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Karoline von Günderrode
(1780-1806)
Überall Liebe
Kann ich im Herzen heiße Wünsche tragen?
Dabei des Lebens Blüthenkränze sehn,
Und unbekränzt daran vorüber gehn
Und muß ich traurend nicht in mir verzagen?
Soll frevelnd ich dem liebsten Wunsch entsagen?
Soll muthig ich zum Schattenreiche gehn?
Um andre Freuden andre Götter flehn,
Nach neuen Wonnen bei den Todten fragen?
Ich stieg hinab, doch auch in Plutons Reichen,
Im Schooß der Nächte, brennt der Liebe Glut
Daß sehnend Schatten sich zu Schatten neigen.
Verlohren ist wen Liebe nicht beglücket,
Und stieg er auch hinab zur styg'schen Flut,
Im Glanz der Himmel blieb er unentzücket.
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Liebe
O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! in Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.
Lebendiger Tod, im Einen sel'ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.
_____
alle
Liebesgedichte
von Karoline von Günderrode
Gedichte aus: Karoline von Günderrode Sämtliche Werke und
ausgewählte Studien
Band I: Texte Hrsg. von Walter Morgenthaler 1990
Biographie:
Günderrode, Karoline (Friederike Louise Maximiliane) von, auch: Tian, *
11.2.1780 Karlsruhe, † 26.7.1806 Winkel/Rhein; Grabstätte: ebd.
Kirchhof. - Lyrikerin, Prosaistin, Dramatikerin.
G. stammte aus einer angesehenen Familie, die es in Hessen u. Baden zu
Ansehen brachte; ihr Vater war Hofrat u. Kammerherr in Karlsruhe u.
hatte neben histor. Werken auch Idyllen publiziert. Nach seinem Tod
(1786) siedelte die Mutter mit ihren Kindern nach Hanau über; sie
verweigerte den Töchtern das ihnen zustehende Erbteil, weshalb es zu
gerichtl. Auseinandersetzungen kam. G. lebte ab 1797 im von
Cronstetten-Hynspergischen adeligen evang. Damenstift in Frankfurt/M.,
finanziell eingeschränkt, aber kaum reglementiert. 1799 lernte sie
Savigny kennen, 1800/01 Bettine, Gunda u. Clemens Brentano. Daraus
ergaben sich intensive Kontakte zu dem von der Jenaer Frühromantik
geprägten Freundeskreis, der sich öfter auf dem Gut der Savignys (auf
Trages bei Hanau) oder in Winkel/Rhein traf u. den Briefaustausch
kultivierte. Ihre Lektüre (nach den erhaltenen Studienbüchern):
klassizistisch-lehrhafte Literatur, Schiller, Ossian u. Herder sowie
Brentanos Godwi. Savigny, den G. leidenschaftlich verehrte, wahrte
Distanz. 1804 heiratete er G.s Freundin Gunda Brentano; G. blieb dem
Paar als »Freund« verbunden. Aus
der Bekanntschaft (seit 1804) mit dem Mythenforscher Friedrich Creuzer,
seit 1799 mit einer älteren Professorenwitwe verheiratet, entwickelte
sich eine intensive, spannungsreiche Liebesbeziehung mit verschlüsselten
Briefen, heiml. Treffs im Odenwald u. im Frankfurter Damenstift,
Verkleidungen u. abenteuerl. Fluchtplänen. Halbherzige Angebote Creuzers
zu einer gemeinsamen bürgerl. Zukunft schlug G. aus. Als er,
lebensgefährlich erkrankt, seiner Frau gelobte, das Verhältnis zu G.
abzubrechen, nahm G. die ihr übermittelte Nachricht zum Anlaß, den
Freitod im Rhein zu wählen; ihren Dolch trug sie nach zeitgenöss.
Berichten stets mit sich.
Mit einer ersten Publikation Gedichte und Phantasien (Hbg./Ffm.) trat G.
1804 hervor. Ihr männl. Pseud. Tian wurde in einer Rezension rasch
entschlüsselt. 1805 folgten Poetische Fragmente (Ffm.) sowie das Drama
Udohla in Creuzers »Studien«. Die dramat. Dichtung Melete war bei G.s
Tod bereits gesetzt; Creuzer ließ die Druckfahnen (u. weitere
G.-Handschriften) vernichten. Die wenigen erhaltenen Texte (Gedichte,
Dramen u. Prosafragmente) lassen einen Einfluß Schillers u. Schellings
erkennen, orientieren sich jedoch nicht an der frühromant. Poetik. G.
bevorzugte histor. u. philosophische Themen u. benutzte konventionelle
Formen wie mytholog. Muster. Die in den Briefen erkennbaren Konflikte
(ihr »männlicher Geist«; das Verhältnis zum Tod) werden in der Dichtung
nicht zu zentralen Problemen.
Die G.-Rezeption, die mit Bettine von Arnims romanartig erweitertem
Briefwechsel Die Günderode 1840 einsetzt, stellt Leben u. Tod der
Dichterin als Ergebnis romant. Ideale dar u. nimmt die Dichtung kaum
wahr. Die moderne Rezeption, die von Christa Wolf ausgelöst wurde (Kein
Ort. Nirgends u. die Werk- u. Briefauswahl Der Schatten eines Traumes.
Darmst./Neuwied 1979), versucht die Konflikte der Frau, die sich den
zeitgenöss. gesellschaftl. Normen selbstbewußt verweigert, aber im
Zeitkontext keine Entfaltungsmöglichkeit hat, herauszuarbeiten. Christa
Wolf sieht sie als Seelenverwandte Kleists u. hellsichtige, einfühlsame
Intellektuelle, die eine Zeitenwende frühzeitig wahrnimmt.
Nachlaßteile G.s befinden sich in der Universitätsbibliothek
Frankfurt/M., im Freien Deutschen Hochstift u. in der Staatsbibliothek
Berlin/DDR.
WEITERE WERKE: Ges. Dichtungen. Hg. Friedrich Götz. Mannh. 1857. - Ges.
Werke. Hg. Leopold Hirschberg. 3 Bde., Bln. 1920-22. - Dichtungen. Hg.
Ludwig v. Pigenot. Mchn. 1922. - Ges. Dichtungen. Hg. Elisabeth Salomon.
Mchn. 1923. - Gedichte. Hg. Franz Josef Görtz. Ffm. 1985.
Aus: Autoren- und Werklexikon: Günderrode, Karoline von, S. 3. Digitale
Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon, S. 6851 (vgl. Killy Bd. 4, S.
412)
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