Abälard und Heloise

 

Edmund Blair Leighton - Abaelard und seine Schülerin



Briefe
(Auszüge)

 

Erster Brief
Ihrem Herrn, ja Vater; ihrem Gatten, ja Bruder; seine Magd, ja Tochter; sein Weib, ja Schwester:
an Abälard seine Heloise

Dein Trostbrief an einen Freund, mein Geliebtester, hat neulich mir Jemand zufällig überbracht. Da ich ihn sogleich nach dem Anblick der Aufschrift als den Deinigen erkannte, so begann ich um so glühender ihn zu lesen, je inniger ich den Schreiber selbst umfasse, daß wenn mir auch seine Person verloren ist, ich doch durch sein Wort wenigstens wie durch ein Bild von ihm erquickt werde. Es war, erinnere ich mich, im Briefe fast Alles Galle und Wermuth; er erzählte ja die jammerreiche Geschichte von unsrer Einkehr in's Kloster und Dein fortwährendes Kreuz! Dort hast Du in der That erfüllt, was Du im Eingange dem Freund versprachst, daß nehmlich im Vergleich mit der Deinigen er seine Noth für keine oder eine kleine halten könnte. Du erzählst die Verfolgungen Deiner Lehrer gegen Dich, dann den schmählichen Verrath, der Deinen Körper traf, und wendest hierauf den Griffel zum fluchwürdigen Neid und der unersättlichen Feindschaft Deiner Mitschüler, Alberichs und Lodulfs des Lombarden. Auch jenes übergehst Du nicht, wie durch ihren Einfluß gegen das ruhmvolle Werk Deiner Theologie, wie gegen Dich selbst verfahren ward, den sie gleichsam zum Kerker verdammten. Dann kommst Du zu den Anschlägen Deines Abtes und der treulosen Brüder, zu den unerträglichen Verleumdungen jener beiden falschen Apostel, die Dir die genannten Nebenbuhler angeregt, und zu dem Ärgerniß, das die Meisten an dem Namen Paraklet genommen, den Du unserm Bethhaus gegen die herkömmliche Sitte beigelegt, endlich zu den schrecklichen und noch andauernden Angriffen auf Dein Leben durch jenen grausamen Landverwüster und die niederträchtigen Mönche, welche Du Söhne nennst, und hiermit vollendest Du die jammerreiche Geschichte. Niemand, glaub' ich, kann dies Alles mit trocknen Augen lesen oder hören, meinen Schmerz aber mußte es um so mächtiger erneuen, je genauer das Einzelne dargestellt war, um so höher ihn steigern, da Du erzählst, wie jene Gefahren für Dich noch wachsen, sodaß wir Alle auf gleiche Weise dahin gebracht sind an Deinem Leben zu verzweifeln, und stündlich unser Busen und pochendes Herz jener Kunde von Deinem Tod entgegensehen. Bei ihm selber also, der Dich bis heute für seinen Dienst auf jede Weise schirmt, bei Christus beschwören wir Dich, Du mögst seine und Deine Mägde würdigen, ihnen recht oft über den Sturm, von dem Du noch schiffbrüchig einhergeschleudert wirst, brieflich sichere Nachricht zu geben, damit Du uns wenigstens, die wir Dir einzig geblieben sind, zu Genossen des Schmerzes oder Freude habest. Mitleidende pflegen ja dem Leidenden einigen Trost zu gewähren, und jede Last, die Mehreren aufgelegt ist, wird leichter getragen oder abgeworfen. Wenn aber jenes Ungewitter ein wenig ruht, so müssen Deine Briefe um so schneller kommen, je mehr sie uns erfreuen werden. Was Du aber auch schreiben magst, es wird uns Alles zum Heile gereichen. Und wie angenehm die Briefe abwesender Freunde sind, das lehrt uns ja auch Seneca durch sein eignes Beispiel, wenn er irgendwo an Lucilius also schreibt: "Ich danke Dir, daß Du mir häufig schreibst; denn Du zeigst Dich mir auf die einzige Art, die Dir möglich ist; niemals empfange ich Deinen Brief, ohne daß wir sofort vereint wären." Wenn uns schon die Bilder abwesender Freunde angenehm sind, welche die Erinnerung auffrischen und die Sehnsucht der Abwesenheit mit eitlem und leerem Trost erleichtern, wie viel angenehmer sind uns erst die Briefe, welche die wahren Züge des fernen Freundes bringen! Gott sei Dank, daß wenigstens diese Gegenwart uns zu gewähren kein Neid Dich abhält, keine Schwierigkeit Dich hindert; o möge, ich beschwöre Dich, auch keine Nachlässigkeit Dich säumen lassen! Du hast dem Freunde einen langen Brief geschrieben zum Troste zwar für seine Widerwärtigkeiten, aber über die Deinigen. Indem Du die Deinigen sorgsam aufzähltest und ihn zu trösten gedachtest, hast Du meine Trostlosigkeit nur noch erhöht, und während Du seine Wunden heilen wolltest, hast Du mir alte Wunden aufgerissen und neue schmerzliche geschlagen. Heile selbst, ich beschwöre Dich, was durch Dich geschehen, der Du der Sorge für das ein Genüge thust, was durch Andre geschehen ist. Einem Freund und Genossen warst Du willfährig und löstest die Schuld der Freundschaft und Genossenschaft; aber in größrer Verpflichtung hast Du Dich uns verbunden, die Dir nicht sowohl Freundinnen als Geliebte, nicht sowohl Genossinnen als Töchter zu nennen ziemt, oder wenn ein noch süßeres und heiligeres Wort erdacht werden kann.
Wie sehr Du aber uns verbunden und verpflichtet bist, das bedarf nicht Beweis oder Zeugniß, als ob etwas Zweifelhaftes bestätigt werden sollte; und wenn Alle schwiegen, würde die Sache selber laut reden. Denn Du bist nächst Gott der einzige Gründer dieses Orts, der einzige Erbauer dieses Bethhauses, der einzige Urheber dieses Zusammenseins. Nichts hast Du auf fremden Grund gebaut, Alles, was hier ist, ist Deine Schöpfung. Diese Einöde war nur für wilde Thiere und Räuber ein Aufenthalt, sie kannte keine menschliche Wohnung, sie hatte kein Haus. In den Lagerstätten des Wildes, in den Höhlen der Räuber selbst, wo Gott nicht pflegt genannt zu werden, hast Du ein göttliches Zelt aufgeschlagen und hast dem heiligen Geiste einen Tempel geweiht. Nichts hast Du zu seiner Erbauung aus den Schätzen der Könige und Fürsten genommen, da Du selber das Meiste und Größte vermochtest, und was geschah, kann Dir allein zugeschrieben werden. Geistliche und Schüler strömten zu Deinem Unterricht hier zusammen und brachten Dir um die Wette alles Nöthige dar; und die von den Wohlthaten der Kirche lebten und Opfer nicht zu bringen, sondern nur zu empfangen wußten, und ihre Hände nur zum Nehmen, nicht zum Geben hatten, die brachten hier verschwenderisch und ungestüm das Ihrige dar. Dein ist also, in Wahrheit Dein eigen diese neue Pflanzung in heiligem Willen, deren meist noch zarte Pflanzen häufiges Begießen verlangen, damit sie gedeihen. Schwach genug ist schon nach der Natur des weiblichen Geschlechts diese Pflanzung; sie ist nicht stark, auch wenn sie nicht eine neue wäre. Darum fordert sie um so sorgsamere und häufigere Pflege, nach dem Spruch des Apostels: "Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, aber Gott hat das Gedeihen gegeben." Gepflanzt hatte der Apostel und gegründet im Glauben durch die Lehre seiner Predigt die Korinther, denen er schrieb. Begossen hatte sie der Schüler des Apostels, Apollo, mit heiligen Ermahnungen, und so gab ihnen die göttliche Gnade das Gedeihen der Tugend in reichem Maße. Den Weinberg fremder Reben, den Du nicht gepflanzet hast, der Dir zur Bitterkeit verkehret ist, den pflegst Du oft mit fruchtlosen und umsonst heiligen Reden. Was Du den Deinen schuldig bist, beachte, der Du so für Feinde Deine Sorge aufwendest. Du belehrest und ermahnest die Aufrührerischen und förderst nichts. Vergebens wirfst Du die Perlen göttlicher Rede vor die Säue. Der Du den Widerstrebenden so Vieles bietest, erwäge, was Du den Gehorsamen schuldig bist. Der Du den Feinden so reichlich und vielfach gibst, besinne Dich, was Du den Töchtern schuldig bist. Und um von den Andern zu schweigen, bedenke, wie Du mich Dir verbunden hast, daß das, was Du gemeinsam den ergebenen Frauen schuldig bist, Du Deiner Einzigen um so ergebener lösen mögest. Deine Herrlichkeit aber weiß es besser als meine Schwachheit, welche und wie viele Schriften zur Lehre, zur Ermahnung oder auch zum Trost heiliger Frauen die heiligen Väter und mit welchem Fleiß verfaßt haben. Darum sehe ich Dich jetzt nicht ohne schmerzliche Verwunderung die noch zarten Anfänge unserer Bekehrung schon eine Zeit lang vergessen, da weder die Ehrfurcht vor Gott, noch die Liebe zu uns, noch das Beispiel der heiligen Väter Dich antreibt, daß Du mich, die noch Schwankende und von langem Kummer Darniedergeschlagene, entweder gegenwärtig durch Deine Rede, oder abwesend durch einen Brief zu trösten suchest.
Und Du weißt doch, daß Du mir größrer Schuld verpflichtet bist, je inniger der Bund des ehelichen Sakramentes uns aneinanderkettet, daß Du mir um so mehr ergeben sein mußt, je heißer ich Dich stets, wie Alle wissen, mit unendlicher Liebe umfaßt habe. Du weißt, Geliebtester, Alle wissen es, wie viel ich in Dir verloren habe, und durch welches unselige Geschick der äußerste Verrath mich selber und Dich mir entrissen hat, und wie unvergleichlich größer der Schmerz des Verlustes jetzt ist, als der des Schadens war. Je größer aber die Ursache des Leidens ist, desto größere Mittel des Trostes müssen angewandt werden, nicht von einem Andern sonst, sondern von Dir selbst, daß der Du allein des Leidens Ursache warst, auch allein seist in der Gnade des Trösters. Du bist es ja allein, der mich betrüben, der mich erfreuen oder mich trösten kann. Und Du bist es allein, der vorzüglich das mir schuldig ist, und darum am meisten, weil ich Alles, was Du befohlen, soweit erfüllt habe, daß ich, die Dir in nichts zuwider sein konnte, auf Deinen Befehl mich selbst dahinzugeben vermochte. Und was noch ein Größeres ist und wunderbar klingt, in solche Raserei ist meine Liebe verwandelt, daß, was sie einzig begehrte, sie selber sich ohne Hoffnung des Wiedergewinnes entzog, da ich sogleich auf Dein Gebot ein andres Kleid und einen andern Sinn annahm, auf daß ich Dich als den alleinigen Herrn meines Leibes wie meiner Seele erwiese. Nichts habe ich jemals, Gott weiß es, in Dir gesucht, als Dich selber, rein nur Dich und nicht das Deinige begehrend. Nicht den Bund der Ehe, nicht andre Heirathsgüter habe ich erwartet, nicht meinen Willen und meine Lust, sondern Deine zu erfüllen gestrebt, wie Du es selber weißt. Und wenn der Name der Gattin heiliger und würdiger scheint, süßer doch war mir's immer, Deine Geliebte zu heißen, oder, wenn Du nicht darüber zürnen willst, Deine Buhle oder Hetäre; damit je tiefer ich mich für Dich erniedrigte, ich um so größere Huld und Gnade bei Dir fände, und den Glanz Deiner Herrlichkeit weniger beleidigte.
Diese hast Du um Deiner selbst willen nicht ganz in dem oben erwähnten Briefe vergessen, den Du einem Freunde zum Troste geschrieben. Dort hast Du auch nicht verschmäht einige Gründe aus einander zu setzen, durch die ich Dich von unsrem Ehebund und seinem unheilvollen Lager abzuhalten versuchte, die meisten aber verschwiegen, aus denen ich die Liebe der Ehe, die Freiheit der Fessel vorzog. Gott rufe ich zum Zeugen an, wenn Augustus, der Beherrscher der ganzen Welt, mich der Ehre seiner Gattin würdigen und mir die Herrschaft des ganzen Erdkreises für alle Zeit bestätigen wollte, so würde es mir lieber und würdiger erscheinen, Deine Buhle genannt zu werden, als seine Kaiserin; denn der Reichste und Mächtigste ist darum nicht auch der Beste, jenes ist des Glückes, dieses der Tugend Werk. Täusche sich auch Die nicht darüber, daß sie sich bloß verkauft, die lieber einem Reichen als einem Armen sich vermählt und mehr in ihrem Manne das Ihrige, als das Seine begehrt. Gewiß, welche von solcher Begierde zur Ehe geführt wird, der gebührt mehr ein Sold, als die Huld der Liebe. Denn gewiß, ihr gilt es um das Vermögen, nicht um den Mann, sie würde sich, wenn sie könnte, dem Reicheren preisgeben. Dieses beweist auch offenbar das Gespräch, welches beim Sokratiker Aeschines die Philosophin Aspasia mit dem Xenophon und seiner Gattin führt; dieses Gespräch, das die genannte Philosophin zur Aussöhnung der Beiden begonnen,  schloß sie folgendergestalt: "Denn wenn ihr dieses vollbringt, daß weder ein Mann besser noch eine Frau auf Erden fröhlicher sei, wahrlich, dann werdet ihr vor Allem zumeist nach dem trachten, was ihr für das Beste halten werdet, daß Du der Gatte des besten Weibes und sie dem besten Manne vermählt sei." Wahrlich ein heiliger und mehr als philosophischer Ausspruch, den die himmlische Weisheit selbst, nicht blos das Streben nach Weisheit geboren. Ein heiliger Irrthum ist dies und eine selige Täuschung der Gatten, wodurch die vollkommne Liebe den Bund der Vermählung unverletzt bewahrt, nicht so sehr in Enthaltsamkeit des Leibes, als in Keuschheit der Seele.
Aber was Täuschung bei Andern, das hatte die offenbarte Wahrheit bei mir bewirkt; denn was jene von ihren Männern meinen möchten, das hab' ich, das hat die ganze Welt von Dir nicht sowohl geglaubt, als gewußt, sodaß meine Liebe zu Dir um so wahrer erfunden ward, je ferner alle Täuschung blieb. Denn wer der Könige oder der Philosophen konnte Deinem Ruhme gleichkommen? Welches Land, welche Stadt, welches Dorf brannte nicht Dich zu sehen? Wer, ich bitte Dich, eilte nicht Dich zu erblicken, wenn Du öffentlich auftratest, wer folgte, wenn Du wegginst, nicht mit vorgestrecktem Halse, mit auf Dich gerichteten Augen? Welche Vermählte, welche Jungfrau sehnte sich nicht nach dem Fernen, entbrannte nicht für den Gegenwärtigen? Welche Königin, welche hochgestellte Frau beneidete nicht meine Freuden oder mein bräutliches Lager?
Zweierlei aber, ich gestehe es, war Dir eigenthümlich, wodurch Du die Herzen aller Frauen sogleich gewinnen konntest: die Anmuth des Worts und des Gesanges; und das war den andern Philosophen bekanntlich keineswegs verliehen. Indem Du hieran wie an einem Spiel Dich von der Anstrengung philosophischer Arbeiten erholtest, hast Du viele im Maß oder Rhythmus der Liebe gedichtete Lieder hinterlassen, die wegen überschwänglicher Süßigkeit so der Worte wie der Melodie häufig nachgesungen meinen Namen in Aller Munde unaufhörlich erhielten, sodaß die Lieblichkeit wohllautenden Gesanges auch die Ungebildeten Deiner niemals vergessen ließ. Und daher besonders seufzten die Frauen in Liebe zu Dir. Und da der größte Theil jener Lieder unsre Liebe besang, so verkündeten sie vielen Ländern meinen Namen in kurzer Zeit, und entzündeten gegen mich den Neid vieler Frauen. Denn welches Gut der Seele oder des Leibes schmückte Deine Jugend nicht? Welche von Allen, die mich damals beneideten, triebe nicht mein Unglück jetzt zum Mitleid, da ich solcher Wonnen beraubt worden bin? Welchen Mann oder welche Frau, mögen sie mir auch Anfangs feind gewesen sein, erweichte mir jetzt nicht das verdiente Mitleid? Und am meisten schuldig, bin ich dennoch, wie Du weißt, am meisten unschuldig. Denn nicht im Erfolg der That, sondern in des Thäters Gesinnung besteht das Verbrechen, und die Billigkeit wägt nicht was geschieht, sondern in welchem Geiste es geschieht. Welche Gesinnung ich aber immer gegen Dich hegte, das kannst Du allein beurtheilen, der es erfahren hat. Deiner Prüfung stelle ich Alles anheim, in Allem unterwerfe ich mich Deinem Zeugniß.
Sage mir das Eine, wenn Du kannst, wie ich je nach unsrer Einkehr in das Kloster, die Du allein beschlossen hattest, bei Dir in solche Vernachlässigung und Vergessenheit kommen mochte, daß ich mich weder an der Rede des Gegenwärtigen erfreue, noch durch einen Brief des Abwesenden getröstet werde; sprich, sage ich, wenn Du kannst, oder ich will aussprechen, was ich fühle, was Alle argwöhnen. Die Begierde hat Dich mir mehr verbündet als die Freundschaft, die Gluth der Sinnenlust mehr als die Liebe. Da nun, was Du verlangtest, entwichen ist, so verschwand zugleich, was Du dafür thatest. Das, Geliebtester, ist nicht sowohl meine Vermuthung, als die der Welt, nicht sowohl eine besondere, als die allgemeine, nicht sowohl eine private, als die öffentliche. O daß es mir doch allein so scheinen möchte, und daß sich für Deine Liebe Andre fänden sie zu entschuldigen, damit durch sie mein Schmerz ein wenig gestillt würde! O daß ich doch Umstände erdichten könnte, durch welche ich Dich entschuldigen und damit meine Niedrigkeit und Blöße irgendwie bedecken könnte!
Merke auf, ich bitte Dich, was ich verlange, und es wird Dir klein und ganz leicht dünken. Während ich um Deine Gegenwart betrogen bin, vergegenwärtige mir wenigstens die Süßigkeit Deines Bildes durch die Zeichen Deiner Worte, deren Du solche Fülle hast. Vergebens hoffe ich auf Deine Freigebigkeit in Thaten, wenn ich Deinen Geiz in Worten schmerzlich empfunden habe. Jetzt aber hatte ich am meisten von Dir zu verdienen geglaubt, da ich Alles für Dich erfüllt und vor Allem in Deinem Gehorsam beharrt habe. Denn mich trieb in zarter Jugend zur Härte des Klosterlebens nicht religiöse Hingebung, sondern allein Dein Wille. Daher urtheile, ob ich nichts von Dir verdient habe, als vergebliche Mühe. Keinen Lohn habe ich dafür von Gott zu erwarten, denn es steht fest, daß ich es nicht aus Liebe zu ihm gethan habe. Als Du zu Gott hineiltest, da bin ich Dir gefolgt und habe den Schleier genommen, ja ich bin Dir vorausgegangen. Denn als gedächtest Du an Lot's Weib, welche sich rückwärts wandte, so hast Du früher mich als Dich selber durch das heilige Kleid und klösterliche Gelübde in den Dienst des Herrn gegeben. Und ich bekenn' es, mit heftigem Schmerz und Erröthen sah ich Dich hierin allein mir weniger vertrauen. Ich aber, Gott weiß es, hätte nicht angestanden, und wenn Du zu vulkanischen Orten hinstürztest, nach Deinem Willen Dir voranzugehen oder zu folgen. Denn nicht bei mir, sondern bei Dir war meine Seele. Und auch jetzt besonders, wenn sie nicht bei Dir ist, so ist sie nirgends; sein aber ohne Dich kann sie auf keine Weise. Doch daß es ihr bei Dir wohl sei, das schaffe, ich beschwöre Dich. Es wird ihr aber bei Dir wohl sein, wenn sie Dich liebevoll findet, wenn Du Huld für Huld erwiederst, Geringes für Großes, Worte für Thaten. Wenn doch, Geliebter, Deine Liebe weniger auf mich baute, daß Du besorgter wärest! Aber je sicherer ich Dich nun gemacht habe, desto größere Vernachlässigung muß ich ertragen. Gedenke, ich beschwöre Dich, was ich gethan habe, und was Du mir schuldig bist, das beachte.
Als ich in fleischlicher Lust Dein genoß, da galt es den Meisten für ungewiß, ob ich es aus Liebe oder aus Sinnlichkeit that. Jetzt aber bezeugt es das Ende, aus welcher Quelle der Anfang kam. Alle Freuden habe ich mir untersagt, um Deinem Willen zu gehorchen. Nichts habe ich für mich behalten, als daß ich so nun am meisten die Deine würde. Wie groß aber Deine Unbilligkeit ist, das erwäge, wenn Du mir, je mehr ich verdiene, um so weniger gibst, ja am Ende gar nichts; besonders da es ein Kleinod ist, was ich fordere, und Dir ganz leicht.
Bei ihm selber also, dem Du Dich geweiht, bei Gott flehe ich zu Dir, daß Du, auf welche Art Du kannst, mir wieder Deine Gegenwart schenkest und mir ein Wort des Trostes schreibest, mindestens auf den Beding, daß ich dadurch erquickt dem göttlichen Dienste heiterer obliegen könne. Als Du mich einst zu zeitlichen Freuden verlangtest, da besuchtest Du mich mit manchen Briefen, da brachtest Du durch manches Lied Deine Heloise in Aller Mund. Von mir hallten alle Straßen, von mir alle Häuser. Aber mit welch größerm Recht würdest Du mich jetzt zu Gott, als damals zur Lust erwecken! Erwäge, ich beschwöre Dich, was Du schuldig bist, beachte, was ich fordere, und so schließe ich den langen Brief mit dem kurzen Ende: Lebe wohl, Du Einziger!
(S. 61-73)
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Dritter Brief
Ihrem Einzigen nach Christus seine Einzige in Christus

(...) O wenn es erlaubt wäre zu sagen, daß Gott mir in Allem grausam ist! O über diese ungnädige Gabe, dies unselige Geschick, das alle Geschosse seines ganzen Angriffs gegen mich schon so sehr verwandt hat, daß es keine mehr besitzt, um mit ihnen gegen Andre wüthen zu können! Den vollen Köcher hat es gegen mich erschöpft, daß nun die Andern seinen Kampf umsonst fürchten. Und hätte es auch noch ein Geschoß übrig, an mir fände es keinen Raum mehr zu neuen Wunden. Eins hat das Geschick gefürchtet, daß ich unter so vielen Wunden durch den Tod die Martern endigen möchte. Es läßt nicht ab mich zu Grunde zu richten, nur will es meinen Untergang nicht, den es doch beschleunigt.
O ich Jammerreichste aller Jammerreichen! Ich Unseligste der Unseligen, einen je erhabenern Rang ich behauptete, vor allen Frauen in Dir erhöht, um so schwereres Leid hab' ich in Dir und mir getragen, als ich von dort herabgestürzt ward! Je höher die Stufe der Emporsteigenden, desto schwerer der Sturz der Herabfallenden. Welche unter allen edlen und mächtigen Frauen konnte mir je das Glück voranstellen oder gleichsetzen? Und welche hat es endlich so darniedergeworfen, konnte es so mit Schmerzen erdrücken? Welche Herrlichkeit hat es mir in Dir verliehen! Welchen Verlust hat es in Dir mir bereitet! Wie gewaltig war es mir auf beiden Seiten, sodaß es weder im Guten noch im Schlimmen Maß hielt! Und mich zur Unglücklichsten von Allen zu machen hatte das Schicksal mich vorher seliger als Alle werden lassen, daß wenn ich bedächte, wie Großes ich verloren, ich dann von einer desto tiefern Wehklage verzehrt werden sollte, je größrer Verlust mich darniederdrückte; daß ein desto stärkerer Schmerz über das Entrissene nachfolgen sollte, je größre Liebe zu dem, was ich besaß, vorausgegangen war; daß die Freuden der höchsten Wonne das Leid des tiefsten Wehs endigen sollte. Und daß aus dem Unglück noch ein heftigeres Gefühl der Kränkung erwüchse, wurden alle Rechte der Billigkeit gleicherweise bei uns verkehrt. (...)
(S. 86-87)

(...)
So süß waren mir aber jene Freuden der Liebe, die wir zusammen genossen, daß sie mir nimmer mißfallen und kaum in der Erinnerung verbleichen können. Wohin ich mich wende, überall tritt ihr Verlangen mir vor Augen, und ihre Bilder lassen mich nicht ruhig schlafen. Bei der Feier der Messe sogar, wo das Gebet das reinste sein soll, halten die üppigen Phantasiegestalten jener Lust so sehr meine unglückliche Seele gefangen, daß ich mehr ihrem schmählichen Reiz als dem Gebet nachhange. Über das Begangene sollte ich weinen, aber ich seufze nach dem Verlorenen.
Und nicht blos was wir gethan, auch Ort und Zeit, da wir es thaten, sind so meinem Geist eingeprägt, daß ich dort mit Dir zusammen bin und auch im Schlafe keine Ruhe davon habe. Ja manchmal werden durch die Bewegung meines Körpers die Gedanken meiner Seele verrathen und vor unvorsichtigen Worten können sie sich nimmer hüten. O ich bin in Wahrheit elend und würdig jenes Klagerufs der seufzenden Seele: "Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?" Daß ich doch auch das Folgende der Wahrheit gemäß hinzufügen könnte: "Die Gnade Gottes durch Jesum Christum, unsern Herrn."
Diese Gnade, mein Theuerster, kam Dir zuvor, sie befreite Dich von diesem Sinnenreiz und heilte viele Wunden der Seele durch die eine des Körpers, und da, wo Gott Dir am härtesten zuwider scheint, hat er sich Dir mild erwiesen nach Art eines treuen Arztes, der unsres Schmerzes nicht schont, aber für unsere Genesung sorgt. Mir aber entzündet das jungendliche Feuer meines Alters und die Erfahrung der süßesten Freuden jene Reizungen des Fleisches, jenen Brand der Lust auf's heftigste, und in diesem Kampf werde ich um so leichter überwältigt, je schwächer die Natur ist, die er angreift. Keusch nennen sie mich, die die Heuchlerin nicht ertappt haben. Die Reinheit des Leibes legen sie mir als Tugend aus, da doch die Tugend nicht des Körpers, sondern des Geistes ist. Einiges Lob habe ich vor den Menschen, keines verdiene ich vor Gott, der Herzen und Nieren prüft und in das Verborgene sieht. (...)
(S. 91-92)

(...) In jeder Lage meines Lebens aber, Gott weiß es, habe ich mehr gescheut, Dich zu beleidigen, als Gott; mehr als ihm strebte ich Dir zu gefallen. Dein Gebot trieb mich zum Nonnenstand, die Liebe zu Gott zog mich nicht dazu heran. Siehe, welch ein unglückliches, wie ganz unseliges Leben ich führe, da ich hier so Vieles vergebens ertrage und dort in Zukunft keinen Lohn dafür habe. Auch Dich, wie Viele, hat lange der Schein getäuscht, für Religion nahmst Du die Heuchelei; darum besonders befiehlst Du Dich meinem Gebet, und forderst von mir, was ich von Dir erwarte. O traue mir nicht zu viel zu, daß Du nicht säumest, mir mit Gebet zur Seite zu stehen! Halte mich nicht für gesund, damit Du mir die Gunst der Heilmittel nicht entziehest. Erachte mich nicht für reich, damit Du nicht zauderst meiner Noth Hilfe zu bringen. Glaube nicht, daß ich wohl und stark sei, damit ich nicht eher zusammensinke, als Du die Wankende stützest. Erdichtetes Lob hat Manchen geschadet und ihnen den Schutz entzogen, dessen sie bedurften. (...)
(S. 93)
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Aus: Abälard und Heloise
Ihre Briefe und die Leidensgeschichte
übersetzt und eingeleitet durch eine Darstellung
von Abälards Philosophie und seinem Kampf mit der Kirche
von Moriz Carriere [1817-1895]
Gießen J. Ricker'sche Buchhandlung 1844



 



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