Else Galen-Gube (1869-1922) - Liebesgedichte

Else Galen-Gube

 


Else Galen-Gube
(1869-1922)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

 

Am Kamin

Abendstille! Dämmrungsschatten gleiten
weich und schmeichelnd auf den Teppich nieder;
die Konturen deiner mächtgen Glieder
seh ich schemenhaft nur wie von weitem.

Vom Kamin her züngelt Feuerschein
um dein Antlitz. Tausend Funken sprühen
zwischen dir und mir – sieh, wie sie glühen, -
dann verglimmen sie. Wir sind allein …

Und des Vollmonds fahle Lichter weben
um uns beide ihren Zauberkreis.
Draußen tobt der Großstadt ruhlos Leben,
hier ists still! So ganz dir hingegeben
fühl ich deine Liebe – brennend heiß.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 19)
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Sonnenuntergang

Abends wenn die Sonne untergeht,
sitz ich trauernd, träumend in Gedanken
an die Stunden, die in nichts versanken,
bis die alte Zeit mir aufersteht.

Schemenhaft naht mir vergangnes Glück,
meinen Kummer täuschend zu besiegen.
Mit der Dämmrung kommt es aufgestiegen,
nur mein Liebstes bringt es nicht zurück.

Ruhelos, verzweifelt irr ich dann
durch die Zimmerflucht beim Abendscheine.
Einen Tag wie alle Tag alleine -
Komm, o komm doch, heißgeliebter Mann!

Hilf der hoffnungslosen Liebe Not,
du, mein Gott, reiß ab die Lebensstunden,
heilt so leicht doch alle Herzenswunde
handauflegend der Erlöser Tod.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 68)
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Hymen

Am Horizont verglimmt des Tages Schein,
der Abend sinkt in satten Farbengluten;
im fernen West will sich der Tag verbluten,
wir beide endlich, endlich ganz allein.

Du schaust mir selig lächelnd ins Gesicht,
an meinen Wimpern siehst du Tränen hangen;
zwei heiße Zähren, die nach Zweifelsbangen
das Glück gebar. O das verstehst du nicht.

Lös nicht den Gürtel jetzt mir vom Gewand,
entweihe nicht die Heiligkeit der Stunde;
dein bin ich, dein aus tiefsten Herzensgrunde -
Komm, leg auf meine Stirn nur deine Hand.

Ich weiß, du hast dich ja nach mir verzehrt,
in wilder Sehnsucht, schweigend, ohne Klagen;
grausam bin ich – und doch, konnt ich denn sagen:
"Dein eigen sei, was du so heiß begehrt?"

Was blickst du so verstört, so starr mich an?
Nichts soll sich zwischen unsre Liebe türmen?
O du - - ich weiß. Du willst den Himmel stürmen ..
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
So stürm ihn denn, du heißgeliebter Mann.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 71-72)
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O, sprächst du doch heute noch .. "bleibe!"

Am nächtlichen Himmel stand der Mond
hell prunkend als Silberscheibe,
du hingst, ein selig Gekreuzigter,
an meinem jungen Leibe.

Du küßtest mich wild, dein Atem war
so heiß und dein an mich Schmiegen
enger und enger voll Leidenschaft,
wir drohten zu unterliegen …….

Da flehtest du leise: "Bleib bei mir – du! ..
Laß mich nicht so in das Leben,
in die Welt, in den tobenden Kampf hinaus,
eh du mir dein Alles gegeben! –"
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Ich ging! Der Mond stand noch leuchtend hell
am Himmel als Silberscheibe -
O, sprächst du doch heute wie einst im Lenz
dein liebezitterndes "Bleibe"!

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 22)
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Wortlose Liebe

Am Ostseestrande rauscht leis das Meer,
der Vollmond ist aufgegangen.
Wir beide allein im Dünensand,
und um uns das nächtliche Prangen.

Ich küsse dir schweigend dein Gesicht,
deine lieben, braunen Hände.
Du küßt mich, es glühn deine Lippen dicht
über dem Herzen wie Brände.

Nicht sprechen, auf daß nicht der Zauber verrinnt,
die Wellen murmeln so leise;
von weltfernen Inseln bringt uns der Wind
eine heiße Zigeunerweise.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 89)
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Da draußen in der großen Welt

Da draußen in der großen Welt,
da harrt man mein.
Ich stehe in der Kammertür
und warte dein.

Ich blick erschauernd in die Nacht,
hab manch "Gesicht" -
Mein Leib erbebt, vor Frost? Vor Glut?
Doch du kommst nicht.

Noch wart ich eine kurze Zeit
in dunkler Nacht;
die Augen, die du einst geliebt,
sind so verwacht.

Der Mund, den du so heiß geküßt,
ist welk und blaß,
der Pfühl, auf dem dein Antlitz lag,
von Tränen naß.

Da draußen in der großen Welt,
da harrt man mein …
Da – sagt man – soll so leicht, so bald
vergessen sein.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 110-111)
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Der schwerste Kampf

Das war der schwerste Kampf den ich gerungen,
der Kampf mit meiner großen Leidenschaft;
und siegreich habe ich mich selbst bezwungen
mit meiner ganzen, starken Willenskraft.

Es war ein Kampf, ein Kampf auf Tod und Leben,
ein Kampf um Erden- und um Himmelslust.
All meine Schönheitsmacht hätt ich gegeben,
wenn ich – daß du mich wahrhaft liebst – gewußt.

Vielleicht wird es dein Mund mir offenbaren,
wenn Schneesturm jede Sommerspur verweht,
wenn längst der Schnitter hat im Feld gemäht, - -
auf dem wir träumten und glückselig waren.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Zu spät!

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 47)
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Der Lauf geladen …

Der Lauf geladen und der Hahn gespannt -
im Kissen tief versenkt die Giftphiole,
mit irrem Lachen streck ich meine Hand,
unschlüssig, was ich wählen soll und hole
ein Bild, von Küssen und von Tränenspur
schon halb verwischt, und einen Brief zerknittert.
- Es fuhr ein Sturmwind durch die Frühlingsflur,
der Blitz schlug ein, verheerend hats gewittert.

Lang ist es her! Es kam der Lenz und schwand
viermal seit jenem grausen Wetterschlage,
nicht starb die Sehnsucht nach dem stillen Land.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Mich aber fesselt eine Kinderhand,
und grau in grau verdämmern meine Tage.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 117)
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Sturmnacht

Der Sturmwind singt sein Werbelied
vor meinem Kammerfenster;
die Nacht ist dunkel, die Nacht ist still,
die Schatten stehn wie Gespenster.

Die Nacht ist einsam, die Nacht ist lang,
mein Sehnen nach dir ist so wild …
Ich seh an die Scheiben des Fensters gepreßt
dein geisterhaft blasses Bild.

Die Nacht ist verschwiegen, die Nacht ist stumm;
komm zu mir zur Kammer herein,
und fülle den kleinen dunklen Raum
mit all deinem Sonnenschein.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 52)
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Roter Mohn

Der Wald steht grün. Die Wiese ist mit Blüten
so reich besät wie dort das Aehrenfeld
mit rotem Mohn – dem vollen, lichtdurchglühten.

Es strotzt im Frühlingsschmuck die ganze Welt;
rings um mich her ein üppig Blühen, Prangen,
voll von Begehrlichkeiten und Lichtverlangen.

Hoch steht das Gras, gewiegt vom Windesfächeln.
Ganz still-verträumt seh ich den Halmen zu,
um meine Lippen spielt ein mattes Lächeln.

Der Wind küßt meine Stirn – warum nicht Du? ..
O du, o du, daß jetzt in dieser Stunde
dein Arm mich nicht umschlungen hält im Mohn,
daß heiße Küsse nicht von deinem Munde
auf meinen sehnsuchtsoffnen Lippen lohn! ……..

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 23)
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Eine Heimat

Die Meereswogen schäumen sturmgepeitscht,
der weiße Gischt spritzt auf an kahlen Felsen,
ich sitz am Strand,
und meine Blicke schweifen in die Ferne
auf Meer und Land.

Die See ist blauschwarz und der Himmel trüb,
im fernen Westen dräun Gewitterwolken,
grell zuckt es auf,
und wie ein Rüde grollend folgt der Donner
dem Blitzeslauf.

Die Küste ists von deinem Heimatland,
an der ich träumend heut nach Jahren liege,
vom Sturm berannt!
Ich fühl ihn nicht: Mir liegt das Land in Sonne,
wo ich dich fand! - - -

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 115)
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Die Rosen her

Die Rosen her! Soviel der Garten beut,
sie alle, die da blühen, will ich brechen;
und wenn mich auch die Dornen blutig stechen,
ich weiß ja, daß es nimmermehr mich reut.

Die Rosen her! Geht, flechtet sie zum Kranz,
reiht zu Girlanden sie, zu Ehrenpforten
und windet Blumen mir zu Liebesworten
für dieses Tages feierlichen Glanz.

Die Rosen her! Die ganze duftge Pracht!
Ich will sie meinem Weib zum Teppich breiten,
denn eine Königin soll die Liebste schreiten
auf lauter Rosen in die Hochzeitsnacht.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 37)
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Mich reizt deine Jugend

Du bist an Liebe unsagbar reich,
Glück gibst du mit vollen Händen;
es reizt mich, dich, deine Jugendkraft,
zu vergeuden und zu verschwenden …

Du bist so jung und du bist so schön;
es lockt mich mit Höllengewalten,
dich diese zwei Nächte in jubelnder Lust
an meinem Busen zu halten …

Du bists, um den ich aus weiter Fern
vom Osten zum Westen jage,
und kostets die ewige Seligkeit mir,
ich geb sie für diese zwei Tage …

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 31)
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Nun sieh Dein Werk ...

Du botst mir deinen Mund zum Kusse dar
und ich sprach "Nein", zum Trotz den wilden Gluten,
die, seit der Stunde, wo ich dich gesehn,
mein ganzes Sein wie Lavastrom durchfluten.

Die mich verzehren, mir die Seele fast
versengen wie mit Fegefeuerbränden;
ich weiß es ja, die tolle Leidenschaft,
die Sinnenglut für dich wird niemals enden.

Du selber in vermeßnem, eitlem Spiel
hast, als wir einst das erste Mal zusammen,
den Funken, bis er brannte, aufgeschürt!
Nun sieh dein Werk - - ich steh in hellen Flammen!

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 55)
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Du fehlst mir so

Du fehlst mir so! Die stillen Stunden schleichen
durch meine Einsamkeit. Des Sommers Schwüle
liegt sengend über meinem glühndem Haupt,
und in den lichtdurchtränkten Vollmondnächten,
die mich mit ihren wilden Träumen schwächten,
hat die Erinnrung mir den Schlaf geraubt.

Du fehlst mir so! Ich höre deine Schritte,
die sporenklirrend durch die Halle dröhnten,
die liebe Stimme, die mich einst berauschte,
dein liebetrautes Flüstern längst nicht mehr;
auf meinem Lager schluchz ich sehnsuchtsschwer:
"Daß doch dein Mund mit meinem Küsse tauschte!"

Du fehlst mir so! Einst fühlt ich deine Nähe,
wenn du mich stark und heiß am Herzen hieltest
in werbender Umarmung jede Nacht.
Versiegt ist längst mir deiner Liebe Bronnen, - - -
ich blicke in die Einsamkeit – versonnen -
verträumt, verwacht.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 109)
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Die Spur im Schnee

Du gingst von mir! Die Nacht war sternenklar,
rings zitterte der Rauhfrost auf den Bäumen,
und eisig strich der Windhauch durch den Tann.
Reglos stand ich und sah in Zukunftsträumen
dir lächelnd nach, noch ganz in deinem Bann.

Ich hörte wie dein rascher Schritt verklang
und sah im Schnee die Spur von deinen Füßen
- das einzige, was von dir übrig blieb -
und dennoch schiens mir wie ein heimlich Grüßen,
wie ein Geständnis: "Du, ich hab dich lieb."

Sag es mir nicht mit lautem Menschenwort,
sieh, ich verrats ja nur durch meine Lieder,
daß du mein ein – daß du mein alles bist …
Doch komm so oft, so bald du kannst mir wieder,
du weißt ja nicht – wie sehr ich dich vermißt.

Wenn ich mich täuschte! Wenn nichts mehr von dir,
als jene Spur im Schnee zurückgeblieben!
Verzweiflung packt mich an mit wildem Schmerz.
Doch nein – nur mir gehört dein stummes Lieben,
du brachtest mir ja heut zum Pfand dein Herz.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 69)
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Aufschrei

Du ließest hier zurück dein junges Weib,
das einen Wunsch nur hatte hier auf Erden:
Dein, dein zu sein mit Seele und mit Leib!

Was soll aus mir Verzweifelten nun werden?
Mit deinem Tod erstarb mein Liebesglück,
und nur mein heißes Herz blieb hier zurück.

Schwül naht die lange Nacht mit ihren Träumen,
es weht ein Odem von Erinnrungsduft,
doch zwischen dir und mir gähnt deine Gruft.

Noch alles ist wie sonst in diesen Räumen;
nur eins, mein Bestes und mein Liebstes fehlt,
du, dem ich mich aus Leidenschaft vermählt. …

Hier ruhte einst dein Kopf und dort die Hände,
mein Antlitz neben dir, ganz dicht im Pfühl,
umweht von deinem Atem wonnig-schwül.

O, daß ich einmal noch dich wiederfände!
Nicht wiedersehen, nein, dich wiederhaben
und nach der Stunden Glück das Glück begraben.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 78)
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Tiefe Seligkeit

Du schlummerst. Und ich sitze still bei dir,
so still! Die Mitternacht ist längst vorüber,
die Wanduhr tickt und tiefe Seligkeit
erfüllt mich. – Eine Seligkeit so groß,
so namenlos, so heilig wie ich sie
bisher nicht ahnte, noch verstanden hätte …
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Du hast kein Wort von Liebe mir gesagt,
mich kaum geküßt; nur deine Augen sprachen
von allem, was dein Mund mir heut verschwieg.
Dann noch ein Blick – und ruhig schliefst du ein.
Nun lausch ich deinen leisen Atemzügen
und rühr mich nicht; ich seh dich schweigend an.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Rings tiefe Stille, nur die Wanduhr tickt
harmonisch mit den Schlägen meines Herzens.
Und mit der großen, tiefen Seligkeit
bin ich erfüllt, seit du so ganz mein eigen.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 92)
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Jugendliebe

Du sollst mir den lodernden Sinnenbrand
mit deinen rasenden Küssen kühlen,
du sollst mit der schlanken, weißen Hand
in meinen wirren Locken wühlen.

Du sollst, wenn der Abend herniedersteigt,
lautlos wie damals zu Füßen mir liegen,
dein Antlitz in meinen Schoß geneigt,
und selig dich wieder an mich schmiegen.

Du sollst vergessen, daß zwischen uns zwei
ein andrer getreten in mein Leben,
der mir vernichtete meinen Mai …
Ihn deckt die Erde – ihm sei vergeben.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 33)
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Unter südlichem Himmel

Ein weltferner Winkel – verschwiegen und stumm,
rings Abendschweigen um uns herum.
Im Westen verglimmendes Sonnenlicht,
an meinem Busen dein Angesicht.
Ganz still, ganz traut,
nichts in uns laut,
als die tiefe, große Glückseligkeit
unter Hellas' Himmel – so weltenweit!

Ganz plötzlich da greifst du mit deiner Hand
in mein rotes Haar – und schaust wie gebannt
in die Augen mir – und küßt meinen Mund
und fragst mich: "Denkst du noch jener Stund,
wo wir allein
am Waldesrain?
Wo ich lechzend zu deinen Füßen warb,
bis im Kuß erstickt deine Weigrung erstarb?"

Da wühlt aufstöhnend und keuchend vor Lust
mein roter Mund sich in deine Brust,
da schlägt die Zähne in deinen Leib
sinnlos vor Liebe dein bebendes Weib. - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Rings nächtliches Schweigen um uns herum.
Der Tag ist verblutet – das Leben ward stumm.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 15)
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Es lechzte nach mir so sündhaft dein Mund …

Eine Schneesturmnacht! – Tief brauste im Grund
der Wildbäche toll Getose,
da lechzte nach mir so sündhaft dein Mund,
nach mir und meinem Gekose …

Ein kurz Besinnen. Den Ranzen geschnürt,
fort zogst du in deutsche Lande.
Frau Sehnsucht hatte die Gluten geschürt!
Frau Sehnsucht! Du kennst keine Bande!

Es brauste der Zug über Pässe und Höhn
in wildem, rasendem Jagen,
es sang sein jubelnd Brautlied der Föhn:
Morgen! Da wirst du sie wiedersehn,
wenn es beginnt zu tagen.

Morgen! – Beim ersten Frührotschein
klopfts an ihr Fenster: "Erbarmen,
laß einen frierenden Bettler ein,
nimm ihn zu dir in die Kammer herein,
in deinen Armen …… ."

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 59)
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O, du Sommernacht

Erbarme dich mein in den Nächten voll Glut,
die mit sengenden Atem die Stirn mir umkosen,
erbarme dich meiner – sie tun mir nicht gut
die Nächte, geschwängert vom Dufte der Rosen.

Wenn Jasmin und Hollunder in Blütenpracht
ihren Kelchen Wohlgerüche entsenden,
dann denk ich an eine Julinacht
mit all ihrem üppigen selgen Verschwenden.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Die Luft ist so schwül, und mein Zimmer so heiß!
Es klopft in den Schläfen, die Pulse fliegen.
Ihr Nächte, wie ich zu hassen euch weiß! -
Ihr zwingt meine Sehnsucht auf Knieen zu liegen.

Und ich fühle den Sommer mit seiner Pracht
tief in mir mit seinem versengenden Feuer -
Wie ich dich hasse, du Sommernacht!
O du Sommernacht, wie bist du mir teuer! –

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 11)
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Es gab eine Stunde

Es gab eine Stunde, es gab einen Ort,
wo du sprachst: "Dich begehr ich wie keine."
Noch tönt mir im Ohr dein flehendes Wort:
"Geliebte, werd endlich die meine!"'
Es blühten die Rosen, die Nachtigall sang
von Küssen, Wonnen und Lieben …
Wir saßen im Walde – fern – Glockenklang, -
- - - O, wäre ich damals geblieben.

Es gab eine Stunde, da rauschten im Rhein
so lockend die blaugrünen Wogen,
da fehlte der Mut mir zum Glücklichsein,
da hab ich uns beide betrogen -
Betrogen um alles, was lebenswert,
um die höchste der Göttergaben,
da hab ich in falschem Stolz dir verwehrt
mich selbst – und du solltest mich haben …

Und dann kam eine Stunde der bittersten Reu
und ein schmerzlich-sehnend Verlangen;
da bin ich ganz leise, heimlich und scheu
zu dir aus Liebe gegangen - - -
Wohl blühten noch Rosen, wohl sang noch im Hain
die Nachtigall ihre Lieder,
zu spät wars, wir sollten nicht glücklich mehr sein -
da ging ich und sah dich nicht wieder.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 22-23)
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Ballade

Es klingt aus alten Zeiten
mir eine Mär so traut,
von einem blonden Komteßchen,
das wurde Königsbraut.

Sie liebten sich heimlich so innig:
Doch der alten Königin
wollte die Liebe der beiden
aus Hochmut nicht in den Sinn.

Sie sprach zu ihrem Sohne,
das Antlitz aschenfahl:
"Es kostet dir Zepter und Krone,
nimmst du die Dirn zum Gemahl.

Es rollt in ihren Adern
kein Tröpfchen fürstlich Blut,
und Kaiser Ferdinands Tochter,
die schwarze Schön-Ann, ist dir gut."

Das süße Komteßchen hörte
es unten auf einsamer Bank,
sie weinte bittre Tränen
und schlich sich zum Söllergang.

Sie stieg hinauf zur Zinne:
"Leb wohl, lieb König mein,
leb wohl, du süße Minne,
ich senke mein Leid in den Rhein."

Der blinkte und winkte so silbern
beim bleichen Mondeslicht,
der König freite Schön-Annchen,
die blonde Komteß sah man nicht.

Es sah sie niemand wieder,
es wird sie niemand sehn,
es mußte Lieb und Treue
schon damals zu Grunde gehn.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 79-80)
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Wir haben umsonst nicht Europa durchquert

Es stampft die Maschine, die Funken sprühn,
die Bilder zerflattern in tollem Jagen
wie Spreu im Winde, und sengend glühn
die Sonnenstrahlen in diesen Tagen.

Ich lehne ermattet und müd das Haupt
zurück in die Kissen; ein seliges Dämmern,
das mir den Schlummer, die Ruhe raubt,
kommt über mich – doch die Pulse hämmern.

Ich werde endlich, mir ists wie ein Traum,
dich wiedersehn nach der Trennung, der langen;
du großes Glück, o, ich fasse dich kaum,
vorbei sind Sehnsucht, Zweifel und Bangen.

Wir wollen, was uns das Schicksal versagt,
kühn jetzt erobern und Ketten sprengen,
und wenn es zweimal im Osten getagt,
uns keuchend Busen an Busen drängen.

Dein ist dann, was du so heiß begehrt
im Weltenwinkel, ganz still und verschwiegen …
Wir haben umsonst nicht Europa durchquert,
wir werden uns wieder am Herzen liegen.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 15-16)
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Fern

Fern vom Strand, wenn an den Felsenklippen
scheidend, glühend-rot der Tag verglomm,
hauchen in die Dämmrung meine Lippen
still verträumt ein sehnsuchtszitternd: "Komm!"

Meine Blicke, die noch tränenfeuchten,
streifen hoffnungslos den öden Strand.
Stille rings! Die See, vom Meeresleuchten
überflutet, trägt ihr Prachtgewand.

Sinnend weil ich in dem Zauberlande,
bis der Vollmond küßt die schwüle Nacht,
träum, ich ruht in deinem Arm am Strande,
wachgeküßt von deiner Liebesmacht.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 111)
_____

 

Morgen

Frostig in die Ecke gekauert,
von Kälte und Sturm bis ins Mark durchschauert,
liege ich zitternd mit klappernden Zähnen,
und zerrissen von sündhaftem Sehnen,
tief im Coupé in die Kissen vergraben.
Und ein einzger Gedanke nur lebt in mir
neben der wahnsinnigen Sehnsucht nach dir:
morgen werd ich dich wiederhaben - -
morgen!

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 48)
_____

 

Frühling?

Frühling ists, die Glocken läuten,
Dämmrung liegt auf Wald und Flur,
einsam geh ich, traumverloren
durch die knospende Natur.

Oftmals sind wir hier gewandert
durch die blumenduftge Au,
Hand in Hand zwei Frühlingskinder,
und der Himmel stand in Blau.

O, wohl spinnen in den Lüften
Lenz und Liebe ihren Duft,
doch aus kranzbedeckten Grüften
weht es kalt wie Winterluft.

Und es will nicht Frühling werden
in dem Herzen gramgeschürt,
seit das Liebste mir auf Erden
Wintersturm hinweggeführt.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 107)
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Zwei Nächte

Hab ihn genommen an meine Brust,
ihn zu erwecken zu neuer Lust ……
Geküßt auf den kalten, bleichen Mund,
geküßt, bis mir meine Lippen wund!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
In seiner letzten, der Todesnacht,
hab jäh ich gedacht
an eine andre, die erste Nacht.

Heut kalt der Liebste und damals so heiß,
im Haar trug ich Schleier und Myrtenreis,
sie hüllten zwei selige Menschen ein,
die wollten beide nur eins noch sein ……

Warum hieltst du nicht Wort? Warum tauschtest du heut
mit dem Hochzeitsgewand das Totenkleid?
Und es kommt noch so manche, lange Nacht - -
meine Liebe, die ist nun aufgewacht!
Du hast sie mit deinen Küssen geweckt,
du hast sie aus ihrer Ruhe geschreckt,
du hast sie hungern und dürsten gemacht
nach den Seligkeiten der Frühlingsnacht!

Da liegst du – tot - -
und in mir loht
weiter und weiter der heischende Brand,
und bald – dann kommt der Frühling ins Land,
und kein Mund, der mir rot die Lippen küßt,
wenn die spähende Sonne ging zur Rüst.

Liebster, Geliebter! - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
In deiner letzten, der Todesnacht,
hab jäh ich gedacht
an eine andre, die erste Nacht. - -

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 61-62)
_____

 

Hast mir kein Lebwohl gesagt …

Hast mir kein Lebwohl gesagt,
nur: "Komm, und weck mich in drei Stunden" -
Und als ich wieder zu dir kam,
hab ich dich tot und kalt gefunden.
Dein Herz stand still, dein Mund bleibt stumm.
Allmächtiger! Warum, warum?

Hast mir so großes Glück geschenkt,
so groß – ich konnt es oft nicht fassen:
Du gabst es und du nahmst es mir,
mein Allerliebstes mußt ich lassen.
Ich klage nicht, ich bete stumm,
doch frag ich mich: "Warum, warum?"

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 63)
_____

 

Im Domino

Heimlich, vermummt bin ich zu dir geschlichen
leise auf knisternden Sohlen der Nacht,
heimlich bin ich dir wieder entwichen,
als im Osten das Frührot erwacht.

Lagst noch so selig im festesten Schlummer,
halb vergraben an meiner Brust,
weißt du, Liebster, es machte mir Kummer,
daß ich so früh schon von dir gemußt.

Aber ich komme ja morgen wieder - -
heimlich! – O Schatz, wie süß wird das sein,
draußen vorm Fenster duftet der Flieder
in unsre seligen Träume hinein.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 93)
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Trauer in der Natur

Heute war ich an der Stätte,
wo ich oftmals mit dir ging,
wo dein Arm, der treue, starke
zärtlich meinen Hals umfing.

Damals blühten Sommerrosen,
heute peitscht der Sturm den Schnee,
und es starrt in eisger Decke
nun der waldumhegte See.

Unterm Strauche, wo im Lenze
Vöglein sich ihr Nest gebaut,
liegt jetzt tot ein bunter Sänger,
in der Kehle starb sein Laut.

Von dem Zauber dieser Stätte
welch ein wehmutvoller Rest! -
Seit du gingst, Geliebter, feiert
die Natur ihr Totenfest.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 69)
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Autodafé

Ich habe dich heut Nacht im Traum gesehn:
Auf einem Scheiterhaufen standest du,
umloht, umzingelt wohl von tausend Flammen,
die schlugen über deinem Haupt zusammen,
sie ließen dir zum Sterben keine Ruh.

So fand ich heut ein Bild des Jammers dich,
die Lippen trocken und die Augen leer,
so schmerzzerrissen deine schönen Züge. -
Wardst du das Opfer jener großen Lüge,
die dich getäuscht, wie Kinder eine Mär?

Es schwellt die Flamme, sengend heiße Glut
umloht dein Antlitz, deinen jungen Leib,
ihn zu vernichten; Feuerzungen strecken
sich aus nach dir. Wie sie sich gierig recken! -
Durch Rauch und Feuer komme ich, dein Weib! -

Und wie ich dich im Leben nicht geliebt,
so toll, so wild preß ich dich an die Brust,
um mich im Flammengrab dir zu vermählen.
Ich konnte zwischen Tod und Leben wählen
und gebe mich dir hin als letzte Lust.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 27)
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Gabe

Ich habe ein Geschenk dir noch zu geben
und bitt dich auf den Knieen: "Nimm es hin!"
Es ist mein ganzes, reiches Seelenleben,
mit dem ich dein, allein dein eigen bin.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 77)
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Rache?

Ich hatte wohl nichts so toll begehrt
wie dich, grad weil du mir verwehrt
deinen Leib, den götterschlanken,
den ich an mich riß in den Nächten voll Qual,
mit wollustgen Schauern wohl tausendmal
in meinen wilden Gedanken.

Ich hab dich geküßt auf den Mund so rot
mit der Flammenliebe, die in mir loht,
mit den Lippen, den sengend-heißen.
Du aber bliebst ruhig und eisig-kalt,
du Moralist mit der Reckengestalt,
auch bei Peitschenhieben und Beißen.

Ich aber, ich krümmte und wand mich in Lust
und grub meine Nägel in deine Brust
wie das Raubtier die wuchtige Tatze.
Ich hatte ja nicht deine Kälte gespürt,
weil ich selber mein eigenes Feuer geschürt
als rassige Panterkatze.

Heut aber, heut werd ich nicht um die Welt
in den Armen dir liegen, wenns dir gefällt,
deine Asche an mir zu entflammen!
Ich hasse dich nicht! – doch du bist mir gleich …
Mein Mund brennt so rot und deiner ist bleich -
Wir passen, weiß Gott, nicht zusammen!

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 29)
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Mir ist, als wärst du so ganz bei mir

Ich kann mich heut aus meinem Traum nicht ringen,
aus meinem Traum von Liebe und von dir,
ich kann die Phantasie nicht niederzwingen,
mir ist, als wärest du so ganz bei mir …

Ich fühle deinen Atem mich umwehen,
wie in der Dämmerstunde, wonnigtraut;
im Arm könnt ich dir liebestoll vergehen
bei deiner Stimme süßem Schmeichellaut.

Jetzt hältst du mich mit Leidenschaft umschlungen,
jetzt werd ich dein, dein eigen ganz – und dann …
besiegt, von deiner jungen Kraft bezwungen,
stammle ich selig nur: "Du lieber Mann …"

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 32)
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Götzendienst

Ich knie vor dem Altar, den ich der Liebe
für dich geweiht, doch bring ich weder Kerzen,
noch Rosen, und auch Weihrauch streu ich nicht.
Ich hab für dich noch andre Opferspenden.
Zum Allerheiligsten in meinen Händen
trag ich als Liebesgabe ein Gedicht.

Ein Lied, ein schlichtes Lied nur will ich singen
vom Glück, geboren einst in heilger Stunde,
ein Hymnus voller Jubel soll es sein.
Laß mich ihn knieend dir zu Füßen legen
und spende mir als Priester deinen Segen,
du, meines dunklen Schicksals Sonnenschein!

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 94)
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Danaë's Traum

Ich träumte jüngst, ich wäre Danaë,
und Du wärst Zeus, strotzend in Jugendfülle.
In zügellosem Glück, in wildem Weh
fiel endlich unsrer Leidenschaften Hülle.

Goldregenzweige über Brust und Haupt,
und Vollmondlicht auf den zerwühlten Kissen.
In dieser Stunde hast du mir geraubt
das Letzte - als du mich an Dich gerissen …

Flammendurchlodert, liebestoll und wild,
von Leidenschaft berauscht, die Sinne trunken,
so bin ich dir, du mannhaft Götterbild,
zu Füßen, Herrin, Sklavin, hingesunken.

Nicht deinen Reichtum wollt ich, nicht dein Gold,
mit Liebe zahltest du die schwülen Nächte - -
Wußt ich Unselige denn, daß dieser Sold
dich an den Bettelstab in kurzem brächte?

Was tuts? Ein einzig Mal nur strotzt im Mai
der Baum in seiner vollen Kraft und Blüte -
Mich hat er überschüttet – ach, vorbei!!
Nichts gibt er mehr, nichts, was mich sonst durchglühte.

Goldregenstrauch - - es kam des Winters Weh;
nur manchmal träum ich von den blühnden Zweigen,
daß sie zu mir, der blonden Danaë,
um Mitternacht in meinen Schoß sich neigen …

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 13-14)
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Lenzsturm

Ich weiß es nicht, was ficht mich heute an -
mir ist, als flüsterten die blauen Wogen
von einem, der landeinwärts fortgezogen.

Der Sturmesrosse tolles Viergespann
umtost das Floß, auf dem ich einsam stehe
und traumverloren hin zur Ferne sehe.

Da, ungeahnt, umfaßts mich mit Gewalt,
es reißt und zaust ohn Gnade und Erbarmen
in meinem Haar – es hält mich in den Armen.

Es küßt mich toll, ich such nach einem Halt
und greif ins Leere. Wieder, immer wieder
umschlingt es mich und zieht mich zu sich nieder.

Verzweifelt ringen wir. Du! Meine Kraft
zwingst du noch nicht aufs Brautbett am Gestade,
den Siegespreis verschenkt nur meine Gnade!

Und lachend hab ich mich emporgerafft.
Doch er, der wüste, stürmische Geselle
ließ leichten Kaufs mich nimmer von der Stelle.

Wild küßt er mich, mein Sturmgott – Asathor!
so atemraubend, leidenschaftsdurchglutet,
wie mein Verlangen ihm entgegenflutet.
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Der Lenzsturm wars. Mir kam sein Werben vor,
- weh klingt ein Lied aus fernem Zaubergarten -
als werb ein andrer – den ich längst verlor.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 100-101)
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Wo alle Quellen münden

Ich weiß hinterm Erlbusch einen Platz,
einen Winkel, da möcht ich sterben -
Weißt auch warum? Da liegt mein Schatz,
da ging mein Glück in Scherben.

Da liegt er, ach, schon so manches Jahr
in der kühlen Erde begraben;
der Sturm braust über den Hügel fort,
am Wegrain krächzen Raben.

Das Riedgras wächst und die Wolken ziehn,
manch Wandrer geht still vorüber,
die alte Friedhofmauer stimmt
seine Lebensfreude trüber.

Du Friedhofsmauer, du Rasenstreif,
wer wollt deinen Reichtum ergründen?
Hier ists, wo alle Quellen der Welt
ins Meer der Ewigkeit münden.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 72)
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Sehnsucht nach dir

Ich will dich wiederhaben,
ich sehne mich nach dir …..
Was soll ich so alleine
denn auf der Welt noch hier?

Ich will dich herzen, küssen,
um deinen roten Mund
wollt ich, Geliebter, steigen
bis in der Erde Grund.

Mein Herzblut wollt ich geben
und alle Schönheitsmacht,
könnt ich damit dein Leben
gewinnen eine Nacht! - -

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 70)
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Die Mondaine

Ich will mich heut in dichte Schleier hüllen
und zu dir kommen, wenn der Tag sich neigt;
auf menschenleeren, stillverschwiegnen Pfaden
geh ich zu dir, wenn alles Leben schweigt.

Ich werd im Schatten dunkler Häuser wandern,
von allen unerkannt und ungesehn,
um liebestrunken, wenn der Morgen dämmert,
von dir, aus deinen Armen fortzugehn.

Ich weiß, die Welt nennts einen Schritt vom Wege,
wenn sie es selber auch nicht anders macht.
Komm, laß uns trinken, wir sind beide durstig
nach einer tollen, selgen Liebesnacht.

Ich lieb dich nicht, ich liebe ja den andern,
mein Denken und mein Fühlen ist nur sein - -
doch zwischen ihm und mir ist es zu Ende,
und darum - - - darum werd ich heute dein.

Ich will vergessen, was er mir gewesen,
an deiner Brust im tollen Sinnenrausch,
du sollst mir die geschloßnen Augen küssen,
nur du! - - - Nicht er! O welch ein bittrer Tausch.

Und doch – mir ist als müßt in deinen Armen
ein Ungeahntes, Wildes mir erstehn,
ein Übermenschliches – und nur aus Neugier,
doch nicht aus Liebe werd ich zu dir gehn.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 10-11)
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Brautschau

Ich wußt es, daß der Frühling kam,
daß er mit wildem Werben
mich jauchzend in die Arme nahm,
die Wangen mir zu färben.

Ich ahnt es schon im Februar,
als ich dem tollen Knaben,
die Sonne in dem Lockenhaar,
begegnete am Graben.

Wie ward der Knab doch bald ein Held!
Brautschau hat er getrieben;
und mir – nur mir in aller Welt
gehört sein lachend Lieben!

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 106)
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Semele

In leuchtenden Wettern komm zu mir,
mein Sehnen ist ungestillt;
wenn aus Wolkenfetzen der Sturmgott lacht,
seines Auges Blitze durchlodern die Nacht,
dann will ich dich lieben wild!

Dann will ich dich küssen ungestüm
wie Keine zuvor dich geküßt!
Wie kein Weib dich nach mir mehr umarmen soll,
so wahnsinnig rasend, so liebestoll …….
und wenn ich dann sterben müßt!

Sag, ahnst du denn meine Liebeskraft,
und was ich zu geben vermag?
Wenn die Sonne sich neigte in purpurner Glut,
dann erst wallt und wogt mein Mänadenblut,
und du küßtest mich doch nur am Tag. -

Mit Donnern und Blitzen komm zu mir
im zündenden Wetterstrahl!
Schwing die lohende Fackel in deiner Hand,
reiß als Sieger vom Leibe mir das Gewand -
mein König, mein Herr, mein Gemahl!

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 12)
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In meine stillen Träume …

In meine stillen Träume
schleichst du dich allnächtlich ein,
dein Haupt sinkt an meine Schulter,
der Mond blickt durchs Fenster herein.

Vor meinem Lager duften
die Rosen berückend schwül;
ich berge verwirrt mein Antlitz
in dem seidenen Spitzenpfühl.

Du bist ja zu mir gekommen
im Traume, in der Nacht;
da ist in mir Unglückseligen
die Leidenschaft neu erwacht.

Die Gluten, die schlummermüden,
schlugen zur Flamme empor,
ich suche im Traume das Leben
und finde verschlossen das Tor.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 35)
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Capriccio

Je länger je lieber leg mir auf den Mund
deine Lippen, die wonnigen, süßen,
und laß mich dir tief in die Augen sehn,
so tief – es ist ja nun doch geschehn …
du aber sollst es mir büßen!

Je öfter je lieber schling mir um den Hals
deine Hände, die weichen, die warmen,
doch blick mich nicht wieder so glühend an
wie jüngst in der Mainacht – du böser Mann,
denn heut kenn ich kein Erbarmen ….

Je eher je lieber komm zu mir … doch nein,
der Falter muß flattern und wandern!
Genieße die Blumen, den Sonnenschein,
doch der Rose Kelch wird verschlossen dir sein …
du fliegst ja von einer zur andern!

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 138)
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In einsamer Nacht

Jetzt ruht sie aus im Schoß der dunklen Nacht,
das bleiche Haupt im weißen Pfühl gebettet,
so jung an einen Toten angekettet.

Ich weiß, was sie so arm, so elend macht:
Das wilde Blut tobt heiß in ihren Adern
und doch, sie kann nicht mit dem Schicksal hadern.

Sie hat ihn ja geleert bis auf den Grund
den Zaubertrank aus goldnem Freudenbecher,
ein lebensdurstger, nimmersatter Zecher. - - -

Wie lächelte doch sonst der rote Mund,
der heut so fest geschlossen durch den Jammer!
Sie ist allein – allein in ihrer Kammer.
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Der Mond steigt auf; ein voller Silberschein
fällt auf die blonde, bleiche Frau hernieder,
auf Hals und Arm, - es leuchten ihre Glieder
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für wen, für wen -? Und weinend schläft sie ein.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 112-113)
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Morgenzauber

Lang hingestreckt in frühstem Morgenschweigen
lieg ich im Grün und seh die Gräser wehn;
um mich herum mit leisem Köpfeneigen
als Hofstaat tausend Wiesenblumen stehn.

Der Lenz hat seinen Teppich ausgebreitet,
bunt schmiegt zu meinen Füßen sich die Flur;
scheu noch der Sonne Strahl herniedergleitet,
wachküssend rings die Schönheit der Natur.

Auch mich umarmt er heiß im Liebeslohne
und fängt sich, wie im Netz, in meinem Haar.
Ich rühr mich nicht; ich trage eine Krone -
wer bringt die erste Huldigung mir dar?

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 102)
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. . . . . . . .

Lautlose Stille rings. Das Leben
des Tags verstummt, es harft der Wind.
Ein selig Nehmen, selig Geben - - -
O du! Daß wir so glücklich sind.

Schling mir die lieben, weichen Hände
um meinen Hals, so wild, so toll,
laß mich erschauern ohne Ende
in deinen Armen wonnevoll!

Laß mich erbeben diese Stunde
in nie geahnter sündger Glut
in deinem Arm, an deinem Munde -
Ich lechz nach deinem roten Blut.

Laß mich der Erde Seligkeiten
an deiner Brust durchschauern …..
daß ich in allen Weltenweiten
dich nicht vergessen kann …………….!

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 16)
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Wo bist du, daß du mich rettest?

Mein Liebster hat sterben müssen,
und ich treib mit wallendem Blut,
umbraust von den Wogen des Lebens,
ein ankerlos Schiff in der Flut.

Ein Schiff ohne Ruder und Steuer,
ein brennend Schiff auf der See,
löscht keiner das lodernde Feuer,
löscht keiner mein Leid und mein Weh!

Es hob mich die Welle zum Himmel
und warf mich zerschellt an den Strand -
Wo bist du, daß du mich rettest,
du starke Steuermannshand? - - -

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 134)
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Vom Küssen

Mein Schatz, du kannst nicht küssen;
doch merk es dir genau,
du wirst es lernen müssen,
hast du mich erst zur Frau.

Denn Lieben ohne Küssen
kann gar nicht herzig sein.
Drum wirst dus üben müssen,
das Lieben und das Küssen
bei mir im Kämmerlein.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 17)
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Ein Jahr lang …

Mit lebenshungrigen Augen
sah ich dich ein Jahr lang an,
brennend vor wildem Begehren -
Du heißgeliebter Mann!

Mit liebedürstenden Augen
sah ich dir heut Nacht ins Gesicht,
da hast du mich wild umschlungen - -
und heimlich erlosch das Licht …

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 57)
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Mit klingendem Spiele …

Mit klingendem Spiele zogen sie ein,
vorüber an Feldern und Waldesrain,
in das ländliche Städtchen durchs alte Tor;
die Sonne brach leuchtend aus Wolken hervor,
als der Hohenfriedberger Marsch erscholl,
der wie Sieggesang durch die Lüfte schwoll.

Mein Herzallerliebster, mein Sonnenschein
kam wieder. Bald bin ich nicht mehr allein,
bald werde ich liegen in Wonne und Lust
in seinen Armen, an seiner Brust,
bald wird er mir küssen die Lippen rot …
vorüber sind Sehnsucht und Trennungsnot.

Ganz heimlich hatt ich mich sittsam und fein
versteckt hinter Blumen am Fensterlein;
so glückselig schaut ich zur Straße hinab
und lauschte dem nahenden Hufegetrapp,
es brachte ja jeder Laut, jeder Schritt
das Glück und den Allerliebsten mir mit.

Und als des Abends matt-dämmernder Schein
über Flüssen lag, überm Wiesenrain,
da gingen zwei Glückliche Hand in Hand
weit fort durch das Kornfeld zum Waldesrand,
da haben zwei Selige – daß ihr es wißt -
sich noch, als der Mond kam, ganz heimlich geküßt.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 87)
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Sein Lied

I.
Mit lechzenden Lippen dürst ich nach dir,
du göttliche, schäumende Schale!
Mit des Wüstenwandrers schmachtender Gier
greif ich nach diesem Pokale.

Durch Hirn und Adern, fiebernd und krank
lodern verzehrende Gluten -
Laß deiner Seele lohenden Trank
in meine Seele verbluten!

Und find ich statt Labung nur wilderen Brand -
ich grüße dich, schönes Verderben!
Kredenz mir den Becher, gesegnete Hand,
ich leer ihn – und sei es zum Sterben!


II.
Laß trunken im Rausch mich am Halse dir hangen,
wir feiern die Stunde mit Weinlaub im Haar -
Kredenz mir den Becher, komm, still mein Verlangen,
und reiche die purpurne Schale mir dar!

Ich will meine Lippen, die brennenden roten,
die durstgequälten heut netzen am Trank,
nach dem ich lechze – und wär er verboten,
und macht er an Leib und an Seele mich krank!

Ich schmachte nach dir, und ich werd dich umwerben,
dein Sklave, dein König, du herrliches Weib!
Sei mein eine Stunde – dann will ich sterben …
eine Stunde nur mit Seele und Leib!

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 25-26)
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Heute wie morgen allein

Mit meinen heißen Gefühlen
bin ich zum Rasten verdammt,
wenn in den jagenden Adern
glutrot die Leidenschaft flammt.

Mit meinen brennenden Lippen
heute wie morgen allein -
das kann, du Vater im Himmel,
niemals dein Wille sein.

Was hast du so früh ans Sterben,
mein totes Lieb, gedacht?
ich liege in bräutlichen Schleiern
bebend die ganze Nacht ……

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 73)
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Sel'ger Tausch

Mit stolz erhobnem Haupte kann ich gehn,
denn meinen Nacken beugte nie die Sünde,
nie blickt ich in des Lasters tiefe Gründe,
kann jedem Menschen frei ins Antlitz sehn!

Und doch – bei Gott – ich gäb voll Freudigkeit
all meinen Stolz für eine heiße Stunde
in deinem Arm, an deinem roten Munde
und wäre selig bis in Ewigkeit.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 97)
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Im Ginster ....

Nicht sehen will ich dich – will dich nur fühlen
in der dunklen still-verschwiegenen Nacht,
will meine Lippen in deine wühlen,
bis rot die Sonne am Himmel lacht.

Weiß ja, wie du ausschaust – auch wenn es finster,
das Licht längst erloschen im Kämmerlein ….
Gerad so wie damals, wo wir im Ginster
lagen – in Zukunftsträumerein.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 20)
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Kein Vergessen

Nie werd ich es vergessen,
du heißgeliebter Mann,
daß still mein ganzes Leben
mit deinem Tod verrann.

Nie mehr soll ich dir lauschen,
nie deine Augen sehn,
nie mehr wirst du mich küssen,
mein wilder Frühlingsföhn.

Nie mehr werd ich umschlingen
dich reckenhafter Mann,
der mir mit selgem Lachen
den Gürtel abgewann …

Was soll mir Jugendschönheit?
Du liegst im Heidegrab,
da werf die Lust zum Leben
und Lieben ich hinab.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 76)
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Liebe

Nun komm! … umfange mich mit deinem Schatten
und hülle mich mit seinen Schwingen ein,
im wonnig-liebesseligen Ermatten
werd ich dann dein!

Die Geigen und Cymbeln hör ich klingen,
in Goldpokalen perlt der Götterwein,
mir kann dein Kuß nur wahren Nektar bringen,
o du wirst mein …

Ein Dämmerdunkel lastet auf der Erde,
die Schatten wallen und der Tag entweicht;
es hat der Gottheit schöpferisches "Werde"
begnadend sich zu einem Weib geneigt.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 70)
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Um dich …

Nun muß ich hinaus in die Ferne,
da wartet einer auf mich,
der hat mich so lieb wie keiner,
so lieb – wie ich dich …

Ich werde ihn wiedersehen,
ihn, dem ich sein alles bin;
doch all meine Wünsche schweifen,
zu dir nach der Heimat hin.

Ich muß in die Weite wandern,
damit dir mein Blick nichts gesteht,
ich muß meine Zunge hüten,
daß sie mein Herz nicht verrät.

Bald zieh ich hinaus in die Ferne,
da wartet die Liebe auf mich,
da werf ich mich ihr in die Arme
verzweifelt - - - um dich …

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 67)
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Hüt dich vor mir …

Nun nimm du dich des Verzweifelten an,
die du Begehren entfachtest in mir;
ich bin verschmäht, ein gebrochener Mann,
der dir sein Verlangen nicht sagen kann …
Hüt dich vor mir!

Hüt dich vor mir, denn die Flammenglut
verbrennt mir die Seele, verzehrt mir den Leib;
es wallt und es tobt mein wildes Blut,
du läßt mich allein, das ist nicht gut,
teuflisches Weib.

Ich liebe dich noch, was keiner hier weiß,
und ich sehne mich nach einer … nach dir -
Ich ging in den Tod auf dein geheiß,
in Himmel und Hölle - - doch sag ich leis:
"Hüt dich vor mir!"

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 56)
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Allerseelennacht

Nun schlinge den Arm um den Nacken mir wild,
wie einst du um mich geworben;
ich fürchte mich nicht vor des Traumes Gebild,
für die Welt sind wir beide gestorben.

Leg deine Lippen ganz heimlich und traut
auf meine, die glühenden, roten
und küsse mich bis der Morgen graut ……
Heut Nacht ist ja frei für die Toten!

Heut bist du mein eine ganze Nacht,
heut gibt es kein Scheiden, kein Sterben;
du darfst bei funkelnder Sternenpracht,
Glückseliger, um mich werben! …

Mein Atem fliegt, in den Pulsen jagt
ein drängendes Klopfen und Hämmern.
Genieße - - -! In einer Stunde tagt
Im Osten das Morgendämmern.

In einer Stunde erschöpfen wir rein,
was es an Glück kann geben -
Wir brauchen die einzige Stunde allein,
und die Menschen, sie brauchen ein Leben.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 66)
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Nun stammle noch einmal - - -

Nun stammle noch einmal: "Du schönes Weib",
und sinke ihr bebend zu Füßen nieder,
nun presse den Gladiatorenleib
noch einmal an ihre zuckenden Glieder.

Und küsse in sträflich-sündhaftem Rausch
den Schlangenleib mit den schneeigen Brüsten,
dein war ja im taumelnden Wonnerausch
die Teufelin mit den Höllenlüsten.

Dein ist sie wieder, komm über das Meer
zu ihr, die so glühend nach dir nur schmachtet;
ich weiß, sie liebt dich wie keinen, und schwer,
so schwer drückt Einsamkeit, wenn es nachtet.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 18)
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Sein Abschiedswort

Nur einmal noch komm zu mir wieder,
nur eine Stunde – und dann geh;
setz dich zu meinen Füßen nieder,
daß ich in deine Auge seh.

Laß mich an deiner Brust vergessen
mich selbst – den Himmel und die Welt;
gib mir das Glück, das unermessen
mir der Verzweiflung Nacht erhellt.

Komm, Weib! – Komm, laß in deinen Armen,
an deinen Lippen mich vergehn.
Wärs nicht aus Liebe, aus Erbarmen
und Mitleid laß es dann geschehn.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 34)
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Schmerzhafte Liebe

Ob ich dich liebte hast du nie
mit Worten mich gefragt,
hab dirs wohl hundert-tausendfach
mit meinem Blick gesagt.

Daß ich dich liebte hast du einst
in meinem Arm gefühlt,
wenn ich im Kusse dich erstickt,
dir wild dein Haar zerwühlt.

Doch als der Tod das Auge brach,
drin ich mein Glück gesehn,
da lernt ich erst im wilden Schmerz
die Liebe ganz verstehn.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 77)
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O Frühling

O Frühling, du bist ja an allem schuld,
an all dem Jubel der Lust,
dein Lenzesatem und deine Huld,
die raubten mir Ruhe, Vernunft und Geduld;
ich hatt es ja vorher gewußt …

O Frühling, du bist ein gefährlicher Wicht,
ein toller, ein wüster Gesell;
die Locken so goldig, so glänzend, so licht,
so sonnüberflutet dein Angesicht,
die Augen so leuchtend, so hell.

O Frühling, umfang mich mit all deiner Macht,
mit all deinem Sonnenschein
und trage auf heimlichen Schwingen der Nacht
das Glück und die Liebe und alle Pracht
in meine Kammer herein …

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 36)
_____

 

O, sprichs nicht aus, laß es doch heimlich sein …

O, sprichs nicht aus, laß es doch heimlich sein,
was zwischen dir und mir auf Geisterschwingen
hinflattert durch den Aether in der Nacht,
was mich so reich, was mich so selig macht!
Du nur, Geliebter, konntest es mir bringen …
O, schweige, schweige auch, wenn wir allein,
sprich es nicht aus, laß es doch heimlich sein!

Sprich es nicht aus, daß dir die Sehnsucht naht,
wenn Dämmrungsschatten durch das Zimmer gleiten,
und im Kamin die Feuer knisternd sprühn,
du weißt ja doch, daß alle Seligkeiten
noch heut in meinen Armen dir erblühn …
Birgs still im Herzen ganz für dich allein,
doch sprichs nicht aus, laß es so heimlich sein!

Sprich es nicht aus, wenn du im Kuß dich drängst
an mich in Leidenschaft, so voll Begehren,
nimm alles – komm! Nimm dir das letzte auch …
doch raub mit keinem Wort den Duft, den Hauch,
der über unsrer Liebe schwebt; verwehren
will ich dir nichts, wenn wir so ganz allein …
nur sprichs nicht aus, laß es doch heimlich sein!

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 82)
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Entsagen?

O, wäre ich in jener dunklen Stunde,
wo mir der Tod mein Allerliebstes nahm,
in meinem wilden, heißen Liebesgram,
ihm schweigend in das Jenseits nachgegangen.
Ich hätte nie gekannt der Sehnsucht Qual,
nie Erdenjammer, nicht ein einzig Mal
zur Welt geblickt, in durstendem Verlangen.

Jetzt sehe ich die andren Fraun und Mädchen
zu zweien Abends ihre Straße gehn …
Ich muß allein, verweint am Fenster stehn.
Ach, keinem mag ich meinen Jammer klagen!
Das Leben flutet dicht an mir vorbei,
ich bin so jung, steh noch im Lebensmai
und soll der Liebe und der Welt entsagen?

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 106)
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Bst – still …

Offen steht die kleine Pforte,
Liebster, leise komm herein;
mach nur jetzt nicht viele Worte,
steige schnell zum Fenster ein.

Will nicht schöne Reden hören,
sollst mich küssen auf den Mund,
und mit Küssen will betören
ich dich in verschwiegner Stund. -

Laß uns heute bräutlich lieben,
Liebster, schnell, komm schnell herein …
Gestern bist du ausgeblieben,
wolln heut doppelt selig sein.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 21)
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's ist Mai

Rings steht die Erde in Blütenpracht,
die goldene Sonne am Himmel lacht
und der Winter ist endlich vorbei!
Vorbei die Kälte, die Not und Qual,
Lenz ists geworden mit einem Mal,
's ist Mai - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Und den Frühling hast du mir ins Haus gebracht
auf heimlichen, flüsternden Schwingen der Nacht,
nun ist das Leid ja vorbei - - -
Und ich öffne die Fenster dem Sonnenschein,
dich, Liebster, dich und den Lenz laß ich ein,
's ist Mai - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 58)
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Der letzte Ritt durch die Heide

Rot stand der Wald, es fiel das Laub,
die Eichen rauschten im Wind.
Herbstsonne schien. Greif aus, mein Roß,
wir reiten vorwärts geschwind!

Fort gings durch Schilf und Binsenmoor,
es stoben die Hengste wie toll,
so wunschlos war ich, so ganz von dir
die Seele mir übervoll.

Da scheute dein Gaul; er bäumte sich wild.
"Um Gott! Halt an, halt an!"
Ein kurzer Kampf, ein wilder Knäul -
am Boden Roß und Mann.

Gestürzt im Staub lagst du vor mir,
so still als wärst du tot.
Und tiefer schien die Heide erblüht,
es färbte dein Blut sie rot.

So wunschlos hatt ich mich eingewiegt,
so sicher in meinem Glück - -
Auf schrie ich zum Himmel in wunschheißer Not,
und es kam keine Antwort zurück.

Dein junges Haupt, vom Tode geküßt,
lag still in meinem Schoß - -
vom letzten Ritt durch das Heideland
trug heim ich mein Schicksalslos.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 59-60)
_____

 

Gute Nacht, Liebster!

Ruhig lagst du auf den weichen Kissen,
als der Tod dich, Liebster, mir entrissen;
um mich her ward plötzlich finstre Nacht.

Blumen bracht ich dir und meine Tränen,
und mit unermeßlich heißem Sehnen
hielt ich dir die letzte Totenwacht.

Küßte deine Lippen, deine kalten,
hab in meinen Armen dich gehalten,
bis die Sonne glühend aufgewacht.

Ach, der Sonne noch so licht Gefunkel
hellt nicht auf der Seele tiefes Dunkel -
Gute Nacht, du Liebster, gute Nacht!

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S 64)
_____

 

Verbotene Früchte

Sag, weißt du es wirklich nicht, mein Kind,
wie süß die verbotenen Früchte sind?
Im Garten der Jugend siehst du sie prangen,
wo sie an goldenen Zweigen hangen.
Für jeden sind sie leicht zu erreichen,
der Mut hat, von der Herde zu weichen
zum Pfad, der zu irdischen Wonnen führt - -
Sag, hab ich nicht deinen Wunsch geschürt,
auch vom verbotenen Apfel zu kosten?
Willst lieber zu Hause sitzen und rosten,
in Ehren ein altes Jüngferlein werden?
Glaub mir, es lohnten die Götter auf Erden
noch keinem die Tugend,
und schön ist die Jugend ……..
Genieße, was dir das Leben beut,
es kommt der Tag, wo dich nichts so reut
als ungestillt gebliebenes Verlangen,
Liebessünden – nicht begangen.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 9)
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In Traumes Bann

Sinnverwirrend schön sind deine Rosen,
so betäubend ist ihr süßer Duft.
Flüsternd raunt es wie ein heimlich Kosen
durch die sengend schwüle Sommerluft.

Schlummertrunken streck ich meine Glieder,
tief beseligt noch im Traumesbann …
Küsse dir die müden Augenlider -
Was ein Traum heraufbeschwören kann!

Und ich fühle dich in meiner Nähe
schattenhaft – und doch so lebenswarm!
Ganz in eins verschmelzend -
ich vergehe
selig, liebestoll in deinem Arm! …..

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 21)
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So liegen – und ……

So liegen – und von deiner Liebe träumen,
wenn rings die Erde strahlt im Sonnenlicht,
wenn sich die Wolken purpurfarben säumen.

So reglos liegen unter grünen Bäumen,
von Küssen und von Erdenwonnen träumen,
weißt du, Geliebter, das ist ein Gedicht.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 112)
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Märchenstille

So still der Tag. Ich möcht in Andacht lauschen
dem ernsten, feierlichen Glockenklang,
dem Sang der Vögel und dem Rüsternrauschen,
dem Sennerlied bei Sonnenuntergang.

Der Himmel flammt; rotgoldne Lichter gleiten
hin durch den Aether zu den Bergen klar.
Wie heimlich Küssen klingt es durch die Weiten,
wie letzter Gruß aus längst vergangnen Zeiten,
da ich Prinzessin noch im Märchen war.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 103)
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Tranquillus in undis

Still lag mein Leben wie das weite Meer,
wenn spiegelglatt die Fläche ruht, kein Wind
sie kräuselt, aber auch kein Sonnenstrahl
sie küßt mit sengend-heißem Liebeskuß.
So wars schon längst. Vergessen hatt ich fast
des Lichtes Strahlen, die der Blume Kelch
sich nur erschließen, wenn die Mittagsglut
ihn streift in eisig-kaltem Wintertag. -
Stolz ging ich einsam meinen steilen Pfad,
der Distel trotzend, die mir das Gewand
und meine müden Füße blutig riß.
Zur Höhe wollte ich, empor zum Ruhm.

- - Still lag die See! Da fuhr ein Wettersturm
hin über sie, und bis zum feuchten Grund
wühlt er in tiefster Tiefe auf das Meer.
Wild, aufgepeitscht wie von Titanenkraft
braust auf den Strand der schäumend-weiße Gischt,
er brach sich an den Felsen, er zerschellt;
die Wogen grollten und Sturmflut stieg.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Der Wettersturm warst du! Daß ich dich sah!!
Als eine wandersmüde Pilgerin,
die einsam, hoffnungslos im Bußgewand
den steilen Pfad durch Dornen wollte ziehn,
erblicktest du mich armes, bleiches Weib
und drücktest in der Bettlerin Gelock
den Kronreif deiner Herzenskönigin -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Zur Höhe wollt ich einst – zu Glanz und Ruhm.
Fern liegt der Weg – ich wählt den anderen:
In deine Arme führte er - - - zu dir.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 104-105)
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Sturmwind

Sturmwind weht über nächtlich schwarze Wogen,
und du und ich allein im kleinen Boot;
die Wogenrosse kommen hergezogen,
auf ihrem Rücken reitet stumm der Tod.

Er grinst uns schaurig an mit einem Lachen,
vor dem der Lebensatem fast verlischt,
die letzte Kraft soll er in uns entfachen,
es sinkt der Kahn, und höher steigt der Gischt.

Und höher steigt das flammende Begehren,
so nah am Ziel, nun endlich eins zu sein;
den Tod im Aug will ich dir nichts verwehren,
um mich in freier Liebe dir zu weihn.

Auf meinen Lippen deines Mundes Gluten
noch immer, als das Leben schon entwich,
und durch den Sturm, die aufgepeitschten Fluten,
hör ich ersterbend dein: "Ich liebe dich!"

Da plötzlich bricht aus dichtem Wolkenschleier
ein Strahl der Himmelskönigin hervor,
und zu des Tages großer, hehrer Feier
zieht uns die Ewigkeit zu sich empor.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 45-46)
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Träum nur

Träum nur und sing dein mächtig Lied,
greif in die Laute mit Akkorden,
bis du erwachst. Die Stunde flieht
und Wahrheit ist dein Traum geworden.

Schlich sie dir langsam hin, die Zeit?
Sag an, war es ein sehnend Warten?
Nun steht in Rosenpracht bereit
ein lichtdurchglühter Zaubergarten …

Aus roten Kelchen strömt ein Duft,
ein Duft von Glück, von Lieb, von Küssen.
Du heiße, schwüle Sommerluft,
Du Sommertraum, du Scheiden-müssen.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 20)
_____

 

Selige Stunden

Vor uns liegt das blaue Meer,
über uns der Himmel,
o du süße Einsamkeit -
fern das Weltgewimmel.

Ruhen hier im Liebesnest
weit am Badestrande,
zwischen Schilf und Binsenrohr
in dem Dünensande.

Unsre Doggen spüren still,
ob auch niemand komme,
zu belauschen, was doch nicht
fremden Leuten fromme …..

Und so schlüpfen wir
unter leisem Lachen
selig in das blaue Meer,
unsre Rüden wachen.

Niemand hat uns hier gesehn
als die liebe Sonne,
und die kniff ein Auge zu
ob der Lust und Wonne.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 91)
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Auf meinem Schoß dein Kind, das blonde, kleine …

Was du mir warst, das hab ich erst empfunden,
als dich, mein Lieb, der Tod mir jählings nahm.
Mein Gott, wie schleichen Wochen, Tage, Stunden,
nicht Rast noch Ruhe habe ich gefunden,
seit über mich des Lebens Schatten kam.

Ich bin noch jung, wie lange soll es dauern,
bis mich die Ewigkeit mit dir vereint?
Ich sehne mich nach dir mit süßen Schauern -
ich möcht dich küssen und muß dich betrauern.
Wie leer die Welt mir ohne dich erscheint!

Doch denk ich manchmal jetzt, wenn ich alleine,
du siehst mich und mein Leiden allezeit.
Auf meinem Schoß dein Kind, die blonde Kleine,
sie spricht von dir – und ich, Geliebter, weine -
Und langsam fließt der Strom zur Ewigkeit.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 74)
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Törichte Träume

Was verfolgt ihr mich, ihr Träume,
will ja gar nichts von euch wissen,
schleicht euch ein in meine Kammer
und versteckt euch in den Kissen. - -

Laßt mich endlich doch zufrieden,
fort ins Reich der Nachtgespenster;
in ein Flortuch sank mein Leben,
klopft kein Schatz an Tür und Fenster.

Und doch pocht und klopft es immer:
lachen möcht ich – und ich weine.
Lügenträume! Bin ja morgens
beim Erwachen doch alleine.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 53)
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Weinlaub im Haar

Weinlaub im Haar und Weinlaub um die Brüste,
wie eine Göttin schön trat sie herein,
im Blick den Fackelbrand der wilden Lüste,
ums Haupt des Ruhmes goldnen Glorienschein.

So bot sie dir die schlanken, jungen Glieder,
so löste sie den Gürtel vom Gewand,
so sank sie vor dir in die Kniee nieder,
sie, die du einst ein "stolzes Weib" genannt.

Weiß Gott – und stolzer war sie nie im Leben
als in der Stunde, da sie dich erkor,
wo sie das Allerhöchste dir gegeben
und – Laub im Haare – ihren Kranz verlor.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 8)
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Tod

Wenn die Vergangenheit der Gruft entsteigt,
allnächtlich sich an meinen Leib zu pressen,
wenn deine Schönheit über mich sich neigt,
so heiß, als hab das Grab dich nie besessen,
dann stirbt der Einsamkeit qualvolle Not,
dann bist du mein, wie du es warst im Leben,
dann steht er machtlos da, der Schnitter Tod,
dann ist mir Herrschaft über ihn gegeben.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 105)
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Wenn die Dämmrung über den Wald sich neigt …..

Wenn die Dämmrung über den Wald sich neigt,
wenn im Abendwind die Platanen rauschen,
wenn das hastende Leben rings um uns schweigt,
harr ich dein, Geliebter, in seligem Lauschen.

Dann steig ich empor auf meinen Altan
und ich sehe mit namenlosem Entzücken
aus der Lichtung Roß sich und Reiter nahn,
und ich weiß es: Bald wirst du mich an dich drücken.

Bald wirst du mich halten an deiner Brust
in namenlos wonnigem, süßen Umfangen
und ins Ohr mir raunen: "Du meine Lust,
ich hatte nach dir ein so heißes Verlangen!"

Und ich werde in mädchenhafter Scheu
mein Haupt an dein pochendes Herze schmiegen
und mit den Worten: "Es gibt keine Reu"
wirst du mich auch heute wie immer besiegen …..

Und ich schmücke mich wieder mit rotem Mohn
wie damals, weißt du, mit Mohn und Rosen …..
Wie die Küsse sollen die Blumen lohn
und versengen von unserm glühenden Kosen.

Verwelken wie deine Jugendkraft
hinwelkt und erstirbt in meinen Armen,
weil ich dich liebe mit Leidenschaft
maßlos ….. ohne Gnad und Erbarmen.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 17-18)
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Julinächte

Wenn der Goldregen blüht, wenn die Nächte so heiß,
daß ich rastlos mich nicht zu fassen weiß
in der atemberaubenden Schwüle -
sag, weißt du, was ich dann fühle? -

Wenn die Wogen von süßem, berauschenden Duft
mein Zimmer erfüllen, und heiße Luft
mich umflutet, willst du es wissen?
Dann wein ich in meine Kissen.

Wenn der Vollmond hell leuchtend am Himmel steht,
der Pendelschlag langsam, so langsam geht,
ohne kärglichstes Glück mir zu bringen,
dann gilts ein verzweifeltes Ringen.

Ein Ringen der sehnenden Jugendkraft,
ein Ringen begehrender Leidenschaft,
ein Ringen der Glieder, der jungen,
mit toten Erinnerungen.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 24)
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Wenn der Jasmin ……

Wenn der Jasmin vor meinem Fenster blüht,
wenn Stille herrscht, blutrot der Vollmond glüht,
dann kommt die Sehnsucht mit der Mitternacht,
wo alles schläft – nur mein Verlangen wacht,
es bläst mit Feueratem zu mir her
und fordert Liebe! … Liebe? Noch viel mehr!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Die Nacht vergeht mit müdem, schweren Schritt.
O nähm sie mich ins ewge Dunkel mit!
Der Morgen naht in fahlem Nebelgrau,
einsam, verzweifelt lieg ich arme Frau
und späh mit heißen Blicken rings umher
nach Liebe – doch mein Pfühl bleibt liebeleer.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 75)
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Straßenbild

Wenn ich abends durch die Straßen geh,
in den wogenden Troß der Massen seh,
taucht plötzlich beim bläulich elektrischen Licht
ein Antlitz auf - - - ganz wie dein Gesicht.
Und es krampft mir das Herz zusammen
und ich stehe wieder in Flammen
wie einst, wo du meinen Weg gestreift,
wie damals …

Und ich sehe entsetzt und suchend mich um,
fahl, schreckensblaß, doch mein Mund bleibt stumm,
denn ich weiß, daß die Liebe aufersteht
vom Todesschlafe - - - das Leid ist verweht,
vergessen, daß ich in stummer Qual
dir Rache geschworen wohl tausendmal.

Vorbei die Vision, vorbei das Gesicht,
rings Großstadt-Leben, und Menschen und Licht,
rings Wagengerassel und Weltstadt-Gebraus -
zur Einsamkeit flieh ich ….
nach Hause, nach Haus.

Aus: Im Bann der Sünde Gedichte von Else Galen-Gube
Königsberg i. Pr. Thomas & Oppermann 1905 (S. 115)
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Meerfahrt

Weißt du den Abend noch auf blauem Meer?
Wir schauten beide träumend in die Wellen
und fühlten tief: Das Schifflein kann zerschellen,
doch unser Glück, das große, nimmermehr.

Weißt du es noch, wir standen Hand in Hand,
den Blick gerichtet in die blauen Weiten,
und ließen Berg und Wald vorübergleiten
und unser liebes, teures Heimatland.

Weißt du es noch? Wir sprachen wohl nicht viel,
denn unsrer Seelen tiefste Saiten klangen
in Harmonie, und unser Glutverlangen
wies uns der Liebesträume goldnes Ziel.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 114)
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Der still-verschwiegner Platz

Weißt du ihn noch den still-verschwiegnen Platz,
dort hinter Erlen tief im Wiesengrunde?
Weißt du ihn noch, du mein herzlieber Schatz?
Glühkäfer schwirrten um mein rotes Haar,
sag, denkst du noch der süßen, selgen Stunde,
weißt du es noch wie lieb, wie traut es war?

Weißt du wie wir auf alter, moosger Bank,
im Kuß vergehend uns im Arm gelegen,
wie der Lianen duftendes Gerank
uns fast die Sinne nahm? – Die Nacht war stumm,
des Julis Glut lag heiß auf allen Wegen,
in Nebelschleiern ging Frau Sage um.

Weißt du den Weg, den Weg zurück zur Stadt?
Vor unsren Augen tanzten rote Funken - -
wir schritten beide still-verträumt und matt
durch Aecker, Wiesen hin am Waldesrain,
im Bann der Stunden, selig, liebestrunken,
und über uns lag lichter Vollmondschein!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Weißt du das süße Beieinandersein …. ?

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 86)
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Abschied

Weißt du wohl, daß jeder Abschied
einer Sternstunde ähnlich?
Wenn des Todes Hand uns streift,
fällt die Blüte von den Bäumen;
heute Nacht hats auf den Träumen
meines Frühlingsglücks gereift.

Aber wie ein Wind auch Lichter
auslöscht, weil sie klein, erbärmlich,
so entfacht der Sturm die Glut,
bis zum hellen Brand zusammen
schlagen himmelwärts die Flammen,
sieghaft, purpurrot wie Blut.

Bildnis deiner edlen Seele,
meiner abgrundtiefen Liebe
sind die Lichter sturmumloht.
Trennungsweh soll uns nicht quälen,
Liebende wie wir vermählen
sich auf Leben oder Tod.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 95)
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Wie fanden das Glück im Walde …

Wir fanden das Glück im Walde
im Sommersonnenschein,
es ging durch die grüne Halde
tief in den lauschigen Hain.

Wir folgten ihm ganz verstohlen
und drückten uns heimlich die Hand.
Das Glück schritt auf leisen Sohlen
und trug ein gülden Gewand.

Mein Schatz und ich haben nimmer
den weiten Weg bereut;
des Glückes sonniger Schimmer
umstrahlt uns helleuchtend noch heut.

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 127)
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Wo einst dein Fuß auf Rasen schritt …

Wo einst dein Fuß auf Rasen schritt,
liegt heut der weiße Winterschnee,
und du, du wandelst nicht mehr
zum Grottenplatz am Erlbuschsee.

Und jede Spur, sie ist verweht,
wo wir gelagert, Brust an Brust,
verweht das stille Veilchenbeet,
das manch Geheimnis mitgewußt.

Wer ruft nach mir? – Ein Seufzer glitt
aus meiner Brust im Sehnsuchtsweh …
Wo einst dein Fuß auf Rasen schritt,
liegt heut der weiße Winterschnee. - -

Aus: Aus dem Leben und den Träumen eines Weibes
Gedichte von Else Galen-Gube
Leipzig 1903 Verlag von Hermann Seemann Nachflg. (S. 90)
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