Marie Eugenie Delle Grazie (1864-1931) - Liebesgedichte

Marie Eugenie Delle Grazie

 


Marie Eugenie Delle Grazie
(1864-1931)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:


 

Flora
(Nach einer rumänischen Sage)

"Alexi, Du bist mir nicht mehr gut,
Dein Kuß ist nicht mehr glühend,
Alexi, Dein Herz ist nicht mehr mein,
Es gehört der Nella im Thale!"

"Meine Flora glaub' das nicht,
Dich nur lieb' ich, Dich,
Mein Kuß ist noch glühend,
Mein Herz noch Dein!"

"Alexi, Du lügst,
Sonst brachtest Du die schönsten Rosen,
Die Du im Thale fand'st nur mir,
Und jetzt – jetzt blühen Deine Rosen
Am Herzen Nella's, leugn' es nicht!"

"Meine Flora, glaub' das nicht,
Dich nur lieb' ich, Dich,
Mein Kuß ist noch glühend,
Mein Herz noch Dein!"

Und Flora sitzt im Walde;
Da sieht sie Alexi nah'n,
Und sieht ihn liebeglühend
Die blühende Nella umfahn.

"Fahr hin, fahr hin!" Sie ruft es
Und stößt ihm ein Messer in's Herz,
Und zieht es aus klaffender Wunde,
Und stößt's auch dem Mädchen ins Herz.

"Du hast mir mein Glück geraubet,
Mit seiner Liebe fahr hin!"
Sie selber stürzt sich vom Felsen,
Drei Leben so waren dahin.

Doch wenn nun kehret der Frühling,
Und die wilden Rosen blüh'n,
Da sieht man die blutige Flora
Wild klagend die Wälder durchzieh'n.

Ihr weißes Gewand ist blutig,
Ihr Haare flattern im Wind,
Sie schwingt die blutige Waffe
In Händen, die blutig sind.

Ersieht sie ein Mädchen, das treulos
Der Heißgeliebte verließ,
Sie muß ihm von Rache erzählen,
Die verlassener Liebe so süß.

Sieht das Mädchen die blutige Waffe,
Dann eilt es im Wahnsinn fort,
Und kann nicht ruhen und rasten,
Bis vollbracht der gräßliche Mord.
(S. 48-50)
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Rosenmärchen

Als die schaumgeborene Göttin,
Strahlend in himmlischer Schöne,
Dem leuchtenden Meere entstieg
Und jubelnd
Die lenzumfächelte,
Prangende Insel begrüßte,
Da spielte
Hold schmeichelnd der scherzende Wind
In ihren ambrosischen Locken,
Da jauchzten
In herrlichen Liedern ihr zu
Die buntgefiederten
Sänger des Waldes,
Da sandten
Die lieblichen Blumen der Flur
Entzückenden Duft ihr entgegen.
Und die schaumentstiegene Göttin
Dankte dem schmeichelnden Winde
Und den buntgefiederten Sängern des Waldes
Mit krystallen erklingender Stimme.
Doch zärtlich
Neigte sie sich zu den Blumen und drückte
Sie sanft an die wogende Brust.

O höret
O preiset das liebliche Wunder!
Gar herrlich entfalteten sich
Die Blümlein am Busen der Göttin:
Schmelzender wurde alsbald ihre Farbe,
Voller ihr Kelch
Und süßer ihr Duft.
Also geschah
Selbst den ärmlichen Gräsern; sie grünten
Üppiger, wenn sie der Fuß
Der leuchtenden Kypris berührte.

Aber fern von den prangenden Blumen stand einsam,
Unscheinbar,
Blüthen- und duftlos ein dorniges Sträuchlein.
Ihm nahte
Süße Milde im strahlenden Antlitz,
Huldvoll lächelnd die Göttin und sprach:
"O sage warum
Stehst Du so einsam? Warum
Senkst Du so trauernd die Zweiglein?
Sehnst Du Dich nicht
Wonneberauscht,
Neues Leben einathmend,
Zu ruhen an göttlicher Brust?"

Und es antwortete klagend
Also das dornige Sträuchlein:
"Herrliche Göttin, wie gerne
Athmet' ich Deinen ambrosischen Hauch,
Wie gerne
Ruhte ich wonneberauschet
An Deinem schimmernden Busen! -
Doch ach, wie dürft' ich es wagen?
Kann ich doch nicht wie die Blumen
Dein schönheittrunkenes Auge erfreuen,
Kann ich doch nicht wie sie
Entzückende Düfte Dir opfern,
Kann ich doch nicht wie das Gras
Sanftschwebenden Teppich Dir breiten,
Darüber schimmernden Fußes
Segen spendend Du wandelst!
Herrliche Kypris Du bist
Die Göttin der Schönheit, Du kommst
Dein strahlendes Reich zu vollenden. Du liebst
Den glänzenden Äther, die rosigen Wellen,
Die duftenden Blumen, die prangenden Auen,
Du wandelst immerdar
Die goldenen Pfade des Schönen; doch ewig
Fliehst Du jene der Häßlichkeit,
Wo abscheuerregend, verkümmerte Formen
Dein himmlisches Auge beleid'gen! O sieh',
Bin nicht auch ich ein solches Geschöpf? Hat die Natur
Nicht stiefmütterlich mich behandelt?
Ach ja, ich fühl' es!
Ich fühl' es, wenn ich die duftigen Blumen sehe,
Die herrlich prangend in tausend Farben,
Im schmeichelnden Zephyr sich wiegen;
Ich fühl' es, wenn ich die schwanken Gräser sehe,
Die schimmernd, vom perlenden Thau benetzt,
Grün-golden auf und nieder wogen. Ich fühl' es,
Wenn ich die ganze Welt so schön,
Nur mich allein so häßlich sehe!"

So klagte das dornige Sträuchlein und senkte
Noch tiefer seine Zweige zur Erde.
Die strahlende Göttin aber
Hob es huldvoll empor und sprach:
"Nicht fürder klage o Sträuchlein, denn sieh'
Gekommen ist auch für Dich die Stunde der Freude,
Die Stunde des Glücks. Ringsum
Hab' ich die Blümlein alle an's Herz gedrücket, und so
Noch einmal so schön, noch einmal so lieblich,
Der Mutter Natur sie zurückzugeben;
Doch meine größte Gunst,
Meine ganze Huld,
Die will ich nur Dir verleihen!"

So sprach die holde Kypris und neigte
Sich tiefer hinab, das Sträuchlein
Mit rosigen Lippen berührend,
Mit göttlichem Athem anhauchend.
Und sieh, da durchdrang
Olympische Gluth seine dornigen Glieder und schwellend
Dehnten sie sich alsbald, und ließen aus grüner Hülle
Ein kleines Knöspchen springen, das schnell
Zur lieblichsten Blüthe sich erschloß.
Zur Blüthe so weich und rosig,
So hold und duftig
Wie nur die Ambrosia athemden
Purpurnen Lippen Aphroditens.

Und als dies Wunder gescheh'n, und freudig
Das blüthengekrönte, duftige Sträuchlein
Im schmeichelnden Zephyr sich wiegte,
Klang's also von den Lippen der Göttin:
"Sei mir gegrüßet, herrliche Rose,
Sei mir gegrüßet, viel tausendmal
Blühe und dufte, wachse, gedeihe
Fortan dem Dienste Kytherens geweiht!
Steige empor in seliger Stunde,
Freue Dich Deiner himmlischen Triebe,
Bringe der Welt die süße Botschaft
Ewiger Schönheit und ewiger Liebe!"
(S. 106-114)
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Ich liebe dich

Bei Blumenduft und Mondenschein
Sprachst Du zuerst das süße Wort:
"Ich liebe Dich."

Da zog es in mein Herz hinein
Wie Blumenduft und Mondenschein;
Doch zog draus Ruh' und Friede fort,
Als ich auch sprach das süße Wort:
"Ich liebe Dich!"
(S. 2)
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Du schöne duftige Linde

Du schöne, duftige Linde
Hoch oben auf alter Bastei,
Was rauschst Du so traurig im Winde
Geh'n kosend wir vorbei?

Freut Dich nicht die schöne Liebe,
Nicht die süße, selige Lust,
Die ferne vom Weltengetriebe
Hold blüht in uns'rer Brust?

Wohl freut mich Eure Liebe,
Eure süße, selige Lust,
O, daß sie doch ewig bliebe
In Eurer jungen Brust!

Wohl freut's mich, daß Eure Herzen
Einander so lieb und so gut,
Doch seh' ich Euch küssen und scherzen
Wird's mir so weh' zu Muth.

Muß trauernd die Zweige ich senken
So trübe und ahnungschwer,
Und vergangener Tage gedenken,
Die einst mich erfreut so sehr.

Gedenken der vielen Menschen,
Die hier schon gejubelt – ach
Und denen doch bald vor Liebe,
Vor Leid das Herze brach.
(S. 30-31)
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Meine Liebe

Gold'ner als die Sonne glüht,
Reiner als der Mondenschein,
Schöner als die Rose blüht,
Wohnt die Lieb' im Herzen mein.

Wenn der Lenz von dannen zieht,
Nimmt er jede Blüth' vom Baum;
Meine Liebe geht nicht mit,
Bleibt ein ew'ger Frühlingstraum.

Und wenn Rosen nicht mehr glüh'n,
Nicht mehr lacht der Mondenschein,
Blumen, die da nicht verblüh'n,
Zaubert sie in's Herz hinein.
(S. 10)
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Das Geheimniß

Ich darf nicht weinen, darf nicht klagen,
Nicht äußern meinen tiefen Schmerz;
Die Menschen würden mich gleich fragen:
"Was hast Du? Was bewegt Dein Herz?"

Drum will ich auch kein Wörtchen sagen
Und still verschließen meine Brust,
Im tiefsten Herzen will ich tragen
Der Liebe Leid, der Liebe Lust.
(S. 11)
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Vergangen

Ich denke hin, ich denke her,
Mein Sinn wird trüb, mein Herz wird schwer,
Meine Seele faßt ein Bangen;
O sagt, wo ist die süße Zeit,
Voll Liebeslust und Seligkeit?
Vergangen, ach vergangen!

O sagt, wo ist der gold'ne Tag,
Da ich an seinem Herzen lag,
Von seinem Arm umfangen,
Da mir die schönste Thrän' entquoll,
Die Brust von Lieb und Wonne schwoll?
Vergangen, ach vergangen!

O sagt, wo ist die schöne Stund',
Da ich an seinem trauten Mund
Voll Himmelslust gehangen,
Da ich ihm tief in's Aug geschaut,
Ihm Alles, Alles anvertraut?
Vergangen, ach vergangen!

Ich denke hin, ich denke her,
Mein Sinn wird trüb, mein Herz wird schwer,
Meine Seele faßt ein Bangen;
O sagt, wo ist mein ganzes Glück?
Ach Gott, es kehrt wohl nie zurück,
Vergangen bleibt vergangen!
(S. 58-59)
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Verrathen

Ich mußte Jemand anvertrau'n
Des Herzens stilles Glüh'n,
Ich eilte in den Wald hinaus
Und sah ein Röslein blüh'n.

Das Röslein drückt' ich an die Brust
Und drückt es an den Mund,
Des Herzens Schlag, der Wonne Kuß
That mein Geheimnis kund.

"O rothes Röslein hold und schön,
Du wohl verräthst mich nicht,
Weil meine Lieb' ich Dir vertraut
Ist Schweigen Deine Pflicht!" -

Und als ich durch den Wald jüngst ging
Mit ihm bei Mondenschein,
Da sah auch er das Blümchen hold
Das rothe Röselein.

Er brach das arme Blümchen ab
Und sah mich schelmisch an:
"Was ein so kleines Röslein doch
Nicht alles sagen kann!"

"O Röslein, sag', ich bitte Dich,
Nicht, was ich Dir vertraut;"
Ich wurde roth und wieder roth,
Mein Herz schlug auch zu laut.

Er sah mich überglücklich an:
"Laß Deinen stillen Schmerz,
Verrathen hat dies Röslein mir,
Was lang verbarg Dein Herz.

Verrathen hat des Rösleins Duft,
Des Rösleins Farbe mir,
Die auch auf Deiner Wange glüht,
Daß ich geliebt von Dir."

In seine Arme sank ich da,
An seine treue Brust,
Das böse Röslein küßte ich
Mit wahrer Herzenslust.
(S. 3-5)
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Sehnsucht

Ich steh im tiefen Thal,
Und sing' mein stilles Lied,
Und nie gekannte Qual
Durch's Herz mir leise zieht.

Dort schäumt der wilde Bach
Und rauscht in's Land hinein,
Ich zög' ihm gerne nach,
Er aber eilt allein.

Es wandert Stern an Stern
In stiller Mitternacht,
Zög' ihnen nach so gern
Wo Liebe ewig wacht.

Ach, alles zieht und eilt
Und grüßt den theuern Ort,
Wo er, der Liebste weilt -
Nur ich, ich darf nicht fort.

Du schöne, klare Well
Laß deinen losen Scherz,
Zieh' leise, murmle hell,
Mahn' ihn an meinen Schmerz.

Du sanfter Mondenschein
Sag', daß ich treu ihm blieb,
Blick in sein Herz hinein,
Frag' ob er mich noch lieb'?
(S. 28-29)
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Im Traum

Im Traum oft nahen mir die alten Zeiten,
Dann schwindet all' mein Sehnen, all' mein Bangen,
Von Deinen Armen liebevoll umfangen,
Seh' ich wie ehmals durch den Wald mich schreiten.

Die stämm'gen Eichen rauschen auf und breiten
Ihr Laubdach über uns mit grünem Prangen,
Die wilden Rosen selbst mit glüh'nden Wangen
Steh'n duftend noch am Waldweg wie vor Zeiten.

Die kleine Nachtigall singt noch im Flieder,
Das wogt so liebestrunken auf und nieder,
Das schallt so wonnig durch die grünen Weiten,

Das klingt so süß, die Herzen zu berücken;
Wir bleiben steh'n und lauschen mit Entzücken
Und wissen uns das traute Lied zu deuten.
(S. 37-38)
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Die Braut

Leb' wohl, schon schlägt die schwere Stund',
Die blauen Wogen schäumen,
Doch in der Ferne sei Dir kund
Will ich von Dir nur träumen.

Und trennen Meere Dich von mir,
Wie endlos sie sich dehnen,
Mein Herz ist immer nur bei Dir,
Bei Dir mein Glück, mein Sehnen.

Nimm diesen Ring, gedenke mein,
Du wirst ihn wohl bewahren,
Die Treue sei sein Edelstein,
In Lieb' sollst mein Du harren. -

Und Jahre kommen, Jahre zieh'n,
Da rauschen blaue Wogen,
Sie rauschen her und rauschen hin -
Ein Schifflein kommt gezogen.

Und aus dem Schifflein springt an's Land
Ein Mann, eilt fröhlich weiter:
"Das ist der alte, grüne Strand,"
Wie blickt sein Aug' so heiter.

Und dort ihr Häuschen, - welche Lust,
Um das die Wogen schäumen,
Wird sie, rasch hebt sich seine Brust,
Vielleicht von mir jetzt träumen?

Doch horch – welch ernster Grabgesang,
Welch düstres Trauerläuten,
"O sagt, was soll der Zug so lang,
Was dieser Sarg bedeuten?

Was dieser Sarg -?" Laut pocht sein Herz,
"Dein Lieb' ist ja gestorben,
Vorbei, vorbei, ist Leid und Schmerz,
Gott hat um sie geworben."

Die weiße Decke fällt zurück,
Da ruht auf harter Bahre,
Im weißen Kleid sein einz'ges Glück,
Den Kranz im gold'nen Haare.

Sie hält die Hand an's Herz gedrückt -
Sieh' wie's dran golden schimmert,
Sein Ring ist's, der die Bleiche schmückt,
Der hell und herrlich flimmert.

Da strahlt verklärt sein Angesicht,
"Mein Lieb, wir seh'n uns wieder,
Der Tod bricht Treu' und Liebe nicht –"
Und sterbend sinkt er nieder.
(S. 24-27)
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Lenzenskunde

Mit schwanken Zweigen pocht der Wind
An meine Fensterbogen:
"Heraus, heraus, Du bleiches Kind
Der Lenz ist eingezogen.

Gebrochen ist des Winters Macht,
Verscheucht sind seine Sorgen,
Die Blumen blüh'n, die Sonne lacht,
Anbricht der gold'ne Morgen.

Der Himmel strahlt so rein, so blau,
Die Lerche singt so helle,
So grün und duftig winkt die Au,
So munter schwatzt die Quelle.

O komm heraus geschwind', geschwind,
Und blick' mir nicht so bange,
Ich fächle leis, ich küsse lind
Die Thrän' von Deiner Wange!"

So flüstert er voll Lieb und Lust
Die süße Lenzeskunde;
Was soll sie mir – in meiner Brust
Brennt noch die alte Wunde.

Noch fühl' ich tief in's Herz hinein,
Daß mir kein Glück beschieden,
Daß ich so ganz, so ganz allein
Hinzieh', ohn' Ruh und Frieden!

Und wenn ich dann die Menschen all
Von Lieb' und Lust hör' singen,
Will mir das Herz vor Angst und Qual,
Vor Leid und Schmerz zerspringen.
(S. 56-57)
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O glaube nicht

O glaube nicht, daß ich mich nicht mehr kränke,
O glaube nicht, daß ich Dich ganz vergessen;
Die alten Schmerzen sind's noch, die mich pressen,
Die alten Leiden, wenn ich Dein gedenke.

Wie sich mein Geist in's Schöne auch versenke,
Mein armes Herz bleibt ewig gramzerfressen,
Die Tiefe meiner Leiden unermessen,
Mein Leben dunkel, wenn ich Dein gedenke.
(S. 41)
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Fata Morgana

O Gott welch' Wunder geschieht! Ist's Wahrheit oder Traum,
Berückt ein lieblicher Zauber meine Sinne?
Schließt sich das blaue Thor des Himmels auf,
Fluthet vor mir das Meer des heiligen Lichtes,
Find' ich das verlorene Paradies?
Auf, auf ihr Freunde und jubelt gleich mir,
Begrüßet gleich mir das liebliche Wunder!
Denn seht noch vor Kurzem lag
Kahl, endlos und steinig vor uns die glühende Wüste,
Jetzt aber wiegt sich im leuchtenden Aether
Ein herrlicher Palmenhain und schwebt
Auf silbernen Wolken langsam hernieder.
Noch hängen trübe Schleier um seine Wipfel,
Und ungewiße, phantastische Schatten
Zieh'n langsam an ihm vorbei;
Doch plötzlich zerreißen die grauen Hüllen,
Und leuchtend aus seiner Mitte steigt,
So herrlich und schön wie einst die Alhambra,
Ein weithin glänzendes, stolzes Schloß!
Hellschimmernde Marmorsäulen
Tragen die mächtige Kuppel,
Und hundert goldene Thürmchen
Funkeln im Sonnenschein.
Doch drinnen, in dämmernder Halle
Fällt plätschernd der silberne Strahl
In's zierliche Jaspisbecken,
Und schwellende Purpurkissen
Laden zur Ruhe ein

O lasset uns eilen, geschwind, geschwind -
Denn wonnig wär's dort im Haine zu wandeln,
Und wonniger noch im Saale zu ruh'n,
Ein Leben zu führen, halb Traum, halb Wahrheit,
Ein Leben, wie's eure Dichter besingen:
Voll Liebe und Wonne, voll Freude und Lust!

So ruf' ich jubelnd und eil' dem Schlosse entgegen,
Das lieblich aus der Ferne mir winkt – da plötzlich
Wird es trüb und trüber vor meinen Augen,
Weißliche Nebel umhüllen den Hain,
Die stolzen Säulen beginnen zu wanken,
Die Kuppel schwebt formlos in blauer Luft,
Und eh' ich meinen Blicken noch traue,
Versinkt der schattige Palmenhain,
Versinkt das liebliche Marmorschloß und Alles
Was mir von Glück und Wonne erzählt!
Kahl, endlos und sonnenverbrannt
Liegt wieder vor mir die Wüste,
Und schwarze, häßliche Sklaven
Belächeln meinen Wahn,
Erzählen grinsend, wie oft schon
Den weißen, nordischen Fremdling
Die Fata Morgana getäuscht.
Mir aber wird so eigen um's Herz, so weh;
Kein Lächeln hab' ich für ihre Scherze,
Nein traurig senk' ich das glüh'nde Haupt
Und denke vergangener Zeiten …

O Fata Morgana, Zaub'rin der Wüste,
Zu sehr nur gleichst Du unserer Liebe!
Auch sie schwebt herrlich und wunderbar
Hernieder aus leuchtender Höhe,
Auch sie erfüllt uns're öde Brust
Mit süßer Hoffnung, mit himmlischen Träumen!
Und wenn sie genug die Sinne bethört,
Das Herz mit glühenden Ketten gefesselt,
Der Seele den süßen Frieden geraubt -
Dann flieht sie mit all ihren herrlichen Träumen,
Versinkt wie ein liebliches Märchenschloß,
Und nichts bleibt zurück, als ein brechendes Herz -
So öd, so leer, so todt wie die Wüste!
(S. 154-158)
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Erinnerung

O nennt mir seinen Namen nicht,
O zeigt mir nicht sein Bild,
Dies engelgleiche Angesicht,
So träumend und so mild.

O sagt mir nicht, daß er es war,
Der mich so sehr geliebt,
Und den ich doch so kalt, so stolz
Bis tief in's Herz betrübt!
(S. 55)
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Hinda

O tritt doch näher heran,
Braunäugige Tochter der Wüste,
Schlanke, liebliche Hinda
Komm', ach komme zu mir!

Blick' nicht so scheu mich an, Du herrliches Mädchen,
So ängstlich, wie die flücht'ge Gazelle, nein setze
Traulich Dich nur zu meinen Füßen, und lege
Dein schönes Köpfchen in meinen Schooß
Denn siehe, holdes Liebchen, schon lange
Wollt' ich spielen mit Deinen schimmernden Locken, schon lange
Dein kleines, niedliches Füßchen bewundern,
Das leicht nur den steinigen Boden berührend,
Schnell und behende über die Steppe eilt.
Ja, höre nur staunend zu,
Schwarzlockige Maid, Du weißt nicht,
Wie gütig Dich die Natur bedacht, Du ahnst nicht,
Wie sehr Deine Schönheit mein Herz gerühret!

Thränen der Freude könnt' ich einen, und jubelnd
Danke der gütigen Mutter Natur,
Die selbst in steiniger Wüste
Solch' herrliche Rose erblüh'n ließ!

Wie glücklich preis' ich den Jüngling,
Den liebe- und wonneverheißend
Den feuriges Auge einst anblickt,
Wie glücklich preis' ich den Mann,
Der einst Dich sein Eigen darf nennen.

Ja siehe, ich selbst
Könnt' stundenlang Dich bewundern, ich selbst
Könnt jubelnd und freudig umarmen
Deinen herrlichen Körper.

Denn wo mir wahre Schönheit beim Weibe begegnet,
Da pocht mein Herz, von heiliger Gluth durchdrungen,
Und süße Wonne erfüllt meine Brust;
Hinsinken könnt' ich, von ihrem Strahle getroffen,
Und knieend ihre göttlichen Formen verehren!
(S. 170-172)
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An den Geliebten

O wärst Du mir doch ewig fern geblieben,
O hätte Dich mein Auge nie gesehen,
Hätt' nie gelauscht ich Deinem süßen Flehen,
Und nie ein Wort von Liebe Dir geschrieben.

Denn ach, ich fühl's, was mich zu Dir getrieben,
War nur der Schönheit zaubermächt'ges Wehen;
Gleich ahnte ich: Du wirst mich nie verstehen,
Und dennoch, dennoch mußte ich Dich lieben!

Nur wenn von glüh'nder Liebe ganz durchdrungen,
Das Herz des schönen Weibes sich erschließet,
Verstehst Du mich von gleicher Macht bezwungen,

Doch wenn mein Glück in gold'ne Reime fließet,
Hörst Du mir zu so fremd, so nothgedrungen,
Daß kalt das Herz der Dichterin sich schließet.
(S. 34-35)
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Rothe Rose

Rothe Rose,
Hold und schön,
Kann Dich nicht mehr seh'n;
Drück' ich Dich
An meine Brust,
Schwindet mir
Die Freud', die Lust,
Und es füllt mein Herz
Leid und Schmerz
Rothe Rose!

Rothe Rose,
Süße Blum',
Weißt Du auch warum?
Als mein Lieb
Einst von mir schied,
Gab ich ihm
Ein Röslein mit,
Sprach: "So zieh' mit Glück,
Kehr' zurück
Mit der Rose!"

Rothe Rose
Wie so weit
Ist die süße Zeit!
Ach, mein Lieb
Sank fern in's Grab,
Nahm das Röslein
Auch hinab,
Und jetzt füllt mein Herz
Leid und Schmerz
Rothe Rose!
(S. 53-54)
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Cypern

Schon steiget aus den schaumgekrönten Wogen
Die Insel dort, die liebliche, empor;
Das Schifflein, das mit uns die Fluth durchzogen,
Fährt rascher in die sich're Bucht jetzt vor.
O all mein Ahnen hat mich nicht betrogen
Als dieses Eiland ich zum Ziel erkor,
Denn süßer Blumenduft und ew'ger Friede
Vereint sich hier zum schönsten Frühlingsliede.

An's Ufer eil' ich, wandle über Matten,
Durchrieselt vom krystall'nen Silberquell,
Im Palmenhain umfängt mich heil'ger Schatten,
Da tret' ich aus dem tiefen Dunkel schnell,
Und wo die Wellen mit dem Strand sich gatten,
Grüßt mich der Himmel blau, die Sonne hell,
Auch Lilien und Wasserrosen blühen,
Wo Perlen schimmern und Korallen glühen.

Ich aber blicke nach des Ostens Weiten
Und heller immer wird mein Sinn,
Sie nahen wieder mir die alten Zeiten,
Es muß die kalte Gegenwart entflieh'n
Und ihre Schatten, die mich noch umgleiten,
Zerreißen bleich, bis sie sich ganz verzieh'n;
Mein Herz umweht der Hauch der schönsten Sage,
Und neu erstehen längst vergang'ne Tage.

Melodisch hör' das weite Meer ich klingen,
Das wild und ungestüm zum Strand sonst rauscht,
Die Luft erfüllt ein sel'ges Weh'n und Singen,
Seit mit der Ros' sie stille Worte tauscht.
Doch Zephyr fächelt mit den duft'gen Schwingen
Mir zu, was er den beiden abgelauscht, -
Vom schönen Osten kommt auf blauen Wogen
Die schaumentstieg'ne Göttin jetzt gezogen.

Schon nahet sie, die herrlichste der Frauen,
Umweht, umwallet von der Locken Gold;
Die Lippen blühen und die Augen blauen
So tief, so liebesehnend und so hold -
Wohl ist die Göttin, wie sie Blicke schauen,
Die schönste Perl', die je dem Meer entrollt,
Drum sieht es trauernd nur an's Land sie steigen,
Und die Natur faßt athemloses Schweigen.

Doch aus den Fluthen, die krystallen glänzen,
Taucht singend auf der Nymphen heit're Schaar,
Sie nah'n der Göttin sich in leichten Tänzen
Und bringen Gruß und Huldigung ihr dar:
"O laß Dein schönes Haupt von uns bekränzen,
Laß flechten, Holde, uns Dein duft'ges Haar,
Mit rothen Rosen wollen wir's umwinden,
Mit grünen Ranken leicht es aufwärts binden."

Zwei eilen Blumen weiß und roth zu pflücken,
Sieh', wie so rasch die Arbeit sich bewegt,
Schon ist der Kranz vollendet, mit Entzücken
Wird in die duft'gen Locken er gelegt,
Indeß zwei and're mit Korallen schmücken
Den Busen, der so schimmernd sich bewegt,
Die weißen Arme zieren gold'ne Spangen
Und Zephyr schmeichelt um die Rosenwangen.

So steht sie da, die herrlichste von allen,
Und Freude leihet ihr zuerst das Wort:
"Habt meinen Dank, doch weiter muß ich wallen,
Mein Weg geht immer gegen Westen fort,
Dort werden Lieder mir zum Preise schallen,
Altäre baut man mir und Tempel dort,
Denn Haß und Rache werde ich besiegen,
Das Menschenherz in Lieb' und Wonne wiegen.

Doch ziehet ihr mit mir im trauten Bunde,
Will ich euch gerne meine Huld verleih'n
Und euch in dieser wundersel'gen Stunde
Dem Dienst der Liebe und der Schönheit weih'n.
O bringt mit mir der Welt die süße Kunde
Von ew'ger Liebe, ew'gem Sonnenschein,
Vom Licht des Himmels, das die Nacht bezwungen
Und wunderbar die ganze Welt durchdrungen!"

So spricht die Schaumentstieg'ne und schon schweben
Die Nymphen ihr zur Seite leicht beschwingt,
Und preisen laut das neue, sel'ge Leben,
Das sie, die Botin ew'ger Schönheit bringt.
Die ganze Welt erfaßt ein süßes Beben,
Da Lieb' und Himmelslust den Sieg erringt,
Und fernhin über'm blauen Wogentanze
Strahlt Hellas schon im Morgenglanze.
(S. 67-73)
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Schiras

Sei mir gegrüßet liebliches Schiras,
Du vielbesungene Heimath der Rosen,
Sei mir gegrüßet!

O wie so herrlich
Zeigst Du Dich jetzt meinen trunkenen Blicken!
Jetzt, da die scheidende Sonne den blauen Himmel
Mit schimmerndem Golde bekleidet, und Du
Freundlich winkend allmählich emporsteigst
Aus einem weithin glänzenden,
Lichtumflossenen Rosenmeere!

O wie dieses glänzende Rosenmeer,
Vom schmeichelnden Zephyr durchfächelt,
Auf- und niederwogend,
Entzückende Düfte spendet!
O wie diese entzückenden Düfte
So traumschwer allmählich mein Herz umwallen,
O wie sie allmählich
Phantastische Märchen flüsternd
Meine Sinne berücken!

Doch nur mit süßem Bangen und heiliger Freude
Nah' ich Dir liebliches Städtchen, denn mir ist,
Als säh' ich Deinen hohen, herrlichen Sänger
Wie ehmals durch die rosigen Haine wandeln,
Als hört' ich Deinen göttlichen Hafis wie ehmals
Begeistert das Lied der kleinen Nachtigall preisen.

O stört mir nicht meine Träume, sagt mir nicht
Daß längst schon todt der Freund der herrlichen Rosen,
Und daß am Grab' des feurigen Sängers der Liebe
Schon manches Jahrhundert still vorüberzog. – Ich sag' euch:
So lange die Rosen blühen und duften,
So lange die Nachtigall jubelt und singt,
So lange lebt Hafis
!
(S. 175-177)
_____


 

Sie sollen es nicht sehen

Sie sollen es nicht sehen,
Wie ich das Bild betrachte,
Das mir so viele Leiden,
So viele Schmerzen brachte.

Sie sollen es nicht sehen,
Wenn glühendes Verlangen,
Verrätherisch mir färbet,
Die sonst so blassen Wangen.

Sie sollen es nicht sehen,
Wie ich des Nachts alleine,
Sein Bild an's Herz gedrücket
In meiner Kammer weine.
(S. 19)
_____


 

Liebeshymne

So bist Du mein?
Bin ich Dein?
O süße Lust!
Von Deinem Arm umschlungen,
Von Liebe ganz durchdrungen
Ruh' ich an Deiner Brust,
O süße Lust!

Sieh', um uns blühen die Rosen
Die lieben Vögelein kosen:
Wie wir -
Und liebeschützend gleitet
Die Nacht heran und breitet
Den Sternenschleier
Über uns.
(S. 16)
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Warnung

Traue nicht der duft'gen Rose,
Die so lieblich, die so lose
Dir am weißen Busen blüht,
Die vom Zephyr leis' umfächelt,
Schuldlos wie ein Engel lächelt,
Reizend wie ein Antlitz glüht.

Trau ihr nicht, in schwüler Stunde
Schwebt aus ihrem Purpurgrunde
Leis ein kleiner Elf hervor,
Der zu wonniglichen Träumen
In den duft'gen Blüthenräumen
Seinen lichten Sitz erkor.

Leise schwebt er auf und nieder,
Flötet wundersame Lieder,
Pocht an Deine weiße Brust,
Regt dann seine ros'gen Schwingen -
Und beginnt von Lieb' zu singen
Und von sel'ger Herzenslust.

Hold erglühen deine Wangen,
Und Du lauschst mit süßem Bangen
Jenen Wundermelodie'n,
Die wie trautes Frühlingsahnen
Wie ein liebevolles Mahnen
Deine keusche Brust durchzieh'n.

Und so singt er immer wieder
Seine wundersamen Lieder,
Daß es hell und herrlich klingt,
Jubelnd selbst im tiefsten Leide,
Klagend in der höchsten Freude,
Bis sein kleines Herz zerspringt.

Trauernd welkt dann auch die Rose,
Die in ihrem Purpurschooße
Ihn beherbergt lange Zeit;
Doch was er von Lieb gesungen
Hat Dein junges Herz durchdrungen
Und lebt fort in Ewigkeit.
(S. 12-14)
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An das Licht

Vom Himmel strahlst Du heiliges Licht,
Und wogst in goldenen Fluthen
Als Äther um die unendliche Welt!

Es fliegt Dein leuchtender Pfeil
Hinab in die gräulichen Tiefen,
Und in die verborgenen Schluchten
Fällt Dein schimmernder Strahl.

Ich preise Dich göttliches Licht,
Weil Du das Chaos geordnet,
Das häßliche Dunkel vernichtet,
Die todte Erde belebt!

Du strahlst aus der herrlichen Sonne
Du blinkst aus den lieblichen Sternen,
Du leuchtest aus jeder Welle,
Die murmelnd zum Strande eilt.

Und weil Du die Menschen auch liebst,
Die herrlichsten Kinder der Schöpfung,
Durchdringst Du ihr ganzes Wesen
Mit Deiner heiligen Gluth.

Es glänzt Dein himmlischer Strahl
Als Schönheit in ihrem Leibe,
Als Freiheit in ihrem Geiste,
Als Liebe in ihrer Brust.

Und was Du also zerstreut,
Das glänzt Dir noch holder entgegen,
Gesammelt in einem Krystall,
Dem freudeglühenden Auge!
(S. 74-75)
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Die Augen des Geliebten

Welche Wonne, welch' Entzücken,
Liebster in Dein Aug' zu blicken,
Das so tief, so sehnend blaut,
Das vom reinsten Glücke trunken,
Freude sprüht in hellen Funken
Wonnesam und liebetraut.

Was die Welt an Schönem heget,
Was das Menschenherz beweget,
Lacht aus Deinem Aug' mich an,
Und ich fühl mit süßem Bangen,
Daß der Seele Gluthverlangen
Nicht ein leerer, eitler Wahn.

War mein Leben doch so trübe,
Ohne Hoffnung, ohne Liebe,
War das Glück mir doch so fern,
Eh' mit himmlischem Gefunkel
Durch das tiefe Schmerzensdunkel
Hold erglänzt mir dieser Stern.

Und so mög' er ewig glühen,
Ewig Glück und Wonne sprühen
Aus der Seele tiefstem Schacht,
Daß mein Herz von Lieb durchdrungen,
Und von sel'ger Lust durchklungen,
Froh zu neuem Sein erwacht.
(S. 20-21)
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Wie ich dich lieb'

Wie ich Dich lieb, soll ich es sagen
Wird mir das Herz so schwer,
Ich kann es fühlen nur, doch sagen,
Nein, sagen nimmermehr.

Nicht Worte hab' ich, diese Wonne
Zu künden, diese Lust,
Kein Mensch hat je auf dieser Erde
Ein Lied dafür gewußt.
(S. 8)

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Alle Gedichte aus: Marie Eugenie Delle Grazie Gedichte 1882
Verlag C. F. Simon, Herzberg und Leipzig



 

 


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