Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Joseph von Hammer-Purgstall)


Aus: Der Buchstabe Ta

I. (1)

Bey dem Geiste des Herrn, beim alten Recht, und dem Bündniß
Schwör' ich, es bleibet dein Heil immer mein Morgengebet.

Meine Thränen ergießen sich zwar wie vor Noe die Sündfluth
Aber des Busens Bild waschen sie nimmer hinweg.

Kauf' mein zerschlagenes Herz, in tausend Stücke zerbrochen,
Ist es so viel als sonst tausend der anderen werth.

Schelte mich nicht der Trunkenheit, der Geleitsmann der Liebe
Hat mich seit Anbeginn selber zum Rausche gebracht. 1

Sey gerad, dann ersteiget die Sonne hell dem Gemüthe,
Während die Dämmerung trügt, zeigt sie sich finster und schwarz. 2

Nicht verwirf, o mein Herz die Hoffnung der Gnade des Freundes.
Hast du mit Liebe geprahlt, thue Verzicht auf den Kopf.

Wahnsinn jagt mich um dich hinaus in Wüsten und Berge,
Meiner Ketten Last, ach die erleichterst du nicht!

Ausgeschmält hat die Ameis Aßafen, und wahrlich mit Rechte, 3
Daß er verloren den Ring, daß er ihn nimmer gesucht,

Gräme dich nicht Hafis! und hoffe von Schönen auf Treue,
Ist es des Ackers Schuld, wenn das Getreide nicht wächst?

1 Am Tage, wo das ewige Schicksal die Bestimmung aller Menschen entschied, ward auch meine Neigung zum Trunke unwiderruflich entschieden.

2 Im Persischen ein besonderes Wortspiel. Die erste Dämmerung heißt Subhi kasib der trügende Morgen. Das Morgenlicht auf welches unmittelbar der Aufgang der Sonne folgt heißt Subhi sadik der aufrichtige Morgen. Sey also aufrichtig, dann wird die Sonne aufgehen; bist du trügerisch wie die erste Dämmerung, so wird es auch in deinem Gemüthe finster bleiben.

3 Eine Anspielung auf die Geschichte der Ameise, die nachdem alle Thiere mit Geschenken beladen vor dem Throne Salomons erschienen waren, auch einen Grashalm brachte. Aßaf verlor das Siegel Salomons, dessen sich hernach ein Diwe bemächtigte, und mit Hilfe desselben in Salomons Namen regierend die Völker täuschte. Das Siegel Salmons bedeutet hier die Lippen des Freundes, deren Genuß für jetzt verloren ist. Hafis will sich aber nicht die Nachlässigkeit des Großwesirs zu Schulden kommen lassen.


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