Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Joseph von Hammer-Purgstall)


Aus: Der Buchstabe Elif

IX. (9)

Sage Morgenwind mit Schmeicheln
Jener lieblichen Gaselle,
Auf die Berge, in die Wüsten
Hat die Liebe mich getrieben.

Warum frägt der Zuckerhändler
(Herr erhalte ihm das Leben)
Warum frägt er nicht ums Wohlseyn
Seines Zucker Papageyes?

Wenn du bey dem Liebchen sitzest
Wein an seiner Seite trinkest,
O erinnre dich der Freunde,
Die umher gleich Winden irren.

Wisse Rose dir geziemt es
Nicht so stolz zu seyn, auf Schönheit
Daß aus Stolz du nach der irren
Nachtigall nicht einmal fragest.

Nur mit guter Art und Weise
Wirst du den Geliebten fangen,
Denn es gehen kluge Vögel
Nicht ins Netz und in die Schlinge.

Wer belehrt mich, warum diese
Dunkeln Augen, hohe Formen
Diese vollen Mondsgesichter
Mir so gar nicht hold seyn wollen!

Deiner Schönheit fänd' ich wahrlich
Gar nichts anders auszusetzen,
Als daß insgemein die Schönen
Nichts von Treu' und Liebe wissen.

Für den Umgang mit den Freunden,
Für die Gunst des Glückes dankbar,
Sey auch eingedenk der Fremden,
Die durch Heid' und Wüsten streifen.

Was ists Wunder wenn im Himmel,
Durch Hafisens Lied gewecket,
Zu dem Lautenspiele Suhre's 1
Der Messias Reigen tanzet? 2

1 Suhre oder Sohre auf arabisch, auf persisch Nahid (Anaitis) der weibliche Genius des Morgens- oder Abendsterns, ehemals ein tugendhaftes Weib auf Erden, welches die in menschlicher Gestalt die Erde durchpilgernden Engel Harut und Marut umsonst zu verführen sich bemühten. Diese wurden zur Strafe in einen Brunnen bei Babilon an den Füßen in Ketten aufgehangen, Suhre aber zur Belohnung ihrer Tugend unter die Sterne versetzet, wo sie als himmlische Venus auf der Laute die Melodien spielt, nach denen die Sphären tanzen.

2 Der Messias oder nach Sudi Hasreti Issa der Herr Jesus.


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