Emanuel Geibel (1815-1884) - Liebesgedichte

Emanuel Geibel

 

Emanuel Geibel
(1815-1884)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

Ach, wer hat es nicht erfahren,
Daß ein Blick, ein Ton, ein Duft
Was vergessen war seit Jahren
Plötzlich vor die Seele ruft!

Also kommt in dieser süßen
Frühlingszeit von Wald und Fluß
Solch Erinnern oft und Grüßen,
Daß ich tief erschrecken muß.

Weisen, die gelockt den Knaben,
Dämmern auf in meinem Ohr:
Dunkle Sehnsucht, längst begraben,
Zuckt wie Blitz in mir empor.

Und wenn hoch die Sterne scheinen,
Geht im Traum durch meinen Sinn
Winkend, mit verhalt'nem Weinen,
Die verlorne Liebe hin.
(Band 3 S. 137)
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Als ich vertieft heut lag am Waldesrand,
Und bangt' um deine Liebe, fiel von selber
Mir ein vierblättrig Kleeblatt in die Hand.

Und als ich spät im Dunkeln dein gedacht,
Am offnen Fenster in den Garten lehnend,
Da schossen Stern' um Sterne durch die Nacht.

Was hilft's der Welt, daß sie mich von dir trieb?
Nun sind mir Erd' und Himmel Boten worden,
Und sagen grüßend mir, du hast mich lieb.
(Band 3 S. 113)
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Der Troubadour

I.
Da ich dich ließ, du wunderschönes Weib,
Vom dumpfen Stundenschlag hinweggetrieben,
Da schied von dir der staubgeborne Leib,
Doch ist die Seel' in deiner Haft geblieben.

Mein Sinnen, Sehnen, die Gedanken all
Umflattern dich, verspottend Schloß und Riegel,
Ja, selbst der Gaukler Traum ward dein Vasall,
Dein Bild allein noch zeigt sein Wunderspiegel.

So bin ich dein bei Tag, so bleib ich dein,
Wenn Nacht und Schlaf auf meinen Wimpern liegen;
Du bist die Kerze stets, um deren Schein
Wie trunkne Falter alle Wünsche fliegen.

Du bist zugleich mir Muse und Gedicht,
Festklarer Stern im irren Weltgetriebe,
Lust meines Lebens - ach, und siehst es nicht,
Und ahnst es nicht einmal, daß ich dich liebe.

II.
Du bist so schön, ich wag' es nicht
Dich anzuschauen,
Du schlanke Lilie hoch und licht
Im Kranz der Frauen;
Du Kön'gin sonder Hermelin,
Von deren Stirne Gnad' und Hoheit scheinen,
Du bist so schön - o laß mich vor dir knie'n,
Und stumm auf deine Füße weinen!

Ich kann die Wonne, kann den Schmerz
Nicht mehr verschweigen,
Ich kann nur flehn: Nimm hin dieß Herz,
Es ist dein eigen.
Nimm's, deiner Huld werthlosen Raub,
Und blick' es an zwei selige Sekunden;
Da wirf es hin und tritt es in den Staub,
Es hat des Heils genug gefunden.

Doch wisse, keines kann dir je
Wie dieses schlagen,
So weit beschwingt um Land und See
Die Winde jagen;
So weit das lichte Morgenroth
Dahinfleucht durch die Welt mit raschen Gluten,
Ist keins wie dieß bereit in sel'gem Tod
Sein Dasein für dich hinzubluten.

III.
O weißt du, was den wilden Schwan
Treibt übers Meer in südlich Land,
Was aus dem Schacht zum Licht hinan
Das Bächlein zwingt durch Kies und Sand?
Kannst du es sagen:
Dann magst du fragen,
Was mich an deine Schritte bannt.

Dann magst du fragen auch, warum
Dieß Auge brennt, das stets gelacht,
Warum der kecke Mund ward stumm,
Kein Becher mehr mich fröhlich macht,
Warum in Sorgen
Mich trifft der Morgen
Und schlaflos die gestirnte Nacht.

Ich weiß nur das: Trüb oder froh,
Ein Schicksal ist's, ich gab mich drein;
In meinen Sternen flammt' es so,
Und Lieb' ist Lieb' in Lust und Pein.
Drum duld' es stille,
Daß all mein Wille
Um dich sich dreht: nimm hin, was dein!

IV.
O du der Schönheit Fürstin stolz und hoch,
Du Räthselvolle, die kein Sinn erfaßt,
Du bist so kalt und zündest Flammen doch;
Und selbst so ruhig raubst du alle Rast;
Du machst mich irr an meines Herzens Schlag,
Mich selbst verlor ich, seit ich dich gesehn;
Schlaflose Nacht löst ab verträumten Tag
Mit Zweifeln, Gluten, Wehn -
Du aber lächelst fort, als wäre nichts geschehn.

Oft zweifl' ich, daß dir eine Seele ward,
Und wieder mein' ich dann, sie schlafe nur,
Und wer sie weck' aus ihren Träumen zart:
Ihr holdstes Wunder zeige dem Natur;
Urplötzlich, wie der Lenz kommt über Nacht,
So müss' aufquellend einst in jäher Lust
Dein Wesen all erblühn in Frühlingspracht,
Wenn deine junge Brust
Zum erstenmale fühlt, wovon sie nie gewußt.

O dürft' ich der gefeite Zaubrer sein,
Der so den Frost in Maienwonne kehrt,
Der deine Wangen glühn in hast'gem Schein,
Dein Aug' in brünst'gen Thränen fluten lehrt!
Dürft' ich der sein, der dir die Seele giebt,
Die stummen Räthsel lösend deinem Sinn,
Der Sel'ge, den du liebst, weil er dich liebt -
O was ich hab' und bin,
Die eigne Seele halb, die ganze gäb' ich hin!

Verwegner Traum! Doch wie du immer seist:
Mich treibt zu dir allmächtige Gewalt;
Gebannt in deine Kreise liegt mein Geist,
Ich kann nicht los, und thust du noch so kalt.
Du ziehst mich nach dir wie der Mond die Flut,
Wie der Magnet das Eisen siegreich zieht;
Und ob du harmlos spielst mit meiner Glut,
Ob streng dein Auge sieht:
Mein unstät Herz ist dein, und dein mein dunkles Lied.

V.
Streich aus mein Roß, die Flanken hoch!
Die Meute bellt, es klingt das Horn,
Der Tag ist wild, doch wilder noch
Dein Reiter;
Es treibt durch Schnee, Gestrüpp und Dorn
Ihn rastlos, ruhlos weiter.

Ich habe getrunken einen Trank,
Lieb' heißt der Trank, und der war heiß.
Davon bin ich geworden krank
Im Herzen.
Mir will nicht kühlen Winters Eis
Noch scharfer Sturm die Schmerzen.

Drum rasch, als könnt's ich fliehn mein Weh!
Was schiert's mich, wenn die Sonn' entwich!
Schon färbt des Hirschen Schweiß den Schnee
Der Haide;
Ich jage das Wild, die Liebe mich,
Bis wir erliegen beide.

VI.
Durch die erstorbnen Gassen,
Die kalt im fahlen Mondenschimmer liegen,
Durch Pfeilerhallen, über Marmorstiegen
Schweif' ich umher verlassen,
Und denk' in Gram versenket
An dich, die meiner nimmermehr gedenket.

Wie unter schweren Lasten
Ein Mann vom Holzschlag keucht auf Waldespfaden,
So seufz' ich mit des Kummers Wucht beladen,
Der nicht vergönnt zu rasten,
Und weiter ohn' Ermatten
Mich forttreibt, umzugehn, mein eigner Schatten.

Und führt zu deiner Schwelle
Mein Weg mich, der da weiß von keinem Ziele:
Rankt meine Seele sich in leerem Spiele
Um die geliebte Stelle;
Ich steh' gebannt, und weine
Brennende Thränen auf die kalten Steine.

VII.
Wohl kenn' ich vom Beginne
Der Neigung Jahreszeiten;
Die Veilchen erster Minne
Brach ich, und brach die Rosen dann der zweiten.
Doch seit ich dich erkannt mit Geist und Auge,
War fürderhin kein Streiten
In dieser Brust, was mir zu lieben tauge.

Denn ein Gemüth, tief innig
Und spiegelklar zum Grunde,
Denn einen Leib so minnig,
Wie Gott ihn schafft in rechter Gnadenstunde,
Dazu den Geist, für jede Weisheit offen,
Die edlen Drei im Bunde
Hab' ich, o Herrin, nur bei dir betroffen.

O dürft' ich all mein Wesen
Ergeben dir, du Hohe,
Wie würde da genesen
Zu süßem Heil dieß Herz, das liebefrohe!
Nichts wüßt' ich, was mir bessre Lust gewährte,
Als meines Geistes Lohe
Zu schüren, daß der Schimmer dich verklärte.

Doch runzelst du die Brauen
Und schämst dich meines Strebens;
Ach, darin muß ich schauen
Gerechte Buße frühern Ueberhebens.
Einst hab' ich die mich liebte kalt betrübet,
Nun lieb' ich selbst vergebens -
Das ist die Minne, die Vergeltung übet.

So will vor deinem Zorne
Ich Flucht und Fahrt erküren.
Will mich an fremdem Borne
Erlaben, und will ruhn an fremden Thüren.
Und statt des lust'gen Spiels der Minnesinger
Die Harfe will ich rühren,
Ein düstrer Pilgersmann, mit rauhem Finger.

Du aber, hörst du ferne
Des Sängers dumpfe Töne,
Nur so viel Huld erlerne,
Daß ohne Haß dein Ohr sich dran gewöhne.
Und so fahrwohl du, die ich trag' im Sinne,
Fahrwohl du stolze Schöne! -
Dieß ist von mir das letzte Lied der Minne.

VIII.
Ich hab' es bei mir selber wohl erwogen
In einer langen schlummerlosen Nacht,
Daß Liebe, die mir Süßes viel gebracht,
Mich dennoch um mein bestes Glück betrogen.

Denn seit der Zeit, daß ihrer ich gepflogen,
Verlor ich Ruhe, Heiterkeit, Bedacht;
Bald war mein Sinn zu wilder Glut entfacht,
Und bald in Schmerzen fern hinaus gezogen.

Darum beschloß ich, sonder Ungeduld
Dem holden Reiz auf immer zu entsagen,
Und abzuthun der Neigung süße Schuld.

In Ruhe sollst fortan, mein Herz, du schlagen,
Und statt des Schattens flücht'ger Erdenhuld
Die Ewigkeit in deiner Tiefe tragen.
(Band 2 S. 143-150)
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(aus: Lieder aus alter und neuer Zeit)

XII.
Das ist der Liebe eigen,
Mit Worten muß sie schweigen;
Sie spricht mit süßen Zeichen
Von Dingen ohne Gleichen.

Es sagt die Hand am Herzen:
Hier innen trag' ich Schmerzen,
Und möchte doch dies Leiden
Um alle Welt nicht meiden.

Im Auge spricht die Thräne:
Wie ich nach dir mich sehne!
Mein Wollen, Denken, Sinnen
Es will in deins verrinnen.

Es spricht der Lippe Zücken:
O laß dich an mich drücken,
Auf daß im Feuerhauche
Sich Seel' in Seele tauche!

So webt in stummen Zeichen
Sich Botschaft sonder Gleichen;
Von Herz zu Herzen geht sie,
Doch nur wer liebt versteht sie.
(Band 3 S. 48-49)
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Vergänglichkeit

Daß Alles uns so rasch vorübereilet
Und sich die Zeit nicht läßt in Fesseln schlagen,
Es war mir nimmermehr ein Grund zu klagen,
Wenn ich im Kreis der Fröhlichkeit verweilet.

Denn öfter noch hat mir es Trost ertheilet,
Wenn auf der Seele tiefe Schatten lagen;
Der bangen durft' ich dann vertrauend sagen:
Getrost! Der Sand verrinnt, die Wunde heilet.

So hofft' ich stets dem jungen Lenz entgegen,
War ich vom Frost des Winters kalt umschauert,
Und sah mit Ruh den Herbst ins Grab sich legen.

Nur Eines hab' ich immer tief betrauert,
Daß auch die schönste Blum' auf unsern Wegen,
Die Liebe selbst nur zwei Minuten dauert.
(Band 1 S. 104-105)
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Apologie

Daß ich auch zur schönen Zeit des Frühlings
Morgens lange stets im Bette säume,
Darum wollt ihr, Freunde, mich verklagen?
Thut es immerhin! Euch hat beim Werden
Nicht die Muse freundlich angelächelt,
Und mit Morpheus lieblichem Geschlechte
Seid ihr ganz und gar in herbem Zwiespalt.
Nicht die Wonne kennt ihr, auf dem Lager
Sich zu dehnen, wenn am offnen Fenster
Grünes Weinlaub schwankt im Sonnenschimmer
Und die Blüten roth und weiß hereinwehn.
Draußen in den Rosenbüschen flötet
Dann die Nachtigall, und wie die Töne
Lieblich sich durch meine Seele dehnen,
Spinnt der Morgentraum in halbem Wachen
Sich noch fort und wird zu holden Liedern.
Trifft mir endlich dann der Strahl die Wimpern,
Spring' ich rasch empor, auf weiße Blätter
Die gereimten Träume festzubannen.
Abends aber schleich' ich zur Geliebten,
Und sie liest es, was in süßer Dämmrung
Grüßend durch des Freundes Brust gezogen,
Und mit Küssen lohnt sie jede Zeile.

Sagt nun, ihr profanen Traumverächter,
Sagt nun, wollt ihr länger noch mich schelten?
(Band 1 S. 15)
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König Dichter

Der Dichter steht mit dem Zauberstab
Auf wolkigem Bergesthrone,
Und schaut auf Land und Meer hinab
Und blickt in jede Zone.

Für seine Lieder nah und fern
Sucht er den Schmuck, den besten;
Mit ihren Schätzen dienen ihm gern
Der Osten und der Westen.

An goldnen Quellen läßt er kühn
Arabiens Palmen rauschen,
Läßt unter duft'gem Lindengrün
Die deutschen Veilchen lauschen.

Er winkt, da öffnet die Ros' in Glut
Des Kelches Heiligthume,
Und schimmernd grüßt aus blauer Flut
Den Mond die Lotosblume.

Er steigt hinab in den schwarzen Schacht,
Taucht in des Oceans Wellen,
Und sucht der rothen Rubinen Pracht,
Und bricht die Perlen, die hellen.

Er giebt dem Schwane Wort und Klang,
Er heißt die Nachtigall flöten,
Und prächtig weben in seinem Gesang
Sich Morgen- und Abendröthen.

Er läßt das weite unendliche Meer
In seine Lieder wogen,
Ja, Sonne, Mond und Sternenheer
Ruft er vom Himmelsbogen.

Und Alles fügt sich ihm sogleich,
Will ihn als König grüßen;
Er aber legt sein ganzes Reich
Dem schönsten Kind zu Füßen.
(Band 1 S. 28-29)
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(aus: Lieder als Intermezzo)

VIII.
Die Liebe gleicht dem April:
Bald Frost, bald fröhliche Strahlen,
Bald Blüten in Herzen und Thalen,
Bald stürmisch und bald still,
Bald heimliches Ringen und Dehnen,
Bald Wolken, Regen und Thränen -
Im ewigen Schwanken und Sehnen
Wer weiß, was werden will!
(Band 1 S. 35)
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(aus: Lieder als Intermezzo)

XVII.
Die Liebe saß als Nachtigall
Im Rosenbusch und sang,
Es flog der wundersüße Schall
Den grünen Wald entlang.

Und wie er klang, da stieg im Kreis
Aus tausend Kelchen Duft,
Und alle Wipfel rauschten leis,
Und leise ging die Luft.

Die Bäche schwiegen, die noch kaum
Geplätschert von den Höhn,
Die Rehlein standen wie im Traum
Und lauschten dem Getön.

Und hell und immer heller floß
Der Sonne Glanz herein,
Um blumen, Wald und Schlucht ergoß
Sich goldig rother Schein.

Ich aber zog den Weg entlang
Und hörte auch den Schall -
Ach, was seit jener Stund' ich sang,
War nur sein Wiederhall.
(Band 1 S. 40)
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(aus: Lieder als Intermezzo)

IX.
Die stille Wasserrose
Steigt aus dem blauen See,
Die feuchten Blätter zittern,
Der Kelch ist weiß wie Schnee.

Da gießt der Mond vom Himmel
All seinen goldnen Schein,
Gießt alle seine Strahlen
In ihren Schooß hinein.

Im Wasser um die Blume
Kreiset ein weißer Schwan;
Er singt so süß, so leise,
Und schaut die Blume an.

Er singt so süß, so leise,
Und will im Singen vergehn -
O Blume, weiße Blume,
Kannst du das Lied verstehn?
(Band 1 S. 35)
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Drei Bitten

Drei Bitten hab' ich für des Himmels Ohr,
Die send' ich täglich früh und spät empor:
Zum ersten, daß der Liebe reiner Born
Mir nie versieg' in Ungeduld und Zorn;
Zum zweiten, daß mir, was ich auch vernahm,
Ein Echo weck', ein Lied in Lust und Gram;
Zum dritten, wenn das letzte Lied verhallt
Und wenn der Quell der Liebe leiser wallt,
Daß dann der Tod mich schnell mit sanfter Hand
Hinüberführ' in jenes besser Land,
Wo ewig ungetrübt die Liebe quillt
Und wo das Lied als einz'ge Sprache gilt.
(Band 1 S. 25)
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(aus: Lieder als Intermezzo)

XII.
Du bist so still, so sanft, so sinnig,
Und schau' ich dir in's Angesicht,
Da leuchtet mir verständnißinnig
Der dunkeln Augen frommes Licht.

Nicht Worte giebst du dem Gefühle,
Du redest nicht, du lächelst nur;
So lächelt in des Abends Kühle
Der lichte Mond auf Wald und Flur.

In Traumesdämmerung allmählich
Zerrinnt die ganze Seele mir,
Und nur das Eine fühl' ich selig,
Daß ich vereinigt bin mit dir.
(Band 1 S. 37)
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(aus: Lieder als Intermezzo)

XXIV.
Du fragst mich, du mein blondes Lieb,
Warum so stumm mein Mund?
Weil mir die Liebe sitzet,
Heimlich sitzet
Im Herzensgrund.

Kann denn die Flamme singen,
Wenn sie zum Himmel will?
Sie schlägt die Flügel hoch und roth,
So hoch und roth,
Und doch so still.

Die Ros' auch kann nicht sprechen,
Wenn sie zur Blüt' erwacht;
Sie glüht und duftet stumm hindurch,
Stumm hindurch
Die Sommernacht.

So ist auch meine Minne,
Seit du dich mir geneigt;
Sie glüht und blüht im Sinne,
Tief im Sinne,
Aber sie schweigt.
(Band 1 S. 43-44)
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Schmetterling

Ein Wetterfähnlein ist mein Sinn,
Er schwankt und wankt im Lieben,
Er dreht sich her und dreht sich hin,
Von jedem Wind getrieben.

Ich weiß nicht, ist's mit mir allein,
Mag's Andern auch so gehen?
An jedem Fenster groß und klein
Muß ich was Holdes sehen.

Heut' klopf' ich bei der Blonden an,
Und morgen bei der Braunen,
Und übermorgen muß ich dann
Der Schwarzen Reiz bestaunen.
Nur kann ich nimmer allzulang
Bei Einer mich verweilen;
Macht mich ein dunkles Auge krank,
Ein blaues muß mich heilen.

Und leicht gewogen hier am Ort
Sind mir die ros'gen Schönen,
Denn jede hört ein Liebeswort
Zur Cither gern ertönen,
Und jede schwärmt auf ihre Art
Beim sanften Glanz der Sterne,
Und machst du's nur ein wenig zart,
So küßt auch jede gerne.

So fliehn mir denn in leiser Spur
Dahin die schnellen Stunden;
Ich seufze nicht, ich singe nur
Und weiß von keinen Wunden;
Bald bin ich dort, bald bin ich hier
An Scherz und Spiel mich labend,
Und jeder Tag bringt Lieder mir
Und Küsse jeder Abend.
(Band 1 S. 16-17)
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Das Zauberschloß

Es gibt ein Königsschloß in alten Sagen,
Durch Zauberbann in wüsten Schutt zerfallen,
Doch wenn die rechten Lösungsworte schallen,
So steigt's empor wie in der Vorzeit Tagen.

Da glänzt der Saal, die goldnen Zinnen ragen,
Jasmin und Ros' umblühn die Säulenhallen,
Es tanzen Mädchen, Purpurkleider wallen,
Und Silberharfen hörst du lieblich schlagen.

Den Trümmern glich mein Herz. Es mußte lange
In Graus und Finsterniß verödet liegen,
Und drinnen war es leer und dumpf und bange.

Da sprachest du, den Bannfluch zu besiegen,
Das Lösungswort, und sieh, mit hellem Klange
Ist draus der Liebe Zauberschloß gestiegen.
(Band 1 S. 99)
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Minnelied

Es giebt wohl Manches, was entzücket,
Es giebt wohl Vieles, was gefällt;
Der Mai, der sich mit Blumen schmücket,
Die güldne Sonn' im blauen Zelt.
Doch weiß ich Eins, das schafft mehr Wonne,
Als jeder Glanz der Morgensonne,
Als Rosenblüt' und Lilienreis:
Das ist, getreu im tiefsten Sinne
Zu tragen eine fromme Minne,
Davon nur Gott im Himmel weiß.

Wem er ein solches Gut beschieden,
Der freue sich und sei getrost!
Ihm ward ein wunderbarer Frieden,
Wie wild des Lebens Brandung tost.
Mag alles Leiden auf ihn schlagen:
Sie lehrt ihn nimmermehr verzagen,
Sie ist ihm Hort und sichrer Thurm;
Sie bleibt im Labyrinth der Schmerzen
Die Fackelträgerin dem Herzen,
Bleibt Lenz im Winter, Ruh im Sturm.

Doch suchst umsonst auf irrem Pfade
Die Liebe du im Drang der Welt;
Denn Lieb' ist Wunder, Lieb' ist Gnade,
Die wie der Thau vom Himmel fällt.
Sie kommt wie Nelkenduft im Winde,
Sie kommt, wie durch die Nacht gelinde
Aus Wolken fließt des Mondes Schein;
Da gilt kein Ringen, kein Verlangen
In Demuth magst du sie empfangen,
Als kehrt' ein Engel bei dir ein.

Und mit ihr kommt ein Bangen, Zagen,
Ein Träumen aller Welt versteckt;
Mit Freuden mußt du Leide tragen,
Bis aus dem Leid ihr Kuß dich weckt;
Dann ist dein Leben ein geweihtes,
In deinem Wesen blüht ein zweites,
Ein reineres voll Licht und Ruh;
Und todesfroh in raschem Fluten
Fühlst du das eigne Ich verbluten,
Weil du nur wohnen magst im Du.

Das ist die köstlichste der Gaben,
Die Gott dem Menschenherzen giebt,
Die eitle Selbssucht zu begraben,
Indem die Seele glüht und liebt.
O süß Empfangen, sel'ges Geben!
O schönes Ineinanderweben!
Hier heißt Gewinn, was sonst Verlust.
Je mehr du schenkst, je froher scheinst du,
Je mehr du nimmst, je sel'ger weinst du -
O gieb das Herz aus deiner Brust!

In ihrem Auge deine Thränen,
Ihr Lächeln sanft um deinen Mund,
Und all dein Denken, Träumen, Sehnen,
Ob's dein, ob's ihr, dir ist's nicht kund.
Wie wenn zwei Büsche sich verschlingen,
Aus denen junge Rosen springen,
Die weiß, die andern roth erglüht,
Und keiner merkt, aus wessen Zweigen
Die hellen und die dunkeln steigen:
So ist's; du fühlest nur: es blüht.

Es blüht; es ist ein Lenz tiefinnen,
Ein Geisteslenz für immerdar;
Du fühlst in dir die Ströme rinnen
Der ew'gen Jugend wunderbar.
Die Flammen, die in dir frohlocken,
Sind stärker, als die Aschenflocken,
Mit denen Alter droht und Zeit;
Es leert umsonst der Tod den Köcher,
So trinkst du aus der Liebe Becher
Den süßen Wein: Unsterblichkeit.

Spät ist es - hinter dunkeln Gipfeln
Färbt golden sich der Wolken Flaum;
Tiefröthlich steigt aus Buchenwipfeln
Der Mond empor am Himmelssaum.
Der Wind fährt auf in Sprüngen, losen,
Und spielet mit den weißen Rosen,
Die rankend blühn am Fenster mir.
O säuselt, säuselt fort, ihr Lüfte,
Und tragt, getaucht in Blumendüfte
Dies Lied und meinen Gruß zu ihr!
(Band 1 S. 185-188)
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(aus: Lieder als Intermezzo)

XXXIV.
Es ist das Glück ein flüchtig Ding,
Und war's zu allen Tagen;
Und jagtest du um der Erde Ring,
Du möchtest es nicht erjagen.

Leg' dich lieber ins Gras voll Duft
Und singe deine Lieder;
Plötzlich vielleicht aus blauer Luft
Fällt es auf dich hernieder.

Aber dann pack' es und halt' es fest
Und plaudre nicht viel dazwischen;
Wenn du zu lang' es warten läßt,
Möcht' es dir wieder entwischen.
(Band 1 S. 50-51)
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Im März

Es ist mir eben angethan,
Zwei schöne Augen sahn mich an,
Und in den süßen feuchten Schein
Blickt' ich zu tief, zu tief hinein.
Mir schwirrt der Kopf, mir glühn die Wangen,
Und nun kommt draußen der Lenz gegangen
Ueber die Hügel, über den Fluß,
Die Schwalbe zwitschert ihren Gruß,
Die Wolken ziehn und zwischendrein
Fließet der lichte Sonnenschein,
Und aus dem klar vertieften Blau
Säuselt es linde, weht es lau,
Man meint, die Veilchen sind schon da.
Das ist ein sehnsuchtsvolles Weben,
Ein heimlich Locken und Leben
Allüberall, fern und nah.
Und du, mein Herz, wirst nie gescheidt,
Lässest so willig dich verführen,
Oeffnest der Sehnsucht Thor und Thüren;
Von Liebes-Freud und Leid
Singest du Lieder,
Und bist so froh, bist ganz so thöricht wieder,
Als wie in deiner jungen Zeit.
(Band 2 S. 23-24)
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(aus: Lieder als Intermezzo)

XVIII.
Es stand ein Veilchenstrauß an meinem Bette,
Der duftete mir zu gar süßen Traum:
Ich lag am Abhang einer Hügelkette,
Und überblüht von Veilchen war der Raum:
So viele wuchsen nie an einer Stätte,
Man sah vor ihrem Blau den Rasen kaum;
Da sprach das Herz: Hier ging mein Lieb, das traute,
Und Veilchen sproßten auf, wohin sie schaute.
(Band 1 S. 41)
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Donatus
(Aus einer Novelle)

1.
Fuhr einst unaufhaltsam
Meerwärts stolz und frei,
Lockt mich nun gewaltsam,
Süße Loreley.

Laß die Wirbel toben,
Laß die Strudel drohn -
Silbern weht von oben
Deines Liedes Ton.

Hast mit deinen Lippen
Mir es angethan;
Selig in die Klippen
Steur' ich meinen Kahn.

2.
Ich bin der Sturm, der fährt dem Norden zu,
Du bist die mondbeglänzte Meeresruh -
Wie stimmt ein solches Ich zu solchem Du!

Du bist der Strahl, der sich auf Lilien wiegt,
Der Hagel ich, der aus der Wolke fliegt -
O ew'ge Kluft, die zwischen beiden liegt!

Ich unstät, wild, der Erde düstrer Gast,
Du himmlisch heiter, wie die Engel fast -
Nun zeig', o Liebe, daß du Allmacht hast!

3.
Nun bin ich heim. O selig Ende
Der langen ruhelosen Pein!
Jetzt schließt ihr wohl, ihr engen Wände,
Den Glücklichsten der Menschen ein.

Wir haben unter Thränengüssen
Die Seelen jubelnd ausgetauscht,
Noch ist mein Sinn von ihren Küssen
Als wie von edlem Wein berauscht.

Durch finstre Gassen schreitet stille
Die Mitternacht und Alles ruht,
Doch jauchzt mein Herz in seiner Fülle
Und freut sich schlaflos seiner Glut.

So wie, wenn's dunkel ward im Thale
Und dunkel ward am Firmament,
Noch sattgetränkt vom rothen Strahle
Der Alpe Gipfel glorreich brennt.
(Band 2 S. 31-32)
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(aus: Lieder als Intermezzo)

XXVI.
Goldne Brücken seien
Alle Lieder mir,
Drauf die Liebe wandelt,
Süßes Kind, zu dir.

Und des Traumes Flügel
Soll in Lust und Schmerz
Jede Nacht mich tragen
An dein treues Herz.
(Band 1 S. 45)
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(aus: Lieder als Intermezzo)

X.
Ich bin die Rose auf der Au,
Die still in Düften leuchtet;
Doch du, o Liebe, bist der Thau,
Der nährend sie befeuchtet.

Ich bin der dunkle Edelstein,
Aus tiefem Schacht gewühlet:
Du aber bist der Sonnenschein,
Darin er Farben spielet.

Ich bin der Becher von Krystall,
Aus dem der König trinket;
Du bist des Weines süßer Schwall,
Der purpur ihn durchblinket.

Ich bin die trübe Wolkenwand,
Am Himmel aufgezogen;
Doch du bist klar auf mich gespannt
Als bunter Regenbogen.

Ich bin der Memnon stumm und todt
Von Wüstennacht bedecket;
Du hast den Klang als Morgenroth
In meiner Brust erwecket.

Ich bin der Mensch, der vielbewegt
Durchirrt das Thal der Mängel;
Du aber bist's, die stark mich trägt,
Ein lichter Gottesengel.
(Band 1 S. 36)
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Am 26. August 1859

Ich denke still zurück
An heut vor sieben Jahren;
Das war das höchste Glück,
Was damals ich erfahren.

Das war das höchste Glück,
Wohl hieß ich's froh willkommen;
Doch hast du's, Herr, zurück
Aus meiner Hand genommen.

Die Blüte, die ich pries,
Die reine, dornenlose,
Sie blüht im Paradies
Nun längst als weiße Rose.

Ach, nimmer den Verlust
Meint' ich zu überstehen;
Die Wund' in meiner Brust
Hast du allein gesehen.

Doch bleibt ein heil'ger Schmerz
Im Staub nicht ewig ranken,
Und heute soll mein Herz
Nicht klagen, sondern danken,

Daß, was so schön und hoch
Mir ward an jenem Tage,
Ich als Erinn'rung doch
Stillglänzend in mir trage,

Und daß du mild von Ihr,
Bis ich sie wiederfinde,
Ein süßes Abbild mir
Beschert in ihrem Kinde.
(Band 3 S. 235-236)
_____

 

Um Mitternacht

Im Saal gedankenvoll
Saß ich bei Lampenschein;
Durch's offne Fenster quoll
Die Sommernacht herein.

Dein Bild, von treuer Hand
Geschmückt mit frischem Kranz,
Sah von der dunkeln Wand
Mich an im Dämmerglanz.

Da, auf der Sehnsucht Pfad
Vertiefte sich mein Sinn,
Und himmlisch leuchtend trat
Dein Wesen vor mich hin;

Ach, wie du lilienrein
Nie nach dem Deinen frugst,
Und lächelnd selbst die Pein
Wie eine Heil'ge trugst.

Und überm Abgrund dann,
Dem düstern, Tod und Grab,
Hing mein Gedank' und sann
In seine Tief' hinab.

Werd' ich dich wiedersehn?
Kann je, was Liebe hier
Erwarb, verloren gehen?
Und weißt du noch von mir?

O gib mir, hast du Macht,
Ein Zeichen noch so stumm! -
Da schlug es Mitternacht
Und zaudernd blickt' ich um.

Ein süßes Duften flog
Vom Kranz, der zitternd hing,
Und um die Lampe zog
Ein weißer Schmetterling. -
(Band 3 S. 236-237)
_____

 

In diesen Frühlingstagen, da genesen
Das Herz nicht will vom süßen Sehnsuchtsleid,
Wie spricht, was einst bei Platon ich gelesen,
Vertraut mich an aus dunkler Fabel Kleid!
Geschaffen, schreibt er, ward als Doppelwesen
Der Mensch dereinst im Anbeginn der Zeit,
Bis ihn ein Gott, weil er nicht Schuld gemieden,
In seine Theile, Mann und Weib, geschieden.

Ein heilig Räthsel deutet mir dies Wort;
Wer fühlt' es nie, daß Bruchstück nur sein Leben,
Ein Ton, nur angeschlagen, zum Akkord
Mit seinem Gegenton sich zu verweben?
Wir all sind Hälften, ach, die fort und fort
Nach den verlornen Zwillingshälften streben,
Und dieses Suchens Leid im Weltgetriebe
Wir heißen's Sehnsucht, und das Finden Liebe.
(Band 3 S. 128)
_____

 

Mädchenlieder

I.
In meinem Garten die Nelken
Mit ihrem Purpurstern
Müssen nun alle verwelken,
Denn du bist fern.

Aus meinem Herde die Flammen,
Die ich bewacht so gern,
Sanken in Asche zusammen,
Denn du bist so fern.

Die Welt ist mir verdorben,
Mich grüßt nicht Blume, nicht Stern;
Mein Herz ist lange gestorben,
Denn du bist mir fern.

II.
Wohl waren es Tage der Sonne,
Die Bäume blühten im Mai,
Dein Blick sprach Liebeswonne -
Das ist vorbei.

Verblüht sind lange die Bäume,
Der Herbst ist kommen geschwind;
Die Träume, die schönen Träume
Verweht der Wind.

III.
Gute Nacht mein Herz und schlummre ein!
In diesen Herbstestagen
Ohne Blumen und Sonnenschein
Was willst du schlagen?

Dein Schmerz ist aus, deine Lust ist todt,
Verweht sind Lenz und Lieder;
Der Liebe Röslein purpurroth
Blüht nimmer wieder.

Singend zog er ins Land hinein,
Der falsche, liebe Knabe -
Und du? - Im stillen Grabe
Schlafe mein Herz, schlaf' ein!
(Band 1 S. 68-69)
_____

 

(aus: Lieder als Intermezzo)

XI.
Kornblumen flecht' ich dir zum Kranz
Ins blonde Lockenhaar.
Wie leuchtet doch der blaue Glanz
Auf goldnem Grund so klar!

Der blaue Kranz ist meine Lust;
Er sagt mir stets auf's neu,
Wohl keine sei in tiefster Brust
Wie du, mein Kind, so treu.

Auch mahnt sein Himmelblau zugleich
Mich heimlich süßer Art,
Daß mir ein ganzes Himmelreich
In deiner Liebe ward.
(Band 1 S. 37)
_____

 

Lied des Mädchens

Laß schlafen mich und träumen,
Was hab' ich zu versäumen
In dieser Einsamkeit!
Der Reif bedeckt den Garten,
Mein Dasein ist ein Warten
Auf Liebe nur und Lenzeszeit.

Es kommt im Frühlingsglanze
Für jede kleine Pflanze
Einmal der Blütentag.
So wird der Tag auch kommen,
Da diesem Frost entnommen
Mein Herz in Wonnen blühen mag.

Doch bis mir das gegeben,
Däucht mir nur halb mein Leben,
Und kalt wie Winters Wehn;
Trüb schauert's in den Bäumen -
O laß mich schlafen, träumen,
Bis Liebe mich heißt auferstehn!
(Band 2 S. 11)
_____

 

(aus: Zu Volksweisen)

6.
Deutsch
Mag auch heiß das Scheiden brennen,
Treuer Muth hat Trost und Licht;
Mag auch Hand von Hand sich trennen,
Liebe läßt von Liebe nicht.
Keine Ferne darf uns kränken,
Denn uns hält ein treu Gedenken.

Ist kein Wasser so ohn' Ende,
Noch so schmal ein Felsensteg,
Daß nicht rechte Sehnsucht fände
Drüberhin den sichern Weg.
Keine Ferne darf uns kränken,
Denn uns hält ein treu Gedenken.

Ueber Berg' und tiefe Thale,
Mit den Wolken, mit dem Wind
Täglich, stündlich, tausendmale
Grüß' ich dich, geliebtes Kind.
Keine Ferne darf uns kränken,
Denn uns hält ein treu Gedenken.

Und die Wind' und Wolken tragen
Her zu mir die Liebe dein,
Die Gedanken, die da sagen:
Ich bin dein und du bist mein!
Keine Ferne darf uns kränken,
Denn uns hält ein treu Gedenken.

Ueberall, wohin ich schreite,
Spür' ich, wie unsichtbarlich
Dein Gebet mir zieht zur Seite,
Und die Flügel schlägt um mich.
Keine Ferne darf uns kränken,
Denn uns hält ein treu Gedenken.

Und so bin ich froh und stille,
Muß ich noch so ferne gehen;
Jeder Schritt - ist's Gottes Wille -
Ist ein Schritt zum Wiedersehn.
Keine Ferne darf uns kränken,
Denn uns hält ein treu Gedenken.
(Band 2 S. 22-23)
_____

 

Liebesleben

Märchen dämmern herauf,
Reizende Märchen.

Kennst du die Sage?
Durch's Blau der Mondnacht
Wolkenvorüber
Rauscht der Greif.
Schwebend trägt er
Die Sultanskinder,
Trägt sie gebettet
Unter den mächtigen Schwingen
Ueber das Meer,
Ferne, ferne hinaus
Zu seligen Inseln.

Neide, Geliebte,
Neide sie nicht,
Die Sultanskinder!
Trägt nicht uns beide
Auf Greifenflügeln
Hoch hinauf
Der Geist der Dichtung?
Unten versinken
In silberner Dämm'rung
Land und Meer,
Schwinden im Nebel
Schranken und Sorgen,
Wir aber ruhen
Unter dem weichgefiederten Fittich
Sicher gebettet,
Aug' in Auge,
Arm in Arm,
Einsam selig.

Märchen leben wir,
Reizende Märchen.
(Band 3 S. 161-162)
_____

 

Mein Herz ist schwer, mein Auge wacht,
Der Wind fährt seufzend durch die Nacht;
Die Wipfel rauschen weit und breit,
Sie rauschen von vergangner Zeit.

Sie rauschen von vergangner Zeit,
Von großem Glück und Herzeleid,
Vom Schloß und von der Jungfrau drin -
Wo ist das Alles, Alles hin?

Wo ist das Alles, Alles hin?
Leid, Lieb' und Lust und Jugendsinn?
Der Wind fährt seufzend durch die Nacht,
Mein Herz ist schwer, mein Auge wacht.
(Band 4 S. 105)
_____

 

(aus: Lieder als Intermezzo)

XIII.
Mein Herz ist wie die dunkle Nacht,
Wenn alle Wipfel rauschen;
Da steigt der Mond in voller Pracht
Aus Wolken sacht -
Und sieh, der Wald verstummt in tiefem Lauschen.

Der Mond, der helle Mond bist du:
Aus deiner Liebesfülle
Wirf Einen, Einen Blick mir zu
Voll Himmelsruh -
Und sieh, dies ungestüme Herz wird stille.
(Band 1 S. 38)
_____

 

(aus: Lieder aus alter und neuer Zeit)

XV.
Mein Roß geht langsam durch die Nacht,
In Blumen steht die Haide,
Am Monde ziehn die Wolken sacht,
Wie Lämmer über die Weide.

Da kommt ein selig Stillesein
In mein bewegt Gemüte:
Mir ist es, jetzt gedenkst du mein,
Du Herz von reiner Güte.

Es ist dein Gruß, was mir so lind
Im Windeshauch begegnet;
O fühl' auch du den Gruß, mein Kind,
Der tausendmal dich segnet.
(Band 3 S. 50-51)
_____
 


Mein süß Geheimniß, wie verberg' ich's nur!
O, schwer ist's auch, den Kelch der Liebe schlürfen
Und Niemand auf der Welt es sagen dürfen,
Welch unergründlich Heil uns widerfuhr.

Mir ist, es müßt' in Funken unverhüllt
Mein lodernd Glück aus meiner Seele springen,
Wie Glocken müßt's in meiner Stimme klingen,
Daß all mein Leben selig sich erfüllt.

Doch seh' ich dich alsdann beim Morgenlicht
So harmlos walten in der Schwestern Kreise,
Dem Gaste freundlich nach gewohnter Weise,
Nur stummer noch, wie sonst, dann fass' ich's nicht;

Dann dünkt ein Traum mir dieser Sonnenschein,
Ein Schattenspiel der Tag und sein Gewimmel -
Wann kommst du wieder, Mond, und blickst vom Himmel
Auf unsre süße Eisamkeit zu Zwei'n!
(Band 4 S. 188)
_____

 

Letzte Sühne

Meiner Jugend Liebe du,
Bild voll Lust und Schmerzen,
Gehst du wieder auf in Ruh
Ueber meinem Herzen?

Ach nicht ewig kann die Brust
Schuld um Schuld ermessen,
Eins nur ist mir noch bewußt,
Daß ich dich besessen.

Die mit ihrem finstern Wahn
Mein Gemüth verschattet,
Jeder Groll ist abgethan,
Jeder Gram bestattet.

Lächelnd, wie ich einst dich sah,
Da mein Herz erglühte,
Stehst du wieder vor mir da
In der Anmuth Blüthe.

Und so schließ' ich schön und hoch,
Sonder Schuld und Fehle,
Mit dem Blick der Liebe noch
Dich in meine Seele.

Nie mehr will ich nur von fern
Deinem Pfad begegnen;
Doch als Jugendmorgenstern
Soll dies Bild mich segnen.

Und am Ende meiner Bahn,
Hoff' ich, soll voll Milde
Mir der Todesengel nahn
Ach, in diesem Bilde.
(Band 2 S. 50-51)
_____

 

(aus: Lieder als Intermezzo)

XXIII.
Nun hab' ich alle Seligkeit
Erloost von dieser Erden!
An keinem Ort, zu keiner Zeit
Mag Bessres je mir werden.

Was nur das Herz zum Himmel hebt,
Bescheerte mir die Stunde,
Der Liebe voller Becher schwebt
An meinem durst'gen Munde,

O könnt' ich leeren den Pokal,
Eh' dort verlöscht die Sonne,
Und dann mit ihrem letzten Strahl
Vergehn vor Liebeswonne!
(Band 1 S. 43)
_____

 

Nun hast du dich ergeben
Mir ganz mit Seel' und Leib,
O du mein süßes Leben,
Mein Lieb, mein Kind, mein Weib.

Nimm hin denn sonder Schranke,
Nimm hin auch du, was mein!
Mein innerster Gedanke,
Mein letzt Gefühl ist dein.

Gott schickt hinfort uns beiden
Ein Glück nur, Eine Noth;
Und Nichts mehr kann uns scheiden,
Es scheid' uns denn der Tod.
(Band 3 S. 117)
_____

 

(aus: Lieder als Intermezzo)

XXVII.
Nun ist der letzte Tag erschienen
Und sonnig blickt er in das Thal.
Der Wald scheint tiefer heut zu grünen
Und Blumen duften ohne Zahl,
Es wogt das Korn in goldnen Aehren,
Die Vögel singen wie zum Fest,
Der Himmel selbst will uns verklären
Der süßen Stunden kurzen Rest.

O laß noch heute drum das Härmen!
Noch ruh ich ja an deiner Brust.
Wie Jephtas Tochter wolle schwärmen
Durch Berg und Thal in reiner Lust!
Ergieb dich selig dem Genusse,
Bis fern der Sonne Strahl verglimmt
Und mit dem letzten Abschiedskusse
Den Kelch uns von den Lippen nimmt.
(Band 1 S. 45-46)
_____

 

(aus: Lieder als Intermezzo)

XXI.
Nun ist der Tag geschieden
Mit seinem Drang und Schall,
Es weht ein kühler Frieden
Durch's Dunkel überall.

Wie still die Felder liegen!
Der Wald nur ist erwacht,
Und was er dem Lichte verschwiegen
Das singt er leise der Nacht.

Und was ich am lauten Tage
Dir nimmer sagen kann,
Nun möchte' ich dir's sagen und klagen -
O komm' und hör' mich an!
(Band 1 S. 42)
_____

 

Im Gebirg

Nun rauscht im Morgenwinde sacht,
So Busch als Waldrevier!
So rauscht meine Sehnsucht Tag und Nacht,
Rauscht immerdar nach dir.

Du merkst es nicht, du bist so weit,
Kein Laut herüber spricht;
O schlimme Zeit, einsame Zeit!
Und Flügel hab' ich nicht.

Vom höchsten Berg mein Auge sieht
Umsonst nach West und Ost,
Ein Gruß zu dir, von dir ein Lied,
Das ist mein einz'ger Trost.

So sing' ich denn durch Wald und Dorn
Meine Weis' im Wanderzug:
"Deine Lieb' das ist ein süßer Born,
Deß trink' ich nie genug."
(Band 2 S. 8-9)
_____

 

Vorüber!

O darum ist der Lenz so schön
Mit Duft und Strahl und Lied,
Weil singend über Thal und Höhn
So bald er weiter zieht;

Und darum ist so süß der Traum,
Den erste Liebe webt,
Weil schneller wie die Blüt' am Baum
Er hinwelkt und verschwebt.

Und doch! Er läßt so still erwärmt,
So reich das Herz zurück;
Ich hab' geliebt, ich hab' geschwärmt,
Ich preis' auch das ein Glück.

Gesogen hab' ich Strahl auf Strahl
In's Herz den kurzen Tag;
Die schöne Sonne sinkt zu Thal.
Nun komme was kommen mag!

Sei's bittres Leid, sei's neue Lust,
Es soll getragen sein:
Der sichre Schatz in meiner Brust
Bleibt dennoch ewig mein.
(Band 1 S. 12-13)
_____

 

Die beiden Engel

O kennst du, Herz, die beiden Schwesterengel,
Herabgestiegen aus dem Himmelreich:
Stillsegnend Freundschaft mit dem Lilienstengel,
Entzündend Liebe mit dem Rosenzweig?

Schwarzlockig ist die Liebe, feurig glühend,
Schön wie der Lenz, der hastig sprossen will;
Die Freundschaft blond, in sanftern Farben blühend,
Und wie die Sommernacht so mild und still;

Die Lieb' ein brausend Meer, wo im Gewimmel
Vieltausendfältig Wog' an Woge schlägt;
Freundschaft ein tiefer Bergsee, der den Himmel
Klar wiederspiegelnd in den Fluten trägt.

Die Liebe bricht herein wie Wetterblitzen,
Die Freundschaft kommt wie dämmernd Mondenlicht;
Die Liebe will erwerben und besitzen,
Die Freundschaft opfert, doch sie fordert nicht.

Doch dreimal selig, dreimal hoch zu preisen
Das Herz, wo Beide freundlich eingekehrt,
Und wo die Glut der Rose nicht dem leisen
Geheimnißvollen Blühn der Lilie wehrt!

(Band 1 S. 16)
_____

 

(aus: Lieder als Intermezzo)

XXXVIII.
O schneller mein Roß, mit Hast, mit Hast,
Wie säumig dünkt mich dein Jagen!
In den Wald, in den Wald meine selige Last,
Mein süßes Geheimniß zu tragen!

Es liegt ein trunkener Abendschein
Rothdämmernd über den Gipfeln,
Es jauchzen und wollen mit fröhlich sein
Die Vögel in allen Wipfeln.

O könnt' ich steigen mit Jubelschall
Wie die Lerch' empor aus den Gründen,
Und droben den rosigen Himmeln all
Mein Glück, mein Glück verkünden!

Oder ein Sturm mit Flügelgewalt
Zum Meere hinbrausen, dem blauen,
Und dort was im Herzen mir glüht und schallt
Den verschwiegenen Wellen vertrauen!

Es darf mich hören kein menschlich Ohr,
Ich kann wie die Lerche nicht steigen,
Ich kann nicht wehn wie der Sturm empor,
Und kann's doch nimmer verschweigen.

So wiss' es, du blinkender Mond im Fluß,
So wißt es, ihr Buchen im Grunde:
Sie ist mein, sie ist mein! Es brennt ihr Kuß
Auf meinem seligen Munde.
(Band 1 S. 53-54)
_____

 

Die Verlassene

O singt nur ihr Schwestern mit fröhlichem Mund,
Und führet den Reigen im Lindengrund
Mit den Burschen bei Cithern und Geigen! -
Mich aber laßt gehen und schweigen.

Was blickt ihr mir nach, und was wollt ihr von mir?
Ich habe die Freude getragen wie ihr
In der Brust mit Lachen und Scherzen -
Nun trag' ich den Tod im Herzen.

Durch alle Wipfel der Lenzhauch geht,
Ich bin der Baum, der laublos steht;
Die Wasser rieseln so helle,
In bin die vertrocknete Quelle.

Die Treue, die Treue, darauf ich gebaut,
Sie ist mit dem Schnee vor der Sonne zerthaut;
Wie Spreu vor dem Winde, so stiebet
Meine Liebe, die ich geliebet.
(Band 2 S. 11-12)
_____

 

O stille dies Verlangen!

O stille dies Verlangen,
Stille die süße Pein!
Zu seligem Umfangen
Laß den Geliebten ein!
Schon liegt die Welt im Traume,
Blühet die duft'ge Nacht;
Der Mond im blauen Raume
Hält für die Liebe Wacht.
Wo zwei sich treu umfangen,
Da giebt er den holdesten Schein.
O stille dies Verlangen,
Laß den Geliebten ein!

Du bist das süße Feuer,
Das mir am Herzen zehrt;
Lüfte, lüfte den Schleier,
Der nun so lang' mir wehrt!
Laß mich vom rosigen Munde
Küssen die Seele dir,
Aus meines Busens Grunde
Nimm meine Seele dafür -
O stille dies Verlangen,
Stille die süße Pein,
Zu seligem Umfangen
Laß den Geliebten ein!

Die goldnen Sterne grüßen
So klar vom Himmelszelt,
Es geht ein Wehn und Küssen
Heimlich durch alle Welt,
Die Blumen selber neigen
Sehnsüchtig einander sich zu,
Die Nachtigall singt in den Zweigen -
Träume, liebe auch du!
O stille dies Verlangen,
Laß den Geliebten ein!
Von Lieb' und Traum umfangen
Wollen wir selig sein.
(Band 1 S. 25-26)
_____

 

Liebesglück

O wie so leicht in seligen Genüssen
Sich mir die Stunden jetzt dahin bewegen!
Ins Auge schau ich dir, bist du zugegen,
Und von dir träum' ich, wenn wir scheiden müssen.

Oft zügeln wir die Sehnsucht mit Entschlüssen,
Doch will sich stets ein neu Verlangen regen,
Und wenn wir kaum verständ'ger Rede pflegen,
Zerschmilzt sie wieder uns und wird zu Küssen.

Der erste weckt Begier nach tausend neuen,
Es folgt auf Liebeszeichen Liebeszeichen,
Und jedes scheint uns höher zu erfreuen.

Nun erst begreif' ich ganz den Lenz, den reichen,
Wenn er nicht endet, Rosen auszustreuen,
Die alle schön sind und sich alle gleichen.
(Band 1 S. 98-99)
_____

 

O wo ist, wo ist das Glück zu Hause,
Daß ich's endlich finden mag und greifen,
Und mit starker Fessel an mich binden!
O wo ist, wo ist das Glück zu Hause?

"Wo des Mondes Sichel schwimmt im Wasser,
Wo das Echo schläft am hohlen Felsen,
Wo der Fuß des bunten Regenbogens
Auf dem Rasen steht, da geh' es suchen!"
(Band 3 S. 136)
_____

 

In der Ferne

Sag an, du wildes oft getäuschtes Herz,
Was sollen diese lauten Schläge nun?
Willst du nach so viel namenlosem Schmerz
Nicht endlich ruhn?

Die Jugend ist dahin, der Duft zerstob,
Die Rosenblüte fiel vom Lebensbaum;
Ach, was dich einst zu allen Himmeln hob,
Es war ein Traum.

Die Blüte fiel, mir blieb der scharfe Dorn,
Noch immer aus der Wunde quillt das Blut;
Es sind das Weh, die Sehnsucht und der Zorn
Mein einzig Gut.

Und dennoch, brächte man mir Lethe's Flut
Und spräche: Trink, du sollst genesen sein,
Sollst fühlen, wie sanft Vergessen thut, -
Ich sagte: Nein!

War Alles nur wesenloser Trug,
Er war so schön, er war so selig doch;
Ich fühl' es tief bei jedem Athemzug:
Ich liebe noch.

Drum laßt mich gehn, und blute still mein Herz;
Ich suche mir den Ort bei Nacht und Tag,
Wo mit dem letzten Lied ich Lieb' und Schmerz
Verhauchen mag.
(Band 1 S. 89-90)
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Sei gesegnet das Haus und gesegnet die Flur,
Wo ein Herz einst das Wunder, zu lieben, erfuhr!
Denn die Lieb' ist der Strahl, der aus Eden uns blieb,
Als der Engel des Schwertes den Ahnherrn vertrieb.

O selig Geheimniß, das Keiner erräth,
Wenn, was jüngst noch so fremd war, sich schauernd versteht,
Und erlöst' von dem Selbst, das in Asche verstiebt!
Sich die Seele der Seele zu eigen ergiebt!

Da weht es wie Frühling vom Himmel in's Herz,
Und es blühn die Gedanken, wie Veilchen im März;
Du vollendest im Spiel, was dir nimmer gelang,
Und das Auge wird Glanz, und das Wort wird Gesang.

Wohl enteilt sie geflügelt, die köstliche Zeit,
Und mit Scheiden und Meiden kommt einsames Leid.
Doch die Thräne der Sehnsucht, entrollt sie auch heiß,
Ist süßer als Lust, die von Liebe nicht weiß.

Drum gesegnet das Haus und gesegnet die Flur,
Wo ein Herz einst das Wunder, zu lieben, erfuhr!
Denn die Lieb' ist der Strahl, der aus Eden uns blieb,
Als der Engel des Schwertes den Ahnherrn vertrieb.
(Band 3 S. 206-207)
_____

 

Seit du mir dein Herz gegeben,
Däucht im engsten Kreis mein Leben
Mir erfüllt und wohlbestellt.
Deine Lippen küss' ich trunken,
Und versunken
Ist die Welt.

Wenn wir Seel' um Seele tauschen,
Zieht des Tags Gewölk und Rauschen
Unvernommen uns vorbei.
Wo du bist, da scheint die Sonne
Und in Wonne
Blüht der Mai.

Nur dein Weinen oder Lachen
Kann mich trüb und froh noch machen,
Und beglückt gesteh' ich's ein:
Lieb' ist aller Selbstsucht Blüte
Im Gemüthe,
Nur zu Zwei'n.
(Band 4 S. 189)
_____

 

Der Liebenden

Seitdem die Liebe dir genaht, der Reinen,
Ist's wie ein Zauber über dich gekommen;
In süßem Feuer ist dein Aug' erglommen,
Doch schöner blickst es noch in sel'gem Weinen.

Oft, wenn du wandelst, will es mir erscheinen,
Als sei die ird'sche Schwere dir genommen;
Dein Thun ist wie der Blumen Blühn, der frommen,
Und wie der Engel ist dein Wunsch und Meinen.

Das Wort erblüht von selbst dir zum Gedichte,
Doch schweigst du, strahlt, die Rede zu ergänzen,
Von deiner Stirn die Lieb' im reinsten Lichte.

So sah dereinst, entrückt der Erde Gränzen,
Auf Beatricens schönem Angesichte
Den Strahl des Paradieses Dante glänzen.
(Band 1 S. 104)
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Siehst du das Meer

Siehst du das Meer? Es glänzt auf seiner Flut
Der Sonne Pracht;
Doch in der Tiefe, wo die Perle ruht,
Ist finstre Nacht.

Das Meer bin ich. In stolzen Wogen rollt
Mein wilder Sinn,
Und meine Lieder ziehn wie Sonnengold
Darüber hin.

Sie flimmern oft von zauberhafter Lust,
Von Lieb' und Scherz;
Doch schweigend blutet in verborgner Brust
Mein dunkles Herz.
(Band 1 S. 79)
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(aus: Lieder als Intermezzo)

XIX.
So halt' ich endlich dich umfangen,
In süßes Schweigen starb das Wort,
Und meine trunknen Lippen hangen
An deinen Lippen fort und fort.

Was nur das Glück vermag zu geben,
In sel'ger Fülle ist es mein:
Ich habe dich, geliebtes Leben,
Was braucht es mehr, als dich allein?

O, decke jetzt des Schicksals Wille
Mit Nacht die Welt und ihre Zier,
Und nur dein Auge schwebe stille,
Ein blauer Himmel, über mir!
(Band 1 S. 41)
_____

 

Verlorene Liebe

Und fragst du mich mit vorwurfsvollem Blick:
Warum so trübe? Welch ein Mißgeschick
Vermag der Seele Frieden dir zu stören? -
Wohlan! Es sei! Die nächt'ge Stund' ist gut,
Im Becher glüht der Traube dunkles Blut -
Von meiner Jugendliebe sollst du hören.

Ich war ein Knab', wie andre Knaben sind,
Halb trotzig heißer Jüngling, halb noch Kind,
Zu scheu, des Lebens Räthsel zu entsiegeln;
Mein junges Herz war voll und sehnsuchtsschwer,
Es wußte kaum, weßhalb - es glich dem Meer,
Das still des Mondes harrt, ihn anzuspiegeln.

Da fand ich Sie, das blonde Kind der Flur,
Und zwiegeschaffen fühlten wir uns nur,
Uns neu zu einen wie in Edens Räumen;
Blau war ihr Auge, wie die Sommernacht;
Und diese Lippen! - Wem sie nur gelacht,
Der mußt' hinfort von heißen Küssen träumen.

Wohl blüht' uns damals eine schöne Zeit,
Als wir in dunkler Waldeseinsamkeit
Das Reh belauschten und der Knospen Schwellen,
Als wir im Kahne - Dämmrung rings umher -
Uns wiegten auf dem abendstillen Meer,
Vom Spätroth nur gesehn und von den Wellen;

Als wir auf mondbeleuchtetem Balkon
Zweistimmig sangen zu der Laute Ton,
Als wir uns heimlich flüsternd dann umfingen
Und Aug' in Auge seligen Erguß
Herniederthaute und im ersten Kuß
Die Seelen brennend an einander hingen.

O wär' ich bei des ersten Kusses Tausch
Damals gestorben in beglücktem Rausch,
Aus weichen Armen in die Gruft getrieben!
Ich wäre jetzt kein Greis mit braunem Haar,
Frisch außen, innen Leiche. - O fürwahr,
Es stirbt als Knabe, wen die Götter lieben.

Nun mußt' ich sie verlieren. An den Mann
Ist sie gebannt, den sie nicht lieben kann,
Dem ihre ersten Küsse nicht zu eigen.
Er führte lächelnd zum Altar sie fort;
Sie wurde bleich, der Priester sprach das Wort,
Ich aber stand dabei und mußte schweigen.

Und denk' ich dran, so kocht im Grimm mein Herz,
Und wie ein kaltes Eisen fährt der Schmerz
Mir durch die Brust, und jeder Trost versaget.
Darum bin ich so trüb, darum so wild.
Doch nun hinweg damit! - Das Glas gefüllt!
Beim Weine will ich schwärmen, bis es taget.
(Band 1 S. 74-75)
_____

 

Spielmanns Lied

Und legt ihr zwischen mich und sie
Auch Strom und Thal und Hügel,
Gestrenge Herrn, ihr trennt uns nie,
Das Lied, das Lied hat Flügel.
Ich bin ein Spielmann wohlbekannt,
Ich mache mich auf die Reise,
Und sing' hinfort durch's ganze Land
Nur noch die eine Weise:
Ich habe dich lieb, du Süße,
Du meine Lust und Qual,
Ich habe dich lieb und grüße
Dicht tausend, tausendmal!

Und wandr' ich durch den laub'gen Wald,
Wo Fink' und Amsel schweifen:
Mein Lied erlauscht das Völkchen bald
Und hebt es an zu pfeifen.
Und auf der Haide hört's der Wind,
Der spannt die Flügel heiter,
Und trägt es über den Strom geschwind,
Und über den Berg, und weiter:
Ich habe dich lieb, du Süße,
Du meine Lust und Qual,
Ich habe dich lieb, und grüße
Dich tausend, tausendmal!

Durch Stadt und Dorf, durch Wies' und Korn
Spiel' ich's auf meinen Zügen,
Da singen's bald zu Nacht am Born
Die Mägde mit den Krügen,
Der Jäger summt es vor sich her,
Spürt er im Buchenhage,
Der Fischer wirft sein Netz in's Meer
Und singt's zum Ruderschlage:
Ich habe dich lieb, du Süße,
Du meine Lust und Qual,
Ich habe dich lieb, und grüße
Dich tausend, tausendmal!

Und frischer Wind und Waldvöglein,
Und Fischer, Mägd' und Jäger,
Die müssen alle Boten sein
Und meiner Liebe Träger.
So kommt's im Ernst, so kommt's im Scherz
Zu deinem Ohr am Ende;
Und wenn du's hörst, da pocht dein Herz,
Du spürst es, wer es sende:
Ich habe dich lieb, du Süße,
Du meine Lust und Qual,
Ich habe dich lieb, und grüße
Dich tausend, tausendmal!
(Band 1 S. 27-28)
_____

 

(aus: Lieder als Intermezzo)

XXVIII.
Viel tausend, tausend Küsse gieb
Süß Liebchen, mir beim Scheiden!
Viel tausend Küsse, süßes Lieb,
Geb' ich zurück mit Freuden.

Was ist die Welt doch gar ohn' End'
Mit ihren Bergen und Meeren,
Daß sie zwei treue Herzen trennt,
Die gut beisammen wären!

Ich wollt', ich wär' ein Vögelein,
Da flög' ich hoch im Winde
Alle Nacht, alle Nacht im Mondenschein
Zu meinem blonden Kinde.

Und fänd' ich sie betrübt zum Tod,
Da wollt' ich mit ihr klagen;
Doch fänd' ich mein Röslein frisch und roth,
Wie wollt' ich jauchzen und schlagen!

Wie wollt' ich mit dem süßen Schall
Die stille Nacht durchklingen!
Im Busch, im Busch die Nachtigall
Sollte nicht besser singen.

O tausend, tausend Küsse gieb,
Süß Liebchen mir beim Scheiden!
Viel tausend Küsse, süßes Lieb,
Geb' ich zurück mit Freuden.
(Band 1 S. 46)
_____

 

Weil mein Mund den klugen Leuten
Oft nur halbe Antwort stammelt,
Heißen sie mich den Zerstreuten,
Doch ich bin in dir gesammelt.

Laß an Babels Thurm sie bauen!
Aber mich soll eins nur freuen,
Fromm in innerlichem Schauen
Mir dein Bildniß zu erneuen.

Und so leb' ich Stund' um Stunde
Einsam mitten im Getriebe,
Still durchsonnt im Herzensgrunde
Vom Bewußtsein deiner Liebe.
(Band 3 S. 114)
_____

 

(aus: Lieder als Intermezzo)

XXV.
Wem in Rosen und in Blüten
Sich verliert des Lebens Pfad,
Mag die eigne Seele hüten,
Denn gewiß, die Trauer naht.

Da ich alle Lust besessen,
Unter Liebesblick und Kuß
Hatt' ich Sel'ger, ach, vergessen,
Daß ich wieder scheiden muß.

O wie blickt mich nun die weite
Welt so kalt und finster an!
War's doch nur an deiner Seite,
Daß ich all mein Glück gewann.

Früher mocht' ich's schon ertragen,
Dieses Schweifen ohne Licht,
Denn mit Blindheit selbst geschlagen
Kannt' ich noch die Sonne nicht.

Aber jetzt begreif' ich's nimmer,
Was noch bleiben kann für mich. -
Welch ein Leben ohne Schimmer
Werd' ich leben ohne dich!
(Band 1 S. 44-45)
_____

 

(aus: Lieder aus alter und neuer Zeit)

IX.
Wenn es rothe Rosen schneit,
Wenn es Liebe regnet,
Oeffne, Herz, dem Glück dich weit,
Das so hold dich segnet.

Halt' im Liede fest den Glanz
Solcher Freudentage,
Doch ins Heut versunken ganz
Nicht nach Morgen frage.

Weißt du doch, der Rosenzeit
Folgt die Sonnenwende,
Und die Liebe lohnt mit Leid
Immerdar am Ende.
(Band 3 S. 46)
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(aus: Zu Volksweisen)

5.
Deutsch
Wenn ich an dich gedenke
Bei stiller Nacht allein,
Das geht mir durch die Seele
Wie lichter Mondenschein;
Das geht mit durch die Seele
Wie lieblich Harfenspiel,
Mir ist, ich hatte nimmer
Der Freuden also viel.

Mein Herz ist wie ein Ringlein
Von eitel güldnen Glast,
Du bist die klare Perle,
Und bist darein gefaßt.
So wie die Perl' im Golde,
So funkelst du darin,
Und trägst auch mich beschlossen
So fest in deinem Sinn.

O dank' dir's Gott, Herzliebste,
Viel tausend, tausendmal,
So viel als Veilchen blühen
Zu Ostern tief im Thal!
So viel als Veilchen blühen,
So oft gedenk' ich dein;
Das geht mir durch die Seele
Wie lichter Mondenschein.
(Band 2 S. 21-22)
_____

 

(aus: Lieder als Intermezzo)

XXII.
Wenn still mit seinen letzten Flammen
Der Abend in das Meer versank,
Dann wandeln traulich wir zusammen
Am Waldgestad im Buchengang.

Wir sehn den Mond durch Wolken steigen,
Wir hören fern die Nachtigall,
Wir athmen Düfte, doch wir schweigen -
Was soll der Worte leerer Schall?

Das höchste Glück hat keine Lieder,
Der Liebe Lust ist still und mild;
Ein Kuß, ein Blicken hin und wieder,
Und alle Sehnsucht ist gestillt.
(Band 1 S. 42-43)
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Unter der Loreley

Wie kühl der Felsen dunkelt
Hernieder in den Rhein!
Kein Strahl der Sonne funkelt
Im grünen Wasserschein.
Es kommt im Windesweben
Ein Gruß der Märchenzeit -
Wie fern von hier das Leben!
Die Welt wie weit von hier, wie weit!

In dieser Schattenkühle
Der Einsamkeit im Schooß,
Wird alles, was ich fühle,
So still, so klar, so groß.
Kein Wunsch mehr, kein Begehren,
Geschlichtet jeder Zwist -
Ich kann der Welt entbehren,
Wo du, o Liebe, bei mir bist.
(Band 2 S. 9)
_____

 

Rühret nicht daran

Wo still ein Herz voll Liebe glüht,
O rühret, rühret nicht daran!
Den Gottesfunken löscht nicht aus!
Fürwahr, es ist nicht wohlgethan.

Wenn's irgend auf dem Erdenrund
Ein unentweihtes Plätzchen giebt,
So ist's ein junges Menschenherz,
Das fromm zum erstenmale liebt.

O gönnet ihm den Frühlingstraum,
In dem's voll ros'ger Blüten steht!
Ihr wißt nicht, welch ein Paradies
Mit diesem Traum verloren geht.

Es brach schon manch ein starkes Herz,
Da man sein Lieben ihm entriß,
Und manches duldend wandte sich,
Und ward voll Haß und Finsterniß;

Und manches, das sich blutend schloß,
Schrie laut nach Luft in seiner Noth,
Und warf sich in den Staub der Welt;
Der schöne Gott in ihm war tot.

Dann weint ihr wohl und klagt euch an;
Doch keine Thräne heißer Reu
Macht eine welke Rose blühn,
Erweckt ein todtes Herz auf's neu.

(Band 1 S. 162-163)
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(aus: Lieder als Intermezzo)

XX.
Wohl lag ich einst in Gram und Schmerz,
Da weint' ich Nacht und Tag;
Nun wein' ich wieder, weil mein Herz
Sein Glück nicht fassen mag.

Mir ist's als trüg' ich in der Brust
Das ganze Himmelreich -
O höchstes Leid, o höchste Lust,
Wie seid ihr euch so gleich!
(Band 1 S. 41-42)
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(aus: Lieder als Intermezzo)

XXXIX.
Wohl springet aus dem Kiesel
Der Funk' in lichter Glut,
Wohl quillet aus der Traube
Das heiße Rebenblut,

Doch aus dem dunkeln Auge,
Dem holden Auge dein,
Da quillet nichts als Liebe,
Mir tief in's Herz hinein.

Seit du zum erstenmale
Mich angesehen hast,
Da schwärmen meine Gedanken,
Und haben nicht Ruh, noch Rast;

Sie schwärmen wie wilde Vögel
Durch Feld und Waldrevier,
Und über Busch und Wipfel
Allein zu dir, zu dir.

Und würden die Berge zu Golde,
Und würde das Meer zu Wein;
So wollt' ich doch lieber, du Holde,
Du solltest mein eigen sein!
(Band 1 S. 54)
_____

 

Wolle Keiner mich fragen

Wolle Keiner mich fragen,
Warum mein Herz so schlägt,
Ich kann's nicht fassen, nicht sagen,
Was mich bewegt.

Als wie im Traume schwanken
Trunken die Sinne mir;
Alle meine Gedanken
Sind nur bei dir.

Ich habe die Welt vergessen,
Seit ich dein Auge gesehn;
Ich möchte dich an mich pressen
Und still im Kuß vergehn.

Mein Leben möchte' ich lassen
Um ein Lächeln vor dir,
Und du - ich kann's nicht fassen -
Versagst es mir.

Ist's Schicksal, ist's dein Wille?
Du siehst mich nicht. -
Nun wein' ich stille, stille,
Bis das Herz mir zerbricht.
(Band 1 S. 66-67)
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Gedichte aus: Emanuel Geibel Gesammelte Werke in acht Bänden. Stuttgart Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung 1883


 

 

 


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