Hermann von Gilm (1812-1864) - Liebesgedichte

Hermann von Gilm

 

Hermann von Gilm
(1812-1864)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

 

 

Meine Liebe

Begrab' die Lieb' mit Sang und Klang,
Mit Blumen und mit Thränen,
O komm, es ist der schwere Gang
So schwer nicht, als wir wähnen.

Sie war so jung, konnt' reden kaum,
Sie konnte noch nicht küssen,
Ein keuscher Rosenknospentraum,
Der früh hat sterben müssen.

Sie war so heilig, licht und rein –
Ja, weine nur und weine!
Könnt' leid doch einem Engel sein,
Um uns're todte Kleine.

Doch glaube mir und denke nie,
Daß wir vergessen werden;
Die wahre Lieb', du deckest sie
Mit keiner Handvoll Erden.

Hat nicht die Welt, was wahr und echt
Erst durch den Tod erworben?
Mir ist, die Liebe leb' erst recht
Seit sie für uns gestorben.
(S. 250)
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Neue Welt

Daß es dem Frühling nicht verschwiegen bliebe,
Was alle meine Pulse mächtig schlagen,
Sang ichs im Lied; - im Liede darf ichs sagen,
Wie unaussprechlich, Mädchen, ich dich liebe.

Es war so dunkle Nacht in meinen Tagen!
Die wilde Qual, von niemandem auf Erden
Verstanden und geliebt zu werden,
Ich hätt' sie gern ins frühe Grab getragen.

Da sah ich dich, - sah nie geahnte Freuden
Die neue Welt mit neuen Blumen kleiden,
Und all die neue Herrlichkeit war dein!

O banne mich nicht weg aus deinem Blicke!
Ich kann nicht mehr in jene Nacht zurücke,
Ich kann nicht mehr so ganz verlassen sein!
(S. 120)
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Der Saal ist voll, ein junger Virtuos
Sitzt schwarz gekleidet bei dem Contrabasse,
Die Geige ruht ihm schweigend in dem Schooß
Und reicht hinauf bis an die Stirn' die blasse.

Jetzt fängt's zu tönen an, weich, wie in's Moos
Der Regen fällt, aus voller Blüthentasse;
D'rauf stürmt's und braust's, als wär in diesem Fasse
Voll Harmonie, die ganze Hölle los.

Der arme Mann, wie muß er ohne Rasten
Die Saiten, dick wie an der Schiffe Masten
Die Segeltaue, mit dem Bogen fegen!

Ich darf nur leise deinen Arm betasten,
Nur meine Hand dir auf die Schulter legen,
Um Höll' und Himmel in mir aufzuregen.
(S. 232)
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Ostern

Doch es naht der Ostertag,
Naht, wo die Verwesung drohte,
Naht mit schöpfendem Gebote,
Und es grünt der Sarkophag;
Frühling, wecke mir die Todte!
Bring die Rose mir, die rothe,
Die auf ihrer Wange lag!

Bring die Rose blendend weiß,
Die mir ihren Nacken malte,
Bring das Licht, das sie umstrahlte,
Das ich nicht zu nennen weiß!
Nimm in deinen Arm und halte
Mir an deiner Brust die Kalte
Und küß ihr die Lippe heiß!

Aber kann dein warmer Hauch
Nur die Flur mit Blumen decken,
Nur die lieben Veilchen wecken,
Aber nicht die Todten auch ...
Frühling, deine blüh'nden Hecken,
Gib die Leiche zu verstecken,
Mir den schönsten Rosenstrauch!

Deine Thränen lau und mild
Rieselnd über deine Wangen,
Tropfen, die in Blumen hangen,
Fallen auf das bleiche Bild,
Bis der Arme heimgegangen,
Der der Liebe Glutverlangen
Schwärmend einst für Sünde hielt.
(S. 121-122)
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Du sollst mir bei den Sternen nichts versprechen,
Die haben jede Lüge noch verschwiegen,
Nicht bei den Göttern, die den Meineid rächen –
So lang sie selber nicht im Staube liegen;

Nicht bei des Busen's ungestümen Fliegen;
Nicht bei des Auges reichen Thränenbächen,
Die stolze Woge kann zusammenbrechen
Und jene süße Quelle kann versiegen.

Auf diese Veilchen schwör' mir deine Liebe,
Die du mir in ein Epheublatt gewunden,
Und die noch diese Nacht verwelken werden;

Doch jedes Jahr bringt einen Lenz auf Erden,
Dein Wort ist so in Veilchenduft gebunden,
Daß dich der Meineid aus dem Frühling triebe.
(S. 239)
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Das Veilchen

Dunkler als des Himmels Bläue,
Duftender als Rosmarin
Schaut das Veilchen, das getreue
Aus dem ersten Wiesengrün.

Stolz und prahlend buhlt die Rose
Dort mit jedem Morgenwind,
Doch das Veilchen birgt im Mooße
Sich wie ein geängstigt Kind.

Denn von allen Eck und Enden
Geht's hinaus auf seinen Fang –
Ach, und vor gewissen Händen
Ist ihm unaussprechlich bang.
(S. 118)
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Der Schmetterling

Ein Veilchen blühte still verborgen,
Da fliegt ein Schmetterling vorbei
Und setzt sich fern, sitzt bang voll Sorgen,
Das Veilchen grüßt: "Recht guten Morgen!"
Und frägt, warum er traurig sei.

"Ich komm' herauf von jener Heide,
Da sind sie alle schön geschmückt
Mit Gold auf ihrem Flügelkleide –
Den stolzen Blumen ihre Freunde -,
Nur mich hat keine angeblickt.

"Ich hab' kein Gold auf meinem Flügel,
Es hat's der Mond, der Sterne Licht,
Es hat's der Baum auf jedem Hügel,
Es hat's der Bach auf seinem Spiegel; -
Nur ich bin arm, ich hab' es nicht!"

Doch bei der ersten Sterne Schimmer
Lag er beim Veilchen duftberauscht,
Und diese Eine Nacht hätt' nimmer
Um all' des Goldes Glanz und Flimmer
Der arme Falter eingetauscht.
(S. 123-124)
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Falter und Veilchen

Ein Veilchen war's mit gold'nem Ringe
Im tiefen violett'nen Blau;
Es stritten d'rum zwei Schmetterlinge,
Die schönsten auf der weiten Au.

Und als in diesem wilden Streite
Der Goldstaub von den Flügeln flog,
Da klang ein Seufzer durch die Weite,
Der auch an mir vorüberzog:

"O wären meine Farben trübe,
Wär' ich nicht duftend und nicht schön,
So könnt' den Frühlingstag der Liebe
Ich thränenlosen Auges sehn!

Wie war ich gestern noch so fröhlich!
Sie nahmen meine Ruhe hin,
O daß ich so ein unglückselig,
So schönes, armes Veilchen bin!"

Da spricht der eine Falter: "Werde
Dir Ruhe bringen!" und entflieht,
Und sterbend fällt er auf die Erde,
Als ihn das Veilchen nimmer sieht.
(S. 125)
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Es blüht die Welt

Es blüht die Welt, ich bin allein im Zimmer!
Das junge Saatfeld schwimmt im Sonnenlicht,
Die Lerche singt, berauscht von all' dem Schimmer,
Der rings aus tausend Blumenaugen bricht.
Ich bin allein, allein mit meinem Leide;
Wer bist du, nimmersatter Quäler? Sprich!
In deinem trüben Aug' verstarb die Freude –
Wir wollen kämpfen, du und ich!

Du bist an meiner Wiege schon gesessen
Und sangst mir deinen Wahnsinn in das Ohr;
Du hast den Kelch mir bis zum Rand gemessen,
Als meine junge Mutter ich verlor.
Du hast der Kindheit Frieden mir getödtet,
Für mich gab's keine Freude, keine Lust!
Für mich hat keine Rose sich geröthet,
Geöffnet keine Menschenbrust.

Ich liebe die, die mich so kalt behandelt! –
Wie war mir wohl! Das nie gezähmte Herz,
Das ewig wilde, hat sie mir verwandelt,
Und all' mein Denken zog sie himmelwärts,
Ob sie wohl weiß, wie grenzenlos ich leide?
Wer trägt die stillen Seufzer zu ihr hin?
Wer sagt ihr, daß an diesem Tag der Freude
Nur ich allein verlassen bin?

Wer wird wohl heute dich an mich erinnern?
Schaust du wohl auf zum blauen Himmelszelt?
Geht deine Seele wohl aus ihrem Innern,
Hinaus in diese blüthenvolle Welt?
Dann wär' mir wohl, ich wüßt' sie bei Bekannten,
Am Abendhimmel steht ein heller Stern,
Der liebt mich und im Wald hat den Verbannten
Auch manches kleine Blümchen gern.

Wärst du bei mir, damit ich dir erzähle
Welch' brennendes Verlangen in mir glüht,
Du kennst mich ja, du sahst in meine Seele
Das stille Eldorado aufgeblüht;
Hast drinnen manche Knospe aufgeschlossen
Hast manche welke Blume fort und fort
Mit deinen Thränen thauend übergossen
Daß keine einzige verdorrt.

Der Abend naht, und ich mit meinem Leide
So ganz allein! Im Grab wär' Fried' und Ruh'.
Ich und mein Leid, wir schlummerten dann beide
Und hielten uns die müden Augen zu.
O wenn es wieder Frühling wird, wenn wieder
Der erste Mai durch diese Fluren geht,
Was kümmern dich noch meine todten Lieder,
Wenn nur dein Garten in der Blüthe steht.
(S. 59-60)
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Waldlieb

Es kam mein Lieb' im Wald zur Welt
Auf braunem Veilchen-Moos,
Wohin der Thau am liebsten fällt
Aus gold'ner Wolke Schooß.

Vom Schlehdorn-Strauche blüthenreich
Riß Flocken ab der Wind,
Und deckte warm und deckte weich
Das neugebor'ne Kind.

Die Rose apfelblüthenroth
Flog ihm in's gold'ne Haar,
Die zuckersüße Erdbeer' bot
Die volle Brust ihm dar.

Der Drossel heller Morgengruß,
Rief wach es aus dem Traum,
Eichkätzchen warf die Haselnuß
Ihm pfeifend von dem Baum.

Es kam das Reh mit leisem Schritt
Und schüchternem Willkomm,
Nahm es in's tiefste Dunkel mit
Und macht es sanft und fromm.

Und als es stark und groß und bald
Zu freien ich es sann,
Da lief's davon – Ade mein Wald! –
Mit einem fremden Mann.
(S. 287)
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Es wundert dich mein ungewöhnlich Sinnen?
Die Glut der Liebe zehrt an meinem Leben;
Es müht sich der Gedanke, todt im Streben,
In heißer Brust Entfaltung zu gewinnen.

Im Auge quillts; laß mich die Schleues heben,
O laß die Wasser fluten, nur von innen
Den Strom der Thränen in die Wüste rinnen,
Damit die Todten alle wieder leben!

Der Mittag glüht; die matten Blumen neigen
Die Häupter stumm, die trocknen Wälder schweigen,
Bis Abends Thau vom Himmel ist gesunken.

Da wird es wieder laut im Blumenreigen;
Es singt und jubelt in den nassen Zweigen,
Als hätte jedes Blatt ein Lied getrunken.
(S. 228)
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Geduld

Geduld! sagst du und zeigst mit weißem Finger
Auf meiner Zukunft festverschlossne Thür;
Ist die Minute, die da lebt geringer
Als jene ungebor'ne, sage mir!
Kannst mit der Liebe du den Lenz verschieben,
Dann borg' ich dir für eine Ewigkeit –
Doch mit dem Frühling endet auch das Lieben
Und keine Herzensschulden zahlt die Zeit.

Geduld! sagst du und senkst die schwarze Locke –
Und stündlich fordert eine Todtenglocke
Der Thränen letzes Fährgeld für ein Grab.
Sieh nur die Tage schnell vorüberrinnen,
Horch wie sie ängstlich pochen an die Brust:
Mach auf! Mach auf! Wenn wir nicht heut gewinnen,
Ist unser Scheiden ewiger Verlust.

Geduld! sagst du und senkst das Auge nieder
Und alle meine Fragen sind verneint;
Geduld! Geduld! Verlassen bin ich wieder,
Die letzte Thräne ist noch nicht geweint.
Du hast geglaubt, weil andre warten müssen
Und warten können, kann und muß ich's auch,
Ich aber hab' zum Lieben und zum Küssen
Nur einen Frühling, wie der Rosenstrauch.
(S. 129)
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Die Sternblume

Gesenkten Hauptes in den Wiesenbeeten
Als ahne sie der Sense Todeshieb
Steht silberweiß die Blume der Propheten –
Wahrsagerin, sag' an, hat sie mich lieb?
Und du sagst: Ja! Du lügst, ich will's beweisen:
O schäme dich! so jung, so zart, so licht
Geschaffen, um den Sommertag zu preisen
Und lügen! Denn – sie liebt mich nicht!

Sie liebt mich nicht, denn sprich, Prophetenblume,
Gibt's irgend eine Liebe ohne Schmerz,
Und in der Leidenschaften Heiligthume
Gibt's Raum für den gedankenlosen Scherz?
Sie hat ob meiner Thränen mich gescholten!
Wenn sie mich liebte und die Poesie,
Vielleicht hätt' sie die Thränen mir vergolten,
Doch mich gescholten hätt' sie nie.

Auch du bist traurig: wenn die Sterne wandeln,
Soll man dich weinen sehen, bleiches Bild!
Sprich, würdest du mich auch so hart behandeln,
Wenn ich zu dir mich legte in's Gefild?
Wahrsagerin, gib Antwort auf die Frage,
Gib Antwort, aber diesmal lüge nicht –
Was liegt daran, wenn ich das Glas zerschlage,
Das doch in ihrer Hand zerbricht?
(S. 61-62)
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Halte heimlich Schmerz und Lust

Halte heimlich Schmerz und Lust,
Mach' es nicht so wie die Andern,
Die auf off'ner Straße wandern
Mit der unbedeckten Brust.

Aus der Liebe vollem Kranz
Ist ein Blatt bald ausgerissen,
Was die Leute einmal wissen,
Das gehört uns nicht mehr ganz.
(S. 251)
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Im Waldesgrund

Ich faßte deinen schönen Namen
In einen großen grünen Rahmen:
Ich hatt' ihn vor drei Jahren mitten
Im Wald in einen Baum geschnitten.

Unter Tannen, unter Buchen
Mocht' ich noch so fleißig suchen,
Nirgends mehr im ganzen Raum
Fand ich mehr den Birkenbaum.
Plötzlich zogen selt'ner Art
Wohlgerüche frisch und zart
Von der grünenden Oase ...
Und ich gieng dem Dufte nach.
Sieh, da war im nassen Grase
Schon ein Märzenveilchen wach!
Und ich kniete zu ihm hin,
Küßt' es auf das blaue Auge ...
Wenn ich einstens selig bin,
Küß' ich auf ein braunes Auge! ...
Sieh, da strahlten frischer jünger
Als der Rasen deine lieben
Züge mir, als hätt' der Finger
Gottes sie ins Holz geschrieben.

Und plötzlich ward mir hell und klar,
Warum denn hier ein Veilchen war.
(S. 119-120)
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Am Stickrahmen

Ich hab' einen Strauß auf den Rahmen gestickt,
Da hat er mir über die Achsel geblickt.

Er nahm die Nadel und lächelte fein
Und stickt' einer Rose die Dornen ein.

Und als ich mich wieder zur Arbeit gesetzt,
Da haben die Dornen mir's Herz verletzt.
(S. 77)
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Ich hab' sie jüngst belogen

Ich hab' sie jüngst belogen,
Daß meine Muse schlafe,
Doch plötzlich kam die Strafe
Auch hintendrein gezogen.

Wenn ich ein Veilchen pflücke,
So wird, man glaubt mirs nicht,
Im selben Augenblicke,
Als ich ihrs überschicke
Das Veilchen zum Gedichte.
(S. 119)
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Lebendig begraben

Ich sah mich oft in ihres Auges Spiegel,
Wenn ihre Finger meine Haare kämmten,
Wenn ihrer Küsse zauberische Siegel
Das böse Wort in meiner Seele dämmten.

Ich konnte mich in ihren Thränen baden,
Konnt' schimmern in dem Glanz der Orionen:
Nicht süß'res Wasser haben die Najaden
Und Cherubine nicht so lichtes Wohnen.

Und jetzt ist still und traurig ihre Miene;
Als ob ihr Auge – glaubt ihr's wohl? – sich schämte,
Bedeckt's die weiße seidene Gardine,
Die mit dem schwarzen Fransenflor verbrämte.

Denn eines Tages ward ich aus der Wohnung,
Wo Lust und Licht und Freude mich umflossen,
Hinabgesenkt ins Herz und ohne Schonung
In seiner tiefsten Kammer eingeschlossen.

Denn ach! Die Eifernde, sie sprach: "Die Sonne,
Der Frühling, ja die Welt soll ihn nicht haben!
Mein sei er ganz, mein Herz sei seine Wonne!"
Drauf hat sie mich Lebendigen begraben.
(S. 47)
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Die Bleiche

Ist auf deines Herzens Herd
Alles Feuer ausgegangen,
Daß auf deinen blassen Wangen
Noch der Schnee liegt unversehrt?

Komm, mir ist so frühlingswarm,
Komm zu mir, du Halberfrorne!
Zünd' das Feuer, das verlorne,
Wieder an in meinem Arm.

Horch, schon fängt dein Herz ganz still
Aber schneller an zu klopfen
Und die süßen Augen tropfen
Wie die Tanne im April.

Und neugierig schauen zwei
Junge Röslein von den Wangen
Ob der Schnee schon weggegangen
Und der Lenz gekommen sei.
(S. 130)
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Ein Sterbebett

Komm' einen Augenblick mit mir, doch leise
Tritt auf! Siehst du das Sterbebett und bleich
Die junge Mutter drauf, nach Engelweise
Noch lächelnd und die schwarze Locke weich
Und voll die dünne Wange überschattend
Und einen Knaben küßt sie lang und warm,
Als gäb' sie ihm die Seele und ermattend
Fällt sie dem Gatten in den Arm.

Dies Auge, nun gebrochen und verdunkelt,
Hat einstens, wie in lauer Sommernacht
Der Sirius, der brennende, gefunkelt;
Die Lippe, schmal und weiß hat einst gelacht,
Geschwellt vom Kuß der Liebe, wie die Kirsche,
Wenn sie im Sonnenstrahle reift, und die Gestalt
War federkräftig einmal gleich dem Hirsche
Im schattenreichen Buchenwald.

Dies Weib war meine Mutter, und der Knabe,
Den sie geküßt, bin ich; als in dem Born
Des süßen Auges schwamm die Wundergabe
Der Poesie, die Rose mit dem Dorn –
Mit schnellen Händen langt' ich nach dem Erbe,
Was blüht und glänzt und flimmert, freut das Kind;
Ich wußte nicht, wie schmerzensvoll und herbe
Die Tage eines Dichters sind.

Ein Fluch ist Poesie! Denn wer ihr Zeichen
Auf seiner Stirne trägt, der ist vervehmt.
Der Mensch, weil er den Aar nicht kann erreichen,
Hat seinen kühnen Fittich ihm gelähmt.
Es ist ein traurig Loos, den Ring zu schauen,
Den fesselnden, für den, der höher schwang
Als Wolken sich, und am Gedanken kauen,
Statt ihn zu feiern im Gesang.

Ich trug's, denn das Vermächtnis war mir theuer,
Man höhnte mich, ich habe nie geklagt;
Wer sah mich weinen, wenn Prometheus' Geier,
Der ewige, an meinem Herzen nagt?
Da sah ich dich, des Himmels schönste Dichtung,
O Gott, mit welcher Hoffnung sah ich hin,
Wie in dem Urwald Wand'rer nach der Lichtung
Voll Sonnengruß und Wiesengrün.

Du fliehst vor mir. Sprich, ist es die Entdeckung,
Die gräßliche, daß ich ein Dichter bin,
Die dich entsetzt? Wenn Poesie Befleckung
Der Liebe ist, nicht ihr Juwel, nimm hin
Die Rose, nimm das schmerzliche Vermächtnis
Der Mutter, nimm's und wirf es in den Koth!
Und alle Lieder will aus dem Gedächtnis
Vertilgen ich auf dein Gebot.
(S. 60-61)
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Gottvergessne Liebe

Küßt mich die Mutter Abends
Aus ihres Herzens Grund;
So macht sie stets ein Kreuzchen
Mir fromm auf Stirn' und Mund.

Ich küßte dich wohl öfter
In süßer Abendstund';
Du hast mir nie ein Kreuzchen
Gemacht auf Stirn' und Mund.

Und daß ich jetzt so vieles
Und herbes Leid erduld',
Daran ist wohl die Liebe,
Die gottvergeßne, schuld.
(S. 79)
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Die ersten Küsse

Längst waren die Vöglein zur Ruhe
Die Blumen längst eingenickt
Als er die ersten Küsse
Auf meine Lippen gedrückt.

Doch als ich des andern Morgens
Im duftenden Walde gieng,
Wo ich mit schauernder Seele
An seinem Munde hieng,

Da haben Blaumeisen und Gimpel
Von meinem Glück sich erzählt
Und gleich geschwätzigen Basen
Mich Rosen und Maßlieb gequält.

Ich konnte nicht länger mehr weilen
Und weinend lief ich nach Haus,
Am nächtlichen Himmel die Sterne,
Die ewigen, plauderten's aus.
(S. 78)
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Die Thräne

Laß an der Wimper nicht die Thräne hangen,
Der Silberquelle laß den freien Lauf;
Sie weiß wohin, sie weiß, es fangen
Sie meiner Lieder Blüten dürstend auf.

Die Wolke dort im rosenrothen Kleide
Ist aufgestellt als Blumengärtnerin
Und in der Liebe selig reiner Freude
Weint sie die süßen Thränen drüber hin.

Laß an der Wimper nicht die Thräne hangen,
Du Gärtnerin in stiller Sternenacht!
Und meine längst verwelkten Blüten fangen
Zu funkeln an in neuer Farbenpracht.
(S. 130)
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Mich haben die Leute gescholten

Mich haben die Leute gescholten,
Daß ich einen Studenten lieb',
Als wär ein Student ein Gottleugner,
Ein Brandleger oder ein Dieb.

Und ist er auch wirklich gottlos,
Was geht es die Leute an?
Es hat Petrus den Herrn verleugnet,
Und ist doch ein heiliger Mann.

Und hat er gelegt auch ein Feuer,
Es hat doch kein Wächter gelärmt,
Mir aber haben die Flammen
Das Herz im Busen erwärmt.

Und hat er auch wirklich gestohlen
Viel' tausend Küss' bei der Nacht,
Er hat doch niemanden ärmer,
Mich aber reicher gemacht.
(S. 102)
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Nicht flüsterndes Gespräch, kein Händedrücken,
Auch keine Küsse und dergleichen Sachen
Giebt's zwischen uns – zwei Ufer ohne Nachen
Zwei ferne Ufer sind wir ohne Brücken.

Verbunden nur mit stummen Liebesblicken;
Das sind die Schwalben, die die Boten machen,
Beladen mit dem sinnenden Entzücken,
Mit dem die Mütter ob den Kindern wachen.

O halt' des Herzens Knospe unter'm Riegel
Und wach' und bete, daß das süße Siegel
Sich nie von unserem Geheimnis schält.

Denn ist die Rose einmal aufgebrochen
Und ist die Liebe einmal ausgesprochen,
So sind auch ihre Tage schon gezählt.
(S. 217)
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Leidenschaft


Liebe lässt sich nicht verbieten
aber Leidenschaften lassen sich
bezähmen und der Mann kann
manche Heldenthat üben
Th ...

O hör' mein Lied, es ist vielleicht das letzte
Und werde wieder freundlich, gut und mild!
Das Reh, so geht die Sage, das gehetzte
Vergieße Thränen und das kranke Wild
Im grenzenlosen Grasmeer der Savanne
Verlasse seiner Herde Spiel und Lust
Und such' im dunklen Forste eine Tanne
Dort auszuhauchen seine Brust.

Mit meinen Thränen, die du so verachtet,
Erkauf' ich mir das Sternendiadem
Und lichte meine Seele, die umnachtet
Der nimmer müden Dränger Anathem,
Die Leidenschaft ist meine größte Tugend,
Mit ihr allein lös' ich den Himmel ein,
Die unbedachten Schritte meiner Jugend
Soll diese Liebe mir verzei'n.

Der Mann kann manche Heldenthat verüben
Für Gott und Recht und für sein Weib und Kind;
Es richtet sich die That nach seinem Lieben,
Das Meer thürmt seine Wogen nach dem Wind,
Was kann ich thun? Ich gleich' dem Roß voll Feuer,
Das knirscht in das Gebiß und mit dem Huf
Zerstampft im dunklen Stalle das Gemäuer
Und horcht auf seines Herren Ruf.

Ein Held? Der Matador wirft seine Quäler
Und weint nicht weibisch, wenn er sterben kann;
Wer Martern leidet, ist ein blinder Wähler
In dem, was übel oder recht gethan.
Du aber, Mädchen, Seele meiner Lieder,
Sag' mir nur einmal, einmal noch in's Ohr
Dein erstes Liebeswort, dann lächle wieder
Sei frei – ich bin der Matador!
(S. 64-65)
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Ob ich auf Erden etwas liebe mehr
Und inniger als dich? Das Lied, das Licht?
Das bist du ja! Fehlt mir dein Angesicht,
So ist es stumm und dunkel um mich her.

Doch einen Wunsch giebt's, dessen Wiederkehr
In jede Lust mir scharfe Dornen flicht,
Ein Eiland auf des Lebens wüstem Meer,
Das unnennbare Seligkeit verspricht.

Sprüh' aus den Augen dunkelglühend Erz,
Leg' auf die Wange der Granate Roth
Und lächle, um die Engel zu verführen.

Doch gäb' heraus ein Opfer nur der Tod,
Und müßt' in dieser Stund' ich dich verlieren,
Ich stürzte weinend an das Mutterherz.
(S. 226)
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Der Talisman

Schenk etwas mir, ich fleh' dich an,
Ein Löcklein allenfalls,
Damit ich mit dem Talisman
Behänge meinen Hals;

Damit ein treuer Wächter sei
Vor meiner offnen Brust
Und ferne halte allerlei
Verbot'ne Lust.

Von hier und dort, von fern und nah
Will vieles Volk hinein
Und doch gehört, du weißt es ja,
Mein Herz nur dir allein.
(S. 131)
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Kinderglaube

Schlingt dein Arm sich um den meinen,
Drück' ich deine Hand so lind,
Dann, Geliebte, will mir's scheinen
Ich sei wiederum ein Kind.

Und ich könne wieder beten,
Meiner stolzen Freiheit satt,
Könne keine Blume treten
Weil sie eine Seele hat.

Und die Kette sei zerrissen,
Die an Raum und Zeit mich band,
Und dein Auge sei mein Wissen
Und dein Herz mein Vaterland.
(S. 134)
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Sei willkommen schöner Tag

Sei willkommen schöner Tag,
Sei willkommen, Frühlingsbote,
Mit dem goldnen Morgenrothe
Um den frühen Stundenschlag!
Komm und wecke mir die Todte,
Die auf Winters Machtgebote
Stumm in meinem Herzen lag!

Streue Blüten auf sie hin;
Laß auf ihrer Locken Wallen
Deine Veilchen niederfallen;
Zier' ihr Bett mit frischem Grün!
Orgle, flöte, laß vor allen
Philomelas Lieder schallen,
Denn es gilt der Königin!

Wenn ihr Auge heiter wird,
Wenn sie sieht die Blumen sprießen,
Wenn sie hört die Quelle fließen,
Fühlt, daß Liebe sie geziert ....
Frühling, mit den ersten Küssen
Wird sie deine Kinder grüßen,
Die zur Mutter du geführt!

Lächeln wird sie wiedr schön,
Wie vor jenen langen Tagen,
Wo mein Herz so groß geschlagen:
Singen oder untergehn ....
Und sie starb – und ohne Klagen
Hab' ich sie ins Grab getragen,
Unbemerkt und ungesehn.
(S. 121)
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Gott überall

Sieh', dort zeigen sie dem Volke
Sein und seines Gott's Verhängnis:
Eine trübe Weihrauchwolke
Und ein ewiges Gefängnis.

Wollen ihn mit gold'nen Spangen
Zwischen Schloß und Riegel halten;
Können nicht den Sturmwind fangen,
Nicht den Strahl der Sonne spalten.

Und es heißt: Im Windessäuseln
Kommt der Mächtige gegangen.
Wenn sich deine Locken kräuseln
Streift sein Hauch um meine Wangen.

Und es steht im Buch geschrieben:
Wo zwei Menschen sich begegnen,
Die sich in der Seele lieben,
Naht der Herr sich, sie zu segnen.
(S. 79-80)
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Allerseelen

Stell' auf den Tisch die duftende Reseden,
Die letzten rothen Astern trag' herbei
Und laß uns wieder von der Liebe reden
Wie einst im Mai.

Gieb mir die Hand, daß ich sie heimlich drücke,
Und wenn man's sieht, mir ist es einerlei;
Gieb mir nur einen deiner süßen Blicke
Wie einst im Mai.

Es blüht und funkelt heut' auf jedem Grabe,
Ein Tag im Jahre ist den Todten frei;
Komm' an mein Herz, daß ich dich wieder habe,
Wie einst im Mai.
(S. 132)
_____

 

Von unser'n Bergen will ich zu dir sprechen,
Erzählen dir helldunkle Waldgeschichten,
Von Heidelbeeren unter schlanken Fichten
Und von den wilden Rosen an den Bächen;

Vom grünen Eise neben Blumenflächen,
Von Lilien, die auf die Felsen flüchten,
Zum kühnsten Jodler will ich Lieder dichten
Und mit Gefahr das Edelweiß dir brechen.

Du aber sollst Isera mir kredenzen,
Frühfeigen pflücken mit den weichen Händen
Und mir das Haupt mit Mandelblüthen kränzen.

Und rufen wollen wir bis an die Grenzen,
Wie groß Tirol und seine Männer ständen,
Wenn so wie wir sich Nord und Süden fänden.
(S. 224)
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Vor einer Bude

Vor einer Bude steht ein Kind
Und greift nach allen Waaren
Und läßt das Nächste dann geschwind
Um's Fernste wieder fahren.

Du holdes Mädchen, wärst du mein
Und all' die hübschen Sachen:
Der Augen milder Sternenschein,
Der Wange schelmisch Lachen;

Der Mund so süß, das Haar so lind,
Der Leib so voll gegossen,
Ich ständ' vor dir wie jenes Kind
Und auch so unentschlossen.
(S. 132)
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Wertschätzung

Wär' sie gestorben, könnt' ich doch den Rasen,
Der sie bedeckt, mit Frühlingsblumen schmücken,
Und Mond und Sonne müßten mir Topasen
Und Diamanten reich darunter sticken.

Wär' untreu sie, wer sollte sie mir rauben?
Ein freier Mann nur kann es und ein Dichter;
Ich würd' den Schmerz verwinden durch den Glauben:
In eine Sonne fließen alle Lichter.

Doch nichts von dem! Man wog mich ab nach Pfunden,
Und leicht wie Rosenblätter sind Gedichte,
Und alle Thränen, all' der Liebe Stunden,
Sie drückten nicht herab zu dem Gewichte.
(S. 49)
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Was tadelst du mein Lied?

Was tadelst du mein Lied? Ich bin die Wolke,
Mein weiter Himmel ist die Poesie;
Die Leier, die vervehmte, war dem Volke,
Nun liegt sie ohne Kranz auf deinem Knie.
Sie war gewohnt die schmetternde Fanfare
Des Sieg's zu jubeln in der Geisterschlacht
Und nicht die süßen Töne der Guitarre
Getragen von der Sommernacht.

Was tadelst du mein Lied? Du weißt, der echte
Wein der Champagne perlet rasch und schäumt,
Wenn man ihn schlägt; du weißt, daß nur das schlechte
Unedle Roß dem Sporne sich nicht bäumt.
Geh' hin, schön wie du bist und sag' zur Rose,
Ich hab' dich lieb! geh' wieder dann zu ihr
Verändert, kalt und fremd und mitleidslose
Und sie wird sterben, glaube mir.

Mein wildes Lied wird ewig dich verletzen,
Und doch hab' ich nichts and'res, als mein Lied!
Sei du mein Engel! Du kannst übersetzen
In sanft're Töne meinen Heroid,
Und jeden rauhen Ton und jedes scharfe
Und herbe Wort des Schmerzes und der Lust
Leicht sänftigen, denn ohne eine Harfe
Ist keine edle Frauenbrust.
(S. 64)
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Stille

Wenn am Himmel schlagbereitet
Die Gewitterwolken ziehen,
Wandersmann nun schneller schreitet
Und zum Nest die Vögel fliehen,
Wird es stille.

Wenn die Blumen fromm und selig,
Sich zum Beten bücken nieder
Und der Himmel nur allmählig,
Oeffnet tausend Augenlider,
Wird es stille.

Wenn das Herz sich muß entschließen,
Ewigen Vergessens Lethe
Auf die Blumen auszugießen,
Die es sich im Frühling säte,
Wird es stille.
(S. 299)
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Dein Kranz

Wenn dir lag der Freude Strahl,
Rosen lockend, auf den Wangen,
Ist ein Lied noch jedesmal
Mir im Herzen aufgegangen.

Und ist eine Thräne dir
Demanthell im Aug' zerflossen,
Ist sogleich im Herzen mir
Wiederum ein Lied entsprossen.

D'rum, Geliebte, warte zu,
Denn ich kann dir eines sagen:
Keine and're wird wie du
Blumen um die Stirne tragen.
(S. 133)
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Natur und Liebe

Wenn du dies liest – nicht wahr, du wirst es lesen? –
So ist ein Sommertag dahin; du sahst die Pracht
Desselben, als ein überirdisch Wesen,
Du auf dem Söller standst. Gabst du nicht acht
Wie zugewinkt dir hat in stiller Wonne
Der Baum, die Blume und die junge Frucht?
Gewiß, gäb's Neid im Himmel, hätt' die Sonne
Verdüstert sich voll Eifersucht.

Die Blumen beten sonst, wenn rings die Schatten
Der Berge dunkeln und die Wälder ruh'n;
Doch heut' vergaßen sie's, denn ach sie hatten
Zu viel mit deinem Bildnisse zu thun.
Und erst wenn sie dem Stern – ich seh' ihn glühen –
Von dir erzählen, der wird schnell sein Licht
Neugierig stellen an die Jalousien
Und küssen dich in's Angesicht.

Hörst du den Donner wohl? warum er rollte,
Du weißt es nicht? Es war ein Wölkchen klein
Und milchweiß, und das sah dich und es sollte
Entfernen sich; da gab der Sehnsucht Pein
Ihm jene wilde Sprache, daß die Kehle
Der Nachtigall verstummt, du glaubst es nicht?
So sieh' jetzt wie sein Schmerz um deine Seele
In tausend Tropfen niederbricht!
(S. 62-63)
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Frühling

Wenn es wieder blüht auf Erden,
Frühlingslüfte wieder wehen,
Ach wie viele Berge werden
Zwischen uns, Geliebte, stehen!

Noch vermag ich's nicht zu fassen,
Was es heißt, von dir zu scheiden,
Was es heißt, allein, verlassen,
Dich zu missen und zu meiden.

Schweigen werden meine Lieder,
Kein Gesang wird mehr ertönen
Und die Fremden werden wieder
Uns're stummen Berge höhnen.
(S. 133)
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Wallfahrt

Wie sind die Menschen thöricht und verblendet!
Sie möchten uns gern trennen, wie du weißt,
Da hab' ich meine Geister ausgesendet –
Was wissen diese Menschen denn vom Geist?
Ich war bei dir in süßer Waldeskühle,
Die frisches Roth auf deine Wangen warf,
Ich kränkte mich im neidischen Gefühle,
Daß dich die Rose küssen darf.

Die schnelle Ziege klimmt zur fetten Weide,
Die Erdbeer' lächelt roth zu dir empor,
Ein sanfter Südwind spielt mit deinem Kleide
Und sagt dir meine Grüße in das Ohr,
Dein Auge ruht auf Berg und Thal und Hügel
Und trinkt sich satt am frischen Alpengrün
O daß ich nicht der Wind mit seinem Flügel
Daß ich nicht Wald und Rose bin!

Ich war bei dir auf jenem steilen Pfade
Zum Wallfahrtsort, mein Arm hat dich geführt;
Sie sagen, oben sei ein Bild der Gnade,
Das Wunder wirkt, vom Menschenherz gerührt;
Ich kniete neben dir im Kirchenstuhle,
Zum Gnadenbilde sah ich andachtsvoll
Und betete, daß es die Leidensschule
Der Liebe mir verkürzen soll.
(S. 63-64)
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Stelldichein

Wie von einem Berg zum andern
Leisen Tritts im abendlichen
Himmelblau die Wolken wandern,
Hat sie sich zu mir geschlichen.

Wie der Halm, an dessen Aehre
Thauend glüh'n die Sonnenfunken,
Biegsam, schlank, im Aug' die Zähre,
Ist sie mir an's Herz gesunken.

Und ich hielt sie fest umschlungen,
Bis der letzte Stern verblichen
Und des Thales Dämmerungen
Vor der großen Sonne wichen.
(S. 191-192)
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Raphaele

Wohin, o Mensch? Woher bist du gekommen?
Das sind die metaphysisch dunkeln Fragen,
Die manches edle Menschenherz benagen,
Von sternenloser Zweifelsnacht beklommen.

Was dich in unser Erdenthal getragen,
Das weiß ich längst; aus deinen himmlisch frommen
Und schönen Augen hab' ich es genommen,
Die kindlich plaudernd das Geheimnis sagen.

Sei mir nicht böse, wenn ichs nacherzähle!
Du warst die einz'ge Frauenengelseele,
Daß auch im Himmel Weiblichkeit regiere.

Nicht herrschen, - lieben wollte Raphaele;
Da wies der Schöpfer ängstlich ihr die Thüre,
Daß sie ihm seine Engel nicht verführe.
(S. 119)
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Gedichte aus: Ausgewählte Dichtungen von Hermann von Gilm
Herausgegeben von Rudolf Heinrich Greinz
Leipzig Reclam jun. 1894


 

 


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