Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Joseph von Hammer-Purgstall)


Aus: Der Buchstabe Ja

LVI. (56)

Du, welche was hienieden
Du immer wünschest, hast,
Ich weiß nicht, welchen Schmerzen
Du ob uns Armen hast.

Begehr' das Glas, und raube
Das Herz dem Sklaven weg,
Weil Freye zu beherrschen
Du keinen Anstand hast.

Du kennest keine Mitte,
Daher verwundr' ich mich,
Wie in der Schönen Mitte
Du stets das Mittel hast.

Es ist der Wangen Weiße,
Gemalt nach den Huris, 1
Indeß du schwarze Zeilen
Auf Purpurblättern hast.

O trinke Wein, es gehet
Dir alles leicht von Hand,
Zumal im Augenblicke,
Wo du den Schwindel hast.

Hör' auf, mich auszuschelten,
Doch tränke stets mein Herz,
Thu' was dir nur beliebet,
Weil du die Vollmacht hast.

Vergiß die Nebenbuhler,
Sey heitern frohen Muths,
Denn leicht sind alle Dinge,
Wenn einen Freund du hast.

Wenn du zu dem Genusse
Des Freundes einst gelangst,
So weiß'st du, daß du alles,
Was du nur wünschest, hast.

Hafis, nimm Ros' und Becher,
Nimm um die Mitte sie,
Weil auf des Gärtners Launen,
Du nicht zu schauen hast.

Lanzetten hunderttausend
Gebrauch nach deiner Lust,
Wenn ob dem Blut des Kranken
Du einen Zweifel hast.

1 Huri der Name der schwarzäugigen immer jungfräulichen Schönen des Paradieses. Die Abstammung des Wortes selbst aber ist im Arabischen dunkel.


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