Deutsche Liebeslyrik - Gedicht der Woche Archiv

für das Jahr 2019

(die neuesten Gedichte oben)




Begegnung

Was doch heut nacht ein Sturm gewesen,
Bis erst der Morgen sich geregt!
Wie hat der ungebetne Besen
Kamin und Gassen ausgefegt!

Da kommt ein Mädchen schon die Straßen,
Das halb verschüchtert um sich sieht;
Wie Rosen, die der Wind zerblasen,
So unstet ihr Gesichtchen glüht.

Ein schöner Bursch tritt ihr entgegen,
Er will ihr voll Entzücken nahn:
Wie sehn sich freudig und verlegen
Die ungewohnten Schelme an!

Er scheint zu fragen, ob das Liebchen
Die Zöpfe schon zurecht gemacht,
Die heute Nacht im offnen Stübchen
Ein Sturm in Unordnung gebracht.

Der Bursche träumt noch von den Küssen,
Die ihm das süße Kind getauscht,
Er steht, von Anmut hingerissen,
Derweil sie um die Ecke rauscht.

Eduard Mörike (1804-1875)
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Der Tadellosen zum Neuen Jahr

Von Glück und Heil die größte Schaar
Wünsch' ich dir, Frau, zum Neuen Jahr!
Dir bring' ich meine Treue dar
Zukünftig, wie bis jetzt es war,
Ich will von dir nicht weichen.
Das macht dein Mündlein ganz und gar,
Der rothen Wänglein lieblich Paar,
Beglänzt von lichten Äuglein klar,
Die Öhrlein unterm gelben Haar,
Dem krausen, ringelreichen,
Durchblitzt von goldnen Flocken.

Kinn, Zähne, Nase, Hals zumal,
Von dem hinab ein lichter Strahl
Führt in der weißen Brüstlein Saal
Und in ein liebereiches Thal,
Wo Alles schön gemessen.
Die Arme lang, die Hände schmal,
Und wo nur hin mein Blick sich stahl,
Ist sie nach Herzens Wunsch und Wahl,
So drall und voll zu lieber Qual,
Mit Ebenmaß umsessen.
Klein sind der Füßlein Socken.

Fehllos ist nicht ihr Leib allein,
Auch ihre Tugend ist so rein,
Sie will in Wahrheit ohne Schein
Ganz adelig und edel sein,
Mit meisterlichen Sitten.
Sie ist ganz tadellos und fein.
Genossin traut, vergiß nicht mein!
Weil ich nun bin geheißen dein,
Sollst du mir auch zur Freude sein.
Laß dich von meinen Bitten
Und meiner Sehnsucht locken!

Oswald von Wolkenstein (um 1377-1445)

übersetzt von Johannes Schrott (1824-1900)
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An Anna Blume

Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - wir?
Das gehört beiläufig nicht hierher!

Wer bist Du, ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?
Die Leute sagen, Du wärest.
Laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.

Du trägst den Hut auf Deinen Füßen und wanderst auf die Hände,
Auf den Händen wanderst Du.

Halloh, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt,
Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich Dir.
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - -  wir?
Das gehört beiläufig in die kalte Glut!
Anna Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?

Preisfrage:
1.) Anna Blume hat ein Vogel,
2.) Anna Blume ist rot.
3.) Welche Farbe hat der Vogel.

Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,
Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid,
Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir!
Du Deiner Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir!
Das gehört beiläufig in die - - -  Glutenkiste.

Anna Blume, Anna, A----N----N----A!
Ich träufle Deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg,
Weißt Du es Anna, weißt Du es schon,
Man kann Dich auch von hinten lesen.
Und Du, Du Herrlichste von allen,
Du bist von hinten, wie von vorne:
A------N------N------A.
Rindertalg träufelt STREICHELN über meinen Rücken.
Anna Blume,
Du tropfes Tier,
Ich ------- liebe ------- Dir!

Kurt Schwitters (1887-1948)
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Liebes-Allmanach

Lieb' ist seliges Verschulden,
Lieb' ist himmlisches Erdulden,
Lieb' ist Leben, Lieb' ist Tod,
Lieb' ist Wonne, Lieb' ist Noth,
Lieb' ist Himmel, Lieb' ist Hölle,
Lieb' ist Feuer, Lieb' ist Welle,
Lieb' ist Anfang, Lieb' ist Ende,
Lieb' ist Schöpfungs-Sonnenwende,
Lieb' ist Leib und Lieb' ist Seele,
Lieb' ist's, liebste Ariele,
Lieb' ist's, die um Mitternacht
Dieses Lied für dich erdacht.

Johannes Daniel Falk (1768-1826)
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