Die Troubadours

Lieder - Nachdichtungen der Troubadours
 

 

 


Cercamon
(gegen 1100)



Schon rauher weht die Luft im Hain,
Zur Erde sinkt der Gärten Zier,
Der Vogel singet sein Latein,
Ich aber sing' und seufze hier,
Da Liebe mich gefeßelt hält,
Ob der ich noch nicht habe Macht.

Noch wurde nichts als Noth und Pein
Mir auf der Liebe Kampfrevier;
Verwandlung findet sich nicht ein
In jenem, was ich wünsche mir,
Daß, was zu fahn am schwersten fällt,
Doch die Begier zumeist entfacht!

Doch dünk' ich mich, erfreut zu sein,
Denn nichts war je erwünschter mir.
Nur fühl' ich mich bei Ihr so klein,
Und kann nichts sagen dann zu Ihr.
Und geh' ich dann von Ihr, befällt
Verstand und Sinn mir dunkle Nacht.

Kenn' ich gleich viel, was hold und fein,
Rauch däuchts, mit Ihr verglichen, mir,
Schwind' aus der Welt der Sonne Schein!
Wo Sie ist, strahlet das Revier.
Heil, wenn einst fest mein Arm Sie hält,
Und wärs auch nur auf Eine Nacht!

Ich sterb', ich lebe, Schmerz und Pein,
Genesung, gleich ist Alles mir.
Wohl geh' ich bei Ihr aus und ein,
Doch wie und was bin ich bei Ihr?
Denn Sie ist mir die ganze Welt,
Sie, die mich stehn und fallen macht.

Ich schaudre, brenn', hüpf' auf dem Bein,
Nicht schlaf' ich, wach' ich vor Begier.
Sie könnte fliehen, fällt mir ein.
Was soll ich nur erbitten mir?
Vielleicht nach zwei, drei Jahren fällt
Doch Licht in meiner Zweifel Nacht.

Verschmäht Sie mich, will todt ich sein,
Nur Einen Tag erbät' ich mir.
Ach, mit der Liebe bloßem Schein
Erhielt' ich schon den Tod von Ihr.
Ich weiß nicht, wie's mit mir bestellt,
Denn Ihrer einzig hab' ich Acht.

Von Ihr bethört nimmt Lust mich ein,
Und, täuscht Sie mich, ich duld' von Ihr.
Sie scheint mir schön, höhnt Sie auch mein,
Geh' Sie vor mir, geh' hinter mir.
Gar leicht, sofern es Ihr gefällt,
Wird alles Uebel gut gemacht.

Um Sie will falsch, will treu ich sein,
Voll Wahrheit und voll Trugbegier,
Und ritterlich und auch gemein,
Freimüthig oder knechtisch Thier.
Cercamon spricht: Der ist kein Held,
Den Liebe je verzweifeln macht.

Wer sagt ach! wie's um mich bestellt?
Doch Sie hat mich zu feßeln Macht.


Nachgedichtet von Karl Ludwig Kannegießer (1781-1861)

Aus: Gedichte der Troubadours
im Versmaaß der Urschrift übersetzt
von Karl Ludwig Kannegießer
Tübingen 1852 (S. 31-33)

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Biographie:  http://de.wikipedia.org/wiki/Cercamon



 


 

 


 

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