Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Joseph von Hammer-Purgstall)


Aus: Der Buchstabe Lam

V. (5)

Ostwind bringe mir fröhliche Kunde, 1
Denn es kommt die Zeit des Genußes,
Gott behüte dich Bothe der Freude,
Sey willkommen, willkommen, o komm!

Was macht Selma, und Alle von Salem?
Was die Nachbarn, und wie ist ihr Wohlseyn?
Ausgeleeret sind die Plätze des Festes,
Angefüllet hingegen die Becher.

Nach dem Bau verfiel das Gebäude,
Fragt um seine Gestalt die Ruinen.
Nacht der Trennung du streckest die Schatten,
Nachtgesichter was spielet ihr dorten?

Ohne Ende sind Liebesgeschichten,
Hier verstummet die Sprache der Worte.
Keinem wendet das Liebchen den Blick zu 2
O des Stolzes! der Größe! des Hochmuths!

Deine Schönheit entflammt mich mit Sehnsucht
Gott behüt' vom genaueren Aug' dich, 3
Harr' Hafis mit Geduld und mit Liebe,
Lieblich ist der Verliebten Gestöhn.

1 Dieses Gasel beginnt mit einem persischen Distichon, worauf ein arabisches folgt, und so abwechselnd bis ans Ende.

2 Sie ist stolz Jemanden anzuschauen.

3 Wörtlich vom vollkommenden Auge, d.i. vom Auge da zu gut sieht, und alles zu genau prüfet.
Selma, ein allgemeiner Name einer Schönheit bei arabischen Dichtern. Salem ist der vielgebrauchte Namen eines Platzes in der Wüste, auf welchem Salembäume (eine Art dornichteren Bäume) wachsen. In dieser Bedeutung kommt das Wort in der berühmten Kaßide Alborda vor.
Das Wortspiel zwischen Salem und Selma, wo nur durch die Versetzung der Buchstaben der Namen des Geliebten in den eines Dornenstrauchs und umgekehrt verwandelt wird, springt von selbst in die Augen, ohne daß es nöthig gewesen, dasselbe ins Deutsche zu übertragen, wo es beiläufig so lauten würde: Was macht Dorinde? Die Fräulein von Dornbusch.


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