Die Troubadours

Lieder - Nachdichtungen der Troubadours
 

 

 


Guiraut Riquier
(1250-1294)

 

Einem Freund voll Zärtlichkeit
Ward der Liebe süßer Lohn
Zugesagt nebst Ort und Zeit;
Und er glüht' am Tage schon,
Dessen Ziel ihm Wonne bot,
Und er seufzte nur und sprach:
"O wie lang ziehst du dich, Tag,
Und Nacht
Naht sich leider allzu sacht."

So war in des Freundes Brust
Angefacht der Sehnsucht Gluth
Nach verheiß'ner Lieb' und Lust,
Daß ihm ängstlich war zu Muth,
Denn sein Leben schien bedroht,
Und er seufzte nur und sprach:
"O wie lang ziehst du dich, Tag,
Und Nacht
Naht sich leider allzu sacht."

Niemand war dem Freunde nah,
Dem verborgen blieb sein Herz,
Wenn er ihm ins Antlitz sah,
Denn er weinte fast vor Schmerz:
So war ihm der Tag verhaßt,
Und er seufzte nur und sprach:
"O wie lang ziehst du dich, Tag,
Und Nacht
Naht sich leider allzu sacht."

Der erträgt die größte Qual,
Dem kein Helfer helfen kann!
Denkt des Freundes drum einmal,
Was er schmachtend nun begann,
Da der Tag ihm war zur Last;
Und er seufzte nur und sprach:
"O wie lang ziehst du dich, Tag,
Und Nacht
Naht sich leider allzu sacht."


Nachgedichtet von Friedrich Diez (1794-1876)

Aus: Leben und Werke der Troubadours
Ein Beitrag zur nähern Kenntniß des Mittelalters
Zwickau 1829 (S. 514-515)

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Mir erblüht
Im Gemüth
Liebeslust,
Doch es glüht
Wundenmüd'
Schon die Brust.
Schmachte nach dem Schlaf so sehr,
Werfe Nachts mich hin und her,
Seufze schwer:
Käm' der Morgen!

Auf mich ein
Stürmt die Pein
Nacht und Tag,
Daß mich kein
Freudenschein
Trösten mag.
Abends wächst nur die Beschwer
Bin mein eigen nimmermehr,
Seufze schwer:
Käm' der Morgen!

Lange Nacht
Hingebracht
Ruhelos,
Bange Nacht
Durchgewacht -
Bittres Loos!
Wie ist Liebe freudenleer!
Tritt der Abend kaum daher,
Seufz' ich schwer:
Käm' der Morgen!

Trag verstreicht,
Spät entweicht
Nächt'ge Zeit;
Da beschleicht,
Da erreicht
Mich das Leid.
Ach daß sie mir nahe wär!
Deß beraubt, deß ich begehr',
Seufz' ich schwer:
Käm' der Morgen!


Nachgedichtet von Paul Heyse (1830-1914)

Aus:
Spanisches Liederbuch
von Emanuel Geibel und Paul Heyse
Berlin Verlag von Wilhelm Herz (Bessersche Buchhandlung) 1852
(Anhang: Provenzalische Lieder) (S. 277-279)

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Einem Freund voll Zärtlichkeit
Ward der Liebe süßer Lohn
Zugesagt nebst Ort und Zeit;
Und er glüht' am Tage schon,
Der ihm winkte süße Rast.
Seufzend sprach er ängstiglich:
"Tag, wie langhin ziehst du dich!
Und Nacht
Naht sich leider allzusacht."

Tiefer Sehnsucht herbes Leid
Fühlt' in seiner Brust er loh'n
Nach verheißner Seligkeit,
Aller Mut war ihm entflohn,
Ihm entgieng der Athem fast.
Seufzend sprach er ängstiglich:
"Tag, wie langhin ziehst du dich!
Und Nacht
Naht sich leider allzusacht."

Niemand stand an seiner Seit',
Ins Gesicht ihn sehend, ohn'
Anzumerken ihm sein Leid,
Weinend war der Stimme Ton,
So war ihm der Tag verhaßt.
Seufzend sprach er ängstiglich:
"Tag, wie langhin ziehst du dich!
Und Nacht
Naht sich leider allzusacht."


Nachgedichtet von Karl Ludwig Kannegießer (1781-1861)

Aus: Gedichte der Troubadours
im Versmaaß der Urschrift übersetzt
von Karl Ludwig Kannegießer
Tübingen 1852 (S. 424-426)

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Die Lieb' erschlägt mich, die mich preisen macht
Sie, die mein Herz liebt, doch Ihr nicht gefällt;
Ihr zu entsagen fehlt mir Mut und Macht,
Daß ungeliebt ich lieb' ist's, was mich fällt;
Drum ändr' ich meine Reihen.

Viel sang ich, doch hat dessen nimmer Acht
Sie, die ich lieb', weil Sie werth nicht hält
Werthvolle Lieder, bin ich nun bedacht
Auf ein Kurzdoppelt, um, wenn's Ihr gefällt,
Dem Krebsweg mich zu weihen.

Wie ich Sie hold mir mache, Tag und Nacht
Denk' ich's, und was das Leben mir vergällt,
Hat' ich, nicht anders wagt' ich's, dargebracht
In Versen, um, geschlagen aus dem Feld,
Sie größern Frosts zu zeihen.

O meine "schöne Lust"*, mich lügen macht
Der Nam', ihr helft nicht, drum muß lustvergällt
Mein Doppelt schlimm sich dreien.

* Der allegorische Name der Dame des Dichters.
Seine Liebe war unglücklich.

Nachgedichtet von Karl Ludwig Kannegießer (1781-1861)

Aus: Gedichte der Troubadours
im Versmaaß der Urschrift übersetzt
von Karl Ludwig Kannegießer
Tübingen 1852 (S. 426-427)

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Biographie: Guiraut Riquier, der von 1230 bis 1294 dichtete, ist der letzte bedeutende Troubadour. In ihm zeigt sich vollkommen bewußtes Kunststreben, und nicht selten spricht er die Ansicht aus, daß er berufen sei, die sinkende Kunst wieder emporzurichten. Das Mittel dazu fand er in der didaktischen Poesie, weßhalb er sich auch den Doctor nannte. Obwohl die Handschriften über seine Verhältnisse schweigen, giebt er selbst in seinen Werken Data genug für seine Biographie. Er war aus Narbonne, das erste seiner Gedichte ist mit der Jahreszahl 1254 bezeichnet. Sein letztes Gedicht ist vom J. 1294, so daß er vermuthlich um diese Zeit starb. Bei Alphons X. und einigen andern Großen stand er in hohem Ansehn, hatte jedoch oft mit Noth zu kämpfen. Seine Geliebte bezeichnet er nur mit dem Namen "bel Deport", seine Liebe war unglücklich. Besonders hervorzuheben sind von seinen mehr als 90 noch übrigen Gedichten, von denen die meisten datiert und sehr lang sind, zunächst sechs Pastoretas, die eine Art zusammenhängenden Roman bilden. - Sodann Lieder mit Refrain, Albas und Serenas. (...) Außer diesen Gedichten hat man von ihm noch zahlreiche Liebeslieder, Sirventes, Planhs, Trostbriefe, Glossen.

Aus: Die provenzalischen Troubadours nach ihrer Sprache, ihrer bürgerlichen Stellung, ihrer Eigenthümlichkeit, ihrem Leben und Wirken
aus den Quellen übersichtlich dargestellt von Dr. Ed. Brinckmeier
Halle 1844 (S. 190-191)


Biographie (engl.): http://en.wikipedia.org/wiki/Guiraut_Riquier

 

 

 


 

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