Scheinen wie edele Steine.

Meine flammende Krone,
Sie ist der Sonne gleich,
Ich bin Kaiser der Sonne,
Dein Leib ist mein Kaiserreich.
(S. 101-102)
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Seit ich dich küsse

Ich schaute in den Garten, da schaute mir die Glut
einer Rose entgegen,
Ich fühlte sie aus der Ferne in meiner Hand wie deine Liebe.
Seit ich dich küsse, geht die Zeit der Rosen nicht aus,
Der Garten lacht mit roten Lippen wie du.
Tag und Nacht sind kaum ein Fächerschlag,
Und ein Jahr ist nur ein Hahnenschrei,
Ich lebe es mit geschlossenen Augen.
(S. 187)
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Und zimmerte dir und mir ein Bett

Ich schlug vom Weltenbaum ein Brett
Und zimmerte dir und mir ein Bett.
Die Betten wuchsen glühend zusammen,
Und drinnen wiegen sich lauter Flammen.
Nicht Eisen, nicht Zeit kann die Betten je trennen,
Sie werden hell durch die Ewigkeit brennen.
(S. 181)
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Deine Locken

Ich wühlte gern hitzig in deinem Haar,
Sage mir: reden die Locken wahr?
Die Locken werfen sich voll und rund
Wie tolle Bäche an meinen Mund.

Und jeder Lockenleib wild sich rollt,
Als ob er mit Glut mir zufliegen wollt.
Ich möchte vor Lust mein Herz zerbrechen,
Mit tausend Splittern zu dir sprechen.
(S. 145)
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Im Grund deiner Augen

Im Grund deiner Augen steht meine Welt auf dem Kopf,
Dort lächle ich meinen Feinden zu und küsse dem Tod die Finger.
Klopfe an mit dem warmen Hammer in deiner Brust,
Es ist ein Schatz in meinem Meer. Täglich ging ich hinter dir her,
Sammelte deine Worte und deine Gebärde, zog Gold darum
Und versteckte sie unter roter Erde in einem roten Meer.
(S. 181-182)
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Und mein Herz singt in seinem Käfig

In allem, was mir schön und allmächtig scheint, bist du,
Deine Augen kommen in mein Zimmer, und die Luft wird jung,
Und mein Herz singt in seinem Käfig.
In mein Haus bringst du Lachtäublein unter mein Dach,
Die Blumen und Kräuter richten sich auf,
Bei Scheibe und Schwelle sitzen die Sonne und der
Mond Mund an Mund.
(S. 182-183)
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Liebste

Jeden deiner Schritte möchte ich besingen.
Meine Lieder nehmen immer wieder dich in ihre Mitte,
Möchten, wie dein Blut, dich rot durchdringen.

Heilig sind mir die Sekunden und kurzweilig,
Seit ich in dir meine Lust gefunden, meine wache,
Seitdem sind die Stunden nicht mehr eine abgetane Sache.
Unumwunden möchte ich sie dicken Bänden einverleiben,
Mit zwei Händen die Minuten singend niederschreiben,
Möcht' mich noch im Lied an deinem Anblick weiden.
Möchte dich an jedem Glied, vor den Augen beiden,
Wie in einem Liederbache ganz entkleiden.
Möchte, daß dich alle Worte meiner Sprache nennen,
Gleich wie deiner Kleider Faltenrauschen im Gemache;
Lieder, mehr als Ziegel auf dem Dache,
Lieder, wie die Atemzüge, die von mir zu dir hinbrennen. -
Nur in Wollust und in Liebe lernen sich Verliebte kennen.
(S. 378)
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Immer neue Küsse gib

Küß mich auf den Mund, mein Lieb,
Immer neue Küsse gib.
Welkt am Weinstock Blatt um Blatt,
Man den Most im Keller hat.

Ach, das Leben ist versüßt
Dem, der sich durchs Leben küßt.
Wer verkennt des Jahres Zweck,
Dem nur schenkt der Herbst den Dreck.

Liebste, drück mir auf den Mund
Küsse wie die Blätter bunt,
Küsse wie der junge Most,
Und berauscht leb' ich getrost.
(S. 166)
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Laß mich in deinem stillen Auge ruhen,
Dein Auge ist der stillste Fleck auf Erden.

Es liegt sich gut in deinem dunkeln Blick,
Dein Blick ist gütig wie der weiche Abend.

Vom dunkeln Horizont der Erde
Ist nur ein Schritt hinüber in den Himmel,
In deinem Auge endet meine Erde.
(S. 99)
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Manch Tag, der ist wie 's Leben lang

Manch Tag, der ist wie 's Leben lang,
Wenn's Schätzlein fehlt.
Taumelt wie ein Falter den Weg entlang,
Fühlst dich kahl wie der Baum,
Den der Wind abschält.
Ein Span steckt dir im Hals, im steifen,
Kannst kein Lied mehr pfeifen,
Und alle Weg' durch den Wald gehauen,
Die sind unendlich anzuschauen.
Gehst du zu ein Stück,
Zieht jemand dich am Rock zurück.
Bald bist du tot, weißt 's ganz bestimmt,
Wenn niemand dir die Sehnsucht nimmt.
(S. 168)
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Mit Uhren zählt man nur die Qualen

Mein Ohr belauscht die Nacht,
Der Fluß rauscht mild.
Kein Wind kommt aufgebauscht,
Die Stille Blicke mit der Stille tauscht.
Ich höre alle Uhren schlagen mit Bedacht,
Die dir die Stunden laut vorrechnend sagen.
Mit Uhren zählt man nur die Qualen.
Der Glückliche hat alle Uhren satt und kann es wagen,
Nach Lust zu leben ohne Zifferblatt und Zahlen.
(S. 443)
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Mein Stuhl steht im Himmel

Mein Stuhl steht im Himmel, wenn ich an dich denke.
Sitze bei mir und lege deinen Schmuck in mein Herz,
Du sollst in meinen Augen dich beschauen,
wie schön du bist.

Dein Lächeln hat Hände und beschenkt mich reich.
Ich gehe vor dir wie ein selig Gestorbener,
Mein Herz steht still und feiert.

Ein Feuer, das auf den Scheitern sich wiegt,
Liegt dein Auge auf mir, meine Füße sind Stahl,
ich bin dein Schatten,
Ich folge dir ohne Ermatten und ohne Wahl.
(S. 178)
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Für dich

Möcht' mich als Staub vor die Füße dir legen,
Will dich bewegen wie die Winde das Laub,
Wollt' Küsse dir geben, soviel Tropfen im Regen,
Liebe ist blind, doch du Geliebte bist taub.

Hätte ich Hände, soviel Blätter die Bäume,
Sie alle sollten für dich nur sich regen.
Für dich sterb ich stündlich im Lied meiner Träume
Und kann mich selbst nur im Traum noch bewegen.
(S. 141)
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Nenn' dich meine Wiesen

Möchte deinen Leib
Keinen Garten nennen,
Wo sich Blum' und Mensch
Nur vom Sehen kennen.
Möchte deinen Leib
Nennen meine Wiesen,
Wo Heilwurzeln würzig
Und Labkräutlein sprießen.

Winzig kleine Blüten,
Kaum sichtbar wie Sterne,
Hausen dort urwüchsig,
Wirken stark zur Ferne.
Darf mich dort zum Schlummer
In den Glücksklee legen,
Er vertreibt den Kummer.

Nie in einem Garten
Könnt' ich in den Beeten
Ruhen in den harten.
Nenn' dich meine Wiesen,
Wo mir Kraft und Freude
Herzerquickend sprießen.
(S. 309-310)
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Möchte von deinem langen goldbleichen Haar
Ein Lager mir bekleiden.
Seide wäre Stroh, Sammet - Igelhaut,
Aber dein Haar ist wie ein Wolkenbett,
Wie man's am Abend gleißend nur im Äther schaut. -

Nein, dein Haar ist mehr, ist mehr,
Dein Haar ist wie ein Strom der goldenen Maienluft
Geschwängert von den Küssen junger Liebe.
Will meine Augen mit deinem Haar verbinden,
Will erblinden, in seinem Gold erblinden.
(S. 98)
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Nie war die eine Liebesnacht in deinem Schoß
der andern gleich

Nie war die eine Liebesnacht
In deinem Schoß der andern gleich,
Dein Leib ist ein Septembermond
An immer neuen Früchten reich.

Die Brüste sind ein Traubenpaar,
Und drinnen pocht der junge Wein,
Die Augen sind ein Himmelstor
Und lassen meine Wünsche ein.
(S. 191-192)
_____

 

Juli

Nun ist es Sommer den ganzen Tag,
Den ganzen Tag man nur küssen mag,
Und alle die Rosen, die müssen
Satt duften zu unseren Füßen.

Nun bleibt es Sommer den ganzen Tag,
Den ganzen Tag ich im Himmel lag,
Dort tat man sich paarweise küssen
Und satt lag die Erde zu Füßen.

Nun ist es Sommer Nacht und Tag,
Und Nacht und Tag man nur küssen mag;
Von allen heißen Genüssen
Ist Anfang und Ende das Küssen.
(S. 213)
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Mein Herz als Mond verkleidet

Rühr' im Schlaf an deine Wangen,
Hangen Tropfen an den Kissen,
Du und ich allein nur wissen:
Unser Sehnen hat vereint
Heiß sich in den Schlaf geweint.

Ach, mein Herz wie's liebt und leidet!
Spür es leis als Mond verkleidet
Weiß an deiner Tür.

Sehnsucht muß mit hellen Händen
Noch im Schlaf dein Zimmer blenden,
Und die blanken Scheiben schicken
Blicke, die tags dunkel bleiben;
Wo sie ungesehen fielen,
Steigen Lichter aus den Dielen.

Schweigen müssen Uhr und Zeit,
Sehnsucht spielt auf blauen Geigen,
Und wie einst auf Märzenauen
Werden Balken in den Räumen
Wieder kühn zu Knospenbäumen.
Und auch taut im Mond wie Eis
Lautlos deines Spiegels Glas,
Will mir Heimlichkeiten zeigen,
Die der Spiegel nie vergaß,
Er, der zärtliche Vertraute,
Der nur lebt von deinen Augen
Und in deine Sehnsucht schaute.
Dicht an deinen weißen Wangen
Will ich deinen Atem fangen.
Was die Scham mir nicht gestand,
Küß ich aus dem Schlaf der kleinen, zagen, zahmen Hand.

Rötet Morgen sich im Land,
Auf dem roten Dach der Welt
Tötet sich der Mond gelassen;
Und wer ahnt in lauten Gassen,
Daß, wo Sehnsucht hingestellt,
Sich noch nachts das Pflaster hellt,
Und mein Herz, als Mond verkleidet,
Nächtlich blinde Wünsche weidet.
(S. 137-138)
_____

 

Sanft legte dich die Liebe auf mein Bett

Sanft legte dich die Liebe auf mein Bett
In deinem schönsten Kleid aus Scham und Blöße,
Und draußen kam die Nacht auf atemlosen Schnee,
Und auch Gottvater kam in atemloser Größe.
Mit vollem Auge hat der Gott geweint, gelacht.
Du hast dein Herz und deinen Leib
Zur Krone dieser Nacht gemacht.
(S. 182)
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Weil ich deinen Kuß noch fühle

Schwüle geht im Herzen um,
Weil ich deinen Kuß noch fühle.
Geh' ums Leben heut herum,
Möcht' kein Wörtlein von mir geben,
Nur das Herz möcht' mir entschweben,
Lippen blieben gerne stumm.
Tragen von der Liebesstund
Noch die süße Blüte und
Alle Glieder sagen warm:
Arm macht niemand je mich wieder.
(S. 144)
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Sie singt.
Auf sachten Wellen schwingt sich der Saal.
Die Lichter dunkeln,
Ihre Augen strahlen,
Ihre Pupillen durchfunkeln den Raum,
Küsse schlagen schwer in ihr Blut,
Ihre Brüste tragen die Küsse kaum,
Sie reckt tausend klaffende Lippen,
Ihr Haupt zurückgesunken.
Trunken schließt sich der letzte Wunsch.
(S. 102)
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Sind zwei getrennt

Sieh droben den Mond zwischen Türmen hängen,
Er konnte die Nacht aus dem Himmel verdrängen.
Er hängt wie der Schein alles Sehnenden oben,
Wie Helle, die sich voll Hoffnung gehoben.

Und sind zwei getrennt, auch in fremdesten Gassen,
Verliebten wird niemals ihr Himmel verblassen,
Ihr Himmel, der kann ihre Augen aufhellen
Durch brennende Botschaften zwischen zwei Schwellen.
(S. 163)
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Bleibt die Geliebteste zu lang aus

So viele Haare,
So viele Gedanken
Sich sonst um meinen Schädel ranken.
Doch heut nach meiner Gedankenzahl
Bin ich am Schädel ratzekahl.
Die Sehnsucht hat mir ohn' Gewissen
Das letzte Härlein ausgerissen.
Und wie des Müllers Esel dumm
Trag ich als Sack mein Hirn herum.
Alles, was ich im Leben verstund,
Hält vor der Sehnsucht erschreckt den Mund.
Die Worte fallen wie Balken schwer,
Gedruckte Bücher sind plötzlich leer,
Und bleibt die Geliebteste zu lang aus,
Sitze ich ganz verblödet im Haus.
Alles werd' ich wieder neu lernen müssen,
Vielleicht sogar lieben und küssen.
(S. 142-143)
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Solang ein Weib tut leben

Solang ein Weib tut leben,
Wird selig auch der Mann.
Sie kann den Himmel geben,
In den man kommen kann.

Solang ein Weib tut leben,
Solang lebt auch der Kuß,
Sie kann den Kuß dir geben,
Der sich verdoppeln muß.

Solang 's ein Weib tut geben,
Gibt's keine tote Stund.
Wie das Bukett der Reben,
Hat sie den Rausch im Bund.
(S. 164-165)
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Stille weht in das Haus,
Fühlst du den Atem des Mondes,
Löse dein Haar,
Lege dein Haupt in den Blauschein hinaus.
Hörst du, das Meer unten am Strand
Wirft dir Schätze ans Land;
Sonst wuchsen im Mond Wünsche, ein Heer,
Seit ich dein Auge gesehn, ist die Mondnacht wunschleer.
(S. 123)
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Trug manch Lied auf meiner Zung',
Hob den Kopf mit Flügelschwung;
Grünverliebt war rings der Wald
Und mein Herz nur Tage alt.

Konnt' die Wurzeln nicht begreifen,
Die nur schwer vom Flecke gehen,
Und die Bäume all die steifen,
Die schon hundert Jahr dastehn.

Blumen machten mich erstaunen,
Wuchsen auf die bunte Launen;
Lachten ein paar Wochen hin
Und verrieten nie den Sinn.

Nahm manch Mädchen in den Arm,
Mädchen sind so bang und warm;
Habe ich auch reich geküßt,
Wußt' doch nie, was Liebe ist.

Liebe ist der eine Kuß,
Dran dein Herze seufzen muß;
Stiller wird dein Atem gehen,
Ist dir dieser Kuß geschehn.
(S. 219-220)
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Überall blüht nun die Liebe

Überall blüht nun die Liebe,
Laß uns in die Gärten gehn,
Wo die kleinen frommen Primeln
Zärtlich schon in Paaren stehn.

In den Gärten, wo die Schritte
Und die Worte nicht mehr eilen,
Wo die Träume unter weißen süßen Bäumen
Wie in lauter Wolken weilen.

Viele kleine trunkne Vögel
Kommen dir ans Herz geflogen,
Sind vom Land, wo Honig fließt,
Mit der Sonne hergezogen.

Lausche mit versunknem Auge,
Meine Lippen wollen schwören.
Gib Erhörung meinen Lippen,
Meinem ewigjungen Sehnen
Gib Betören.
(S. 186)
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Dein Haar ist mein zärtlichstes Kissen

Und schmückt dein Haar meine Kissen,
Wie wird die Welt mir so gut;
Deinem Haar verschrieb ich mein Blut,
Deinem Haar, das im Dunkel noch lacht,
Und das der Leidenschaft Geste
Stumm wie das Feuer nachmacht.

Dein Haar schreibt viel brennende Zeilen,
Dein Bett ist der heißeste Brief;
Dein Haar ist mein zärtlichstes Kissen,
Auf dem meine Sehnsucht entschlief.
(S. 199)
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Wie bräutliche Hecken im Frühling

Von deinem Leib haben die Maienglocken ihren keuschen Geruch,
Die Nachtigallen hast du heiß gemacht,
Ihr Gesang malt dein Bild.
Deine Lippen sind wie Kleeblüten klein und süß
an meinem Weg gewachsen.
Und drüber glänzt dein Haar festlich
Wie bräutliche Hecken im Frühling.
(S. 184)
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Wen köstlich liebt ein schönes Weib

Wen köstlich liebt ein schönes Weib,
Dem hängt sie ihre Schönheit an,
Die Lust wird wonnig um den Mann,
Aufrecht und stolz auch blüht sein Leib.

Denn über seine Schultern hin
Schaut stets unsichtbar ihr Gesicht,
Mit wem der so Geliebte spricht,
Dem wird gar festlich auch zu Sinn.

Es strahlt, wer eine Schöne liebt,
Verschönt den Freunden und der Welt,
Weil Lieb' mit nichts zurück mehr hält,
Auch 's Schönsein dem Geliebten gibt.
(S. 161)
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Wenn deine Arme sich ausbreiten

Wenn deine Arme sich ausbreiten, leuchtet mein Blut
und schlägt Feuer.
Der Duft deines Haares trägt meinen Verstand fort.
Wär' ich dein Haar, warm an dir gewachsen,
Ich würde dir auf Brust und Schoß fallen
Und immer bei dir liegen.
(S. 183)
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Wenn wir lieben

Wenn wir lieben, sind wir zeitlos,
Liegen bei den tiefsten Feuern,
Sehen dann von Ferne bloß,
Daß die Lebensstunden sich erneuern.

Werden wie die Gottheit groß,
Fühlend in die Höhen, Tiefen, Breiten,
Wissend alles, was vorüberfloß
An den Quellen der Unendlichkeiten.

Wissend, liebend jed' Geschehen,
Mitgenießend alles, was die Welt genoß,
Sehend, ohne mit dem Aug' zu sehen,
Untergehend und bestehend Schoß im Schoß.
(S. 406)
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Trennen ist ein Sterben

Wie der Tag sich windet
Und kein Ende findet!
Die Minuten stehen,
Müssen rückwärts sehen.

Seit der Morgenstunde,
Die mit starrem Munde
Dich zum Abschied weckte,
Sich nur Öde streckte.

Fühl' die Haut erkalten
Und die Stirn sich falten,
Muß ins Leere schauen
Und dem Tag mißtrauen.

Trennen ist ein Sterben,
Schlägt die Welt in Scherben.
(S. 167)
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Die Nachtigallen loben dich

Wie die Wolken an der Erde hängen Tag und Nacht,
So umdrängen dich meine Gedanken.
Die Nachtigallen loben dich,
Und ich schreibe ihre Lieder ab.

Du stehst wie eine Anemone in den Steinfeldern,
Ihre Blütenwangen ziehen meine Hände an.
Nie haben sich Bienen so süß genährt
Wie meine Lippen.
(S. 183)
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Wie in den Keller der Schimmel,
Wachsen Wolken über die Stadt;
Das Fenster ist blind wie der Himmel,
Und die Dinge leben nur matt.

Ich habe nicht viel zu sagen,
Die Taschen sind alle leer;
Ich lasse den Hunger nagen,
Und nichts verwundert mich mehr.

Da find' ich im toten Zimmer
Von der Liebsten ein glitzerndes Haar;
Mein Herz glänzt bei seinem Schimmer
Und vergißt, daß es hungrig war.
(S. 221-222)
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Wir gehen am Meer im tiefen Sand

Wir gehen am Meer im tiefen Sand,
Die Schritte schwer und Hand in Hand.
Das Meer geht ungeheuer mit,
Wir werden kleiner mit jedem Schritt.
Wir werden endlich winzig klein
Und treten in eine Muschel ein.
Hier wollen wir tief wie Perlen ruhn,
Und werden stets schöner, wie die Perlen tun.
(S. 181)
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Die letzte Sonne sah uns ins Gesicht

Wir saßen am Feldrand und sahen ins Land,
Die Erde schien ausgestreckt wie eine schwielige Hand,
In ihren Runzeln und Hügeln ein Haus manchmal stand.
Die letzte Sonne sah uns ins Gesicht,
Sie färbte uns bräuner mit bronzenem Licht;
Wir wurden wie Köpfe, die man auf Münzen sticht.
Dann versanken die Bäume und wichen aus,
Die Felder verlöschten, es schwand Dorf und Haus,
Und die Mondsichel wuchs aus den Ähren heraus.
Es raschelt im Korn und knirscht noch ein Stein,
Es fielen noch Rufe ins Dunkel hinein, -
Dann durften wir Schulter an Schulter im Endlosen sein.
(S. 318)
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Alle Gedichte aus: Max Dauthendey: Gesammelte Werke. In sechs Bänden. Vierter Band: Lyrik und kleinere Versdichtungen.
Albert Langen München 1925

 

 


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