Deutsche Liebeslyrik - Gedicht der Woche Archiv

für das Jahr 2016

(die neuesten Gedichte oben)




Dem Angebeteten

Versprühe Küsse auf meinen Leib!

Ich bin ein klarer Teich,
Auf den die Sonne scheint
Eine Blume, die blätterdehnend
In lauen Lüften träumt.
Ein Stern, der selbstvergessend
Auf dunkler Erde hellend scheint.

Versprühe Küsse auf meinen Leib –:
Nur wenn ich dich denke,
Werd ich Weib . . .!

Elsa Asenijeff (1867-1941)
_____



Der Kuss

O du liebes, schönes Mädchen! Freude meinem jungen Leben!
Lass mich an der sanften Wange mit dem wärmsten Kusse kleben! -
Warum blickst du so beleidigt auf mich Liebenden herab?
Warum treiben deine Hände mich so strenge von dir ab?

Bin ich keines Kusses würdig? - Willst du alles mir versagen?
Meinen Kummer noch vergrössern durch dein quälendes Betragen?
Mädchen, Mädchen, jedes Mäulchen, das ich deiner Lippen drück',
Ist mir gränzenlose Wollust - ist mir gränzenloses Glück.

Geberinn so hoher Freuden, sollst du dieses Glück mir rauben?
Nein, das kann ich, liebes Mädchen, deinem Munde nimmer glauben!
Nein, dein Herz ist nimmer, nimmer, wie dein Antlitz, hoch ergrimmt;
Nein, es ist mit meinen Wünschen nach demselben Ton gestimmt.

O du liebst mich! - Und mein Küssen wäre widrig dir gewesen?
Selbst in diesem schönen Weigern kann ich deine Liebe lesen.
Aber nun genug geweigert! - reich' ihn nun, den warmen Mund,
Und in tausend, tausend Küssen thu' ich meine Liebe kund!

O du lächelst! - Ja, du Liebe, nimmer konntest du so bleiben;
Liebe musste diese Kälte von der rothen Wange treiben!
Komm! - Das sind sie, deine Lippen! - Engel, welche Himmelslust!
O, nur deine Küsse ströhmen Leben in die junge Brust!

Jacobus Bellamy (1757-1786)
_____



Aus: Hyperion

Was ist alles, was in Jahrtausenden
die Menschen taten und dachten,
gegen Einen Augenblick der Liebe?
Es ist aber auch das Gelungenste,
Göttlichschönste in der Natur!
dahin führen alle Stufen
auf der Schwelle des Lebens.
Daher kommen wir,
dahin gehn wir.

Friedrich Hölderlin (1770-1843)
_____



Welch eine Nacht! ihr Götter und Göttinnen!

Welch eine Nacht! ihr Götter und Göttinnen!
Wie Rosen war das Bett! da hiengen wir
Zusammen im Feuer und wollten in Wonne zerrinnen!
Und aus den Lippen flossen dort und hier,
Verirrend sich, unsre Seelen in unsre Seelen! -
Lebt wohl ihr Sorgen! wollt ihr mich noch quälen?
Ich hab' in diesen entzückenden Secunden,
Wie man mit Wonne sterben kann, empfunden!

Petronius Arbiter (um 10-66 n. Chr.)

Übersetzt von Wilhelm Heinse (1746-1803)
_____



Vorschmack

Der echte Moslem spricht vom Paradiese,
Als wenn er selbst allda gewesen wäre,
Er glaubt dem Koran, wie es der verhieße,
Hierauf begründet sich die reine Lehre.

Doch der Prophet, Verfasser jenes Buches,
Weiß unsre Mängel droben auszuwittern
Und sieht, daß trotz dem Donner seines Fluches
Die Zweifel oft den Glauben uns verbittern.

Deshalb entsendet er den ewgen Räumen
Ein Jugendmuster, alles zu verjüngen;
Sie schwebt heran und fesselt ohne Säumen
Um meinen Hals die allerliebsten Schlingen.

Auf meinen Schoß, an meinem Herzen halt ich
Das Himmelswesen, mag nichts weiter wissen;
Und glaube nun ans Paradies gewaltig,
Denn ewig möcht ich sie so treulich küssen.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
_____



An den Prinzen Benjamin

Wenn du sprichst,
Wacht mein buntes Herz auf.

Alle Vögel üben sich
Auf deinen Lippen.

Immerblau streut deine Stimme
Über den Weg;

Wo du erzählst, wird Himmel.

Deine Worte sind aus Lied geformt,
Ich traure, wenn du schweigst.

Singen hängt überall an dir -
Wie du wohl träumen magst?

Else Lasker-Schüler (1869-1945)
_____




Die Liebe hat die Welt geboren

Die Liebe hat die Welt geboren,
Und sie gebiert sie täglich neu;
Sie hat aus Nichts das All' beschworen
Und hält's in Armen stet und treu.

Sie spendet Licht und spendet Leben,
Sie hat die Nacht zu Tag erhellt;
Sie lohnet jedes edle Streben
Und segnet die beglückte Welt. -

Jungfräulich reine Himmelsblüte,
Des Weltalls holde Schöpferin!
Barmherzig, mild und voller Güte,
Bist Mutter du und Königin!

Was krank, das machest du genesen,
Was todt, das machst du auferstehn.
Wer dich erwählt, wen du erlesen,
Wird nicht in Ewigkeit vergehn.

Der Sehnsucht Weh ergreift die Herzen,
Die fühlend du erschaffen hast;
Zur Rettung werden herbe Schmerzen,
Zu lauter Lust wird Kummers Last.

Vom Auge fällt der Täuschung Binde,
Der Wahn des Todes und der Zeit,
Und um sich schaut geheilt der Blinde,
Im lautern Licht der Ewigkeit.

Da steht ringsum vor seinen Blicken
Die Welt in voller Blütenpracht -
Er ist - o seliges Entzücken -
In ew'ger Liebe Lenz erwacht!

Oswald Marbach (1810-1890)
_____



Meiner Seele Morgenlicht, sei nicht fern, o sei nicht fern!

Meiner Seele Morgenlicht, sei nicht fern, o sei nicht fern!
Meiner Liebe Traumgesicht, sei nicht fern, o sei nicht fern!

Leben ist, wohin du blickst, Tod, wo du dich wendest ab;
Hier, wo Tod mit Leben ficht, sei nicht fern, o sei nicht fern!

Ich bin Ost, in dem du auf-, West, in dem du untergehst,
Licht, das meine Farben bricht, sei nicht fern, o sei nicht fern!

Ich, dein Bettler, bin der Fürst, dein Gefangner, ich bin frei,
Meine Lust ist meine Pflicht; sei nicht fern, o sei nicht fern!

Sieh' wie mich der Turban schmückt, mich der Parsengürtel ziert,
Wie mich Kutt' und Strick umflicht, sei nicht fern, o sei nicht fern!

Feuerdiener und Brahman, Christ und Muselman bin ich,
Du bist meine Zuversicht, sei nicht fern, o sei nicht fern!

In Pagoden, in Moscheen, und in Kirchen, mein Altar
Ist allein dein Angesicht; sei nicht fern, o sei nicht fern!

Ew'ger Mittelpunkt der Welt, mit Gebet umkreis' ich dich,
Weich' aus deinem Kreise nicht, sei nicht fern, o sei nicht fern!

Weltgericht und Seligkeit, Seligkeit ist, wo du nahst,
Wo du weggehst, Weltgericht; sei nicht fern, o sei nicht fern!

O Weltrose, dich hervor bringen wollend, sieh, wie rings
Aus Herzknospen Sehnsucht bricht; sei nicht fern, o sei nicht fern!

Hör, wie gellend in der Nacht, Rose, jede Nachtigall
Laut aus meiner Seele spricht: sei nicht fern, o sei nicht fern!

Die Beschwörung, der du nie widerstehn, o Liebe, kannst,
Ist Dschelaleddin's Gedicht: sei nicht fern, o sei nicht fern!

Maulana Dschelaleddin Rumi (1207-1273)

(übersetzt von Friedrich Rückert 1788-1866)
_____



Allegorisch Sonett

Amanda, liebstes Kind, du Brustlatz kalter Herzen,
Der Liebe Feuerzeug, Goldschachtel edler Zier,
Der Seufzer Blasebalg, des Traurens Lösch-Papier,
Sandbüchse meiner Pein und Baumöl meiner Schmerzen,

Du Speise meiner Lust, du Flamme meiner Kerzen,
Nachtstühlchen meiner Ruh, der Poesie Klistier,
Des Mundes Alicant, der Augen Lust-Revier,
Der Komplimenten Sitz, du Meisterin zu scherzen,

Der Tugend Quodlibet, Kalender meiner Zeit,
Du Andachts-Fackelchen, du Quell der Fröhlichkeit,
Du tiefer Abgrund du voll tausend guter Morgen,

Der Zungen Honigseim, des Herzens Marzipan,
Und wie man sonsten dich, mein Kind, beschreiben kann.
Lichtputze meiner Not und Flederwisch der Sorgen.

Constantin Christian Dedekind (1628-1715)
_____



Erinnerung an Selma

Heil dir zum Morgengruße, verfallner Trümmerbau!
Doch wo ist Heil für einen, der ward vom Alter grau?

Heil ist nur für den frohen, den jung gebliebnen Greis,
Der keine Sorgen kennet und nichts von Kummer weiß.

Doch wo ist Heil für einen, der an genossnes Glück
Denkt über manche Monde und manches Jahr zurück!

Die Spur von Selma's Wohnung ist in Dhu Chal nicht mehr,
Denn jede schwarze Wolke goß sich darüber leer.

Und meinest du, daß Selma noch jetzt zu schauen sei
Ein Antilopenkälbchen oder ein Straußenei?

Und meinest du, daß Selma noch jetzt sei allzumal,
Wie dort am Gemsenbrunnen oder im Veilchental?

In Nächten, wo dir Selma wies einen blanken Zahn,
Und eines Rehes Nacken, mit Perlenschnüren dran.

Imru' al-Qais (6. Jh.)
arabischer Dichter

Übersetzt von Friedrich Rückert (1788-1866)
_____



Erstes Liebeslied eines Mädchens

Was im Netze? Schau einmal!
Aber ich bin bange;
Greif ich einen süßen Aal?
Greif ich eine Schlange?

Lieb ist blinde
Fischerin;
Sagt dem Kinde,
Wo greifts hin?

Schon schnellt mirs in Händen!
Ach Jammer! o Lust!
Mit Schmiegen und Wenden
Mir schlüpfts an die Brust.

Es beißt sich, o Wunder!
Mir keck durch die Haut,
Schießt 's Herze hinunter!
O Liebe, mir graut!

Was tun, was beginnen?
Das schaurige Ding,
Es schnalzet da drinnen,
Es legt sich im Ring.

Gift muß ich haben!
Hier schleicht es herum,
Tut wonniglich graben
Und bringt mich noch um!

Eduard Mörike (1804-1875)
_____



O süsses Nichtstun

O süßes Nichtstun, an der Liebsten Seite
Zu ruhen auf des Bergs besonnter Kuppe;
Bald abwärts zu des Städtchens Häusergruppe
Den Blick zu senden, bald in ferne Weite!

O süßes Nichtstun, lieblich so gebannt
Zu atmen in den neubefreiten Düften;
Sich locken lassen von den Frühlingslüften,
Hinabzuziehn in das beglänzte Land;
Rückkehren dann aus aller Wunderferne
In deiner Augen heimatliche Sterne.

Theodor Storm (1817-1888)
_____



Der Kuß

Wenn noch der Kuß auf deinen Lippen brennt,
Wenn sie von dir sich düstern Auges trennt,
Mit Hand und Wort dich drohend treibt zurück
Und doch dir folgt mit liebebangem Blick,
Der in der Sehnsucht heißem Hauche bricht,
Und doch dabei "Verlaß mich, Falscher" spricht:
Dann schlürfst du den Trank des ew'gen Lebens,
Den aus dem Meer die Götter ziehen vergebens.
_____


Seitdem ich von ihren Lippen getrunken,
Vor Liebe schmachtend, den himmlischen Saft,
Seitdem bin ich doppelt in Liebe versunken,
Und wühlet der Durst mit verdoppelter Kraft.
Ein Wunder ist's nicht, wie bei jedem Genuß,
So reizt auch zum Durste die Würze im Kuß.

Amaru (6. - 8. Jh.)
indischer Dichter

(übersetzt von Anton Eduard Wollheim da Fonseca 1810-1884)
_____



Mailied

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch,

Und Freud und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd, o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb, o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb ich dich!
Wie blickt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmen Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst!

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
_____



Frühling

Wir wollen wie der Mondenschein
Die stille Frühlingsnacht durchwachen,
Wir wollen wie zwei Kinder sein,
Du hüllst mich in Dein Leben ein
Und lehrst mich so, wie Du, zu lachen.

Ich sehnte mich nach Mutterlieb'
Und Vaterwort und Frühlingsspielen,
Den Fluch, der mich durch's Leben trieb,
Begann ich, da er bei mir blieb,
Wie einen treuen Feind zu lieben.

Nun blühn die Bäume seidenfein
Und Liebe duftet von den Zweigen.
Du musst mir Mutter und Vater sein
Und Frühlingsspiel und Schätzelein!
- - Und ganz mein Eigen . . .

Else Lasker-Schüler (1869-1945)
_____



Wer liebt, ist im Geliebten ganz verschwunden

Wer liebt, ist im Geliebten ganz verschwunden,
Weil er in diesem völlig aufgegangen:
Ich hege keinen Wunsch mehr, kein Verlangen,
Weil das Ersehnte meinem Ich verbunden.

Und hab' ich dich in meinem Geist empfunden,
Was kann der Körper weiter noch erlangen?
Ihn hält ein Frieden wunderbar umfangen,
Weil er die liebe Seele fest umwunden.

Doch jene Göttin, rein und ohne Fehle,
Verwuchs untrennbar fest mit meiner Seele,
Wie Geist und Körper innig sich verweben;

Sie lebt in mir, ein reiner Lichtgedanke.
Und jene Liebe, die mir gab das Leben,
Strebt nach Gestaltung in bestimmter Schranke.

Luis de Camoes (1524-1579)

(In der Übersetzung von Ludwig von Arentsschildt 1807-1883)
_____



Bergsee

Wie ist der See zur Mittagstund
Glasklar und wasserrein.
Komm, wirf den kleinsten Kieselstein
Ihm in das grüne Herz hinein,
Du siehst ihn bis zum Grund.

So ist mein Herz für dich bereit
Glasklar und wasserrein.
Komm, schau getrost und tief hinein,
Und was du siehst ist dein, ist dein,
In alle Ewigkeit.
_____


Freudeschrei!

Du bist ja meines Lebens Brot!
Du tust mir not, du tust mir not,
Du wohnst in meinen Armen!
Du tust mir not zu jeder Stund,
Gib deinen Mund, gib deinen Mund,
Den großen Mund, den warmen.
_____


Du

Du bist mein Himmel voller Wolkenbilde,
Der grünen Welt Gefilde,
Der Wald bist du voll tiefer Ruh,
Die Erde du!

Du bist mein Tag voll Schauen und voll Pracht,
Bist meine stille Nacht!
Schlag ich die Augen auf, schließ ich sie zu,
Da bist nur du.

Grete Gulbransson (1882-1934)
_____



Komm, komm, den Frühling bringt der Wind!

Komm, komm, den Frühling bringt der Wind!
Dein Angesicht beschämt die Rosen!
Komm, es ist Frühling, Freudenzeit!
O säume nicht, es kreis't die Welt.

Schwank' einen Augenblick auf's Feld,
Ich will im Lenz die Lust erneu'n.
Es bringt mir einen Hauch der Wind
Von deiner Huld, die ernst mich macht.

Ich trank noch nicht vom reinen Wein,
Nein, nur vom Hefen des Genusses.
Des Morgens als du mich betrübtest,
Beklagte sich mein Herz beym Auge.

Dieß sah viel Tausende Verliebter,
Die sich beklagten über dich.
Es drang zum Seelenohr Iraki's
Das Flehn und Weinen deines Gaus.
_____


Des Leibes Lebenskraft und Macht bist du;
Die Seel' und Herz, o Seel' und Herz bist du.
Du bist mein Wesen, du bist immer Ich,
In dir verschwind' ich, deßhalb bin ich du.

Iraki aus Hamadan (1213-1289)

Aus dem Persischen von Joseph von Hammer-Purgstall (1774-1856)
_______



Wie hat mein Herz gejubelt . . .

Wie hat mein Herz gejubelt,
Wie flog mein Herz Dir zu,
als leise Du hereintratst,
Mein Alles, Alles Du!

Wie hab' ich Dich umschlungen,
Mit Küssen zugedeckt,
Als hätt' ich meine Liebe
Grad' eben erst entdeckt!

Und dann - hab' ich geschwiegen
Dann schloss mein Herz sich zu,
Als leise Du hinaustratst,
Mein Alles, Alles Du!
Am 16. April 1943
_____


Ich sehne mich nach Deinen Händen . . .

Ich sehne mich nach Deinen Händen,
Nach Deinen Lippen, Deinem Blick,
Doch sorge nicht - Gott wird dies Leiden enden,
Und was der Mensch getrennt, gibt gnädig Er zurück.

Ich möchte meine Arme breiten,
Um Dich, die Kinder, Heim und Herd,
Doch sorge nicht - Gott wird uns freundlich leiten.
Und was Dein Herz erfleht, bleibt nimmer Dir verwehrt!
25. Mai 1943

Hans von Dohnanyi (1902-1945)

Aus: Hans von Dohnanyi Verschwörer gegen Hitler
"Mir hat Gott keinen Panzer ums Herz gegeben"
Briefe aus Militärgefängnis und Gestapohaft 1943-1945
DVA München 2015
_____



Ostergruß
(Mit frischen Veilchen)

's ist Osterzeit! Wenn Du's nicht wissen solltest,
So kündeten Dir's Fink und Amsel an,
Und wenn Du diese nicht vernehmen wolltest,
So hätte es der Veilchenduft gethan,
Der süß berauschend – als ein Frühlingsbote
Aus einer lieblicheren Welt entschwebt –
Mit holden Wohlgerüchen die noch tote
Natur zum Auferstehungsfest belebt.

's ist Osterzeit! Wie Dich im Lenzgetriebe
Die Blumen grüßen und der Vöglein Schlag,
So grüßt Dich aus der Ferne heut' in Liebe
Ein treues Herz zum frohen Ostertag;
Es wünscht dir ein beglückendes Versenken
In die an Wundern reiche Frühlingszeit
Und ein noch mehr gesegnetes Gedenken
Der uns geoffenbarten Herrlichkeit.

's ist Osterzeit! Nun wirf sie ab, die Sorgen,
Dem neuen Morgen hoffend zugewandt,
Und fühle Dich in dessen Hand geborgen,
Der die Erlösung für sein Volk erfand!
Gewiß, wie er ein tausendfaches Leben
In Wald und Flur jetzt wundermächtig schafft,
Wird er auch Deinem Herzen wieder geben
Der Osterhoffnung neue Lebenskraft.

Elisabeth Kolbe (1864-1936)
_____



Kreuz-Gedicht

Ach!   Diese Stätt
das  Sterbe - Bett
von Jesu war / der
Creutz-Altar.   Hier
er  das Opfer ward für  unsre Sünden.
Sein   heiligs  Haupt die  Dornen mußt
empfinden.  Die treue Händ' und Arme
voll Erbarmen Er breitet aus / uns  Ar-
me zu umarmen.  Es
schreibt uns ein den
Händen  sein  /  der
Nägel   Stich.   Hier
öffnet sich das Herz
/ die  Seit: ist  groß
und  weit zur    Zu-
flucht-Höl  /für dei-
ne Seel.  Hier  briet
das    Lamm      am
Creutzes-Stamm in
Liebes-Glut  /  be-
triefst  mit  Blut: er
lädt uns ein zu Brod
und  Wein.       Die
schwache Knie sich
beugen  hie:    weil
sein Gebet für dich
abgeht. Umfang die
Füß /die gehn gewiß
den Weg dir     vor /
zum  Himmels-Thor:
durch Creutz u. Leid
zur Himmels  Freud.

Sigmund von Birken (1626-1681)
_______




Ecce Homo!

Seht den Menschen, der menschlicher ist
als die Menschlichsten alle.

Seht den einzigen Menschen, der frei von Sünd'
und von Schuld ist.

Seht den Einzigen an, der, frei von der
Sterblichkeit, gern stirbt.

Seht die Unschuld, die schweigt, im Getümmel
der rufenden Mordsucht!

Seht den Weltensprecher verstummen
in göttlicher Langmut!

Seht den Heiligsten, ach, als wär'
er verruchter Verbrecher!

Seht den Erquicker der Seelen
in heißen Ermattungen schmachten!

Seht den Liebendsten an, der geliebt
und gehaßt ist wie keiner!

Seht den Fürsten der Fürsten
des Himmels in Sklavengestalt an!

Seht das Opfer der Liebe für alle
Sünden der Welt an!

Seht in dem Menschen Jesus
des Menschen Kleinheit und Größe!

Seht in Ihm, wie in keinem,
des Lasters Macht und der Tugend!

Seht in Ihm die Verwüstung
des göttlichen Bilds durch die Sünde!

Seht die verhöhnte Tugend
durch Glauben und Liebe vergöttlicht!

Seht den Einzigen an,
in allem erhaben und einzig!

Seht den Entsündiger an, der der Welt
Verschuldungen still trägt!

Seht in dem Blutenden, Blassen
die kaum noch erkennbare Gottheit!

Seht in den bebenden Schatten gehüllt
die Sonne der Sonnen!

Johann Caspar Lavater (1741-1801)
_______



Mila

Sie trat so still, so sacht heran, die Gute,
Akazienblüthen tragend auf dem Hute,
Im Gürtel, in der Hand - schien Duft und Blüthe.
Und wie der Traum das Aug', das übermühte,
Verschließt, so schloß sie mir mit einem langen
Innigen Kuß den Mund und blieb so hangen.
Und jener weißen Blüthen Duft und Leben
Hat so ihr Haupt und Haar und mich umgeben
Und drang zu mir von diesem kleinen Wesen,
Das jetzt so zärtlich und so lieb gewesen:
Daß es mir scheinen wollt', die Düfte seien
Von ihr geschenkt den Blumen und dem Maien.
Und heute noch, wo ich die Zeilen schreibe,
Umschwebt mich noch im einsamen Verbleibe
Derselbe Duft, mit ihm das Kind - ob Plagen
Der Stunde Los, ob Träume sanft mich tragen.

Jaroslav Vrchlicky (1853-1912)

Aus dem Tschechischen von Eduard Albert (1841-1900)
_______



Genie in Schönheit

Schönheit wie deine ist Genie. Ich fand
Durchklungen von Mysterien nicht so sehr
Den Herzensruf von Dante und Homer,
Nicht Buonarrotis nie vergessne Hand.

Der holden Lenzesflur, dem Sommerland
Spendet mehr Segen nicht das volle LEBEN,
Als dein Gesicht; ja, Liebeszauber weben
Sogar um seinen Schatten an der Wand.

Wie viele in der Jugend Dichter sind,
Doch für ein holdgestimmtes Herz ihr Lied
Durch allen Wechsel unbesiegt sich zieht,

So thut die mitleidlose, rauhe Zeit,
Deren Vernichtung nichts, was schön, entrinnt,
Doch deiner Schönheit Wundermacht kein Leid.

Dante Gabriel Rossetti (1828-1882)

übersetzt von Otto Hauser (1876-1944)
_____



O mein Geliebter, du mein einziges Verlangen . . .

O mein Geliebter, du mein einziges Verlangen
meine einzige Sehnsucht,
in deiner Nähe nur ist ewige Seligkeit,
fern von dir ist die brennende Hölle.
Alle meine Gedanken und Gefühle
sind dir zugewandt.
Es ist gewiß kein Verbrechen, dich zu lieben;
der Gram hat mit dem Gewande
der Abzehrung mich umhüllt,
darum ist auch meine Schuld
kein Geheimnis geblieben.
Mein Herz hat dich vor allen auserkoren,
und nun fließen Tränen
über meine Wangen,
und diese verräterischen Tränen
haben mein Geheimnis enthüllt.
O heile doch meine
gefährliche Krankheit,
du bist zugleich Gift und Gegengift.
Wie lange muß der leiden,
der von dir seine
Genesung erwartet!
Das Licht deiner Augen
hat mich aufgezehrt,
durch die Rosen deiner Wangen
bin ich gebleicht.
Die Nacht deiner Haare
hat mein Leben verdüstert,
meine Pein macht mich zum Märtyrer.
Nun gibt's kein Ende mehr
für meinen Gram,
mir bleibt nichts mehr zu wählen übrig;
ich suche keinen Trost mehr,
denn der Liebe will ich
mein ganzes Leben opfern.

Aus: Tausend und Eine Nacht
Arabische Erzählungen
übersetzt von Gustav Weil (1808-1889)
_______




Wie süß klang uns die kleinste Vogelweise . . .

Wie süß klang uns die kleinste Vogelweise,
Wenn wir in großem Glücke schweigend standen.
Kein Platz, an dem wir nicht den Himmel fanden,
War eins nur in des andern Zauberkreise.

Die Brombeerranken streichelten uns leise
Und nickten, wenn wir ihnen uns entwanden.
Der Wald lag in des Frühlings goldnen Banden.
Er koste uns mit jedem grünen Reise.

Uns summten Freundschaft Wespen selbst und Immen,
Und Schlänglein ringelten die flinken Glieder,
Kaninchen lugten freundlich, ohne Scheu.

Wir kannten aller Wesen Herzensstimmen,
Mit unsrer Liebe stieg die Schönheit nieder
Und schuf die alte Erde wieder neu.

Alma Heismann (1885-1943)
_____



Drei Gedichte von Georg Trakl

Im Frühling

Leise sank von dunklen Schritten der Schnee,
Im Schatten des Baums
Heben die rosigen Lider Liebende.

Immer folgt den dunklen Rufen der Schiffer
Stern und Nacht;
Und die Ruder schlagen leise im Takt.

Balde an verfallener Mauer blühen
Die Veilchen,
Ergrünt so stille die Schläfe des Einsamen.
_____


Das tiefe Lied

Aus tiefer Nacht ward ich befreit.
Meine Seele staunt in Unsterblichkeit,
Meine Seele lauscht über Raum und Zeit
Der Melodie der Ewigkeit!
Nicht Tag und Lust, nicht Nacht und Leid
Ist Melodie der Ewigkeit,
Und seit ich erlauscht die Ewigkeit,
Fühl nimmermehr ich Lust und Leid!
_____


An Mauern hin

Es geht ein alter Weg entlang
An wilden Gärten und einsamen Mauern.
Tausendjährige Eiben schauern
Im steigenden fallenden Windgesang.

Die Falter tanzen, als stürben sie bald,
Mein Blick trinkt weinend die Schatten und Lichter,
Ferne schweben Frauengesichter
Geisterhaft ins Blau gemalt.

Ein Lächeln zittert im Sonnenschein,
Indes ich langsam weiterschreite;
Unendliche Liebe gibt das Geleite.
Leise ergrünt das harte Gestein.

Georg Trakl (1887-1914)
_____




Die Liebe

Weißt du, was Liebe ist?!?
Wenn man vor innerer Zärtlichkeit vergeht - -;
wenn man ein Späher, Lauscher wird nach dem,
was sich flüchtig, launisch nur,
ersehnt im Übermute ihrer Kindlichkeiten - - -;
wenn man sie krank wünscht,
um die Sorgfalt der Minute zu verhundertfachen - - -;
wenn man den Atem eintrinkt,
der bei ihrem Sprechen unwillkürlich dich berührt - - -;
wenn man bereit ist, stets zu weinen,
wie ein gekränktes Kindchen, wegen nichts - - -;
ein Herzgefäß, das überquillt von süßen Leiden;
die Zärtlichkeit tropft aus, tropft über - - -;
wenn der Geruch von ihrem Wäschenkasten dich belebt,
wie andre noch nicht einmal Semmering-Wälder - - -
und wenn du ihr gebrauchtes feuchtes Handtuch
inbrünstig an die Lippen drückst - - -;
wenn du die Haarnadel aus ihrem Haar
sorgfältig aufbewahrst und deren Duft verspürst,
der nicht mehr ist - - -;
wenn dich ihr Blick erschüttert wie Musik - - -;
wenn du dich als Selbstlosen, los vom Selbst,
jetzt ganz lebendig fühlst - - -
Dann liebst du!
Früher nicht!
Sei sparsam mit dem Wort "Ich liebe dich",
und achte es,
wie nichts auf Erden!

Peter Altenberg (1859-1919)
_____



Du bist mir nah; wie gut ist dieses Wissen . . .

Du bist mir nah; wie gut ist dieses Wissen,
Da zukunftlos die Horizonte grauen
Und ahnungsreich aus fahlen Finsternissen
Des nahen Schicksals dunkle Augen schauen.

In Dir, in deines Herzens schlichter Treue
Weiss ich mich tief verwurzelt mit dem Leben:
Ein jeder Tag beweist es mir aufs neue,
Wie innig hold ich dir anheimgegeben.

Wenn meine Lippen an die deinen drängen
Und unsre Seelen ineinanderschweben,
Erspüren wir, wie ganz wir uns gehören.

Entzückte, lauschen wir den Liebesklängen,
Die unsre Herzen zauberhaft verweben
Und nichts kann uns den süssen Einklang stören.

David Goldfeld (1904-1942)
_____



Liebesgedicht

Ich sah dich den Amseln zärtlich Futter streuen -
Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen -
Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen,
Ich sah dich in Gesellschaft untadeliger
Menschen erbleichen.
Ich sah dich deine idealen Füße ungeniert
nackt zu zeigen,
Ich sah dich wie eine Fürstin dich edel-stolz verneigen.
Ich sah dich mit deinem geliebten
Papagei wie mit einem Freunde sprechen,
Ich sah dich mit einem Manne
wegen seines geringen Taktfehlers für ewig brechen - -.
Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen,
Ich sah dich der Stille eines
Sommerabends lauschen.
Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen,
Ich sah dich traurig stehn
vor trüben Gaslaternen.
Ich sah dich dein Leben spinnen
wie die Spinne ihr mysteriöses Gewebe - - -
Ich schlich mich abseits,
um dich nicht zu stören.
Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe!

Peter Altenberg (1859-1919)
_____




Drei Ghaselen

Duft der Nacht

Ich hab mich von der Erde losgeatmet;
die Traumnacht hab ich tief und groß geatmet.

Geliebte! Deinen Duft hab ich wie Blüten,
erschüttert von des Windes Stoß, geatmet

und Deines Hauptes braun enthüllte Haare
und Deine Brüste, bleich und bloß, geatmet.

Ich habe Deines Mundes klare Quelle
und Deinen keusch geschaffnen Schoß geatmet.
_____


An die Geliebte!

Du meines Geistes gotterfüllte Kraft!
Du Schöpferhauch, der mir die Glieder strafft!
Du goldnes Gut, aus Träumen reich errafft!
Du Harfe meiner höchsten Leidenschaft!
_____


Hingabe

Es müßte, was ich sang, bei Dir wie Duft
in den Gemächern liegen,
und meine Briefe müßten tief
in Deiner Truhe Fächern liegen;
und über Deinem leisen Schlaf müßt' all
mein Sehnen und mein Sorgen
wie lauter silbernes Geleucht des Mondes
auf den Dächern liegen.

Max Bruns (1876-1945)
_____




An Emma

V.
Müd' ist dein Aug' und will sich schließen,
Gut' Nacht, ihr Sterne, ihr dunklen, süßen.
Ich möcht' euch schauen in tiefem Traume;
Schlaf! wie so stille, kein Laut im Raume.
Horch, nur zuweilen hergetragen
Kommt eines Herzens gesänftigt Schlagen;
Nicht zwei, nur eines! Ist's dein's, ist's meines?
Gestimmt im Gleichklang sind längst sie eines.

O zu vergehen, so Herz an Herzen!
Nie mehr erwachen zu Freuden und Schmerzen.
Den Strom des Lebens so sacht verrinnen,
So ebben fühlen mit wachen Sinnen;
Und jede Welle, wie sie entgleite
Mit leisem Kusse senden ins Weite;
Und endlich alles umher vergessen,
Noch einmal leise dich an mich pressen,
Und an dem Herzen, das mir beschieden,
Hinüberdämmern in ewigen Frieden.


VII.
Wir haben Hand in Hand gelegt und wußten gleich:
so war es gut;
Nie ward die Hand des Druckes müd', sie ruhte fest,
so war es gut;
Uns lehrte jeder Tag aufs neu: ihr fandet euch,
und das war gut.
Nicht jeder Tag war Sonnenschein, dich schaut' ich an,
und es war gut.
Und hast du selbst einmal gestürmt, - ich sah dein Aug',
und es war gut.
Und haben Andre dich verkannt, - ich kannte dich,
und es war gut.
Und hab' ich achtlos dich gekränkt, - nie meint' ich's bös',
ich meint' es gut,
O bleib' bei mir, geliebtes Herz, treu wie bisher,
und es ist gut;
Denn schwach und arm bin ich allein, hilf du mir weiter,
stark und gut.
Und wie mein Leben auch verläuft, froh will ich sagen:
es war gut,
Und halt' im Tod ich deine Hand, - ich fürcht' ihn nicht,
auch er ist gut.

Ilse Frapan (1849-1908)
_____




Werbung

Laß mich deine Beine küssen,
Ach, ich zittre vor Verlangen -
Wenn wir heute sterben müssen,
Bin ich selig heimgegangen.

Deiner Kniee ranke Rundung
Ist Gebot, Heil und Enthüllung,
Spendet Labsal und Gesundung,
Eines heißen Traums Erfüllung.

Wenn sie nicht ein Wunder täte,
Wär es Liebe, Namenlose -?
Zürnst du, Mädchen aus Papeete,
Wenn ich deine Knie liebkose?

Ohne jemals zu ermüden,
Schlank und schmal sind sie beim Schreiten,
Schönes Mädchen aus dem Süden,
Willst du mir ein Fest bereiten?

Feste feiern, stolze, stete,
Möchte ich mit dir alltäglich, -
Braunes Mädchen aus Papeete,
Sieh, ich liebe dich unsäglich!

Paul Leppin (1878-1945)
_____



Ein Liebeslied

Komm zu mir in der Nacht - wir schlafen engverschlungen.
Müde bin ich sehr, vom Wachen einsam.
Ein fremder Vogel hat in dunkler Frühe schon gesungen,
Als noch mein Traum mit sich und mir gerungen.

Es öffnen Blumen sich vor allen Quellen
Und färben sich mit deiner Augen Immortellen . . .

Komm zu mir in der Nacht auf Siebensternenschuhen
Und Liebe eingehüllt spät in mein Zelt.
Es steigen Monde aus verstaubten Himmelstruhen.

Wir wollen wie zwei seltene Tiere liebesruhen
Im hohen Rohre hinter dieser Welt.

Else Lasker-Schüler (1869-1945) 
_____






zurück zur Startseite