Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Joseph von Hammer-Purgstall)


Aus: Der Buchstabe Ta

LIV. (54)

Mein Augenapfel schonet dein Angesicht,
Mein irres Herz erinnert sich nur deiner.

Die Thräne nimmt das heilige Pilgerkleid,
Wiewohl sie nie von Herzensblute rein ist. 1

Verschmäh' des armen Liebenden Herzgeld nicht,
Er kann in baarer Münze dich nicht zahlen.

Ein Jeder, welcher muthigen Herzens ist,
Gelanget zu der Höhe deines Wunsches.

Des Herren Jesus Leben verspendende
Wunderkraft, sie gleicht nicht deinen Lippen.

In deiner Liebe Flammen erseufz' ich nicht.
Wer sagt, ich trag nicht mit Geduld dein Brandmaal.

Es bleibt der Vogel Edens im Käfichte,
Ein Wildfang, wenn er nicht dich suchend ausfliegt. 2

Als ich zuerst geschauet den Lockenschmuck, 3
Sprach ich: O weh! Dies ist Verwirrung endlos.

Hafis ist's nicht allein, der sich sehnt nach dir,
Wer ist es wohl, der sich nach dir nicht sehnte?

1 Wer nach Mekka die Pilgerschaft antreten will, muß zuerst die gesetzliche Reinigung beobachten. Nun wollen meine Thränen zu deinem Harem wallfahrten, und haben das Pilgerkleid angelegt, woewohl sie ganz mit Herzensblut beflecket sind.

2 Der Vogel Edens selbst, der berühmte Pfau verdient als Wildfang eingesperrt zu werden, wenn er deiner Schönheit nicht nachfliegt.

3 Die Verwirrung nämlich der Locken, die selbst verwirrt, Köpfe und Herzen verwirren.



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