Philippine Engelhard (1756-1831)  - Liebesgedichte

Philippine Engelhard

 

Philippine Engelhard (geb. Gatterer)
(1756-1831)


 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

 

Gretchens Klaglied
1778

Ach meinen Friedrich hat man mir
Aus meinem Arm gerissen!
Soldaten und ein Officier -
Einst werden sie es büssen -
Die nahmen, hinterm langen Steg,
Beym Dorfe, mit Gewalt ihn weg.

Des Sommerabends kam er oft,
Am Kirchhof, zu den Linden;
Und hatte nie umsonst gehofft
Sein Gretchen da zu finden.
Viel junges Volk lief noch herbey -
Dann giengs an Spaß und Schäkerey!

Wie war es damals doch so gut!
Wir sangen laute Lieder.
Wir wippten uns, aus Uebermuth,
Auf Bauholz auf und nieder.
Oft setzten wir uns auch ins Gras
Und eins von uns erzählte was.

Des Winterabends kam gewiß
Er in die Spinnestube.
Und wenn mein Faden mir zerriß,
So nahm der lose Bube
Den Rocken mir geschwind, und lief
Damit herum, so sehr ich rief.

Was war zu machen? denn wollt' ich
Nicht lang die Arbeit missen,
So must' ich meinen Friederich
Ein oder zweymal küssen.
Ich sah es gern, wenn's Küsse gab,
Und riß den Faden heimlich ab.

Mit ihm nur trieb ich Schäkereyn,
Vier Jahr war ich sein Mädchen.
Jetzt sitz' ich immer ganz allein
Im Garten und am Rädchen.
Ach! eben wollten wir uns freyn;
Und müssen jetzt geschieden seyn! -

Mein Jammer hätte Maas und Ziel,
Wär' er im Land geblieben.
Der gute Friedrich hätte viel
Und oft an mich geschrieben.
Ach aber er ist übers Meer;
Und selten kommt ein Brief daher!

Weit in die neue Welt hinein,
Ist er in Krieg gezogen!
Da sollen wilde Männer seyn;
Die tragen Pfeil und Bogen.
Der Schulze hat ein großes Buch,
Da sah ich solcher Männer gnug!

Auch Spieße werfen sie von fern;
Sie wissen nichts von Kleiden;
Und ihre Mädchen mögen gern
Die weißen Männer leiden.
Vielleicht wird Friedrich mir verführt,
Wenn er sein Leben nicht verliehrt!

Ach lieber Gott! mir ahndets schon -
Ich werd' ihn nicht mehr sehen!
Er kann – der arme Unglückssohn ! -
Im Schiffe untergehen!
Vielleicht fließt in dem Krieg sein Blut!
Vielleicht bleibt er mir nicht mehr gut!

O wär's nicht wider Gottes Wort,
Das Leben sich zu nehmen;
Und müste dann nicht immerfort
Sich meine Mutter grämen;
Ich spränge heut noch in den Fluß,
Weil ich doch immer weinen muß!

Ja kommen, wann der Krieg vorbey,
Einst die Soldaten wieder,
Und Friedrich ist nicht mit dabey,
So leg' ich krank mich nieder.
Bald gräbt man Gretchens Leichnam ein;
Die Seele wird bey Friedrich seyn!

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Zwote Sammlung Mit 4 Kupfern
Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1782 (S. 70-73)
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Der Vorsatz
1776

Da steht der Besitzer der Flur, die lieblich mit Blumen gezieret;
Und, Beyfall lächelnd, schaut um sich sein Blick.
Doch kommt erst wintrige Zeit, in der sie die Farben verliehret,
So kehrt er undankbar die Blicke zurück.

Denkt nicht mehr des Nutzens, den sie im Sommer und Lenz ihm gegeben,
Der Freude, die ihm ihr Anblick geschenkt:
Nur dann, wann das glänzende Gras weitschimmernde Blümchen durchweben,
Wird auf sie sein kindisches Auge gelenkt. - -

So liebt oft am reizenden Weib der Mann nur ihr blühendes Prangen,
Und ihn beglücken die Wollust, der Scherz.
Ein Zufall verdirbt ihr Gesicht – es bleichet ihr Krankheit die Wangen:
Nun schleicht sich ihm Kaltsinn ins treulose Herz!

Nie wähl ich mir einen Gemahl, der sich mit verschlingenden Blicken
Mir naht, von sinnlicher Liebe entbrennt.
Mich kann nur ein ernsthaftes Band mit einem Geprüften beglücken,
Der mich seine Freundinn, nicht Gattin nur, nennt.

Und der, wann Feuer des Blicks, und Blüthe der Jugend verschwindet,
Mir doch nicht Liebe und Treue entzieht.
Nein! Der auch den Geist an mir liebt, der stärker stets denkt und empfindet,
Und nicht wie die Blume der Wiese verblüht.

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Zwote Sammlung Mit 4 Kupfern
Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1782 (S. 21-22)
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Die frühe Rosenknospe
1778

Daß sich noch kein Knöspchen zeige,
Klagt' ich gestern – drauf entdeckt
Ich dich; mitten in dem Zweige
Embryonisch noch versteckt.

Heute blickst du schon so lose,
Kleines grünes Ding, mich an,
Wachse bald zur holden Rose;
Komm an meinen Busen dann.

Aber ach! du kannst verderben,
Eh du Rosenglanz erreicht;
Kannst als junge Schönheit sterben,
Wenn ein Wurm sich in dich schleicht.

Oder wenn du dich entfaltet,
Und, mit süßem Duft erfüllt,
Deine grüne Hülle spaltest,
Die so lang dich eingehüllt;

Dann kann dich ein andres pflücken,
Und du kannst, vom Thau gekühlt,
Einen fremden Busen schmücken:
Da ichs meinem vorbehielt.

O ich glaub' ich müste weinen,
Weil mein Herz erwartend glüht.
Mir geschähe ja im Kleinen,
Was im Großen oft geschieht;

Wenn ein Jüngling mit Entzücken
Eine süße Kleine sieht;
Die sein Herz, gleich beym Erblicken,
Wie magnetisch an sich zieht:

Und wenn, da der Arme glaubte,
Daß ihm Liebeshoffnung reift;
Plötzlich sie sein Loos ihm raubte,
Daß Verzweiflung ihn ergreift:

Weil ein andrer ihre Wangen,
Als ihr Auserwählter, küsst;
Oder weil der Tod das Prangen
Ihres Lebens grausam schließt.

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Zwote Sammlung Mit 4 Kupfern
Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1782 (S. 64-65)
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Das Gleichniß
1778

Der schönsten Blum' in Florens bunten Reichen,
Ein schönes Mädchen zu vergleichen,
Fiel einem frühen Dichter ein.
Der Einfall ward bald allgemein -
Es sagten, was der Erste sprach,
Die andern Dichter fleißig nach.
Mich aber dünkt, das Gleichniß paßt nicht ganz;
Denn einer schönen Rose Glanz
Bewachen tausend Dornen, scharf und spitz:
Und ach! wie selten hat Verstand und Witz
Bey einem schönen Mädchen Sitz!

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Zwote Sammlung Mit 4 Kupfern
Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1782 (S. 69)
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Das Jawort
Den 24. Sept. 1780

Dich hätt' ich vergeben, kleine Rechte!
Die so lang der Schlinge sich erwehrt?
Und verschenket meine Tag' und Nächte,
Die bisher nur mir allein gehört?

Zwar den Lorbeer soll mir nichts entführen,
Den Apoll um meine Locken wand;
Doch den Myrtenkranz soll ich verliehren -
Und verändern soll ich Nahm' und Stand.

Und an diesem feyerlichen Tage,
Dessen Plan voll Leid und Freuden liegt:
(Zwischen beyden schwanket stets die Waage -
Ob die Lust gleich öfter überwiegt.)

Muß ich mich in bunten Tänzen drehen -
Da schon jetzo meine Wange strahlt.
Wird bey niemand wohl Verdacht entstehen,
Daß sie Männerkuß so roth gemahlt?

Ach wann Lichter Glanz um mich verbreiten,
Muß mein Lieber über Berg und Thal,
Ganz allein durch kaltes Dunkel reiten -
So wie jetzt durch Staub und Sonnenstrahl.

Doch schlägt froh sein Herz, denn seine Liebe
Warb ihm heute mein verschämtes Ja.
Seine Wünsche – kaum noch bang und trübe -
Sind gewährt, und die Erfüllung nah.

Denk, o Lieber! denk an diese Stunde,
Wenn dich Zukunft etwa kälter macht,
Wo dieß Wort aus deines Mädchens Munde
Dir Entzückung ohne Maas gebracht.

Lebenslang will ich des Tags gedenken!
Feste stell' ich ihm zu Ehren an!
Dankend will ich ihm oft Lieder schenken,
Diesem Tag, wo unser Glück begann!

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Zwote Sammlung Mit 4 Kupfern
Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1782 (S. 205-206)
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Das Bekenntnis
1780

Du sprichst: Ich kann's allein nicht tragen -
Oft drängt Dich's, einem Freund zu sagen,
Wie glücklich Dich die Liebe macht;
Mit dem Du von mir reden könntest,
Und Lied und Brief zu lesen gönntest,
Die Dir Lust oder Schmerz gebracht.

Wähl' einen, der die Liebe kennet,
Und für ein frommes Mädchen brennet -
Zwar einen solchen hast Du leicht.
Doch der auch schweigt von unsrer Freude,
Wie – seinem fürchterlichen Eide
Getreu – ein edler Maurer schweigt.

Vor ihm magst Du dein Herz ergiessen -
Wie werden Dir die Worte fliessen?
Wär' ich, wie Du, ich spräche so:
Ich hab ein Mädchen, mein Getreuer!
Sie liebt mich mit dem höchsten Feuer,
Und macht mein junges Leben froh!

Schön ist sie nicht – das müsst' ich lügen -
Kaum hübsch von Augen, Haut und Zügen;
Doch Geist beseelt ihr Angesicht.
Wann sie sanft schmachtend auf mich blickte,
Und wann ihr Lächeln mich entzückte -
O Freund! wie seelig war ich nicht!

Sie ist nicht groß, und blond von Haaren.
Durch Herzensgram, den sie erfahren,
Ist sie oft still und matt und bleich.
Kam ich – so wurden ihreWangen,
Durch Schaam und Liebe und Verlangen,
Der frischen Morgenrose gleich.

Süß war's an ihrem Busen liegen,
Und sich in Liebestaumel wiegen -
Ihr Kuß war süß und stark wie Wein.
Jetzt müssen wir einander missen,
Doch wenn wir bald uns wieder küssen,
O das soll Himmelswonne seyn!

Willst du auch ihre Seele kennen?
So will ich Dir ein Büchlein nennen
Das meine Auserwählte schrieb.
Geh hin, ließ Philippinens Lieder -
Was gilt's, Du sagst mir, kömmst du wieder:
Auch mir ist Deine Kleine lieb!

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Zwote Sammlung Mit 4 Kupfern
Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1782 (S. 200-201)
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Nach der Trauung
Den 23. Nov. 1780

Es ist geschehen! Er ist mein!
Der Tod nur soll uns scheiden!
Gern will ich immer um ihn seyn,
In Freuden und in Leiden.

Im Tempelchen ward ich getraut
Wo ich oft Tröstung hörte;
Wann mich – von Red' und Sang erbaut -
Kein eitler Städter störte.

Oft wünschte meines Freundes Blick
Und Wort mir frohes Leben -
Jetzt hat er selbst mir Lust und Glück
Im Gatten übergeben.

Zwar hört' ich Fluch für Weib und Mann -
Und bebt' – und schwamm in Zähren!
Doch faßt' ich mich, denn Tugend kann
Auch hier uns Trost gewähren!

Drückt saure Arbeit meinen Mann
Mit Zentnerschwere nieder,
So scherz ich mit ihm, lach' ihn an -
Und sieh – er lächelt wieder.

Mein Fluch war Unterwürfigkeit -
Zwar will er's nie begehren -
Auch würde seine Billigkeit
Mir nie dieß Loos erschweren.

Und Schmerz, der uns zu Müttern macht,
Den will ich gern ertragen.
Wann erst das Kind am Busen lacht -
Vergißt man Angst und Plagen.

Nur das Geheimnis dieser Nacht! -
Die Augen gehn mir über! -
Das ist es was mich angstvoll macht -
Ach wär' sie doch vorüber!!

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Zwote Sammlung Mit 4 Kupfern
Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1782 (S. 219-220)
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Im Garten
1780

Ey ey, wo find ich Veilchen!
Kaum eins, das einsam steht.
War doch vor einem Weilchen
Hier alles blau besä't.

Gern las ich auf den Knien
Aus Gras und Moos sie aus,
Bald lohnte mein Bemühen
Ein frischer Veilchenstraus.

Es hoben ihre Farben
Des Busens Seidenflor
So schön – und, bis sie starben,
Stieg sanfter Duft empor. -

Bald kommen Nachtviolen,
Aurikeln und Jasmin.
Auch die will ich mir holen;
Geschwind, eh sie verblühn.

Will pflücken Ros' und Nelken,
Zum Schmuck für Haar und Brust;
Denn allzubald verwelken
Die Blumen, meine Lust! -

Ach alle Erdenfreuden
Sind Blumenglanz und Duft.
Sie müssen von uns scheiden,
Und uns bedroht die Gruft!

O jede Lust genossen,
Die Tugend nicht verbeut!
Denn, ungenützt verflossen,
Wird sie umsonst bereu't.

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Zwote Sammlung Mit 4 Kupfern
Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1782 (S. 290-291)
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An meinen lieben Mann
An seinem acht und zwanzigsten Geburtstage
Den 21. Jan. 1781

Gern brächt' ich Dir an diesem Feyertage
Ein schönes Lied voll Lieb und Dank.
Doch leider ist auch bey des Körpers Klage,
Mein Geist, der Zwillingsbruder, krank!

Blick' ich sonst still auf meine Arbeit nieder,
Und sinn' auf Dichterträumerey'n
Gleich stellen Verse sich in Reih' und Glieder,
Und wünschen ausgeführt zu seyn.

Doch jetzt hemmt Schmerz der Phantasie den Zügel!
Matt ist mein Geist, wie mein Gesicht!
Und wie ein Vogel mit gelähmtem Flügel,
Kann ich nur flattern – fliegen nicht!

Was brauch' ich auch zu singen und zu sagen,
Daß Du mir mehr als alles bist!
Du fühlst so oft mein Herz vor Wonne schlagen,
Wann es in Lieb und Dank zerfließt.

Ach folgt Dir nicht auf allen Deinen Wegen
Mein Blick? Ist nicht mein Abschied warm?
Und flieg' ich Dir nicht, wann Du kommst, entgegen,
Und drücke Dich in meinen Arm?

O hätt' ich Kraft den Geber mehr zu lieben,
Als Dich, den seine Huld mir schenkt!
Sonst muß er bald durch Strafen mich betrüben,
Er, dessen Ehr' ein Abgott kränkt.

Durch seine Lenkung lernten wir uns kennen,
Und knüpften unser süßes Band;
Ach fleh ihn an, die Herzen nicht zu trennen,
Die seine Güte selbst verband.

Gott sieht's allein, wann ihre Wonnefülle
In Liebesthränen übergeht;
Und hört, was dann, in dunkler Nächte Stille,
Eins für das andre von ihm fleht.

Er laß' uns lang vergnügt hienieden leben,
Durch Lieb' und Tugend fest vereint;
Und laß' uns einst zugleich auch aufwärts schweben,
Daß kein's des anderns Tod beweint!

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Zwote Sammlung Mit 4 Kupfern
Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1782 (S. 229-231)
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Im Garten
Den 7. October 1780

Hier harr ich des Lieben, dem ich mich versprach,
Gern will ich noch harren den übrigen Tag.
Zu eilig kann schaden – o Gott! das sey fern!
Fein langsam, mein Liebchen, ich warte ja gern.

Zwar schwanden die Blumen fast alle dahin,
Und Hecken und Bäume verwandeln ihr Grün;
Doch blau ist der Himmel – die Sonne so rein -
Wie können uns doch noch des Gartens erfreun.

Bald schaffst du zum Tempel der Liebe ihn um,
Schlingt fest sich mein Arm um den deinen herum.
Dann träum' ich mir Blumen und Blüthen voll Duft,
Und schmeichelnd umweht mich die herbstliche Luft.

Dort sprengt er heran! – Welche Wolk von Staub!
Mich schwindelt – ich zittre, wie um mich das Laub!
Zur Laube komm schnell! sie lädt flüsternd uns ein,
In ihrer Umschattung uns küssend zu freun!

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Zwote Sammlung Mit 4 Kupfern
Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1782 (S. 210)
 
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Der Sieg der Liebe
1798

In dem Hessenlande wohnte
Eine Jungfrau hübsch und fein,
Welche keinen Blick belohnte
In der schönsten Männer Reih'n.

Selbst der Hirt vergaß zu blasen,
Sah er dieser Göttin Pracht!
Und dem Weisen wie dem Hasen
Wurde Sehnsucht angefacht.

Ernstlich – oft auch spitz wie Pfriemen -
Machte sie sich immer los.
Liebe schien gar nicht zu ziemen
Ihrer Seele reich und groß!

Kürzlich kam aus weiten Fernen
Auch ein junger Arzt herbei;
Mit zwei braunen Augensternen,
Voller Geist und Schelmerei.

O wie wurden die so trübe,
Als er Emma angesehn!
Und ihr Bild beseelt von Liebe,
Blieb vor seiner Seele stehn.

Hitz' und Spannung zu kuriren
Ist sonst Arztes Schuldigkeit.
Kaltes Blut zu alteriren
Zeigte dieser Fertigkeit.

Seht sie nun wie Täubchen tändeln,
Schnäbeln sich und ätzen sich.
Mitten unter fremden Händeln
Sich nur leben minniglich.

Statt daß er als Kenner höret,
Wenn sein Mädchen Harfe spielt;
Seht wie er das Händchen störet,
Lachend durch die Saiten schielt.

Bald bei nasser Augen Glänzen
Hohe Liebeslieder singt.
Bald zu kleinen bunten Tänzen
Gleich Theatertänzern springt.

Wenn sie in den Garten schleichen,
Jetzt in schönster Frühlingspracht,
Wo an Bäumen und an Sträuchen
Hoffnungsreiche Blüthe lacht;

Schlägt im Apfelbaumes Wipfel
Ueber'm Paar die Nachtigall;
Doch zu ihres Glückes Gipfel
Dringt nicht ihrer Stimme Schall.

Ach sie hören nur das Kosen,
Das von Herz zu Herzen spricht.
Sehen Lilien und Rosen
Eins in's andern Angesicht.

Beide – sonst so fleißig – lernten
Fliehen jeder Arbeit Joch.
Wie die Vögel säh'n und erndten -
Und der Vater nährt sie doch.

Und die Mutter freu't der Spiele
Dieser großen Kinder sich;
Denkt zurück an die Gefühle
Wo sie süßer Wahn beschlich!

Auch des Jünglings Eltern fliegen
Oft hieher mit Ahnungsgeist;
Wenn ein Brief mit Feuerzügen
Seine holde Emma preißt.

Forschend alle Höh'n und Tiefen,
Seiner schweren Wissenschaft,
Wußt' er oft, daß sie nicht schliefen -
Bald kommt er voll Jugendkraft.

Sich und seinem Land zum Ruhme,
Macht' er die Botanik reich.
Bald pflückt er die schönste Blume -
Und das ist sein Meisterstreich!

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Dritte Sammlung
Nürnberg bei George Eichhorn 1821 (S. 155-158)
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Die Liebesgötter
1778

Liebe Mädchen, oft saht ihr in Bildern
Amorn, mit dem lächelnden Gesicht;
Kennt ihn auch aus Büchern die ihn schildern;
Aber dieses, wett' ich, wißt ihr nicht:
Daß es zweye giebt, verschiedner Art.
Sie sind Brüder – aber nie geparrt.

Lachend winkt der Eine, mit den losen,
Hellen Augen; schön ist sein Gesicht.
In die Ferne strahlen volle Rosen,
Die er durch die goldnen Locken flicht.
Bunt sind seine Pfeilchen, aber Gift
An der Spitze. Weh ihm den sie trift!

Jauchzend hüpft er immer. Seine Tritte
Gleiten oft im allzukühnen Lauf.
Tolle Hoffnung folget seinem Schritte,
Hebt fast allemal vom Fall ihn auf.
Das Gerücht, der Liebesgott sey blind,
Zeugte dieses ungerathne Kind.

Freche Wollust tanzet ihm zur Seite,
Deren Athem junge Wangen bleicht.
Hinter ihm ist trauriges Geleite,
Das ihn langsam, doch gewiß, erreicht.
Reue folgt mit heissen Thränen nach;
Und die Schwermuth mit dem leisen Ach!

Rach' und Mord, der fremdes Leben kürzet,
Eifersucht, Verzweifelung und Wuth,
Die sogar ins eigne Schwerdt sich stürzet,
Ha! ihm folgt der Hölle ganze Brut. -
Fort mit diesem Amor! last uns gehn,
Und den lieben frommen Bruder sehn.

Seltner ist er! Wohl dem, der ihn findet!
Dieser ist nicht flatternd – untreu nicht.
In die sanften Silberlocken windet
Er sich Veilchen und Vergißmeinnicht.
Strahl des Himmels glänzt in seinem Blick!
Jedes Laster flieht vor ihm zurück!

Holde Schönheit ward auch ihm zu Theile -
Sittsam ist sein Gang, wie sein Gesicht.
Taubenfedern flügeln seine Pfeile;
Scharf sind sie – allein sie schaden nicht.
Tugend leitet ihn an einer Hand;
An der andern führt ihn der Verstand.

Sein Gefolge sind: die sanfte Freude;
Und der Scherz mit spielendem Gewehr.
Unschuld in dem weißen Feyerkleide;
Und Gesundheit gehen hinterher.
Hymen, in dem hochzeitlichen Glanz,
Trägt die Fackel, und den Myrtenkranz!

Eintracht geht, verschwistert mit der Treue;
Lächelnd sehen sie sich ins Gesicht.
Ernste Freundschaft schliesst die süße Reihe,
Die kein Seelenkummer unterbricht. -
Gott erleucht' euch, Mädchen, wenn ihr wählt,
Daß ihr diesen Amor nicht verfehlt!

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Zwote Sammlung Mit 4 Kupfern
Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1782 (S. 82-84)
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Magnetismus und Liebe
1786

Magnetismus wollt ihr uns erklären?
Seinen Wirkungskreis, wie weit er geht.
Wird nicht viel Geheimes immer währen
Auf der Prüfungswelt, so lang sie steht?

Seine Heilkraft hat man übertrieben,
Doch wer läugnet billig ganz sie ab?
Da, trotz jeder Kur oft Schmerzen blieben;
Und nur der Magnet gleich Lindrung gab.

Unerklärlich ists schon wenn man siehet
Ihren Kuß voll Sympathiegefühl;
Und wie bang das andre Ende fliehet,
Wahrlich, als wär' Lieb' und Haß im Spiel.

Liebe nannt ich? O die heißen Schmerzen
Wer erklärt sie? Wer die süße Pein?
Schleicht sie gleich in edle weiche Herzen
Täglich – Glück und Schicksal trotzend – ein!

Leicht erklärt sind Thierverwandte Triebe,
Die ein Heil'ger selbst wohl flüchtig fühlt,
Wenn ein Weib, schön wie das Bild der Liebe,
Um ihn her mit ihren Reizen spielt.

Nie stirbt aus das menschliche Geschlechte!
Sagte Blanka, klug in Raserei,
Doch vom Tausend weiß kaum Eins was rechte
Heiße, reine Seelenliebe sey!

Diese Glut, die seliges Entzücken
Wie der Engel aus dem Anschau'n trinkt.
O kein Wort vermag sie auszudrücken,
Die beredt aus Aug' in Auge blinkt!

Warum kann ein Blick das Herz zerschmelzen,
Wie die Frühlingssonne Eis durchdringt,
Das, wie Fels bei Sturm und Wogenwälzen,
Standhaft blieb, von Liebenden umringt?

Fromme weinen, wenn sie gleiche Flammen,
Sehn in Edlen, die das Schicksal trennt.
Kalte Seelen hört man sie verdammen,
Und den Sünder, der nur Wollust kennt.

O Petrarch! Du kanntest dieses Sehnen
Laura war schon eines Andern Raub.
Dennoch weihtest du ihr Lied und Thränen,
Selbst noch als ihr Leichnam ruht' im Staub.

Guter Yorick, der die Leidenschaften
Stark besiegte – sonst so schwach und weich -
An Elisen und der Tugend haften
Konntest du mein Liebling stets zugleich.

Schwächer kämpft', als Lotte sich vermählte,
Kürzlich Werther – sonst auch fromm und gut.
Sprecht: Wes Auge wohl den Schmerz verhehlte,
Als er wild vergoß sein eignes Blut!

Still mein Lied! Verstehn und lieben werden
Nur Geweihte Dich – die Saite bricht.
O gesteht's, ihr Weisen dieser Erden:
Viel ist Räthsel hier – ihr löst es nicht!

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Dritte Sammlung
Nürnberg bei George Eichhorn 1821 (S. 39-41)
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Das verliebte Mädchen

Nichts kann mir Freude mehr gewähren -
Bey allem sitz ich kalt und stumm!
Oft schwimmt mein Aug' in trüben Zähren;
Und ohne daß ich weiß warum.
Nie kann ich in den Scherz mich mengen,
Der meinen Freundinnen gefällt:
Bis Seufzer sich auf Seufzer drängen,
Und dann mein Busen Luft erhält.

Wie froh verflossen meine Tage,
Eh ich dich, bester Theon, sah.
Mein Herz erschrickt bey jedem Schlage,
Ich zittre, kömmst du mir zu nah!
Und ach! bey jedem deiner Blicke
Gedenk' ich, bang und ahndungsvoll;
Bald kömmt, ach bald, der Lenz zurücke,
Der uns – auf ewig! – trennen soll!

Aus: Gedichte von Philippine Gatterer
Mit Kupfern von Chodowiecki
Göttingen, gedruckt und verlegt
bey Johann Christian Dieterich 1778 (S. 142)
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Lyda an die Venus

O Göttin, Göttin! meine heissen Zähren,
Sie fliehn zu dir!
Nur du allein kannst ihrem Ausbruch wehren
Und helfen mir!
Du, der ich, seit ich meinen Mylon kenne,
Mich ganz geweiht,
Hilf jetzo ihm, für den ich zärtlich brenne;
Und heile meines Herzens Traurigkeit.

Ach Mylon, der wie junge Rosen blühte,
Er welkt dahin!
Auf dessen Wang' Aurorens Purpur glühte -
Er welkt dahin!
Er welkt und sinkt – durch Kummer und Beschwerde
Zu sehr gebeugt:
So sinkt die Sommerrose hin zur Erde,
Vom Sonnenstrahl durchbrannt – ihr Haupt geneigt.

Ich sah den Ulmbaum sich zur Rebe neigen,
Sie hülfloß blühn;
Er schloß sich an – sie schlang mit zarten Zweigen
Sich fest um ihn.
Jetzt, dacht ich, gleichen sie dem besten Paare
An Zärtlichkeit:
So lieb ich Mylon in dem Lenz der Jahre,
Der sich so lang mir nur allein geweiht.

Doch ach! ich sah den armen Baum einst fallen,
Vom Sturm zerstückt!
Ich sah die Rebe zitternd niederwallen,
Vom Fall zerknickt!
Wie sie, würd' ich dieß jammervolle Leben
Voll Schrecken fliehn;
Sollt' einst das Schicksal, das ihn mir gegeben,
Zu grausam, meinen Mylon mir entziehn!

Drum Venus lenke deine leichten Schritte
Zum Eskulap:
Dir stürbe ja, in dem, für den ich bitte,
Ein Diener ab.
Wie oft bewog nicht schon zu grossen Thaten
Ein schöner Mund!
Es läßt gewiß der gute Gott sich rathen,
Und macht ihn gleich mit einem Wort gesund.

Erhörst du mich, so trag ich deine Ketten
Bis in das Grab.
Doch wirst du meinen Mylon nicht erretten,
So fall' ich ab!
Und weihe mich in Vestens keuschem Tempel
Zur Priesterin:
Dort nähr' ich dann, der Nachwelt zum Exempel,
Die heil'ge Flamme stets mit strengem Sinn!

Aus: Gedichte von Philippine Gatterer
Mit Kupfern von Chodowiecki
Göttingen, gedruckt und verlegt
bey Johann Christian Dieterich 1778 (S. 100-102)
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Die Treuringe
Den 11. October 1780

O wie glänzt der goldne Ring,
Den ich heute froh empfieng,
Als ein Pfand der Treue.
Der ihn gab – wie lieb' ich ihn!
Wie dieß Gold ist rein sein Sinn!
Nie bedroht mich Reue.

Und an seiner rechten Hand
Strahlt auch so ein Liebespfand,
Schwur, nur ihn zu wählen!
Nahmen drinn – o wunderbar,
Daß die Nahmen sich sogar,
Gleichen wie die Seelen.

Ihre Form scheint euch nicht fein?
O so sollten sie ja seyn;
Die kann nichts verderben.
Stark sind sie, wie unsre Treu!
Stets wie unsre Liebe neu!
Dauern bis wir sterben!

Wie das Herz dem Knaben schlägt,
Der den ersten Degen trägt,
Freust du dich des Ringes,
Muth und Ehre spornt ihn an,
Edles thut er, wo er kann,
Dünkt sich nichts geringes!

Und wie nach dem kurzem Kleid
Sich des Schlepps ein Mädchen freut,
Mit gesetzten Minen.
Wie sie nun sich selbst gefällt,
Stets ihn ängstlich rein erhält;
Geht es Philippinen!

Lächelst du zu meinem Scherz?
O es schlägt so froh mein Herz,
Nichts kann es betrüben!
Lieb' ich dich nicht inniglich?
Ach und Lebenslang wird mich
Auch mein Philipp lieben!

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Zwote Sammlung Mit 4 Kupfern
Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1782 (S. 211-212)
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Minna an ihren Geliebten
Bey Uebersendung einiger Blumen

Schon hat des nahen Frühlings Güte
Sich kleine Blümchen vorgesandt.
O nimm jetzt ihre erste Blüthe
Aus deines treuen Mädchens Hand.

Zwar ihre Farben – Sie erwerben
Nicht Beyfall auf den ersten Blick;
Allein an deinem Busen sterben
Erhebt sie zu dem größten Glück.

Und wenn sie bunten Schwestern weichen,
Freun sie sich heimlich deiner Wahl. -
Sieh Minna diesen Blumen gleichen,
In schönerer Gespielen Zahl.

Sie konnte deine Lieb' erwerben,
Dir zu gefallen ist ihr Pflicht.
Sie soll in deinen Armen sterben -
Und neidet Könniginnen nicht!

Aus: Gedichte von Philippine Gatterer
Mit Kupfern von Chodowiecki
Göttingen, gedruckt und verlegt
bey Johann Christian Dieterich 1778 (S. 135)
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Rosalia an den Mond

Schön ists, wenn durch das blühende Gesträuche
Dein Feuer glimmt;
Und wenn's auf jenem silberhellen Teiche
Vervielfacht schwimmt.
Doch schöner ists, wenn aus Amyntens Blicken
Die Liebe spricht:
Drum suchst du jetzt umsonst mich zu entzücken,
Ich seh dich nicht.

Jetzt seh ich nur, wie seine sanften Wangen
Die Liebe malt.
Und wie bald Geist, bald zärtliches Verlangen,
Dem Aug' entstralt.
Ich blicke nicht, auf seinen Arm gelehnet,
Nach dir zurück;
Und denke nur, indem mein Auge thränet,
Mein künftges Glück.

Doch zürne nicht! Noch lieb' ich dich, wie immer;
Du warst es ja,
Durch dessen Huld ich in dem sanften Schimmer
Zuerst ihn sah.
Dort sah ich, ganz von deinem Glanz umflossen,
Im Schlaf ihn glühn;
Am Apfelbaum, und Abendwinde gossen
Die Blüth' auf ihn.

Ich nahte mich – und ach, ein guter Engel
Erweckt' ihn hier.
Dein täuschend Licht verbarg ihm kleine Mängel,
Lieh Reize mir.
Ich floh - - er schlich in diesen Frühlingstagen
Mir immer nach;
Und gestern wagt' er's, sich mir anzutragen
Am Wiesenbach.

In deinem Glanz hab' ich Amynt gefunden,
Und er fand mich.
Dir dank ich diese wonnevollen Stunden -
Wie lieb' ich dich!
O lieber Mond, vergönne mir noch lange
Dein Silberlicht;
Denn sonst – mir wird schon beym Gedanken bange -
Seh ich ihn nicht!

Aus: Gedichte von Philippine Gatterer
Mit Kupfern von Chodowiecki
Göttingen, gedruckt und verlegt
bey Johann Christian Dieterich 1778 (S. 166-167)
_____



Am Geburtstage ihres Mannes,
damahls in Geschäften zu Hamburg

Was kann wohl dazu mich bringen,
Wenn's nicht Herzensfülle ist,
Dir ein kleines Lied zu singen
Loser! der sie gleich vergißt.

O wie sehn' ich Dich zurücke,
Wenn die Kinder fröhlich sind.
Mehr noch seh' ich trübe Blicke,
Blasse Wang' an meinem Kind.

Doppelt heute, Deinen Ohren
Ihren blöden Wunsch zu weihn.
O der Tag, der dich geboren,
Muß uns ja ein Festtag seyn!

Wie in schönen Rebenlauben
Zwei sich nahe Stützen stehn;
Und der Hoffnung kleine Trauben
Sich in Ranken um sie drehn.

Ach so sanft sind wir verbunden,
Mann und Weib durch unsre Frucht.
Wehe! der muß sie verwunden,
Der uns zu zertrennen sucht. -

Wieder hat dieß Jahr die Liebe
Dir ein Söhnchen dargebracht.
Aber Deine Krankheit trübe
Bange Stunden mir gemacht.

Auf des Lebens steilen Stufen
Steht ein Ruhplatz hier und dort.
Oft kommt er uns wie gerufen,
Denn just sind die Kräfte fort.

Da sich ruhen und erquicken,
Weis' empor und rückwärts sehn;
Fest sein Liebchen an sich drücken,
Froher mit ihm weiter gehn;

Ist die Frucht von solchen Tagen.
Dieser ist getrennt entflohn.
Doch mich soll's nicht niederschlagen,
Denn in kurzem kommst Du schon.

Lieber! legte deinem Feuer
Sehnsucht wohl ein Brändchen bei?
Mahlte der Entfernung Schleier
Leib- und Seelenreize neu?

O dann werden wir beginnen
Doppelt fröhlich unsern Pfad.
Kaum uns mehr der Zeit entsinnen,
Wo der Fuß auf Dornen trat.

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Dritte Sammlung
Nürnberg bei George Eichhorn 1821 (S. 67-69)
_____


Der künftige Gemahl

Wer ist der Mann, der einst durchs trübe Leben
Mich leiten soll?
O möcht er doch jetzt freundlich vor mir schweben,
Und liebesvoll.

Ist's einer, der sich schon voll sanfter Triebe
Zu mir genaht;
Und der mit Worten treugesinnter Liebe
Mein Herz erbat?

Lebt er vielleicht, noch nicht von mir gesehen,
In fernem Land?
Sah ich vielleicht ihn schon vorüber gehen,
Mir unbekannt?

Wer kann mir diese Fragen wohl verübeln?
Doch schweig ich hier.
Du lieber Gott bringst, ohne mein Ergrübeln,
Den Mann zu mir.

Was Zufall scheint, macht, wer die Welt regieret,
Uns offenbar;
Und deiner Hand trau ich auch hier, sie führet
Mich zum Altar.

Wie will ich den, der dort mir Liebe schwöret,
Mit Lieb' erfreun!
Und wie, wenn er mit sanftem Ernst mich lehret,
So folgsam seyn!

Wie will ich dann, will Trauern ihn umziehen,
Durch Freundlichkeit,
Und Thränen; oder Scherze, mich bemühen:
Bis ich's zertreut!

Du arme Leyer, wirst im Staube hängen,
Jetzt Zeitvertreib:
Denn mancherley Geschäfte wird sich drängen
Zum jungen Weib.

Doch löscht dein Angedenken, gute Leyer,
Nie ganz sich aus;
Ich rühre dich bey jeder frohen Feyer
In meinem Haus.

Oft stimm' ich auch die hellen Saiten wieder
Für Freundes-Ohr;
Und singe meinen Kindern kleine Lieder
Von Tugend vor.

Aus: Gedichte von Philippine Gatterer
Mit Kupfern von Chodowiecki
Göttingen, gedruckt und verlegt
bey Johann Christian Dieterich 1778 (S. 127-129)
_____



Abends am Fenster
am Geburtstag ihres Mannes
Den 21. Jan. 1782

Wie blickt der Mond durchs Fenster in dieß Zimmer
So hell und klar!
Der schöne Mond, träf uns vereint sein Schimmer
Noch manches Jahr!

Es scheint, als ob ihn unsre Eintracht freute
Und unser Scherz;
Als hätt' er auch, so wie wir beyden Leute,
Ein fühlend Herz.

Bin ich – wie jetzt – in Deinem Arm, mein Lieber,
In Deinem Schoos:
So läuft er schnell die Wölkchen all' vorüber,
Und reißt sich los.

Auch Linchen liebt ihn; gestern schliefs im Saugen
Fast ganz schon ein -
Schnell wandte sichs, sperrt' auf die blauen Augen
Ob seinem Schein.

Erscheint er hier – dann glitt schon weg im Tanze
Cytherens Stern,
Der Abends blinkt mit silberhellem Glanze;
Ich seh ihn gern.

Doch oft hüllt auch des Monds, der Sterne Funkeln
Ein Mantel ein.
Allein nicht lang läßt uns in bangen Dunkeln
Der Sonne Schein.

So drehn im Wechsel auch sich Leid und Freude
In dieser Zeit -
Trotz allem Wechsel, lieben wir uns beyde
In Ewigkeit!

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Zwote Sammlung Mit 4 Kupfern
Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1782 (S. 253-254)
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Die eheliche Treue
1786

Wie lieb' ich Dich heimlich so seufzend, so heiß,
Dich schönste der Frauen im fränkischen Kreis!
Ach lang schon verrieth Dir's mein Auge voll Gluth -
Doch lächelst Du kalt unter'm neidischen Hut.

Willst Du Dich der Freuden der Freiheit nicht freu'n?
Und stets für den Gatten so reizend nur seyn?
Wer weiß ob Dein Kuß ihm nicht lieblicher ist,
Hat Dich ein erfahrner Liebling geküßt.

Den leisesten Wunsch, den Dein Herzchen nur hegt,
Erfüll' ich, und wenn er in Schwerter mich trägt!
Und nie macht bei klingenden Gläsern mein Mund
Den Namen der still mich Beglückenden kund.

So sprach ein glattzüngiger Ritter einst kühn
Zur schönen Laurette, und sah sie entfliehn.
Doch wagt' er noch oft – in Verführung geübt -
Zu wähnen, er werde wohl dennoch geliebt.

Lustwandelte sie am Vergißmeinnichtbach,
Schlich Rod'rich voll sträflicher Sehnsucht ihr nach.
Und selbst – o des Frevels! – im Tempel des Herrn
Warf er ihr verstohlene Küßchen von fern.

Aus Furcht vor Gefahren und Eifersuchtqual
Verschwieg sie es Lindorn, dem lieben Gemahl.
Ging still wie der Mond ihren strahlenden Gang,
Und war vor verläumdenden Kläffern nicht bang.

Am Ende des duftendes Gartens lag still
Die Laube von Geisblatt, so dicht und so kühl.
Hier schlug eines Abends Laurette in Ruh
Die Laute – und Rod'rich schlich heimlich herzu.

Sie sang in die Saiten so süß und so bang,
Und Engel belauschten den frommen Gesang.
Sie sahen die Schwester! Er sah nur ein Weib,
Geschaffen zu Wollust und Stundenvertreib.

Schnell kam er und lispelte schmeichelnd und warm,
Und wand um die Schlanke den kräftigen Arm.
Zog fest sie an's klopfende seufzende Herz -
Zerfloß dann in Thränen aus heuchelndem Schmerz.

Gefährliche Lage! Der Gatte war fern -
Auch trennten sie heut' ohne Küsse sich gern.
Sie hatt' ihn gebeten: Laß mich nicht allein!
Doch ging er – wie Viele – zu Karten und Wein.

Und just fand ein feuriger Liebender sie,
Und schmiegt' ihr sein reizendes Antlitz an's Knie.
Hier hätten viel Spröde – wie Fischchen im Sand
Gelechzt – und gedrückt die bestürmende Hand.

Laurette besiegte die Sünde durch Pflicht,
Doch zwingen den Starken, das konnte sie nicht.
Drum sprach sie mit freundlichen Worten und Blick:
Ach Freund, durch den Garten kömmt Lindor zurück!

Hier führt ihn sein Weg her, dann ständ' auf dem Spiel
Dein Leben – das Meine wär' sicher am Ziel.
Doch weich ich nicht! rief er. – "So schleiche mir nach -
Ich schlüpfe voran in mein stilles Gemach."

Sie reichte zum Kuß ihm die Wange – die Hand -
Denkt welches Vertrauen im Ritter entstand,
Du loser Verführer! ich gehe voran
Und ferne was etwa bemerken Dich kann.

Noch konnt' er sie haschen, drum rief sie zurück:
Du folge ja gleich, sonst versäumst Du Dein Glück.
Mit taumelnder Freude folgt er ihr bald nach -
Und fand sich allein in dem dunkeln Gemach.

Schlich rückwärts zur Thüre mit muthigem Sinn,
Und fand sie verriegelt – da sank er fast hin!
Noch hofft' er, es hielte nur Zufall sie auf;
Doch zählt' er beklommen Secunden im Lauf.

Bald trabten viel' Füße die Treppe hinan,
Es stürmt' in die Thür das Gesind und der Mann,
Die Diener mit Waffen, die Zofen mit Licht;
Und Lindor hielt ihm ein Pistol in's Gesicht.

"Es kostet Dein Leben, woferne Du dreist
Auf meine Laurette den Angriff erneu'st.
Gelobe bey ad'licher Ehre mir gleich
Zu meiden die Stadt und wo möglich das Reich."

Selbst Löwen und Tieger die Falle erschnappt -
Sonst Hans ohne Furcht, aber dießmal ertappt -
Gelobte mit knirschendem Munde der Held:
Gleich morgen zu räumen das lockende Feld.

Auch schwand er – denn, dacht' er, wer bürgt mir dafür,
Daß sich nicht verbreitet dieß Märchen von mir?
Er lenkte sein Schiffchen ins weite Paris,
Wo Hunderte lockten – kaum Eine versties.

Und wie sich ein Päärchen von Tauben erfreut,
Von denen ein Zufall den Geyer verscheu't,
So herzte und küßte das liebende Paar
Einander nach dieser Versuchungs-Gefahr.

Ach rief sie: kein Fürst auch erlangt mich nicht!
Da mir nicht die Liebe, die Treue gebricht.
Umsonst wird nach Weibern der Männer gestrebt,
Die keusch wie die Jungfrau als Jüngling gelebt.

***

Wem weih' ich dies Liedchen von eh'licher Treu?
Doch sieh, da schleicht just mein Erwählter herbei;
Der über die Schulter aufs Blättchen mir blickt,
Und zärtlich die Hand der Erröthenden drückt.

Nicht schön wie Laurette, doch edel und treu,
Lieb' ich auch dich einzig, und täglich aufs neu.
Gern duld' ich's, wenn kurze Entrüstung mich schilt,
Da Gott mir mein stilles Begehren erfüllt,

Von Reinheit zu Reinheit! – da wenige nur
Von Jünglingen wandeln auf Grandisons Spur. *
In Zeiten wo Solcher ein Phönix fast scheint,
Von dem man mit Lachen das Daseyn verneint.

Dich ehr' ich und lieb' ich, der fleißig und fromm,
Den Gipfel der männlichen Tugend erklomm;
Nach mäßigen Tagen durchschlummert die Nacht
Die andre in niedriger Sünde durchbracht.

Nie, Reizung sich sammelnd durch Augen und Ohr,
In üppigen Bildern sich sinnend verlohr.
An Gott stets gedachte in heimlichen Streit,
Der haßt, wer den Tempel des Geistes entweiht!

Ihm danken wir Zwei mit verschlungener Hand,
Daß jedes von uns in Versuchung bestand.
Mag süß seyn der Becher verbotener Lust;
Uns gnüget der Lohn unentheiligter Brust!

Ihr Erstlinge reiner Umarmung, die schön
Die Freundschaft und Liebe der Eltern erhöhn:
Du liebliches Kleeblatt! erwachse und blüh';
Und Mehlthau des Lasters vergifte dich nie!

* Seiner Jugend Lieblingsbuch und Vorbild

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Dritte Sammlung
Nürnberg bei George Eichhorn 1821 (S. 28-32)
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An meinen Mann
Den 7. December 1780

Zwey Wochen schon,
Daß Priesterhand
Mich Dir verband:
Und noch entstand
Seit dieser Feyer,
Kein süßer Ton
Auf meiner Leyer?
Als deine Braut
Sang ich doch laut
Vom Glück der Liebe -
Und jetzo bleibe
Ich dumm und stumm?
Sind Scherz und Freude
Nicht um uns Beyde
Noch rund herum?
Eh Du mich kanntest,
Und für mich branntest,
Gefiel Dir schon
Mein Leyerton.
Dir kam in Sinn,
Die Sängerin
Doch selbst zu sehen.
Bald konnt's geschehen,
Und – o mein Glück!
Durch ihren Blick
Und Lächeln schlich
Die Liebe sich,
Mit süßem Schmerz,
In's sanfte Herz.
Ganz ohne Kunst,
Doch minniglich,
Bewarbst Du Dich
Um meine Gunst.
So starken Zug
Der Sympathie
Empfand ich nie!
Und schmachtend schlug
Mein volles Herz
Mit Sehnsuchtsschmerz
Entgegen Dir,
Wie Deines mir.

Die kurze Zeit
Der Einsamkeit,
Da schrieben wir
Uns alle Tag
Der Trennung Klage.
Und manches Lied,
Das zärtlich glüht,
Ward da geschrieben
An meinen Lieben.
Und jetzo blieben
In seinem Haus
Die Lieder aus?
Ey pfui! denn da
Macht' ich es ja,
Wie auch einmal
Ein Kardinal.

Von armen Aeltern
War er geboren.
Treu seiner Pflicht
Schämt' er sich's nicht,
Wie stolze Thoren.
Nein, es sich frischer
Im Sinn zu halten,
Und Jung und Alten
Ganz offenbar,
Daß nur ein Fischer
Sein Vater war;
Macht' er es – bang
Im hohen Rang
Vor Stolz und Sünde -
Sich zum Gesetz:
Zu haben immer
In seinem Zimmer
Ein Fischernetz.
Der Pabst verstarb -
Und nun erwarb
Der Demuthsbrauch
Die Würd' ihm auch.
Man sah jetzt nimmer
Das Netz im Zimmer;
Und auf Befragen
Hört man ihn sagen:
Was braucht da noch
Das Netz zu hangen,
Hab ich ja doch
Den Fisch gefangen.

Nein, lieber Mann,
So oft ich kann,
Werd' ich gewiß
Recht sanft und süß
Dir Lieder singen.
Doch werden sie
Mir mehr gelingen,
Wenn Frühlingspracht
Rings um mich lacht;
Und späth und früh
Die Melodie
Der Philomele,
Der Dichterseele,
In die sie dringt,
Begeistrung bringt.
O! dann gelingt
Im Zauberhain
Vom Weißenstein;
Und in der Au
Voll Morgenthau;
Und jeder Flur,
Die hier Natur -
Mit sondrer Gunst -
Elysisch schmückt,
Und wo auch Kunst
Uns hoch entzückt,
Mir manches Lied,
Das Funken sprüht
Von Dichterschaft,
Und Schöpfungskraft!
Lohnt mich nur dann
Vom lieben Mann
Ein Kuß dafür,
Als Lohngebühr.

Aus: Gedichte von Philippine Engelhard gebohrne Gatterer
Zwote Sammlung Mit 4 Kupfern
Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1782 (S. 221-226)
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