Deutsche Liebeslyrik - Gedicht der Woche Archiv

für das Jahr 2019

(die neuesten Gedichte oben)




Ich sah heut einen Rosenmund und fragte ...

Ich sah heut einen Rosenmund und fragte:
Ey, welche Seel' ist dieß?
Sie sagten mir: Frag' um die Wangen nicht,
Denn Seele selbst ist dieß.

Seit deiner Lippen Widerschein gefallen
In meines Auges Glas,
Erging an mich die wiederholte Frage,
Wie so voll Blut ist dieß?

Er sprach: O halt' das Bild von meinem Wuchse
In deinem Herzen fest,
Ich sagte: Fest, wie einen Stab die Seele,
Doch ist nur Vorwand dieß.

Er sprach: Da ich auf deinem Weg gestorben,
Ein Mittelweg ist dieß,
Verweig're meinem Busen nicht den Pfeil,
Womit die Wimper droht,

Denn für die grimmen Pfeile deiner Wimpern
Das wahre Ziel ist dieß.
Sey gnädig Morgenwind, bring' mir Geruch
Von seinem Stirnenhaar,

Denn für ein Herz, verwundet wie das meine,
Ein groß' Geschenk ist dieß.
O nicke nicht so schelmisch mit dem Auge,
Wann du die Mihri siehst,

Seitdem die Seele sie ihm aufgeopfert,
Gar lange Zeit ist dieß.

Mihri Hatun (etwa 1470 - nach 1515)
türkische (osmanische) Dichterin

In der Übersetzung von Joseph von Hammer-Purgstall (1774-1856)
_______




Sonett

Wie ich Dich liebe, möcht' ich gern Dir sagen,
Wie all mein Denken Dir sich muß verbinden,
Zum schönen Kranze möcht' ich für Dich winden
Mein süßes Glück und meine stillen Klagen.

Doch was ich auch ersann, fühl' ich entschwinden,
Wenn Du mir nahest, und mit bangem Zagen
Mag ich es nimmer auszusprechen wagen,
Die rechten Worte weiß ich nicht zu finden.

Nicht eigenmächtig kann den Schritt ich lenken,
Du schriebst die Bahn mir vor, nun muß ich immer
Umkreisen Dich, Du wunderbare Sonne.

In Deiner Nähe flieht, ein matter Schimmer,
Vergangenheit und Zukunft meinem Denken,
Dann fühl' ich nur des Augenblickes Wonne.

Johanna Schultze-Wege (1844-1918)
_____




Möcht' allein allen Schein

Möcht' allein
Allen Schein
Alle Wärme
Alles Licht
Atmen dir vom Angesicht;
Alle Luft des Lebens auch
Trinken nur aus deinem Hauch;
In Tod und Leben
Ein Leib, ein Geist
Mit dir weben und schweben
So lang' im All die Erde kreist.

Peter Cornelius (1824-1874)
_____




Liebeslied

Küsse mich - küß mich lang und heiß,
Bis dies Herz, dies wild erregte,
Dies von Sorgen dumpf bewegte,
Wie von Lethes Fluten trunken
Tief in deinen Schoß gesunken,
Nichts von Qual und Sorgen weiß -
Küß mich lang - küß mich heiß!

Küsse mich - küß mich lang und süß;
Aus der Ruh', die du gegeben,
Wecke wieder mich zum Leben,
Daß ich wachend, Stund' auf Stunde,
Leben trinke dir vom Munde,
Du mein Erdenparadies -
Küß mich lang - küß mich süß!

Küsse mich - küß mich immerdar,
Daß, wie Lipp' auf Lippe schließet,
Dasein ganz in Dasein fließet,
Ewigkeit den Bund uns segne,
Kein Verlieren uns begegne -
Nimmer Trennung - nimmerdar -
Küß mich immerdar.


Ernst von Wildenbruch (1845-1909)
_____




Frühling

Wir wollen wie der Mondenschein
Die stille Frühlingsnacht durchwachen,
Wir wollen wie zwei Kinder sein,
Du hüllst mich in Dein Leben ein
Und lehrst mich so, wie Du, zu lachen.

Ich sehnte mich nach Mutterlieb'
Und Vaterwort und Frühlingsspielen,
Den Fluch, der mich durch's Leben trieb,
Begann ich, da er bei mir blieb,
Wie einen treuen Feind zu lieben.

Nun blühn die Bäume seidenfein
Und Liebe duftet von den Zweigen.
Du musst mir Mutter und Vater sein
Und Frühlingsspiel und Schätzelein!
- - Und ganz mein Eigen . . .

Else Lasker-Schüler (1869-1945)
_____




Liebeslied

Wenn nie mehr die Sonne wär und nie mehr Frühling
und nie, nie Mond mehr über bleichen Dächern,
wenn alle Farben tot und alles Helle:
Ich würde trauern, aber nicht verderben.

Wenn Gott, den ich so schmerzvoll-werbend suchte,
plötzlich gemordet wär in meinem Herzen
oder betrunken läg' vor meiner Schwelle -:
Ich würde weinen, aber weiterwerben.

Wenn nie mehr Deiner Augen süße Quelle
im Schatten meiner dunklen Küsse schliefe
und aufgewacht, nie wieder "trink mich!" riefe -:
ich würde schweigen. Doch ich würde sterben . . .

Josef Weinheber (1892-1945)
_____



Alles ist Liebe . . .

Alles ist Liebe, wenn du es sagst.
Niemand kann lieblos dein Lächeln erwidern,
Doch wenn du klagst,
Schluchzen die Nachtigallen auf wie in alten Liedern.

Alles ist Liebe, wenn du es sagst,
Alles ist dein und mein, die Welt mit Städten und Meeren.
Aber wenn auch du verzagst,
Schwärmen die Nachtmahre aus, mein Herz zu leeren.

Camill Hoffmann (1878-1944)
_____




Du führtest mich zuerst ins Heiligtum . . .

Du führtest mich zuerst ins Heiligtum
Zu lichter Götter Bildern und Altären,
Du lehrtest, was sie weigern und gewähren,
Der Menschen Schicksal und der Helden Ruhm.

Du schmolzest sanft mit langem Liebeskuß
Der Kindheit Siegel mir von Mund und Augen,
Und ließest mich von deinem Blute saugen,
Zu meiner mischend deiner Seele Fluß.

So ward mein Blut, Geliebter, dir leibeigen,
Von einem Quell des deinen unterjocht,
Der es mit Sehnsucht nach sich selbst entzündet.

Nach dir muß es verlangen, stürzen, steigen,
Bis es im Meere deines Herzens mündet,
Und gleichen Schlag mit seinem Schlage pocht.

Ricarda Huch (1864-1947)
_____




Begegnung

Was doch heut nacht ein Sturm gewesen,
Bis erst der Morgen sich geregt!
Wie hat der ungebetne Besen
Kamin und Gassen ausgefegt!

Da kommt ein Mädchen schon die Straßen,
Das halb verschüchtert um sich sieht;
Wie Rosen, die der Wind zerblasen,
So unstet ihr Gesichtchen glüht.

Ein schöner Bursch tritt ihr entgegen,
Er will ihr voll Entzücken nahn:
Wie sehn sich freudig und verlegen
Die ungewohnten Schelme an!

Er scheint zu fragen, ob das Liebchen
Die Zöpfe schon zurecht gemacht,
Die heute Nacht im offnen Stübchen
Ein Sturm in Unordnung gebracht.

Der Bursche träumt noch von den Küssen,
Die ihm das süße Kind getauscht,
Er steht, von Anmut hingerissen,
Derweil sie um die Ecke rauscht.

Eduard Mörike (1804-1875)
_____




Der Tadellosen zum Neuen Jahr

Von Glück und Heil die größte Schaar
Wünsch' ich dir, Frau, zum Neuen Jahr!
Dir bring' ich meine Treue dar
Zukünftig, wie bis jetzt es war,
Ich will von dir nicht weichen.
Das macht dein Mündlein ganz und gar,
Der rothen Wänglein lieblich Paar,
Beglänzt von lichten Äuglein klar,
Die Öhrlein unterm gelben Haar,
Dem krausen, ringelreichen,
Durchblitzt von goldnen Flocken.

Kinn, Zähne, Nase, Hals zumal,
Von dem hinab ein lichter Strahl
Führt in der weißen Brüstlein Saal
Und in ein liebereiches Thal,
Wo Alles schön gemessen.
Die Arme lang, die Hände schmal,
Und wo nur hin mein Blick sich stahl,
Ist sie nach Herzens Wunsch und Wahl,
So drall und voll zu lieber Qual,
Mit Ebenmaß umsessen.
Klein sind der Füßlein Socken.

Fehllos ist nicht ihr Leib allein,
Auch ihre Tugend ist so rein,
Sie will in Wahrheit ohne Schein
Ganz adelig und edel sein,
Mit meisterlichen Sitten.
Sie ist ganz tadellos und fein.
Genossin traut, vergiß nicht mein!
Weil ich nun bin geheißen dein,
Sollst du mir auch zur Freude sein.
Laß dich von meinen Bitten
Und meiner Sehnsucht locken!

Oswald von Wolkenstein (um 1377-1445)

übersetzt von Johannes Schrott (1824-1900)
_______




An Anna Blume

Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - wir?
Das gehört beiläufig nicht hierher!

Wer bist Du, ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?
Die Leute sagen, Du wärest.
Laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.

Du trägst den Hut auf Deinen Füßen und wanderst auf die Hände,
Auf den Händen wanderst Du.

Halloh, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt,
Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich Dir.
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - -  wir?
Das gehört beiläufig in die kalte Glut!
Anna Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?

Preisfrage:
1.) Anna Blume hat ein Vogel,
2.) Anna Blume ist rot.
3.) Welche Farbe hat der Vogel.

Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,
Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid,
Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir!
Du Deiner Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir!
Das gehört beiläufig in die - - -  Glutenkiste.

Anna Blume, Anna, A----N----N----A!
Ich träufle Deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg,
Weißt Du es Anna, weißt Du es schon,
Man kann Dich auch von hinten lesen.
Und Du, Du Herrlichste von allen,
Du bist von hinten, wie von vorne:
A------N------N------A.
Rindertalg träufelt STREICHELN über meinen Rücken.
Anna Blume,
Du tropfes Tier,
Ich ------- liebe ------- Dir!

Kurt Schwitters (1887-1948)
_____




Liebes-Allmanach

Lieb' ist seliges Verschulden,
Lieb' ist himmlisches Erdulden,
Lieb' ist Leben, Lieb' ist Tod,
Lieb' ist Wonne, Lieb' ist Noth,
Lieb' ist Himmel, Lieb' ist Hölle,
Lieb' ist Feuer, Lieb' ist Welle,
Lieb' ist Anfang, Lieb' ist Ende,
Lieb' ist Schöpfungs-Sonnenwende,
Lieb' ist Leib und Lieb' ist Seele,
Lieb' ist's, liebste Ariele,
Lieb' ist's, die um Mitternacht
Dieses Lied für dich erdacht.

Johannes Daniel Falk (1768-1826)
_____





zurück zur Startseite