Abälard und Heloise

 

Edmund Blair Leighton - Abaelard und seine Schülerin
Edmund Blair Leighton (1853-1922)
Abaelard und seine Schülerin Heloise (1882)



Christian Hofmann von Hoffmannswaldau
(1617-1679)

Liebe und Lebenslauff Peter Abelard und Heloisen

Abelard an Heloissen.

Mein Schreiben ist verderbt / die Feder ist verschnitten
Die Tinte fleust nicht mehr / wie sie zuvor gethan /
Es wird ein kleiner brief dich umb Verzeihung bitten
Daß ich forthin als Mann / dich nicht bedienen kan.
Dein Abelard ist nicht / was er zuvor gewesen /
Er flöst dir künftig nicht die Zucker-Tropfen ein
Du kanst bey mir nicht mehr die Liebes-Apfel lesen.
Dich heist man ohne Lust / mich ohne Kräften seyn.
Kein fleischlich Jubel-Jahr ist mehr von mir zu hoffen
Nach dem ich lebenslang die Faste halten muß /
Das Messer / so mich schied / das hat dich auch getroffen /
Man gönnt dir ferner nichts als einen schaffen Kuß
Helisse meynt vielleicht / daß ich ein Retzel schreibe
Und ein verdörrter Scherz den Brief bekleiden soll /
Nein! was die Seele quält / das quilt aus meinem Leibe /
Sie ist der kalten Angst / er heisser Schmerzen voll.
Wo ist der edle Lenz / wo bleibt die süsse Stunde /
Als mich der heisse Strahl / der LiebesSonne stach /
Als ich die Regeln dir auf dem ZinoberMunde /
Und in der engen Schoß die Zucker-Rosen brach.
Ich kan im Geiste noch den süssen Honig schmecken /
Der mir aus deinem Mund auf meinen Lippen floß.
Was eingeschlafen lag / das kontest du erwecken /
Du warst mein SeelenZug und ich dein Leibgenoß.
Die süsse Kützelung die spielt mir noch im Herzen /
Als in dem warmen Schnee ich rothe Beeren laß /
Recht satt von Buhlerey / und voll von LiebesScherzen /
Auf des Gelückes Schoß / und auch auf deiner saß.
Mein Frühling ist verblüht / es ist mein Winter kommen
Die nackte Liebe scheut erkalten Reif und Schnee /
Dein falscher Vetter hat mir meinen schatz genommen /
Er stielt mir meine Lust / und schenckt mir Ach und Weh.
Er kan mich füglich nicht von deiner Seite treiben /
So raubt sein HenckersSinn / mich endlich selber mir /
Was mänlich in mir lag / daß hier er mir entleiben.
Vor Perlen findest du die leere Muschl hier.
Ach wie verfolget mich das flüchtige Gelücke /
Ich meynt es richte mir ein Bett' aus Liljen zu /
Ich wär' ein weisser Zweck von seinem LiebesBlicke.
Es führte sein Magnet mich in den Port der Ruh.
Ich äß' aus seiner Hand ambrirte Mandelkochen /
Es legte mir das Haupt auf seine weiche Brust /
Es hätte vor mein Heil und Leben gut gesprochen /
Er tränckte mich mit nichts als Moscateller-Most.
Es hätt' auf ewig sich mir treu zu seyn verschworen /
Es salbte mir das Haupt mit frembden Balsam ein /
Mein Unstern hätte sich aus der Natur verlohren /
Mein Lied das würde nichts als Halleluja seyn.
So spielt der selbst Betrug umb unsre blöde Sinnen /
Cometen scheinen oft in unsrer Freuden-Hauß /
Den LustSaal schauen wir wie dünnen Schnee zerrinnen /
Und dieser Bau verfällt auch ohne ZiegelGraus.
Wo vor die Freudigkeit uns wolte Palmen steruen
Und Bisem und Zibeth uns opfert ihre Schoß /
Da will das ungemach mit seinem Donner dreuen
Und läst auf uns erzörnt entbrennte Keile loß.
Der Hoffnungs-Ancker bricht / der Freudens-Grund verschwindet /
Man hört wie uns die Lust verlohren Söhne heist /
Wie das Verhängnis uns mit JammerSeilen bindet /
Und unser Herze selbst aus unsern Herzen reist.
Heliß ich weiß forthin kein rechtes Wort zu machen
Die Seele blutet mir / es kräncket Geist und Muth;
Wem Schmerzen / scham und furcht tief in dem Geiste wachen /
Der schreibet / wie du siehst / gewieß nicht allzu guth.
Ich schlafe wachende / und kan kein Auge schliessen /
Du schaust / wie meine Schrifft nicht Gleiß und Ordnung hält;
Ich ließ dich zwar die Kunst des klugen Schreibens wissen /
Die mir als Meistern selbst aus dem Gedächtnüß fält.
So trennt durch Zufall sich / was Lehr und Leben heisset /
Ein kleiner Neben-Zug reist Löwen Kräfften ein;
Man schaut / wie uns die Noth aus dem gewichte reisset /
Und grosse Riesen heißt verachte Zwerge seyn.
Ich meint auf heiser Glut wie auf den Thau zu lachen /
Es solte mir kein Dorn verschrencken meine Bahn;
Ich dacht' auf dünnen Eiß ein Buhler-Lied zu machen /
Itzt lern ich / daß ein schnitt mein Meister werden kan.
So hebt die Hochmuth uns auch über das Gestirne;
Vergist was menschlich ist / und kennt die Erde nicht.
Verliebt sich in sich selbst / und bauet im Gehirne /
Was ein geringer Wind wie Spiegel-Glaß zerbricht.
Helisse kennstu noch was ich zuvor gewesen;
So kehre mir auch itzt ein treues Auge zu.
Laß deine Wehmuth mich aus einem Briefe lesen /
Der nach dem Himmel schmeckt / und lieblich ist / wie du.
Du kanst allein mir das beste Pflaster senden /
So mir die Schmerzen dämpft / und mich der Noth entreist /
Und dis alleine steht in deinen zarten Händen.
Ich weiß / daß mich dein Mund noch seine Seele heist.
Du hast ja meinen Geist zu erste lernen kennen /
Mein Geist hat deinen Geist eh als den Leib geliebt.
Und glaub: ich werde noch in meiner Seele brennen /
Ob gleich der matte Leib nicht rechte Funcken giebt.
Mein Geist sol deinen Leib auf neue Weisse küssen /
Und mein Gemüthe wird stets unverschnitten seyn.
Ich weiß / der Himmel selbst wird meine Noth versüssen /
Und streut die Liebligkeit mit reichen Händen ein.
Nicht scheu dich diesen Brief in deine Hand zu schliessen /
Er ist verwund / wie ich; ach druck ihn nicht zu sehr!
Laß doch zu meinem Blut auch deine Thränen fliessen;
Die Feder fällt mir hin; Heliß ich kan nicht mehr.

Heloisse an Abelarden
Auf einen Brief von Blutt gehört ein Brief von Thränen /

Ich fühle wie dein Schnitt mich auch zugleich sticht
Ach daß der Himmel mich den Jammer läst erwehnen /
Und mir nicht auch dabey das matte Herze bricht.
Kein Zug der Eitelkeit / kein Dunst beflammter Lüste /
Macht daß ich deine Noth entzuckt beweinen muß /
Die Geister führen mich in eine dürre Wüste /
Gedencke ich künfftig mehr an einen geilen Kuß.
Ich scheue mich zwar nicht in Schwachheit zu bekenen
Daß deine kühne Faust mich in die Gluth geführt;
Wie solte nicht ein Weib in ihren Geist entbrennen /
Wann ihr ein Abelard so schöne Funcken rührt?
Das Wort / damit dein Mund mein Ohre hat bestritten /
Bezwang mir auch den Geist durch süsse Zauberey.
Ich bin mein Edler Frund durch deine Hand geglitten /
Und lebte sonder dich von allem Falle frey.
Ich bin durch dich allein auß dem Gewichte kommen /
Doch wer durch Helden fält / der fält nicht ohne Ruhm
Daß du mich hast bekriegt / und mir das Heft genommen /
Das bleibt der beste Schatz von meinem Eigenthum.
Mein Einfalt schärftest du durch viel gelehrte Küsse
Die Geilheit legtest du in bunde Schalen ein /
Es machte mir dein Kuß Gall und auch Wermut süsse
Du liest Vertrauligkeit der Keuschheit Wiege seyn.
Es war die buhlerey mit Weißheit überzogen /
Ja unsre Geilheit selbst mit Keuschheit angethan
Mit solcher Liebligkeit ward unser Lust gepflogen
Daß ich sie auch itzund nicht gämzlich tadeln kan;
Es gieng die Schlüpfrigkeit in einem reinen Kleide /
Ich ward von deiner Brunst geziehret / nicht befleckt /
Es war mein PurpurRock nicht ohne weisse Seide.
Wer liebt die Speise nicht so nach der Tugend schmeckt.
Als Monde wolt' ich nur durch dich o Sonne scheinen.
Mich schreckt auf deiner Schoß kein Bild betrübter Nacht
Ich dacht' auf dieser Welt forthin nicht mehr zu weinen /
Ach daß sich unser Lust zur UnlustMutter macht.
Du hattest mir so viel von tugend fürgestellet /
Daß sich die Schelmerey dadurch nicht blicken ließ.
Mit solcher Liebligkeit ward ich durch dich gefället
Daß ich in Lust entzückt / es nicht mehr Sünde hieß.
Mich deucht ich sündigte / diß Sünd' und Schuld zunennen /
Was süsser ist als Most und nach Jeßminen schmeckt.
Ich meynt' / ich würde hier in einer Flamme brennen /
So nur zu leutern weiß / und nichts an uns befleckt.
Ich schlug in solcher Lust Geist und auch Auge nieder /
Wer Adlern gleiche sieht / wird durch die Liebe blind /
Was ich aldar empfand / bringt mir kein Monath wieder /
Es ist verrauschte Flut und längst verrauchter Wind.
Ich will forthin nicht mehr in Liebes Schrancken kämpfen
Ich will itzt Meisterin von meinem Blute seyn.
Ich weiß der Himmel selbst wird meine Lüste dämpfen /
Und druckt mir albereit der Keuschheit Siegel ein.
Ein guter Vorsatz kan uns mehr als Stah verschneiden /
Wer ihm sich selbst entbricht / fährt in den Port der Ruh
Wir schmecken keine Lust / als in der Lust / zu meiden
Und was dein Leib entgeht / das wächst der Seele zu /
Es hat mein Abelard mich niemahls recht geliebet /
So er der Meynung ist / daß ich ihn lassen kan /
Ein edles Weib wie ich / so nicht als Hure liebet /
Schaut Leibespracht als Spreu / die Seel als Körner an.
Man muß die Liebe nicht mit gleicher Ele messen /
Gemeine Buhlerey sucht nichts als Fleisch und Blut /
Doch der ein edler Geist das Herze hat besessen /
Die läst das Schlacken Werck / und sucht ein höher Gut.
Hat mich dein ZuckerMund zu Fleischlich angerühret
Und in ein Rosenthal ein schlüpfrich Haus gebaut /
So hat doch keine Brunst mir die Vernunft entführet
Es hat ein ieder Kuß auf deinen Geist geschaut.
Ich hielt vor ungereimt den edlen Leib zu hassen
Wo dein erlauchter Geist so kluge Hofstadt hielt.
Kam gleich mein Abelard mich fleischlich zu umfassen
So scherzt ich mehr von Lieb / als Geilheit angefüllt.
Ich weiß der Himmel läst uns leicht Genade finden
Der unser Seele hat tief in das Bluth gesetzt /
Ach schreib ich auch zuviel? dergleichen zarte Sünden /
Seyn der Vergebung mehr als Grobe werth geschätzt.
Als Engel werd ich dich forthin umbfassen können /
Was Männ-und Weiblich heist / bedenckt die Seele nicht /
Es scheint die Sterne selbst belachen mein Beginnen /
Und haben Cronen mir von Strahlen zugericht.
Wir wollen einen Eiß von tugend-Liljen bauen /
An dem kein schwarzer Fleck vermehrter Lüste klebt;
Die Welt wird mich und dich in einen Bande schauen /
Auf dem die Kostbarkeit von Zucht-Gewircke schwebt.
Die Seelen werden sich auf eine Weisse küssen /
Die man empfinden kan / doch nich zu nennen weiß.
Ein süsses Etwas wird von Geist zu Geiste flüssen /
Vor Liebestöckel pflanzt man künftig Ehren-Preiß.
Viel hundert JahreRost wird unsern Ruhm nicht stören;
Gesetzte Tugend sprost auch aus der Buhlerey.
Wer allzu eifrig zörnt / wird diese Worte hören:
Gar wenig Menschen seyn von Lieb und Blattern frey
Ich küsse dich itzund in diesem kurzen Schreiben /
Die Seele schreibet mehr als diese schwache Hand.
Laß mich nur deine Magd in Ewigkeit verbleiben /
Ich bin dir längst verschenckt / du darffst kein ferner Pfand.
Vor deinen Schaden kan ich itzt kein Pflaster senden /
Wenn meine Wehmut man nicht deine Salbe heist.
Hiermit empfehl' ich dich des Himmels treuen Händen /
Der heile deinen Leib / und stärcke meinen Geist.



Peter Abelard in Frankkreich unfern Nantes in Britannien / aus einem adelichen Geschlechte gebohren / verließ das Recht der ersten Geburth seinen jüngern Brüdern / den freyen Künsten desto ruhiger obzuliegen. Er begab sich erstlich nach Paris / so damahls in Wissenschafften ein ziemliches zuthun begunte / und vertrauete sich einem fürnehmen Manne Compelense genannt / so in gelehrten Händen über die massen erfahren war; Es wehrete nicht lange so wuchs der Schüller über seinen Meister / kriegte einen Anhang von jungen Leuthen / begunte selbst zu lehren / und weil dieses Werck ein übel Ansehen hatte / und er ihm allerhand Feindschafft damit erweckte / muste er Paris verlassen / und sich nach Corveil begeben / da er in einer Crone junger Leuthe sich tapfer hören ließ. Weil dan mitler Zeit sein alter Lehrmeister ein Münch worden / begab sich Abelard wieder nach Paris / und brachte es dahin / daß der jenige dem gedachter Compelense sein Lehr-Ampt vertrauet hatte / es ihm willig überließ / und sein Zuhörer ward. Welches ihn dann wiederumb bey seinen Wiederwertigen so grossen Neid verursachete / daß er sich mit seinem Anhange aus Paris / und nach Melun verfügen muste. Nach dem nun vorgedachter Compelense Bischof zu Chalon erwehlet worden / und auch daselbst Abelarden zu drucken begunte / so wendete er sich abermahls zurücke nach Paris / doch nur in die Vorstadt / weil sein voriger Lehr-Platz schon von einem andern eingenommen war. Compelense treibet endlich auch aldar Abelarden auf / und nöthigt Ihn sich als ein Schüller in die Aussicht Anselmes eines berühmten Schrifftgelehrtens zu begeben; Aber dieses Werck bleibet nicht lange in seinem Stande und dieser hochmütige Schüler begunte endlich seinem meister zu Kopfe zu wachsen / und ihn von seiner Stelle zu dringen / welcher Hochmuth dann eine gefährliche Rache abgab. In dem nun Abelard in seinem Orte Meister spielete / und sein Nahme in aller Mund und Herzen war / er auch sich albereit vor unvergleichlich zu halten anfieng / begab es sich / daß ein Thum Herr / mit Nahmen Folbert, eine junge Vetterin aus dem fürnehmen Hause Mommoranci in Latein und andern Wissenschaften ziemlich erfahren / bey sich hatte / und unsern berühmten Abelard dieser Jungfrau in Sprachen und Wissenschafften eine Stunde zu lesen ansprach. Abelard schlug dieses nicht ab; Sondern nahm diese anmuthig Schüllerin mit Freuden an / und sie begunte in kurzen mercklich zu bessern. Es geschah endlich / daß dieser geschickte Lehr-Meister seiner untergebenen zu tief in die Augen schaute / und etliche gefährliche Funcken fühlete / so Witz und Buch Ihm aus Gemüth und Händen wunden. Er begunte albereit mit seiner Schüllerin freundlicher umbzugehen / er gebrauchte sich ungewöhnlicher Arten zu reden / und ein Kuß war die erste Losung / daß er forthin etwas mehr als Lehrmeister seyn wolte. Diese junge Tochter merckte endlich dieses verborgene Spiel ziemlich deutlich / und ließ Ihr nicht gänzlich unangenehm seyn / von dem / der an Anmuth und Beredsamkeit wenig seines gleichen hatte / bedient zu werden; Mit einem Worte sie waren unfleissig auf eine andere Arth fleissig zu werden; Abelard fieng nunmehr an seine Schüllerin bald wegen Ihrer entzündeten Augen / bald wegen Ihrer weissen Hände / bald wegen Ihres röthlichen Mundes / bald wegen etwas verborgeners zu rühmen / und was er diesen Augenblick gelobet / wolte er den andern mit Augen schauen; oder mit Händen und Lippen berühren / der Durst wuchs endlich durch den Trunck / iemehr kleine Freyheiten unser verliebter genoß / iemehr er geniessen wolte / und die Anmuth dessen / was er allbereit überkommen / ward durch die imbrünstige Begierde etwas vollkommenes zu holen gleichsam vergället. Es gerieth endlich dahin / daß nunmehr das liebe Latein sambt andern Wissenschafften gänzlich vergessen war / und diese zwey verliebten in ihrer Muttersprache ziemlich offenherzig zu reden einen Anfang machten. Heloisse that dem Ansuchen ihres Liebsten endlich Thür und Angel auf / und der Canari-Zucker gegenwertiger Zeit / ließ sie an Wermuth der künfftigen nicht wohl gedencken. Was nur ungewöhnlich in der Liebe zu finden / war sinnreich hergeführet / und sie meyneten / es were eine Unvollkommenheit / wann sie allein gelehrt reden und schreiben / und auch nicht zugleich gelehrt buhlen solten. Sie überschütterten sich endlich dergestalt mit Wollustgerichten / daß unsre schöne Jungfrau sich in kurzen gegen ihren Liebsten vertrauen ließ; Daß sie diesen Tag der Stunde wegen Unwillen des Magens nicht abwarten konte / und wenig Zeit hernach fragte / was es doch wohl bedeutete / wann einem zwey Herzen zugleich im Leibe schlügen; Abelard war dieses Uhrwerck / so er selbst aufgezogen / nicht unbekandt / er verständigte seine Schöne / daß sie ehestens ein stummer Gast verrathen würde / und entschloß sich Spott und Schaden zu vermeiden / endlich heloissen aus ihres Vatern Hause zu seiner Schwester in das Französische Britannien zu führen / da sie dann einen jungen Sohn / den sie Astrolabe nennen ließ / auf die Welt brachte. Abelard bemühete sich darauf seien Schwagern / der Zorn-Gluth und Feuer bließ / so viel möglich zu besänftigen / verspricht seine Freundin in der Stille zu ehlichen / doch mit der Bedingung / daß es nicht der Welt allzu sehr lautbar werden möchte. Mit welchem Fürschlage sich auch gedachter Thum-Herr dem Scheine nach befriedigte / und solches mit Kuß und vielen verbündlichen Worten versiegelte Abelard begiebt sich hiermit wiederum zu seiner Geliebten / erzehlete ihr den Fürsatz der abgeredeten Verehligung / wurd aber durch allerhand bündige Einwürfe davon abgehalten / sie stellete ihm unter andern von / daß ihres Vettern rechgieriges Gemüthe durch nichts dergleichen würde besänfftiget werden können: Sie gab ihm zu erkennen / daß es höchlich zu beklagen were / wenn ein so hohes Gemüthe / so die Natur zu etwas edelern gewidmet durch / Sorgen der Nahrung und andere unvermeindliche Mühseeligkeiten geschwächet werden solte. Sie erinnert ihn / daß sein und ihr Name die bißhero vor ein Beyspiel aller Tugenden gehalten weren worden / mercklich gekräncket / ja der Glanz beyder Ehr und Tugend durch diese ungebundene Händel ganz dunckel werden würden mit angeheftem Vermelden / daß es Ihr annehmlicher seyn solte seine Freundin als seine Ehefrau genennet zu werden. Nach dem sie aber ihres geliebten Fürsatz durch diese und andere Einwürfe nicht zurücke lencken konte / gab sie sich endlich mit diesen Worten in seinen Willen / daß gewiß mit Verderb ihrer beyden / die kommende Schmach grösser als die vergangene Freude seyn würde / sie übergab darauf den jungen Sohn des Abelards Schwester / machte sich auf den Weg und ward in Beyseyn etlicher weniger Freunde in Pariß mit diesem / der neben den Zucker der Wissenschafft / ihr auch zugleich die Galle der Unkeuschheit eingeflößt / ordentlich vermählet. Folbert begunte darauf dieses Ehewerck durch die ganze Stadt ruchtbar zumachen Heloisse aber ihren so hochgeschätzten bey Ehren zu erhalten / leugnete so gut sie konte / und dieses Werck gerieth endlich dahin / daß Abelard gezwungen war / seine Ehegattin nach Argenteil unsern von Pariß gelegen / in ein kloster zu senden / und sie biß auf den Fechel aldar einkleiden zu lassen. Diese Entweichung der Heloisse verbitterte den Folbert iemehr und mehr / der sich auch endlich aus Nachgier dahin verleiten ließ / bey Abelard / nach dem er zuvor seinen Knecht mit Gelde bestochen / bey nächtlicher Zeit seines Herren Schlafgemach zu eröfnen / durch dazu gleichfalls erkaufte Personen in seiner Ruh zu überfallen / und zu entmannen. Diese ungewöhnliche That war alsobald durch ganz Paris ruchtbar / und Abelard / dem die angethane Schmach / mehr als der LeibesSchmerz empfindlich war / schauete in wehrender Niederlage stündlich eine grosse Anzahl Frembde umb sich / so ihr Mitleiden / mit Seuffzen / Worten / und Thränen scheinbar spühren liessen. Nach dem nun besagter unglückseeliger Zufall unsern Abelard untüchtig gemacht / seiner Liebsten Heloisse nach voriger Arth künftig beyzuwohnen / so entdeckte er derselben / den unvollkommenen Zustand seines Leibes / so dann nach Vergiessung tausend Thränen / endlich ihr Gemüthe / als ein gelehrtes Weib weißlich bestillete / und sich völlig als Nonne zu Argenteil einkleiden ließ / Abelard aber in den Kloster des H. Dionis. die MünchKappe gleichfalls anlegte. Den elenden Zustandt / darein Abelard in besagtem Kloster / wegen eines geistlichen Streites / dazu er wegen seines hitzigen Gemüthes sehr geneigt war / in kurzen gerieth / were zuverdrießlich hier ausführlich zu erzehlen. Die Geistlichkeit erhub insgesambt wider ihn / also daß er aus Furcht auch in des damahligen Königs in Franckreich Ungenade zu fallen / unter eines Grafen in Champagnien Schutz mit Namen Thiboult sich begab / der sich nicht ungeneigt erzeigte auf allerhand Weisse auszusöhnen / so aber keinen andern Ausschlag gewinnen wolte / als daß er endlich Erlaubniß überkam / einen einsamen Orth zu seiner Wohnstadt ihm zu erkiesen / sein Leben / doch allzeit unter der Beschaffenheit eines Bruders des Klosters des H. Dionis. daselbst zuzubringen Es ward ihm ein kleiner Platz / als ein Allmosen / unfern bey dem Flecken Nogent an der Seene angewiesen / allwo er auf die armseeligste Weisse ein enges GottesHauß aus gar schlechten Zeuge aufbauete / und nebenst einen dürfftigen Geistlichen ihm an den Gottesdienst Handreichung zu leisten / in solcher einsamkeit sein Leben zu enden entschlossen war. Nach dem aber seine vorige Schüller aus Liebe ihres Meisters sich häuffig bey ihm einfunden / und zu ihrem Auffenthalt geringe Zellen baueten / begunten seine Wiedersacher theils wegen des Namens / so er dem Kloster gegeben / theils wegen daß er wiederum aufs neue zu lehren anfieng / ihn zu verfolgen / also daß der Fürst von Nieder-Britannien / weil die Abten des Klosters Hildasse sich entlediget / solche Abelard auftrug. Diese den Schein nach gelückseelige Begebenheit verkehrte sich alsobald in neues Unheil / in dem er durch treue Versorge / viel Unordnung / so unter den Brüdern eingerissen / nach und nach vernünfftig abstellen wolte / und also ihm tausenderley verfolgunf auf dem Halß zoge. Nachdem nun der Abt zu H. Dionis. die geistliche Jungfrauen zu Argenteil, ich weiß nicht / unter was vor einen Vorwand wandt aus dem Kloster drang / und es mit München besetzte / reimete Abelard sein GottesHauß Paraclit gedachter Nonnen ein / allwo Heloisse als Aebtissin ein strenges Leben führete / und mit ihrem unbefleckten Wandel es dahin brachte / daß die Bischoffe sie vor ihre Tochter / die Abtisse sie vor ihre Schwester und die weltlichen sie vor ihre Mutter hielten. Bey welcher gelegenheit theils die gegen dem Abelard übelgesinnte / ihm daß er gegen gedachtem Kloster nicht gnugsam Vorschub thete / feindseelig vorrückten / andere / weil er dieses JungfrauKloster nicht selten zu besuchen pflegete / ihm daß er die Fleisch-Töpfe Argypten / und wegen der in der Natur noch steckende Regung seiner alten Buhlschaft nicht müssig gehen konte / ungeschämet aufbürdeten. Welches aber der unschuldig Verleumbdete / mit Gedult vertrug / und die Rache / in dem er mit Stahl und Gift von seinen Widerwertigen verfolget war / Gott allein heimstellete / so ihn auch hernach in seinem hohen Alter und zwar des 63sten seiner Jahre von Sorgen und Ungemach abgemattet / ausspannete / nach dem er vor seiner letzten TodesStunde befohlen seinen Lein seiner geliebten Heloisse zu überantworten / so ihn auch mit ihren Thränen wohl benetzet / in den besten Orth ihrer Kirchen begraben ließ. Und viel Jahr hernach aus dieser Welt scheidende den geistlichen Jungfrauen anbefahl ihren toden Leib gleichfalls unter die Leichen ihres getreuen Abelards zu legen / so auch dergestalt erfolget / und melden die geschichtschreiber selbiger Zeit / daß Abelard / als man seine geliebte Heloisse (so mir in folgenden zwey Briefen wegen des Reimes Helisse zu nennen erlaubet seyn wird ) nach verlauf vieler Jahre zu ihm in das Grab bracht / mit ausgestreckten Arm solche umbfasset und an die Brust gedruckt haben solte. Welches mich dann auch bewogen / diesen so wandelbaren lebens-Lauf mit folgender Grabschrifft zu beschliessen.

Ein Freund / den Noth berühmt / Verlust hat groß gemacht /
Drückt seine Freundin noch allhier an Brust und Armen
Lieb und Vertrauligkeit / so Tod und Grab verlacht /
Heist die Verliebten Zwey auch in dem Grab erwarmen.
Ein edles Leben macht auch einen edlen Todt /
Getreue Liebe will auch aus dem Grab entspriessen /
Zum Zeugniß daß Sie nun besiegen Todt und Noth /
So wollten sie sich hier auch in der Asche küssen.
 

Aus: Hofmann von Hofmannswaldau Christian: Gesammelte Werke; Nach dem Druck vom Jahre 1697
(Hrsg. von Franz Heiduk. Nachdruck Olms 1984, Hildesheim, Zürich)
aus Band I 2 (darin alle Heldenbriefe) (S. 584-600)
 

 



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