Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Joseph von Hammer-Purgstall)


Aus: Der Buchstabe Elif

VI. (6)

Meiner Hand ist das Herz entflohen ihr Herzenbesitzer!
Wehe! bey Gott! Weh mir! denn das Geheimniß ist weg!

Gestern tönte so schön von Wein und Rosen Aodi
Bringet den Morgenwein, o ihr Betrunkenen her!

Schau in das Glas! es ist der Spiegel des griechischen Königs,
Alle Plane Daro's wirst du erspähen darinn 1

Gnädiger Herr! aus schuldigem Dank für blühenden Wohlstand
Fraget doch eines Tags, wie es Derwischen ergeht. 2

Ruhe hienieden und dort verbürgen diese zwey Worte:
Liebreich begegne dem Freund, Feinden begegne mit Gunst.

Mir ward Eintritt ins Land des guten Namens versaget.
Tadler, gefällt es dir nicht, änd're das ewige Loos.

Dieser bittere Saft, dem Weisen die Mutter der Laster 3
Schmeckt viel lieblicher mir als ein jungfräulicher Kuß:

In unfreundlicher Zeit genieß, und freu dich des Rausches!
Dieser Alchymiker macht Bettler wie Karun beglückt. 4

Sträube dich nicht, sonst wirst du wie Kerzen in Gluthen verflammen,
In der Geliebten Hand werden die Steine zu Wachs.

Persische Schönen verleihn mit ihren Worten das Leben,
Greisen und Frömmlingen gieb Schenke die Kunde davon!

Ach nicht mit Willen besudelt Hafis die Kleider mit Weinfleck.
Frommer Lehrer verzeih! O du verzeihest es ihm.

1 Alexanders Spiegel berühmt in der orientalischen Fabellehre. Er brauchte nur hineinzusehen, um auf der ersten Blick alle Plane Daro's (Darius) zu durchschauen.

2 Eine Anrede an den Geliebten, der als Schah erscheint während ihn der Liebende als Derwisch anspricht.

3 Mahommeds Wort über den Wein.

4 Der Wein ist ein Alchymiker, der Bettler so reich macht wie den ägyptischen König Karun, der unermeßliche Schätze besaß.


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